Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 08: Familientreffen

Aus AlberniaWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche



Auf dem Weg zum Madastein

Burg Bredenhag, Bredenhag
22. Travia 1042 BF

War es auf dem Hinweg noch Ruan gewesen, der sich von Anstandsbesuch zu Anstandsbesuch gehangelt hatte, konnte er sich auf ihrer gemeinsamen Rückreise beinahe ein wenig zurücklehnen. Gellis hatte von ihrem Vater einige Schreiben mitbekommen, und so kam es, dass das Paar nur wenig Zeit für sich fand. Beinahe jeden Abend speisten sie an einer anderen Tafel und plauderten mit anderen Winhaller Adligen.

So war es für Ruan trotz des bevorstehenden Gesprächs, das sicher nicht einfach werden würde, tatsächlich eine Art Heimkehr, als er schon von Weitem den schreitenden Löwen seines Hauses über dem Madastein im Wind flattern sah. Ab jetzt war es wieder an ihm, die Führung zu übernehmen.

Wie bei ihrer Ankunft in Ortis waren beide standesgemäß gerüstet, wobei Ruan nicht umhin kam zu bemerken, dass Gellis auf ihrem stolzen Streitross ihn hinsichtlich des Erscheinungsbildes mühelos übertrumpfte.

Als sie den Burgberg beinahe erreicht hatten, hielt Ruan sein Ross noch einmal an. “Bereit?” fragte er mit einem liebevollen Blick auf Gellis. Doch ehe diese antworten konnte, vernahmen die beiden Hufgetrappel, und kurz darauf preschte auch schon eine Handvoll Reiter heran. Die Männer und Frauen waren in leichtem Leder gerüstet und trugen wollene Gugeln und Umhänge in den Farben des Waldes. Jeder und jede von ihnen führte zusätzlich zur Hauptwaffe einen Speer sowie einen grünen Rundschild thorwalscher Art mit sich. Eine Frau mittleren Alters führte die Schar an. Als die Reiter mit einem kurzen Gruß an ihnen vorbeizogen, konnte Gellis zahlreiche Stickereien erkennen, die sich auch am Saum der grünen Untertuniken wiederfanden. Vor allem Eicheln und Eichenblätter schienen ein beliebtes Motiv.

Ruan wartete, bis die Reiter sich entfernt hatten, dann lächelte er. “Wenn das kein passender Empfang ist.”

Gellis grinste. Zum ersten Mal seit beinahe zwei Wochen hatte die Übelkeit sie nicht am Morgen übermannt. Sie war immernoch da, aber sie hinderte sie nicht, und Gellis sprühte geradezu vor Energie. Jetzt kam es darauf an, und sie war sich sicher, was sie wollte, nun, eher wen sie wollte.

"Bereit", nickte sie und ließ ihr Streitross im Paradetrab antraben. Das Packpferd folgte willig, und Ruan sah Gellis' triumphierendes Lächeln, als sie sich zu ihm umdrehte. Lachend schüttelte er den Kopf und folgte ihr dann.

Gemeinsam ritten sie den steilen Weg um den palisadenbewehrten Burgberg hinauf, bis sie den Felsgraben erreichten, über den die Zugbrücke zur Vorburg führte. Die Burgwachen grüßten die beiden Ritter freundlich, während sie durch das Madator ritten, hinter dem sich Stallungen, Wirtschaftsgebäude sowie Wohngebäude erstreckten.

“Willkommen auf Burg Bredenhag, Hohe Dame.” Ruan fragte sich, ob es Gellis ähnlich ergehen mochte wie ihm bei der Ankunft auf der Iauncyll. Es war nur ein Gemäuer, und doch war es ihm erschienen, als würde all die Fremdartigkeit der Winhaller Lande darin gipfeln. Bredenhag hingegen war ihm vertraut. Und Graf oder nicht, bei seinem Vetter wusste er wenigstens, was ihn erwartete.

Der Drausteiner ließ sich aus dem Sattel gleiten und nahm neben Gellis Aufstellung. “Darf ich?”, fragte er höflich und öffnete seine Arme, während bereits ein Pferdeknecht herankam, um ihnen die beiden Reittiere abzunehmen.

"Die Burg Eurer Familie, Eure Entscheidung", sagte sie lächelnd, schwang ein Bein über den Hals ihres Pferdes und ließ sich von Ruan auffangen. Dieser hielt zwar die Verbindung zwischen ihnen etwas länger als nötig gewesen wäre, doch nicht unschicklich lang. Mit einem entspannten Lächeln nahm der Stepahan sogleich wieder eine angemessene Haltung an und bot Gellis den Arm zum Geleit, den sie galant annahm. Kurz wies er auf ein mächtiges Tor, das zur Rechten an das Vorwerk anschloss. “Die Neue Halle”, meinte er, “aber ich denke nicht, dass wir unsere Unterredung dort führen werden. Es ist ja weniger eine Audienz, sondern vielmehr eine Familienangelegenheit.”

Für einen Moment erlaubte sich Ruan, mit der Hand über Gellis’ Rücken zu streichen. Dann wandte er sich der Hauptburg zu, von wo ihnen bereits eine Ritterin in den Farben des Hauses Stepahan entgegen eilte. Mochte die Ähnlichkeit der Geschwister Gellis beim Bankett auf dem Draustein trotz Haarfarbe und ähnlicher Statur noch verborgen geblieben sein, so taten Rüstung und Wappenrock nun ihr Übriges.

Ein strahlendes Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht Ruadas, und als sie die beiden erreicht hatte, zögerte sie nicht lang, sondern zog ihren verdutzten Bruder kurzerhand in eine Umarmung. Erst dann wandte sie sich Gellis zu. “Hohe Dame Ahawar. Rondra mit Euch. Und willkommen auf Burg Bredenhag. Schön, Euch bereits so rasch wiederzusehen.”

Gellis lächelte entspannt, während sie sich die Faust zum Rondragruß vor die Brust schlug. "Die Freude ist ganz meinerseits, habt Dank für das herzliche Willkommen."

“Ich habe mir bei Udhar von Nymphensee das Recht erbeten, Euch an seiner Statt willkommen zu heißen und Euch zu Euren Gemächern zu führen. Erst wollte er nicht so recht, aber schließlich...” Sie zuckte lächelnd mit den Schultern. Dann jedoch wurde ihr Blick ernst, und sie hob eine Augenbraue – eine Geste, die Gellis nur zu oft bei Ruan beobachtet hatte. “Was fällt dir eigentlich ein”, raunte Ruada ihren Bruder an, “mir kein Sterbenswörtchen davon zu verraten? Du kannst nur froh sein, dass du dir wenigstens noch den einen Brief abgerungen hast! Ihr müsst mir alles erzählen”, wandte sie sich dann deutlich freundlicher an Gellis. “Aber kommt erstmal. Ihr wollte Euch sicher frisch machen…”

Die Ritterin nickte nur, es lag ihr nicht, sich ständig zu bedanken. "Seid nicht so hart zu ihm", meinte sie lächelnd. "Man kann nicht verneinen, dass wir beide uns recht plötzlich gefunden haben." Die Angesprochene bedachte Ruan noch einmal mit einem kritischen Blick, lenkte dann aber ein. “Das kann man wohl sagen. Ich bin gespannt, was unser Vetter dazu zu sagen hat.”

Mit diesen Worten führte sie die beiden in die Hauptburg, wo sie ihnen zwei nebeneinander gelegene Kammern wies. “Sie haben eine Verbindungstür”, flüsterte sie Ruan zu, ehe sie sich wieder Gellis zuwandte: “Ich hoffe, es ist angemessen. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr auf der Iauncyll recht… prunkvoll residiert.” Offenbar schien sie keine Antwort zu erwarten, denn Ruada fuhr sogleich zu reden fort. “Es wird ein kleines Mahl für Euch bereitet. Genügt Euch ein Stundenglas?”

Gellis nickte nur höflich und sagte: "Ja, das sollte genügen."

“Dank dir”, Ruan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. “Holst du uns ab?” Tadelnd blickte Ruada ihn an. “Bin ich eine Magd oder eine Dienstritterin?” Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. “Ich erwarte Euch im Kaminzimmer.” Und mit diesen Worten nickte sie Gellis noch einmal kurz zu und wandte sich zum Gehen.

Ruan schüttelte immer noch grinsend den Kopf. “Zu mir oder zu dir?”, fragte er Gellis. Diese musste kurz auflachen - da ihr die gleichen Worte auf der Zunge gelegen hatten - was Ruada sicher nicht verborgen blieb. Aber sie sagte nichts, sondern zuckte nur mit den Schultern und öffnete die erste Tür der beiden zugewiesenen. Ruan tat es ihr mit der anderen Tür gleich, und beide betraten eine geräumige, wenn auch auf den ersten Blick eher schmucklose Kammer. Erst bei genauerer Betrachtung wurde deutlich, dass man hier mit durchaus kunstvollen Holzschnitzereien gearbeitet hatte. Die leicht getönten Glasscheiben gaben den Blick frei auf zwei der zahlreichen Wasserspeier, die sich hier allerorts am Mauerwerk befanden und in Form und Gestalt an düstere Wesen der Anderswelt gemahnten.

Ein kurzer Blick versicherte Ruan, dass soweit alles Notwendige, vom Wasch- und Schreibtisch bis zu Truhen und Rüstungsständer, vorhanden war. Allein das Himmelbett fehlte, wie er mit einem leisen Seufzer feststellen musste. Rasch schloss er die Tür, durchschritt den Raum und öffnete den Durchgang zu Gellis’ Kemenate. Im Türrahmen verharrte er und blickte sie mit einem schelmischen Lächeln an. “Willkommen in meiner Familie.”

"Danke", sagte sie und trat auf ihn zu. "Die Verbindungstür ist äußerst raffiniert."

“Im Kern sind wir uns vielleicht nicht gar so unähnlich”, lächelte er und nahm ihre Hand. “Und ziemlich sicher hat sie über die Zeit Mittel und Wege gefunden…” Der Satz blieb unvollendet. Kurz fragte sich Ruan, ob er seine Schwester vor Gellis auf Faolyn ansprechen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen legte er die Arme um seine Verlobte und gab ihr einen zärtlichen Kuss. “Aufgeregt?”, fragte er sie leise.

"Es geht. Nicht so schlimm wie bei meinem Vater, weil ich wenig Erwartungen habe. Aber lass uns nicht reden, jetzt können wir nichts mehr besser absprechen, und außerdem haben wir nicht so viel Zeit." Und damit küsste sie ihn leidenschaftlich. Für einen Moment schien Ruan überrumpelt, doch dann erwiderte er den Kuss nicht minder stürmisch. “Zu dir”, entschied er kurzerhand und außer Atem. Es dauerte einen Moment, bis sie sich ihrer Rüstungen entledigt hatten, und mehr als einmal entfuhr Ruan dabei ein unterdrücktes Fluchen. “Ich… brauche… dringend… einen Knappen”, keuchte er, als er endlich nur noch in Bruche vor Gellis stand. Mit einem Schulterzucken wischte er die Kettenschmiere an dem hellen Stoff ab, was einige unschöne Flecken verursachte. “Besser da als in deinem Gesicht”, grinste er und zog sie in eine innige Umarmung.

Familientreffen

Eine Kemenate auf Burg Bredenhag
Am Abend des 22. Travia 1042 BF

Ruans Miene war beinahe unbewegt, nur ein leises Zucken im Mundwinkel verriet seine Erheiterung. “Soso, solange es noch geht”, wiederholte er Gellis’ Worte, während er interessiert das Mieder betrachtete. „Du erwartest jetzt aber nicht, dass ich das schnüre, oder?“ Mit gespielter Verzweiflung hielt er ihr seine Handflächen entgegen.

"Ich könnte es auch allein, aber dann wäre es sicher nicht so herrschaftlich", grinste sie und drehte sich zu ihm um. Während er schnürte, bürstete sie ihr Haar und band es mit ein paar schnellen Handbewegungen nach oben. Sie schlang eine Schleife im gleichen Ton, wie die Bänder des Mieders, die lang den Rock des Kleides hinab hängen sollten, um den lockeren Dutt und flocht sich die Strähnen an den Schläfen. Doch im Gegenteil zu vielen anderen Damen, ließ sie sie nicht als Schläfenzöpfe hängen, sondern legte sie behände um den Dutt.

"Gut so?", fragte sie dann zufrieden lächelnd und drehte sich vor Ruan im Kreis.

“Für meine Schwester wird es reichen”, grinste dieser. “Soweit ich mich erinnere, habe ich sie selten mit etwas anderem als einem Zopf gesehen.” Ruan streckte einen Arm aus und fasste Gellis bei der Hüfte, um sie zu sich heranzuziehen. “Du bist wunderschön”, flüsterte er und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

Dann wurde er kurz ernst. “Falls es dir nicht aufgefallen ist... ob wir heute Abend nur sie oder auch bereits den Grafen treffen, hat uns Ruada trotz ihres Redeschwalls leider nicht verraten.”

"Ja, das ist mir aufgefallen, aber es gibt nur ganz wenige Gelegenheiten, zu denen ich bei Hofe kein Kleid trage und mich entsprechend frisiere", meinte sie. "Wenn ich im Dienst bin oder im Bett." Sie zwinkerte ihm zu. “Solange du beides voneinander trennst”, scherzte er. “Komm, lass uns gehen, sonst trifft gleich zweiteres zu”, meinte er und öffnete dann kurzerhand die Tür.

Gemessenen Schrittes führte er Gellis den Flur entlang, vorbei an weiteren Kammern, die den ihren zumindest äußerlich in Größe ähnelten, bis er vor einer deutlich prunkvolleren Tür zu halten kam. Er klopfte kurz, und als aus dem Inneren Ruadas Stimme erklang, öffnete er und geleitete Gellis hinein. Der Raum war gemütlich eingerichtet. Vor dem Kamin, in dem ein knisterndes Feuer brannte, standen drei Sessel. An einer langen Holztafel, die von zwei Bänken gesäumt wurde, hatte man einige Speisen aufgetragen. Gedeckt war für drei. Ruada, die bis gerade noch in einem der Sessel gesessen hatte, stand sogleich auf und kam auf die beiden Neuankömmlinge zu.

“Das seid ihr ja”, meinte sie fröhlich. “Wollte Ihr etwas essen? Oder steht Euch der Sinn zunächst nach einem kühlen Bier”, sie blickte Gellis an, “oder einem leichten Wein vor dem Kamin?”

"Gern etwas essen", meinte Gellis vorsichtig und sah Ruan an. "Das Essen am heutigen Reisetag war nicht allzu gut und auch wenig reichhaltig." Tatsächlich hatte Gellis heute bis auf drei Äpfel noch nichts gegessen und der Duft des Essens lag verführerisch im Raum. Der Stepahan lächelte. “Na dann, worauf warten wir?”

Als sie gerade Platz genommen hatten, Ruan an Gellis Seite, seine Schwester ihnen gegenüber, klopfte es erneut an der Tür, und es erschien ein Page. Er mochte an die elf oder zwölf Götterläufe zählen, doch sein wirrer Lockenkopf verlieh ihm ein deutlich jüngeres Aussehen. “Halman, sei so lieb”, Ruada lächelte dem Jungen freundlich zu, woraufhin dieser sogleich eine Karaffe von einem kleinen Tischchen nahm und sich der Tafel näherte. “Etwas Wein, Hohe Dame?”, wandte er sich an Gellis. "Sehr gern, Junger Herr", sagte diese höflich. Halman schenkte erst der Ritterin, dann auch den beiden Zwillingen ein. Anschließend griff er nach der Platte mit Gebratenem und bot Gellis auch davon an. Diese nickte und ließ sich auftun.

Als alle Teller gefüllt waren, blickte Ruada die Winhallerin fragend an. “Möchtet Ihr das Tischgebet sprechen?”

"Gern", sagte Gellis und begann, ohne lange nachzudenken:
"Du gibst uns, Travia,
durch Speis und Trank
Gesundheit, Kraft und Leben.
So nehmen wir mit Lob und Dank,
das, was du jetzt gegeben.
So sei es."

“So sei es”, erklang es von beiden Seiten der Tafel. “Greift zu”, lächelte Ruada und ging selbst mit bestem Beispiel voran.

Erst nach einer Weile, nachdem Gellis ihren ersten Hunger gestillt hatte, richtete die junge Stepahan wieder das Wort an sie. “Ich könnte jetzt höflich sein und Euch fragen, ob Ihr eine angenehme Anreise hattet, aber das habt ihr zum einen schon in Teilen beantwortet, und zum anderen wisst Ihr genau, dass ich darauf brenne, mehr über Euer Kennenlernen zu erfahren.” Neugierig musterte sie ihren Bruder, ehe ihr Blick wieder zu Gellis wanderte. “Also?”

Gellis musste ein wenig schmunzeln, als sie antwortete. "Nunja, Ihr wart dabei, als wir uns kennenlernen", sagte sie schlicht.

Ruada seufzte. “Ich sollte wirklich lernen, meine Fragen besser zu formulieren. Ja, natürlich. Ihr habt mir diese Frage damals… also vor gerade einmal zwei”, sie hob in gespieltem Erstaunen eine Augenbraue, “Götternamen bereits beantwortet. Aber, mit Verlaub, wie ging es weiter?”

Nun musste Gellis etwas nachdenken, bevor sie antwortete. Sie wusste wenig über Ruada, aber sie empfand sie als sympathisch, aber wie ehrlich sollte sie jetzt schon sein? "Wie es weiterging? Euer Bruder ist recht geschickt darin, Orte zu finden, die beeindrucken“, meinte Gellis bedeutungsschwer und sah zu Ruan hinüber, dessen Blick eine Mischung aus Überraschung und Erheiterung zeigte. “Orte?” Ruada blickte verwirrt von einem zum anderen. “Welche Orte?”

"Wir haben uns nach dem Bankett die Beine vertreten und Ruan hat mir beispielsweise den Rondra-Tempel gezeigt und die Klippe, die dahinter liegt", meinte Gellis mit einem leichten Lächeln. Sie nahm noch einen Schluck Wein und legte ihre Hand auf Ruans Oberschenkel.

Die Drausteinerin blickte Gellis entgeistert an. “Die Klippe…”, murmelte sie, und für einen Moment hatte die Winhallerin das Gefühl, als wäre Ruada noch blasser geworden als sie es ohnehin schon war. Es dauerte einen Moment, dann griff die Ritterin nach ihrem Becher und nahm einen großen Schluck Wein. “Verzeiht”, meinte sie dann und versuchte sich an einem Lächeln, “ja, das ist ein… beeindruckender Ort.” Unwillkürlich griff Ruada nach einem Amulett, das sie um den Hals trug und das die Form einer Eidechse hatte.

“Er hat Euch also beeindruckt.” Erst jetzt schien die Stepahan Gellis’ Hand zu bemerken. Sie musste kurz schmunzeln. “Aber doch sicher nicht nur damit?”

Gellis folgte Ruadas Blick und lachte kurz. "Nein, nicht nur damit", meinte sie. "Wir haben recht schnell gemerkt, dass uns viel gemeinsam ist und wir die Dinge ähnlich betrachten. Und, ganz offen, wozu warten, wenn man sich sicher ist? Nach dem Treffen der Besten gab es einige Briefwechsel und dann haben wir uns in Winhall wiedergesehen."

“Und dann hat auch noch Euer Vater seine Zustimmung gegeben? Das klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein.” Nun war es Ruan, der kurz auflachte. “Ja, meinte er. Nicht wahr?” Er warf Gellis einen vielsagenden Blick zu, den sie ebenso erwiderte."Ich war selbst überrascht, wie er reagierte."

“Wie hat er denn… oh, verzeiht”, Ruada räusperte sich, “es ist mir beinahe unangenehm, so in Euch zu dringen. Es ist nur, ich finde es so unglaublich spannend, dass mein kleiner Bruder”, sie ignorierte Ruans Augenrollen, “augenscheinlich noch vor mir den Traviabund eingehen wird. Und dann auch noch aus Liebe.” Ehrliche Freude sprach aus ihrem Blick. “Wie lief das Gespräch ab?”

"Ich hatte mit Vater schon einmal gesprochen und Ruans Kommen und unseren Wunsch angekündigt. Auch da war er schon etwas zugänglicher als sonst. Er ist ein klassischer Ritter des alten Schlags, und er hatte mit mir noch nie über einen möglichen Traviabund gesprochen. Er brachte sofort ein, dass er mich als Dienstritterin Burunian Fenwasians nach Havena empfehlen würde, da ich nach einem Bund an Ruans Seite gehörte. Als Ruan angekommen war, haben die beiden erst allein gesprochen, davon kann ich wenig berichten, außer, dass er da unserer Verbindung zustimme. Dies hat er uns beim Essen im Anschluss bestätigt und mir mitgeteilt, dass ich ab sofort in Havena diene. Es war unglaublich!"

„Ganz offensichtlich“, nickte Ruada und musterte Ruan nachdenklich. „Was hast du ihm nur dafür versprochen?“

„Pah, ist denn eine Verbindung mit unserem altehrwürdigen Haus nicht Lohn genug?“, fragte der Drausteiner mit gespielter Empörung in der Stimme. Dann jedoch wurde er ernst: „Ich habe einfach offen und ehrlich mein Anliegen vorgebracht. Wie Gellis sagt, er ist wirklich ein Ritter vom alten Schlag. Da schien mir dieses Vorgehen am erfolgsversprechendsten.“

„Faszinierend“, war alles, was die Ritterin hervorbrachte. „Mein Vetter hat mich vor Kurzem ebenfalls aufgefordert, einen standesgemäßen Gemahl zu finden. Mein Interesse ist demnach... vielschichtig“, erklärte sie sich Gellis. „Falls Ihr also den ein oder anderen Ratschlag für mich habt, wäre ich dafür sehr dankbar.“ Ein beinahe schüchternes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Gellis sah Ruada lächelnd an. "Seid ehrlich zu ihm", begann sie. "Es nützt niemandem, Versprechen zu geben, die man nicht halten kann, auch, wenn man es noch so sehr wollte, auch, wenn es schmerzt. Es weckt falsche Begehrlichkeiten und die können noch viel schmerzhafter sein, wenn sie nicht erfüllt werden können." Die Ritterin dachte an Ruans 'Komm mit mir' am Morgen nach ihrer wundervollen ersten Nacht. Unweigerlich wurde ihr Lächeln verträumt. Ruada entging das nicht, und kurz tauschte sie einen Blick mit ihrem Bruder, der in etwa so viel sagte wie ‚Warum nur hast du so viel Glück?‘

"Die Hohe Minne ist nicht alles, es sind die Taten, die Euch zeigen, wie er zu Euch steht, die Risiken, die er bereit ist, einzugehen, die Unterstützung, die er Euch anbietet." Einige Situationen zogen an Gellis ' innerem Auge vorbei, als sie erinnerte, wie stark Ruan an ihrer Seite stand. Ihre Hand drückte kurz seinen Oberschenkel."Und zeigt ihm das gleiche." Der Drausteiner legte zärtlich seine Hand auf die ihre.

"Tauscht euch aus, um einen gemeinsamen Weg zu finden, den ihr beide verfolgen könnt. Seid euch beide über das, was Euch wichtig ist, einig, wenn ihr mit denen sprecht, die über den Bund entscheiden." Sie dachte an ihre Gespräche zu Kindern, deren Namen und Erziehung. "Erarbeitet Dinge, die den jeweiligen Entscheidern in eurem Bund wichtig sein könnten und präsentiert eure Ergebnisse dazu im Gespräch. Das verschafft euch Vorteile." Nun grinste Ruan, und seine Schwester runzelte die Stirn.

"Und vergesst nie das Ziel", schloss Gellis. Nach so vielen kleinen Erinnerungen konnte die Winhallerin nicht umhin, Ruan verliebt in die Augen zu schauen. Der Drausteiner erwiderte ihren Blick und lächelte. Kurz beugte er sich zu ihr und gab ihr einen zärtlichen Kuss, ehe er Ruada ansah. Diese blickte versonnen zwischen beiden hin und her. „Danke“, meinte sie dann in Gellis‘ Richtung. „Darf ich noch etwas fragen? Alles, was Ihr sagt, ist hilfreich, wenn ich eine Entscheidung getroffen habe. Aber wie“, sie senkte den Blick, „wie erkennt man, dass man den Richtigen gefunden hat? Wie konntet Ihr Euch sicher sein?“

"Es gab einen Moment für uns", begann Gellis, ganz in der Geschichte um ihr Kennenlernen versunken, als sie realisierte, dass das auf der Klippe Geschehene im Detail zu beschreiben so gar nicht schicklich wäre. Aber ihr Lächeln wurde trotzdem verträumter. "Einen Moment, in dem wir beide unabhängig voneinander bemerkten, dass es anders war, dass unsere Gefühle anders waren als bei anderen zuvor", sie grinste Ruan leicht provozierend an, woraufhin dieser beinahe entschuldigend mit den Schultern zuckte. "Und von dem Augenblick an wurde Euer Bruder recht hartnäckig." Ruada machte große Augen. „Hartnäckig, soso.“ Sie grinste. „Ich glaube, ich habe eine Vorstellung davon…“

Mit einem Mal schien die Ritterin die Kette zu bemerken. „Rosenquarz?“, meinte sie überrascht und blickte von Gellis zu Ruan und wieder zurück, während sie ihrerseits an einem Band um ihren Hals zog und einen ganz ähnlichen Stein zum Vorschein brachte. Er war nicht so fein gearbeitet wie der Anhänger, den Gellis von Ruan bekommen hatte, doch es waren ohne Zweifel die gleichen Steine. Gellis blickte fragend erst zu Ruan, dann zu Ruada. Während Ruan nur ratlos mit den Schultern zuckte, lächelte Ruada verlegen. „Ein Geschenk meines Schwertvaters. Er hat mich mit 16…, also“, sie räusperte sich. „Als Weißer Löwe hatte… hat er sich der Minniglichkeit verschworen und er hat dafür gesorgt, dass mir die Lehren der Schönen Göttin auf angenehme Weise nahegebracht werden“, schloss sie. Rasch griff sie nach ihrem Becher, um ihre geröteten Wangen zu verstecken. Gellis lächelte. `Minniglichkeit, soso, dachte sie. "Ich glaube, es gibt nicht viele Schwertväter und - mütter, die diesen Teil zwölf Tugenden so… sorgfältig… vermitteln. Ich denke, Ihr könnt Euch glücklich schätzen dafür."

“Ja”, Ruadas Blick wurde traurig, “ich schätze schon.” Sie seufzte, dann blickte sie Gellis offen an. “Wer war Euer Schwertvater… oder Eure Schwertmutter?”

"Ich wurde in der Knappenschule am Winhaller Grafenhof ausgebildet", sagte Gellis. Sie erinnerte sich, welche Verwunderung sie bei Ruan ausgelöst hatte, als sie nicht so ausführlich erklärt hatte. "Dort gibt es keine feste Verbindung eines Knappen oder einer Knappin zu den Rittern und Ritterinnen. Die Ausbildung teilt sich zwischen den Rittern auf, je nachdem, was diese am Besten vermitteln können oder wollen. Bei Questen, Turnieren oder Feiern wird man dann einem Ritter oder einer Ritterin zugeteilt, das wechselt aber meist."

“Verstehe”, Ruada nickte. Der Graf hat im Prinzip auch drei Knappen, allerdings bildet er sie natürlich nicht alle selbst aus. Da kümmert sich der Herr Josold meist drum, neben seiner eigenen Knappin. Ihr kennt Siana ja bereits.” Sie grinste. “Die wird Augen machen, wenn sie hört, was sich aus dem Bankett ergeben hat. Oder weiß sie es schon?”

"Ihr glaubt gar nicht, wie gespannt ich auf ihre Reaktion bin", Gellis Mimik unterstrich ihre Aussage. “Darf ich dabei sein?”, fragte Ruada und zwinkerte der Winhallerin verschwörerisch zu. “Ich mag Siana, trotz ihrer oft ruppigen Art. Aber Faolyn darf ich damit nicht ankommen. Ich weiß nicht warum, aber die beiden hassen sich bis aufs Blut.” Bedauernd zuckte sie die Schultern. “Also, darf ich?”

Gellis bemerkte, wie Ruan bei Erwähnung des Namens Faolyn kurz zuckte, so als wolle er etwas einwerfen, doch er schwieg zunächst. Und so schwieg auch Gellis zu dem Thema.

"Ich weiß nicht, wie der Abend weiter geplant ist", Ruan merkte, dass jetzt wieder eine Bauchentscheidung Gellis' folgen würde, aber die einleitenden Worte relativierten diese gut, "aber vielleicht mögt Ihr uns ja zu ihr geleiten?", fragte sie Ruada. “Gern”, nickte die Ritterin. “Seine Hochwohlgeboren plant, Euch morgen nach dem Frühmahl zu empfangen. Der Abend ist also frei.” Kurz schien die Ritterin zu überlegen. “Vermutlich drückt sie sich bei den Heckenrosen herum. Aber das werden wir dann schon sehen.”

Ruan seufzte. Er konnte sich Besseres vorstellen als den Abend in der Wachstube der Burgwache zu verbringen. Doch er schluckte seinen Ärger hinunter. “Dann werden wir später dort unser Glück versuchen”, meinte er nur.

“Wann wollt Ihr denn den Bund schließen”, wechselte Ruada das Thema, “also wenn der Graf einwilligt.”

"Würdet Ihr sie aber von dort herausholen? Ich habe eine kleine Aufmerksamkeit für sie und denke, es ist schlecht, wenn es zu viele sehen", sagte Gellis und nahm sich so Zeit für die Überlegung, was sie auf die Bund-Frage antworten sollte. “Ja, das ist sicher möglich”, lächelte Ruada. Dann schien ihr eine Idee zu kommen. “Halman”, sie wandte sich an den Pagen, “sei doch so gut und geh die Junge Dame Falkraun suchen. Sag ihr, dass wir sie hier im Kaminzimmer erwarten.” Der Knabe zögerte sichtlich, gab sich aber größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. “Ja… jawohl, Hohe Dame”, entgegnete er höflich. Mit einer kurzen Verbeugung verabschiedete er sich und verließ den Raum.

“Also?” Erwartungsvoll wandte sich die Stepahan wieder Gellis und Ruan zu. "Wir denken an eine große Feier im Frühjahr nächsten Götterlauf", sagte Gellis und blickte dann zu Ruan. “Genau”, lächelte dieser, “und eine kleine bereits im nächsten Götternamen.” Gellis Blick lag noch immer auf Ruan, ebenso wie der Ruadas.

“Warum zwei…?” Sichtlich irritiert blickte sie die beiden an. “Habt ihr es so eilig?” Plötzlich schien die Ritterin zu verstehen. “Nicht Euer Ernst?” Unwillkürlich ging ihr Blick zu Gellis und wanderte dann zu ihrer Körpermitte. Gellis nickte still, aber mit einem glücklichen Lächeln und legte die Hand auf ihren Bauch, dorthin, wo Ruada blickte. Die Augen der Drausteinerin weiteten sich, und für einen Moment schien sie tatsächlich sprachlos. Dann strahlte sie die beiden an. “Das ist großartig”, rief sie aus und erhob sich vom Tisch. Rasch war sie bei Ruan und Gellis, wo sie etwas unschlüssig stehen blieb. Der Drausteiner warf seiner Verlobten einen fragenden Blick zu, dann erhob er sich langsam, ohne dabei Gellis’ Hand loszulassen. Diese erhob sich ebenfalls mit ihm und lächelte Ruada an, die zunächst ihren Bruder herzlich umarmte und dann zögernd auf Gellis zutrat. “Darf ich?”, fragte sie und breitete die Arme aus.

"Gern", lächelte sie und trat mit ebenfalls ausgebreiteten Armen auf Ruada zu, die die Ritterin mit festem Griff an sich zog. “Tsas und Peraines Segen für euch drei… oder vier?“ Sie grinste über Gellis‘ Schulter hinweg ihren Bruder an. „Zwillinge liegen in der Familie.“ "Habt Dank", sagte Gellis ehrlich erfreut und lächelte dann. "Wir werden es sehen."

Ruada entließ sie aus ihrer Umarmung und blickte die Winhallerin offen an. „Es tut mir wirklich leid, dass unser Gespräch beim Bankett seiner Zeit so… ins Stocken geraten ist. Ich hoffe, Ihr tragt mir das nicht nach. Und bitte nehmt das nicht persönlich.“

“Das gleiche könnte ich sagen, es gibt nichts nachzutragen”, meinte Gellis. “Bankette sind nicht mein liebster Zeitvertreib und Tischgespräche, nunja.” Sie verdrehte leicht die Augen. Ruada lächelte dankbar. „Wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat, kann man sie durchaus angenehm gestalten“, meinte sie dann. „Worüber redet Ihr denn gern? Dann werde ich beim nächsten Mal dafür sorgen, dass solch peinliches Schweigen möglichst ausbleibt.“ Gellis lächelte. “Pferde”, sagte sie entschlossen “oder über Euren Bruder”, ergänzte sie mit einem zwinkernden Seitenblick zu Ruan, der kurz überlegte zu protestieren, sich dann jedoch mit einem nachsichtigen Kopfschütteln begnügte.

Ruada dagegen lachte laut auf. „Nichts lieber als das. Was wollt Ihr wissen?“ Gespannt blickte sie Gellis an. Diese grinste verschmitzt. “Gab es einmal eine Situation, in der er euch aus einer unangenehmen Lage gerettet hat? Ich meine nicht in einem Kampf...”

„Eine interessante Frage…“, Ruada schien einen Moment zu überlegen. „Ich denke, im Grunde ist so etwas früher häufig vorgekommen. Wobei wir uns meist gegenseitig den Rücken gestärkt haben. Sei es, um ein Missgeschick zu vertuschen, eine Lüge zu decken… einfach um all die kleinen und großen Dinge möglichst unbeschadet zu überstehen, die Kindheit und Jugend so aufregend gestalten.“ Die Ritterin warf ihrem Bruder einen warmen Blick zu. „Gerade auf Windischhöh war es schön, jemanden an seiner Seite zu wissen, der… dem man bedingungslos vertrauen kann. Leider trennten sich unsere Wege just in dem Alter, wo es begann, sich um mehr zu drehen als um zu spätes Erscheinen, zerrissene Kleidung oder zerbrochenes Geschirr.“ Bedauern lag in ihrer Stimme, und sie strich Ruan kurz gedankenverloren über den Rücken. Dann wandte sie sich in Richtung Kamin. „Wollen wir uns dorthin setzen?“, lud sie die beiden ein und nahm selbst in einem der ledernen Sessel Platz.

Gellis nahm ihren Wein und setzte sich ebenfalls vor den Kamin. Sie war entspannt und zufrieden, verliebt blickte sie kurz zu Ruan, als Ruada weiter sprach.

„Aber sagt“, neugierig musterte sie die Winhallerin, „wie kommt Ihr gerade auf diese Frage? Hat sie etwas mit Euch beiden“, sie deutete mit der offenen Hand auf Gellis und Ruan, „zu tun? Oder mit Eurer Familie?“

"Die Frage hat keinen bestimmten Hintergrund, sie kam mir einfach so in den Kopf. Ich finde es einfach interessant, ob das Verhältnis zu Geschwistern mit so wenig Altersunterschied anders ist. Mein großer Bruder ist 3 Jahre älter als ich und meine kleine Halbschwester 5 Jahre jünger. Da hat man in der Kindheit und Jugend oft weniger, ich sage mal, Berührungspunkte", meinte sie und nahm einen Schluck Wein.

„Ist es“, lächelte Ruada glücklich, und auch Ruan nickte. „Ihr habt auch eine Halbschwester?“, fragte die Drausteinerin interessiert. Kurz schien sie zu überlegen. „Ebenfalls eine Tochter Rodowan Ahawars?“

"Nein, meine Mutter ist nach mir und Leomar einen Traviabund eingegangen, und so habe ich noch drei Halbgeschwister, eine Schwester und zwei Brüder. Leomar und ich sind bis zu unserer Knappenzeit in dieser Familie aufgewachsen", meinte Gellis ehrlich.

“Du wirst Aegwyn vielleicht bald schon kennenlernen”, ergänzte Ruan, “sie wird Gellis’ Vater begleiten, wenn er im nächsten Mond auf Burg Bredenhag Halt macht, um dann bei uns in Havena zu leben.” Kurz blitzte eine seltene Regung in Ruadas Gesicht auf: Neid. Dann aber lächelte sie. “Das freut mich für Euch”, sagte sie zu Gellis, und es klang ehrlich. “Es ist schön, Familie um sich zu haben.”

"Ja, das ist es", meinte Gellis. "Und selbst wenn man die eine hinter sich lässt, tut sich eine neue auf." Sie lächelte Ruan an und legte unbewusst auch die Hand auf ihren Bauch. Der Drausteiner erwiderte das Lächeln und rückte seinen Sessel näher an den seiner Verlobten. Sanft nahm er ihre Hand und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Ruada kam nicht umhin festzustellen, dass sie ihren Bruder selten, vielleicht sogar nie, so entspannt gesehen hatte. Gleichzeitig schien sich in ihr ein Entschluss zu festigen. Es konnte nicht so weitergehen wie bisher. Sie genoss nach wie vor die Nähe Faolyns, und doch spürte sie mehr und mehr, dass sich bald etwas ändern musste. Früher oder später würde sie sich für einen Gemahl entscheiden müssen. Und im Moment schien es ihr, als sollte das besser früher als später geschehen.

Eine Weile schwiegen die drei einträchtig. Ruada nippte an ihrem Wein. “Ihr sagtet, dass Ihr dem Bruder seiner Hochgeboren Kaigh Fenwasian dienen werdet”, richtete sie dann das Wort wieder an Gellis. “Seid Ihr eng mit dem Haus oder gar der Distel verbunden?”

"Nicht unmittelbar", meinte Gellis. "Ich habe beinahe mein ganzes Leben auf der Iauncyll gelebt und habe meine Ausbildung an der Knappenschule der Distel gemeinsam mit den Distelrittern erhalten. Ich war zwei Götterläufe Dienstritterin auf der Grafenburg. Mein Vater ist einer der engsten Berater des Grafen." Sie bemerkte selbst, wie sie wieder in einen etwas hochnästig-patzigen Tonfall fiel und änderte dies sogleich mit einem Lächeln und freundlichem Ton. "Unser beider Gespräch mit meinem Vater fand im Eichenkabinett statt, dort wo sonst der Graf seine Gäste empfängt."

Auch Ruada schien der Wandel nicht verborgen geblieben zu sein. Kritisch musterte sie Gellis bei ihren Worten. “Wohl auch nicht zwingend eines Eurer liebsten Themen”, folgerte sie dann mit ernster Stimme. “Verzeiht.” Sie bemühte sich um ein Lächeln.

"Ihr müsst nicht um Verzeihung bitten, wenn überhaupt bin ich das", meinte Gellis freundlich und atmete einige ruhige Atemzüge. "Verzeiht. Gab es einen konkreten Grund für Eure Frage?" Damit versuchte sie, zu zeigen, dass sie das Thema nicht wechseln wolle. Und tatsächlich entspannte sich die Miene Ruadas. “Nun, das Verhältnis der Häuser Stepahan und Fenwasian war in den letzten Götterläufen etwas…”, sie suchte nach den passenden Worten, “wechselhaft.” Forschend sah sie Ruan und Gellis an. “Ich persönlich hatte seit jeher wenig Berührungspunkte mit Winhall, mit Ausnahme von Finn Glenngarriff”, fügte sie grinsend hinzu, “und seiner Schwertmutter.” Sie verdrehte leicht die Augen. “Aber ich kann mir vorstellen, dass Euer Bund für den Grafen durchaus eine weitergehende Bedeutung haben könnte.” Sie nahm einen Schluck Wein. “Daher mein Interesse. Ich versuche einzuschätzen, wie er die Neuigkeiten aufnehmen wird. Aber vielleicht ist auch genau das der Punkt, der bei Euch Missstimmung erzeugt. Ich möchte auch nicht gern politischer Spielball sein”, fügte sie offen hinzu.

"Zur Politik der letzten zwei Götterläufe kann ich nichts sagen, genau diese Zeit fällt nicht unter beinahe mein ganzes Leben. Ich war nicht in Albernia." Gellis schien nun wieder in ihrem vernünftigen Gesprächston angekommen. "Wie der Graf vom Bredenhag das sieht, können wir Euch morgen berichten. Mein Vater sieht unsere Verbindung als ein wichtiges Signal der alten Bunde."

Ruada nickte. “Ja, ich habe auch einiges verpasst. Erst der Feldzug in den Osten, während dessen die Heckenfehde die Grafschaft erschütterte, und dann bereits kurz nach unserer Rückkehr meine Heckenzeit, die mich erneut von Bredenhag fort führte. Aber ich bin froh, dass ich den Grafen auf seinem wohl bislang wichtigsten Weg begleiten durfte.” Sie lächelte unsicher. “Eines der Themen, die man wohl eher meidet…?” Es klang wie eine Frage.

„Alles gut, erzählt gern", winkte Gellis ab. “Naja”, Ruada zuckte mit den Schultern, “dafür, dass mein Haus als nicht besonders feennah gilt, hab ich schon mehr als genug mit den Andersweltlichen zu tun gehabt.” Sie grinste schief. “Und nah oder nicht, auch mein Vetter musste sich von Farindel bestätigen lassen. Das… war nicht so einfach wie ich gedacht hätte. Zum einen haben wir uns wie aus dem Nichts plötzlich an einem anderen Ort wiedergefunden, und dann wurden wir auch gleich von düsteren Wesen angegriffen. Unser Vetter… wurde von einem von ihnen niedergestreckt. Und dann haben wir uns in diesem vermaledeiten Feenwald zurechtfinden müssen….” Sie trank rasch einen Schluck Wein. “Ich kann daher verstehen, dass Ihr nicht nur gute Erinnerungen an die Anderswelt knüpft”, meinte sie dann zu Gellis. “Aber verratet ihm nicht, dass ich Euch davon erzählt hab.” Kurz zeigte sich Sorge auf ihrem Gesicht.

"Warum sollte ich?", fragte Gellis ehrlich. "Ich stehe den Feen nicht allzu nah, auch wenn ich die Traditionen meines Hauses und die Nähe zum Haus Fenwasian pflege. Ich denke, das ist der Hauptgrund, weshalb ich nicht allzu gern darüber spreche."

Ruada runzelte die Stirn. “Ihr meint, weil man von Euch im Gegensatz zu uns”, sie blickte kurz zu ihrem Bruder, “erwartet, dass Ihr Euch damit auskennt und Euch auch gern darauf anspricht, weil man es für ein angemessenes Gesprächsthema hält?” Sie zwinkerte ihr kurz zu. Die Ritterin nickte bestätigend und hob sie Schultern. "Und weil sie Geschichten, die ich zu erzählen weiß - weil ich sie erlebt habe - nichts für einen Plausch während eines Banketts sind", sagte sie leise und blickte zu Ruan, der wissend nickte und ihre Hand drückte. “Ich komme mir gerade ganz mickrig vor”, meinte er mit einem Lächeln, “war doch alles, was ich bislang von der Anderswelt gesehen habe, eine Gruppe Biestinger, die ein paar Strauchdiebe verfolgte. Und das allein hat mir schon genügt.”

Verwirrt blickte Ruada ihren Bruder an, sagte aber nichts weiter. “Es war schon furchteinflößend”, nickte sie, “und was mich ganz besonders irritiert ist, dass man weder sicher sein kann, ob man Freund oder Feind gegenüber steht, noch was diese Wesen alles vermögen. Ganz abgesehen davon, dass man sich recht sicher sein kann, dass der Weg, den man gerade noch gelaufen ist, kurz darauf ins Nichts führen wird. Kurzum, ich brenne auch nicht gerade darauf, diesen Wesen so schnell wieder zu begegnen. Und doch kommen wir angesichts unserer Aufgaben manchmal nicht drum herum.”

Sie zuckte bedauernd mit den Schultern, dann schien ihr etwas einzufallen.” Werden…, werden Eure Kinder”, Ruan und Gellis fiel auf, dass sie in der Mehrzahl sprach, “einst der Fee dienen müssen?” Unsicher blickte sie zwischen den beiden hin und her.

"Sie denken anders als wir. Was wir als Freund oder Feind hier auf Dere erkennen und abgrenzen können, ist ihnen fremd", versuchte Gellis zu erklären. "Sie kämpfen ihre Kämpfe und wir…", sie stockte in ihrer Erklärung und schüttelte kurz den Kopf. Ihre Stimme war ruhig, nicht bissig. Ruan erkannte ihre ehrliche Stimmlage, wenn sie über die Feen sprach, Ruada mochte sie neu sein. „Wir interessieren sie dabei ungefähr so wenig wie uns ein Käfer, den unser Streitross in der Schlacht zertreten mag“, versuchte die Stepahan den Satz zu beenden.

Gellis nickte zustimmend und fuhr fort: "Aber um auf Eure Frage zurückzukommen. Wir haben einen Vorschlag, den mein Vater unterstützt. Unsere Kinder", auch Gellis nutzte die Mehrzahl, "werden ‚vom Draustein‘ und wir erziehen sie im Bewusstsein der Herkunft beider Elternhäuser. Sollten sie Nähe zu den Feen spüren - in Winhall sagt man: den Wald hören - dann gehen sie in Knappschaft nach Winhall."

„Man sagt, dass Feen Rothaarige mögen“, die Drausteinerin grinste, „kein Wunder, dass sie uns bevorzugt ihre Küsse schenken. Naja, wohl vor allem dir.“ Der Blick, den sie Ruan bei diesen Worten zuwarf, war herzlich und zeugte von tiefer Verbundenheit. Gellis fiel auf, dass Ruadas Gesicht tatsächlich im Vergleich zu ihrem Bruder kaum Feenküsschen aufwies.

Einen Moment schwieg die Stepahan und schaute ins Feuer. Es schien, als versuche sie, sich etwas ins Gedächtnis zu rufen. Gellis konnte nicht sicher sagen, ob es dem Feuerschein geschuldet war, doch Ruadas Augen, die für gewöhnlich zwei unterschiedliche Färbungen aufwiesen, wirkten auf die Winhallerin in diesem Moment beide tiefgrün.

Schließlich wandte sie sich an Gellis: „Wisst ihr, wie der Wald zu diesen… Auserwählten spricht? Sind es Bilder oder Worte?“

“Ich kann es Euch nicht sagen, ich höre den Wald nicht. Ich glaube aber, es ist eher ein Gefühl als spezifische Bilder und Worte, manchmal auch Visionen”, sagte Gellis. Ruada schluckte schwer. “Ich habe… hatte so etwas schon öfter”, eröffnete sie dann. “Das erste Mal nachdem ich auf dem Treffen der Besten bei einem Übungskampf schwer verwundet wurde. Erinnerst du dich?”, mit großen Augen sah sie Ruan an, “Rondred sagt, du hast damals zwei Tage und Nächte an meinem Bett gewacht.”

Der Drausteiner lächelte beinahe verschämt. “Ja, natürlich erinnere ich mich.” Und nicht nur daran. Er erinnerte sich auch an ihr Erwachen, an das Gespräch mit ihrem Halbbruder, daran, wie er ihnen von der Schreckensvision Rhonas und dem drohenden Untergang ihres Hauses berichtete, dem Grund, warum man sie nach Burg Windischhöh verbracht hatte. Er war dabei gewesen, ihnen Geheimnisse anzuvertrauen, die man lange vor ihnen versteckt gehalten hatte…, bis Arnbrecht Wellenstein sie gestört hatte. Gellis sah Ruada forschend an, sie sah aus, als wäre sie tief in Gedanken.

Ruada nahm einen Schluck Wein und blickte ins Feuer. “Es waren krächzende Stimmen. Nein, eine krächzende Stimme. Die andere war freundlich… Ich weiß bis heute nicht, was sie von mir wollten. Aber sie redeten von einer Bestimmung, die ich erfüllen sollte.” Hilflos blickte sie von Ruan zu Gellis. “Ich dachte, dass Ihr vielleicht etwas ähnliches schon einmal gehört habt und mir einen Hinweis geben könntet.” Sie zuckte mit den Schultern. “Aber vielleicht bin ich auch einfach nur verrückt geworden. In den Folgejahren geschah immer wieder Seltsames. Mal fand ich mich in einem fremden Körper in einer Feenwelt wieder, ein andern Mal drangen Stimmen an mein Ohr, die nur ich vernehmen konnte. Damals hat mich Morgan sogar fort schleifen müssen, damit ich nicht das Leben aller aufs Spiel setze.” Sie versuchte sich an einem Lächeln. “Und ich wandle manchmal im Schlaf und erinnere mich nicht daran.” Gellis’ Blick änderte sich kaum, so analytisch und ruhig hatte Ruan sie noch nie erlebt. “Ist es immer, wenn Ihr verletzt seid?”

Ruada schüttelte den Kopf. “Nein”, meinte sie leise. “Aber es waren stets eher aufwühlende Situationen. Warum? Kennt Ihr ähnliche… ähnliche Fälle?” Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit.

“In Schmerz, Schlaf und Aufgewühltheit sind die Mauern des Verstandes durchlässiger für das Bemühen der Feen, Einfluss auf die Menschen zu haben”, sagte Gellis nickend. Auch, wenn sie selbst diese Momente nicht erlebt hatte, war sie genug Erzählungen gefolgt, um darüber zu berichten. “Wenn man für diese Signale nicht schon offen ist.”

Die Stepahan seufzte. “Ich muss wohl damit leben”, meinte sie dann, “und vielleicht offenbart sich ja zu einem fernen Zeitpunkt einmal ein tieferer Sinn dahinter. Ich wünsche Euren Kindern in jedem Fall, dass sie von so etwas verschont bleiben.” Sie nahm noch einen Schluck Wein und fügte dann grinsend hinzu: “Und falls nicht, schickt sie einfach zu ihrer verrückten Tante.”

Gellis musste grinsen und war froh, dass sie sich mit Ruada doch so gut verstand. “Soll ich meinem Vater eine Nachricht hinterlassen, ob er mit Euch einmal darüber sprechen könne, wenn er in einem Mond herkommt? Ich weiß nicht, ob er dies tun würde und wie weit er sich öffnet”, sagte sie dann entschuldigend. “Aber vielleicht kann es Euch helfen, es etwas besser zu kontrollieren.”

Ruada schien kurz abzuwägen. “Ich kenne Euren Vater nicht”, sie zog die Stirn kraus, “ich weiß nicht, ob ich mir nicht lächerlich vorkäme, ihm so etwas anzuvertrauen… aber wenn Ihr meint, dass er helfen könnte....”

“Wisst Ihr was?”, meinte Gellis dann. “Ich gebe Euch ein solches Schreiben und wenn Ihr ihn kennenlernt und ein gutes Gefühl habt, könnt Ihr es ihm überreichen. Er hört die Stimme, er könnte sicher helfen.”

Zögernd nickte die Ritterin. “Habt Dank”, sie lächelte.

“Aber wehe du plauderst zu viele Familieninterna aus”, meldete sich nun Ruan zu Wort. “Nicht dass du das mühsam errichtete Konstrukt mit einem unbedachten Satz wieder zunichte machst.” Sein Ton war scherzhaft, doch es wurde deutlich, dass es ihm durchaus ernst war. “Gellis’ Vater mag geradeheraus und ehrenhaft sein, aber er ist nicht zuletzt auch ein enger Vertrauter der Distel. Denk daran.”

“Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, unser Bruder spräche aus dir”, neckte Ruada ihn. “Habt Ihr Rondred eigentlich schon persönlich kennenlernen dürfen?”, wandte sie sich dann wieder an Gellis. “Es klingt fast so, als wäre er Eurem Vater nicht unähnlich. Ein Ritter im Herzen, aber gleichzeitig auch ein Politiker…”

Gellis zog nachdenklich ein wenig die Stirn kraus. “Ich schätze Euren Bruder als weitaus größeren Politiker als meinen Vater ein. Vater bleibt immer sehr konsequent Ritter. Euer Bruder und ich, wir werden uns in Havena kennenlernen.”

“Dann werdet Ihr auch zwangsläufig unserer Schwester begegnen”, meinte Ruada. “Wir haben nicht viel gemein. Sie ist sieben oder acht Götterläufe älter als wir und ich habe bis heute das Gefühl, dass sie es nicht verwunden hat, dass unsere Mutter ihre kleine Familie damals mit zwei Bastarden bereichert hat. Aber keine Sorge, Euch wird sie das schon nicht zur Last legen.”

Ruan räusperte sich. “Das ist nicht nett, Ruada. Lass Gellis sich doch ein eigenes Bild machen.” Zärtlich drückte er die Hand der Winhallerin, und fuhr zu ihr gewandt fort: “Jaslina ist ganz und gar Hofdame. Sie hat kein Interesse an Kämpfen oder Schlachten. Selbst Pferde interessieren sie kaum, es sei denn es geht darum, in hoher Gesellschaft auszureiten und brisante Gespräche zu führen. Aber auch das ist wichtig, um unser Haus zu erhalten und zu stärken, was meine Schwester jedoch mitunter vergisst.” Gellis kam nicht umhin zu bemerken, dass Ruan ein Stück weit gekränkt klang. Sie sah Ruan in die Augen und meinte: “Ich werde mir trotzdem ein eigenes Bild machen, keine Sorge.” Dann sah sie zu grinsend Ruada. “Kennenlernen ist immer eine Entwicklung. Nicht wahr?”

Diese grinste ebenfalls. “Ja, durchaus. Man sollte immer offen bleiben und keine allzu schnellen Schlüsse ziehen. Jeder hat eine Geschichte. Und die persönlichen Beweggründe einer Person erkennt man selten auf den ersten Blick.” Sie zwinkerte und trank einen Schluck Wein. Dann lächelte sie Gellis und Ruan warm an. “Ich freue mich wirklich für euch.” Gellis wurde leicht rot und freute sich ehrlich. So war Ruada die erste außerhalb ihrer eigenen Familie, die dies sagte. “Danke!”, meinte sich schlicht und streichelte über Ruans Hand. Der Drausteiner lächelte erst sie, dann seine Schwester glücklich an. “Ja, danke. Für alles”, fügte er an. Dann griff er nach seinem Weinbecher und prostete den beiden zu. “Auf die Familie.” Gellis tat es ihm nach, und aus ihrem “Auf die Familie“ klangen Freude und Aufrichtigkeit. “Auf die Familie”, wiederholte Ruada, “auf dass sie schnell wachsen möge.”

Am Kamin

Eine Kemenate auf Burg Bredenhag
Am Abend des 22. Travia 1042 BF

Josold von Firunsgrund hatte es sich nicht nehmen lassen, Siana zu begleiten, nachdem er erfahren hatte, wer nach ihr verlangte. Halman führte den Waffenmeister und seine Knappin raschen Schrittes die Gänge entlang. Es war offensichtlich, dass er die ihm übertragene Aufgabe möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Schließlich hielt er vor einer schweren Holztür. Der Junge wartete kurz, bis die beiden aufgeschlossen hatten, dann klopfte er.

Auf Ruadas Aufforderung hin öffnete sich die Tür und der Page betrat die Kemenate. “Der Hohe Herr Josold von Firunsgrund und die Junge Dame Siana Falkraun”, verkündete und blickte unsicher von Ruada zu Gellis, ehe er einen Schritt zur Seite trat und somit den Blick auf die Neuankömmlinge freigab.

Der Waffenmeister und Leibritter der Grafengemahlin, der an der Seite seines Schützlings den Raum betrat, schien noch im Dienst zu sein oder war noch nicht dazu gekommen, sich nach getanem Tagewerk der Rüstung, über der er einen Wappenrock trug, zu entledigen. Entgegen seiner sonst freundlichen Art trug er eine eher verhaltene Miene zur Schau, als er die Anwesenden musterte.

Auch Siana war misstrauisch. Das Gesinde hatte einiges an Gerüchten getratscht, was seinen Weg bis zu den Heckenrosen gefunden hatte. Besonders gab Siana zu denken, dass Ruan und Gellis gemeinsam angereist sein sollten: ‘Was immer das auch bedeuten mochte’, überlegte die Schildmaid, wandte sich aber aufmerksam den Anwesenden im Raum zu.

Im Innern der Kammer war es warm, und der Geruch von Gebratenem mischte sich mit dem rauchigen Duft von schwelendem Holz. Die Tafel war inzwischen verwaist, da es sich die Dienstritterin und die beiden Gäste bereits vor dem Kamin gemütlich gemacht hatten. Ruada Stepahan trug ebenso wie ihr Bruder Ruan eine rote Tunika über lederner Hose, doch es war unverkennbar, dass das Gewand des Drausteiners aus ungleich edlerem Stoff gefertigt war. Die Winhallerin bildete in ihrem grünen Kleid mit kunstvoll geschnürtem Mieder einen gewissen Gegensatz zu den Stepahan. Ihr Haar war, wie auch beim Bankett geflochten, jedoch nicht allzu kunstvoll. Aber war sie schon zum Bankett ungleich bezaubernder als in Rüstung hoch zu Ross, strahlte sie heute Abend eine Schönheit und Anmut aus, wie nie zuvor. Wie selbstverständlich saß sie bei den Zwillingen.

Alle drei hatten ihre Weinbecher erhoben, und es wirkte ganz so, als habe Halman mit seinem Klopfen ein vertrauliches Gespräch unterbrochen. Doch die Irritation währte nicht lang. Lächelnd erhob sich Ruada, und mit leichter Verzögerung folgte auch ihr Bruder ihrem Beispiel, wie auch die Ahawar. Dabei zog Ruan kurz fragend eine Augenbraue in die Höhe, sagte jedoch nichts weiter. Im Mundwinkel der Ahawar zeigte sich ein feines Lächeln, und sie nickte den Ankommenden kurz zu.

“Hab Dank, Halman”, richtete Ruada das Wort an den Pagen, der sich mit einem knappen Nicken abwandte und sich eifrig daran machte, die Platten und Teller abzutragen. Die Drausteinerin wandte sich derweil an den Waffenmeister: “Die Zwölfe zum Gruße und einen guten Abend, Herr Josold. Siana”, nickte sie der Knappin freundlich zu. “Wie schön, dass Ihr es beide einrichten konntet. Bitte, tretet ein”, mit einer einladenden Handbewegung deutete sie zum Kamin. Kurz ging ihr Blick zu dem jungen Riordan, dann zuckte sie mit den Schultern, um kurzerhand selbst zwei Lehnstühle näher ans Feuer heran zu rücken. Ohne viel Federlesen half die junge Falkraun der Ritterin, während ihr Schwertvater zur Begrüßung anhob.

“Den Zwölfen zum Gruß. Die Freude ist auf meiner Seite,” antwortete der Firunsgrunder mit knappen Nicken und folgte der Aufforderung der Bredenhager Dienstritterin. Ohne viel Federlesen ließ er sich auf einen der Lehnstühle nieder und sein Blick wanderte von einem zum anderen Gast, bevor er das Gespräch begann “Ihr hattet eine angenehme Anreise?”

“Den Zwölfen zum Gruß, Rondra voran”, antwortete die Winhallerin ihm, noch im Stehen, setzte sich dann aber, als Josold sich setzte. Sie schien weniger arrogant als noch beim Treffen der Besten, wenn auch noch immer sehr von sich selbst überzeugt, sie lehnte sich im Sessel zurück, als sie weitersprach. “Ja, habt Dank der Nachfrage, Hoher Herr. Ich dachte, ich hätte schon viel gesehen, ist es ja erst einige Götternamen seit dem Buhurt, aber mit einem kundigen Führer an der Seite,” sie lächelte zu Ruan Stepahan hinüber, “erlebt man den Weg ganz anders.”

“Nun”, der Drausteiner erwiderte das Lächeln, “das gilt umso mehr für Winhall. Wo man hier als unkundiger Reisender höchstens eine längere Wegstrecke in Kauf nehmen muss, mag eine falsche Entscheidung in den Landen der Distel durchaus größeren Einfluss auf das eigene Schicksal haben. Es ist eine ständige Prüfung”, fügte er mit einem Schmunzeln in Richtung der Winhallerin hinzu.

Josold bemühte sich um ein Lächeln, konnte aber ein leichtes Heben der Augenbrauen nicht verbergen ob der zum Ausdruck gebrachten gegenseitigen Hochachtung, die die beiden an den Tag legten. “Sehr schön“, ließ er sich vernehmen, ohne darauf einzugehen, auf was er dies bezog. Auffordernd blickte er nun zu Ruada, die ja der Grund für ihr Erscheinen war.

Siana war unschlüssig hinter ihren Schwertvater getreten, da sie die Begrüßung Josolds nicht hatte unterbrechen wollen und nicht wusste, wer noch erwartet wurde. Außerdem ging ihr bereits jetzt das ganze göttergefällige Begrüßen gehörig auf die Nerven. Sie wollte nicht die gleichen Worte wiederholen, aber auch nicht über die Maßen unfreundlich erscheinen – immerhin war ja eine der letzten Begegnungen mit Gellis durchaus unerquicklich für die Beteiligten ausgegangen. Deshalb hatte sie den Anwesenden vorerst nur zugenickt, während Gellis sprach.

Einladend zeigte Ruada mit der offenen Rechten auf den freien Lehnstuhl. “Siana, du darfst dich gern setzen…, wenn dein Schwertvater es erlaubt?” Fragend blickte sie Josold an, welcher seiner Schildmaid wohlwollend zunickte und mit einer knappen Handbewegung auf den Stuhl wies.

Siana kam der Einladung rasch nach, obwohl noch immer Unverständnis ihre Züge beherrschte.

“Halman”, wandte sich die Stepahan sodann an den Pagen. Dieser war offensichtlich gerade auf dem Weg zur Tür, hielt nun aber inne und blickte die Ritterin an. “Bitte schenk unseren Gästen noch etwas Wein ein, ehe du dich um das Geschirr kümmerst.” Der Angesprochene beeilte sich, die Teller abzustellen und füllte zwei Krüge mit dem leichten Roten, die er dem Waffenmeister und seiner Knappin reichte.

Ruada warf einen kurzen Blick zu Gellis und Ruan, dann lächelte sie dem Firunsgrunder freundlich zu. “Ihr fragt Euch sicher, warum ich nach Eurer Knappin habe schicken lassen.” Sie machte eine Pause und nahm einen Schluck Wein. “Tatsächlich bin ich damit nur einer Bitte der Hohen Dame Ahawar gefolgt. Ich bin sicher, sie wird Euch alsbald über ihre Beweggründe aufklären. Nicht wahr?”

Die Mundwinkel der Drausteinerin zuckten leicht, als sie ihren Blick nun auf Gellis richtete, die bestätigend nickte. Rasch trank sie erneut von ihrem Wein. Auch ihr Bruder schien sich nicht bemüßigt zu fühlen, das Wort zu erheben. Entspannt lehnte er sich zurück, während er mit einem feinen Lächeln die Ritterin an seiner Seite betrachtete.

Äußerlich war, bei dieser Ankündigung, dem Weidener Ritter kaum eine Anspannung anzumerken, doch dem geübten Auge blieb nicht verborgen, wie sich seine Muskeln spannten und er das Gewicht auf dem Stuhl verlagerte, um sich in Position zu bringen, jederzeit bereit, der Ahawar Gebührendes entgegen zu setzen.

“Ich hatte nicht erwartet, dass Ihr Eure Knappin begleitet, Hoher Herr. Daher möchte ich erst einige Worte an Euch richten, bevor ich zu einem anderen Anliegen komme. Leider haben wir uns beim Treffen der Besten nicht mehr sprechen können”, leitete die Winhallerin ein und verharrte einen Moment in Gedanken, bevor sie weitersprach, während Josold sich in seiner Vermutung bestätigt sah, dass sie versucht hatte, Siana ohne sein Wissen zu sprechen, was er überhaupt nicht schätzte.

“Ich habe Siana während des Banketts besser kennenlernen können und konnte so verstehen, wie es zu diesem Vorfall während des Buhurt kam. Es war eine Reaktion, eine überstürzte zwar und auch eine unangebrachte, aber sie kam aufgrund meiner Aktion. Das ist mir klar geworden, und ich bitte Euch daher darum, dass wir diese Geschehnisse zum Treffen der Besten hinter uns allen lassen können und für die Zukunft einen besseren Weg des Umgangs miteinander finden.” Die Dienstritterin des Grafen zu Winhall hielt Josold den Arm zum Kriegergruß entgegen.

Der kleine, breitschultrige Mann wirkte verblüfft, als er die Worte der Ritterin vernahm. Sollte das nun eine Entschuldigung sein? Nur langsam sickerte die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass sie es nicht auf eine Konfrontation anlegte und ihr augenscheinlich daran gelegen war einen Schlussstrich unter die Sache zu setzen.

"Ich danke Euch für Eure offenen Worte", begann er nach kurzem Zögern, "und bin froh, dass Ihr zu dieser Einschätzung gekommen seid."

Sein Blick wanderte kurz zu seiner Knappin, bevor er weiter sprach. "Auch mir ist an einem guten Umgang mit Euch gelegen", sagte er, den Arm von Gellis ergreifend, "und ich stimme Euch zu, den Vorfall ein für alle Mal für erledigt zu betrachten.” Sein Griff war fest und der entschlossene Blick, mit dem er ihr in die Augen sah, glich einem Versprechen.

Gellis hielt seinen Blick, und aus ihren Augen sprach offene Ehrlichkeit. Ihr Nicken bestätigte dies. Sie griff beherzt zu. Selbst durch die Rüstung konnte Josold spüren, dass sie wollte, dass er bemerkte, dass es ihr ernst war.

Da Josold nun mit im Raum war, hielt die Ritterin sich an die Etikette, und als sich ihre Arme voneinander getrennt hatten, fragte sie höflich: “Darf ich einige Worte an Eure Schildmaid richten?”

Deutlich freundlicher als zuvor war ein, “Sicher”, die Antwort.

Siana konnte noch nicht recht glauben, dass tatsächlich noch Zeichen und Wunder geschahen - und dennoch: Sie hatte ungläubig die Augenbrauen zusammengezogen, dass sich eine Falte auf ihrer Stirn aufwarf und mochte nicht recht glauben, was hier gerade geschehen war. Ihr Misstrauen wurde befördert durch das feine Lächeln Ruans, und ihr blieb auch nicht verborgen, dass die beiden Geschwister scheinbar neugierig abwartend das Geschehen beäugten. Die Schildmaid blickte Gellis direkt an und fühlte sich aufgrund des grünen Kleides und Gellis’ Erscheinung an ihr beider Zusammentreffen im Zelt der Ahawar auf dem Lanzenhain erinnert.

Doch im Gegensatz zu diesem Zusammentreffen hatte sich Gellis’ Auftreten jetzt geändert, sie hatte ihren herrischen Gesichtsausdruck aus dem Rondra verloren. Das Lächeln vom Treffen der Besten war einem leichten Grinsen gewichen, als die Winhallerin die Knappin ansah. “Es gibt allerdings etwas, was in diesem Zusammenhang geschah, das ich nie vergessen werde, Siana.” Während sie sprach, begann sie an ihrer Gürteltasche zu hantieren, die sie mit ihrem Ritterdolch am Gürtel trug.

Siana war durch ihre eigenen Gedanken, besonders aber das Ringen gegen ihr eigenes Misstrauen angesichts von Gellis’ Freundlichkeit, abgelenkt gewesen und fragte etwas verwirrt nochmals nach, da ihr der Bezug in den Worten der Ritterin verloren gegangen war: “Welcher Zusammenhang, Hohe Dame?”

"Eure Aufwartung beim Bankett hat eine Entwicklung herbeigeführt, die wohl keiner der Beteiligten so vorhergesehen hat", jetzt grinste sie tatsächlich breit und hielt Siana ein Fläschchen mit einer kupferfarbenen Flüssigkeit entgegen, die sie aus ihrer Gürteltasche geholt hatte. "Der Anornin aus meiner Heimat für Euch als Dank, Siana", sagte sie ehrlich und hielt ihr die mit rotem Wachs verkorkte Flasche entgegen.

"Der Hohe Herr Stepahan", sie sah kurz zu Ruan, der ihr einen zärtlichen Blick zuwarf, dann wieder zurück zu Siana, "und ich streben den Traviabund an. Und es war mir ein Bedürfnis, dass Ihr es als erste außerhalb der Familien erfahrt. Denn ich bin Euch tatsächlich aus tiefstem Herzen dankbar, dass Ihr ermöglicht habt, dass wir uns kennenlernten."

Der Schildmaid war die Verblüffung deutlich anzusehen, allerdings fing sie sich sofort wieder und entgegnete: “Gerne nehme ich Euren Dank an, Frau Gellis...”, und griff zur Bestätigung sacht nach der kostbaren Flasche.

“Da der Herr aber Eure erste Wahl war, halte ich meine Taten für gering.” Siana wog das Fläschchen in der Hand und fügte dann hinzu: “Ich wünsche Euch beiden alles Glück auf Dere...” Der Satz blieb merkwürdig unabgeschlossen, da sie nur in Gedanken noch einige Worte hinzu fügte: ‘...ihr werdet es wahrscheinlich brauchen.

Sianas Blick schweifte von Gellis zu Ruan, bevor sie abschließend nickte und sich wieder zurücklehnte.

Der Stepahan war dem Austausch ohne erkennbare Regung gefolgt, und es wirkte beinahe so, als gehe ihn das Gespräch nichts an. Als seine Augen jedoch Sianas trafen, blitzte für einen kurzen Moment Misstrauen darin auf. Ruan erinnerte sich gut an den Abend des Banketts, und auch wenn die Knappin ihre Missbilligung gegenwärtig deutlich besser zu verstecken wusste, würde er sich hüten, mehr Worte als nötig mit ihr zu wechseln. Im Stillen schickte er ein Stoßgebet zu Phex, dass sie an diesem Abend von Gellis’ Bauchentscheidungen verschont bleiben würden, ehe er behutsam deren Hand ergriff. "Danke", sagte Gellis schlicht und zog sich an der Hand Ruans näher an ihn heran.

“Nun denn”, ließ sich Josold von Firunsgrund vernehmen und hob seinen Kelch. “Frau Gellis, Herr Ruan. Ich trinke auf Euer gemeinsames Wohl. Möge Eure Verbindung von Glück verwöhnt sein.” Mit diesen Worten nahm er einen zurückhaltenden Schluck, während auch Siana nach dem Becher griff, um Josolds Beispiel zu folgen. “Dem schließe ich mich an”, lächelte Ruada und prostete ihrem Bruder und seiner Verlobten ebenfalls zu.

Gellis griff zu ihrem Becher und hielt auch ihn erhoben, sie lächelte ihren Verlobten glücklich an. Ruan erwiderte ihr Lächeln zwar, doch war es offensichtlich, dass ihn etwas beschäftigte. Eher halbherzig griff er nach seinem Becher.

“Ich erinnere ungern daran, doch noch hat unser Vetter”, dabei schaute er kurz zu Ruada, “uns noch nicht seinen Segen für diese Verbindung gegeben.” Seine Stimme war ruhig, doch sein Blick wanderte kritisch von Josold zu Siana.

“Und auch wenn er um mein…, unser Anliegen weiß, würde ich es sehr schätzen, wenn Ihr zunächst die einzigen außerhalb der Familie bliebet, die von unserem Vorhaben Kenntnis haben.” Er hob kurz seinen Becher an und nippte dann an seinem Wein. “Es liegt mir fern, Gellis’ Vertrauen in Euch mit meinen Worten in Zweifel zu ziehen. Es war mir nur ein Anliegen, noch einmal deutlich zu machen, wo wir gerade stehen”, schloss er sodann. Sein Blick ruhte abwartend auf Josold.

Der Weidener Ritter erwiderte den Blick Ruans abschätzig, als wolle er ergründen wie dessen wahre Gefühle für die Frau waren, dass er ein Bekanntwerden derart vermeiden wollte. Im Grunde ging es ihn aber nicht wirklich etwas an und so antwortete er schlicht: “Mein Wort darauf.”

“Habt Dank”, lächelte Ruan, “wenn morgen alles gut verläuft, werdet Ihr die ersten sein, die es erfahren. Und dann kann es von mir aus ganz Bredenhag wissen. Ich möchte nur vermeiden, dass mein Vetter das Gefühl bekommt, er hätte dabei kein Wörtchen mehr mitzureden.” Nun grinste der Stepahan und warf Gellis einen vielsagenden Blick zu.

“So unterstellt ihr mir also, dem Tratsch zugetan zu sein?”, kam die todernste Erwiderung des Bredenhager Waffenmeisters. Lange konnte er diesen Blick allerdings nicht aufrechterhalten und seine Gesichtszüge entglitten zu einem breiten Grinsen, in das seine Knappin ebenfalls einfiel.

“Das würde ich nie wagen”, erwiderte der Drausteiner in gespielter Empörung. “Und das gilt natürlich ebenso für Eure Knappin”, fügte er mit einem Seitenblick auf Siana an, die beiläufig mit den Schultern zuckte.

“Ich halte Euch für einen aufrechten Mann. Und ich bin mir sicher, Ihr seid ein fähiger Lehrmeister.” Siana hatte kurz den Mund geöffnet, doch mehr als einen merkwürdigen Laut brachte sie nicht hervor, als sie den Mund vernehmlich wieder schloss.

“Wenn ich recht überlege, habt Ihr viel Ähnlichkeit mit Gellis’ Vater. Meinst du nicht auch?”, wandte er sich lächelnd an die Winhallerin an seiner Seite.

Gellis erwiderte Ruans Lächeln und sah dann Josold leicht taxierend an. “Ja, das mag wohl sein.”

Der Weidener konnte dem angestellten Vergleich indes kein Lächeln abgewinnen. Zwar kannte er den Mann nicht und konnte dessen Fähigkeiten in besagten Dingen nicht beurteilen, auch war dessen Ruf nicht der schlechteste, doch müsste Gellis Vater im Greisenalter sein, wenn Josold sich nicht irrte und selbst wähnte er sich noch in den besten Jahren. "Habt Dank für die freundlichen Worte, doch vergebt mir wenn ich nicht mit allem übereinstimme."

“Inwiefern?” Der Stepahan verzog keine Miene. “Nicht aufrecht? Oder kein fähiger Lehrmeister?”

"Beides überlasse ich anderen, es zu beurteilen" erwiderte der Firunsgrunder ebenso ungerührt, während sich seine Knappin vernehmlich räusperte.

"Wo wird Euch, nach dem Gespräch mit dem Grafen, eure weitere Reise hinführen, Frau Gellis?", wechselte er das Thema.

“Ich werde meinen Dienst an der Familie Fenwasian in Havena fortsetzen und Burunian Fenwasian als Dienstritterin zur Seite stehen. Daher wird unser Weg”, sie sah Ruan an und drückte seine Hand, die sie noch immer hielt, “uns nach Havena führen.”

“Das passt doch sehr gut und gewährt euch viel gemeinsame Zeit”, empfand Josold die Zukunftsplanung der beiden.

“Aber Feenquell liegt doch vor den Toren der Fürstenstadt, oder?”, überlegte Siana laut. Das Glück von anderen zu feiern, mit denen sie keine Freundschaft verband, begann sie vor dem Hintergrund des letzten verbalen Schlagabtauschs zunehmend anzustrengen, und sie nahm einen großen Schluck Wein.

“Sehr spitzfindig”, nickte Ruan und deutete ein Lächeln an, das jedoch nicht seine Augen erreichte. Sianas Augen blitzten angesichts der Unverschämtheit dieser Feststellung, besonders wenn man bedachte, dass er selbst zuvor noch Josold provoziert hatte. Sie spürte Ärger in sich aufsteigen und versuchte diesen tunlichst zu unterdrücken.

“Auch diese Angelegenheit werden wir abschließend mit meiner Familie klären”, ergänzte Ruan dann nüchtern. “Wir werden eine Möglichkeit finden.”

“Siana, wie Herr Ruan bereits erklärte, legt er großen Wert auf das Wohlwollen des Grafen. Von daher spielen andere, als romantische Überlegungen eine Rolle,” erklärte Josold seiner Knappin die Situation.

“Welche sollten das sein?”, fragte Siana vorschnell und biss sich gleichzeitig auf die Zunge: ‘Es war schon wieder passiert’, und dabei hatte sie sich doch nach den Ereignissen auf dem Treffen der Besten vorgenommen, weniger vorlaut zu sein. Doch nun war es heraus, und der scheinbar naive Einwurf ihres Schwertvaters war daran auch nicht ganz unschuldig. Zumal sie die Erklärung Josolds nicht recht deuten konnte: Hatte er damit den arroganten Stepahan unterstützen oder sie mit der nüchternen Belehrung beruhigen wollen? Oder – und das wäre am schlimmsten – war das ein Hinweis um seinen Hader mit dem eigenen Schicksal, nachdem seine Minne um Irmintrudt von Bienenhain recht ergebnislos geblieben war?

Sie war abgeschweift und blickte nun offen Ruan an. Dieser schien schon zu einer Erklärung anheben zu wollen, zögerte dann jedoch und warf Gellis einen auffordernden Blick zu. Immerhin war sie es gewesen, die die Knappin hatte herbitten lassen.

Gellis lächelte knapp. All diese Gespräche hatte sie nicht herbeiführen wollen. Aber sie war selbst Schuld, wenn sie Dinge nicht zu Ende dachte. "Es gilt noch vieles zu klären. Und genau das meinte ich, als ich sagte, wir streben den Bund an. Mögen wir uns zugetan sein", sie lächelte wieder zu Ruan, bevor sie ernst wurde und Haltung annahm, "liegt die Ausgestaltung unseres zukünftigen gemeinsamen Lebens als Mitglieder zweiter alter Adelshäuser nicht allein in unseren Händen."

Nun erkannten die Anwesenden Gellis wieder, wie sie auf dem Treffen der Besten gewesen war. "Ehen im Adel werden immer mit Politik geschlossen, Siana. Das ist die große Herausforderung, der man sich bei ernsten Absichten gegenüber sieht. Von Romantik ist man weit entfernt. Deswegen, an diesem Abend, bevor wir die Romantik verlassen und in die Politik einsteigen, mein Dank an Euch als Wegbereiterin."

Siana lächelte Gellis nun breit an. Die Winhallerin hatte mit ihren ehrlichen Worten zuletzt ihre Vermutung bestätigt, dass es in erster Linie sehr wohl um große Gefühle ging und nicht so sehr um Politik. Außerdem versuchte die Ritterin, nichts zu verschleiern – was Siana ihr hoch anrechnete: “Bewahrt Euch die Schönheit und das Leuchten!”

Gellis nickte schlicht, lächelte aber und drückte Ruans Hand, der sich ihr ebenfalls lächelnd zuwandte. "Das habe ich vor."

Der Stepahan blickte seine Verlobte nach wie vor erwartungsvoll an. Als diese sich jedoch zunächst in Schweigen hüllte und eine mögliche Reaktion Sianas abwartete, wurde dem Ritter schmerzlich bewusst, dass sie keineswegs vorhatte, das Gespräch weiter zu lenken. Ruans Lächeln erstarrte, und seine Mundwinkel begannen leicht zu zucken. Er hätte Gellis’ Vorschlag, Siana herrufen zu lassen, unterbinden und stattdessen darauf bestehen sollen, dass Gellis ihrerseits die Knappin aufsuchte. So hätte sie sich im Zweifel problemlos zurückziehen können. Nun aber waren sie in der Pflicht, und es war an ihnen, das Thema der Unterhaltung zu bestimmen..., zumal der Drausteiner wenig Lust hatte, ihre weiteren Pläne vor der Knappin und ihrem Schwertvater auszubreiten.

"Ich hoffe, der Anornin sagt Euch auch zu? Als Geschenk aus meiner Heimat lag es für mich nur nahe", meinte sie dann, als sie Ruans auffordernden Blick auf sich spürte.

Siana war Ruans Blick nicht unbemerkt geblieben und sah kurz zu Josold und Ruada, die nervös ihren Weinbecher in den Händen drehte, ehe sie sich wieder Gellis zuwandte: “Ich habe bislang noch keinen Anornin getrunken, da sich nicht die Gelegenheit ergab und ich mir nicht leisten kann, habt Dank, Frau Gellis”, meinte die Schildmaid recht defensiv und hob zur Bestätigung nochmals hastig das verkorkte Fläschchen in die Höhe.

Gellis nickte. "Dann genießt es langsam und in Ruhe. Im Gegensatz zu Bier und Wein bleibt es lange genießbar, auch wenn man die Flasche schon geöffnet hat."

Siana nickte, während Ruada spürte, wie ihr die eher unterkühlte Stimmung langsam ans Gemüt ging. Da sie nur zu gut wusste, dass auch Josold von Firunsgrund belangloses Geplauder nicht sonderlich schätzte, suchte sie vorsichtig den Blick des Weidener Ritters, den sie minder interessiert auf einen Punkt, an der Wand hinter ihnen, gerichtet fand, der kurz oberhalb ihrer aller Köpfe lag. Josolds Bedarf, sich an der weiteren Unterhaltung beteiligen zu wollen, hatte sich wohl mit seinem, nun schon geraume Zeit zurückliegenden Beitrag, erschöpft. Die Drausteinerin seufzte leise und schaute zu ihrem Bruder. Dieser hatte gerade angesetzt, um einen Schluck aus seinem Weinbecher zu nehmen. Als er ihren Blick bemerkte, hob er kurz vielsagend eine Augenbraue. Ruada lächelte und betrachtete nachdenklich die Winhallerin an seiner Seite und entschied sich, als sie bemerkte, dass es Gellis ähnlich, wie Josold ging, dem Leibritter Farnhilds eine Brücke zu bauen. “Seid Ihr eigentlich noch im Dienst, Herr Josold?”, fragte sie, während sie seine Erscheinung musterte. “Ich hoffe, wir haben Euch nicht von einer wichtigen Aufgabe abgehalten?” Sie bedachte den Weidener mit einem offenen Lächeln.

Wie aufs Stichwort erhob sich Siana dankbar. Erwartungsvoll blickte die Schildmaid Josold an.

“Im Dienst? Wann bin ich das nicht. Bredenhag ist kein Ort für Müßiggang. Aber ihr habt Recht, die Pflicht ruft. Ich wünsche noch einen angenehmen Abend.”

Mit diesen Worten erhob er sich mit einem Nicken zu den verbleibenden Dreien. Etwas überrumpelt von der plötzlichen Reaktion beider erhob sich nun auch Ruada, gefolgt von ihrem Bruder und dessen Verlobter. “Einen angenehmen Abend”, wiederholte die Drausteinerin und Ruan ergänzte: “Es hat mich gefreut, Euch wiederzusehen.” Die Knappin bedachte er mit einem knappen Nicken. "Euch ebenso", antwortete auch Gellis.

Im Hinausgehen hörte man den Weidener noch zu seinem Schützling raunen. “Ich habe sehr wohl gemerkt, dass Herr Ruan dich nicht zur Verschwiegenheit aufgefordert hat. Mein Wort gilt auch für dich. Denk daran, wenn du dich wieder bei den Heckenrosen herumtreibst.”

Wieder allein

Eine Kemenate auf Burg Bredenhag
Direkt im Anschluss

Als sich die Tür hinter den Besuchern geschlossen hatte, ließ Gellis sich in ihren Sessel sinken und seufzte. “Ich hätte besser zu ihr gehen sollen”, sagte sie und nahm dann einen großen Schluck Wein. So entging ihr zum Glück nicht nur Ruans zustimmendes Kopfnicken, sondern auch dessen kritischer Seitenblick. Die hochgezogenen Augenbrauen und die zusammengepressten Lippen zeugten nicht gerade von Zufriedenheit, wie Ruada nicht umhin kam festzustellen.

Noch immer deutlich angespannt setzte sich der Stepahan ebenfalls wieder, während Gellis fortfuhr: “Andererseits hätte es dann nicht die Annäherung an Herrn von Firunsgrund gegeben und die war wichtig. Ich wollte das eigentlich noch auf dem Treffen der Besten tun.” Dann sah sie grinsend zu Ruan, der noch immer leicht verstimmt wirkte. “Aber irgendjemand hat mir dort den Verstand geraubt.”

“Was für eine schamlose Person das gewesen sein muss”, der Stepahan schüttelte in gespielter Empörung den Kopf, und erstmals schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht. “Dabei weiß doch jeder, dass Turniere einzig und allein dazu ausgerichtet werden, um politische Verbindungen zu festigen. Und Verstand ist da leider unabdingbar.” Er griff nach seinem Weinbecher und nahm einen Schluck. Dann blickte er Gellis ernst an. “Umso besser, dass du deinen Fehler selbst einsiehst”, meinte er dann. “Vielleicht kein schlechter Probelauf für Havena.”

Gellis nickte. “Nicht nur dafür”, antwortete sie, in ihrer Stimme schwang Unmut. Wahrscheinlich über sich selbst. Sie nahm noch einen Schluck Wein und schien in Gedanken. “Nun, mein Vetter wird nicht von dir erwarten, dass du mit ihm plauderst”, riet Ruan mehr als dass er wusste, worauf sie anspielte. Die Winhallerin lächelte kurz und sah zu Ruan. “Ich war zu überrascht, dass sie nicht allein kam. Plaudern liegt mir scheinbar wahrlich nicht. Ich hoffe, noch nicht.”

“Ich gebe zu, Siana ist auch nicht gerade die beste Person, um es zu üben.” Der Drausteiner lächelte und griff nach Gellis’ Hand. “Und der Herr von Firunsgrund ganz offensichtlich auch nicht.” Fragend blickte er zu seiner Schwester.

Die hatte sich bislang eher bedeckt gehalten, nun aber räusperte sie sich und setzte sich auf. “Das war in der Tat eher… unangenehm”, meinte sie dann. “Es erinnerte mich teils stark an unsere erste Begegnung.” Sie schenkte Gellis ein aufmunterndes Lächeln. “Vielleicht habt Ihr dem Ganzen in der Tat zu viel Bedeutung verliehen, als Ihr Siana hierher eingeladen habt. Ein kurzer Besuch und ein flüchtiger Plausch wären wohl die bessere Wahl gewesen.”

“Ja, aber vielleicht wäre ich mit dem angespannten Verhältnis vor unserem heutigen Treffen dem Herrn von Firunsgrund auch vor den Bug gefahren – wie man in Havena sagt –, wenn ich seine Knappin ohne sein Wissen aufgesucht hätte”, sie seufzte. “Ich habe darin einfach zu wenig Übung, aber ich hoffe auf einen guten Lehrmeister.” Sie sah zu Ruan und drückte seine Hand. Der wirkte überaus dankbar. “Einsicht ist der erste Weg zur Besserung”, zwinkerte er. “Und ja, ich…, wir beide”, er blickte zu Ruada, “hätten selbst darauf kommen können, dass der Schwertvater immer erster Ansprechpartner sein sollte. Aber die gute Siana”, seine Tonlage machte sehr deutlich, was er wirklich von der Knappin hielt, “lässt einen mitunter vergessen, dass sie noch nicht ganz so selbstständig ist wie sie es offensichtlich gern wäre.” “Ja, sie verhält sich schon sehr häufig so, als hätte sie ihren Ritterschlag schon erhalten”, lächelte Gellis eher amüsiert, denn aufgebracht. “Aber genug dazu”, meinte sie dann entschlossen. “Wir hatten auf die Familie angestoßen, als wir gestört wurden. Lasst uns das noch einmal ohne Unterbrechung wiederholen. Auf die Familie.“ Sie hob den Becher. Ruada folgte ihrem Beispiel, während Ruan sichtlich zögerte. Nachdenklich drehte er seinen Becher zwischen den Fingern. “Nur eins noch”, er suchte Gellis’ Blick, “ich verstehe, dass du das Thema ruhen lassen möchtest. Und von mir aus können wir dies auch für heute tun...“ “Ruan,”, entschuldigend blickte sie zu Ruada, dann wieder zu ihrem Verlobten und fuhr sanft, aber bestimmt fort, “das ist etwas, dass ich mit dir besprechen möchte.”

Kurz schien es so, als habe der Drausteiner schlicht vergessen, dass seine Schwester ebenfalls im Raum war. Ertappt blickte er erst Ruada, dann Gellis an. “Entschuldige”, meinte er dann peinlich berührt, und es schien, als würde er leicht erröten. “Auf die Familie.” Zögernd hob er seinen Becher, um mit den beiden anzustoßen.

So erhoben alle drei ihre Becher, prosteten sich zu und tranken. Als Gellis ihren Becher absetzte, lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück, ihre eine Hand noch immer in der Ruans, sah Ruada an und fragte: “Wie ist der Alltag hier auf Burg Bredenhag? Wahrscheinlich ähnelt sich dies auf jeder Grafenburg, aber ich bin neugierig, ob es tatsächlich so ist. Wie präsent ist der Graf hier, wenn er am Hofe weilt?”

“Sicherlich weniger präsent als er es noch auf Draustein war”, lächelte Ruada und warf ihrem Bruder einen aufmunternden Blick zu. Dieser schien jedoch bereits wieder versöhnt. Entspannt hatte er sich in seinem Sessel zurückgelehnt und streichelte gedankenverloren mit dem Daumen über Gellis’ Handrücken, während er dem weiteren Bericht seiner Schwester lauschte. “Insofern, ja, ich denke, es verhält sich sehr ähnlich wie in Winhall”, schloss diese gerade ihre Rede und wandte sich dann erneut an Gellis. “Habt Ihr auf den Turnieren in Bredenhag und Draustein noch andere Bekanntschaften geschlossen?” Sie grinste. “Also, oberflächliche meine ich.” Gellis schien zu einer anderen Antwort angesetzt zu haben, als Ruadas Nachfrage sie zum Lachen brachte. “Eher weniger. Beim Buhurt habe ich gemerkt, dass es doch etwas Umstellung erforderte, wenn man lange Zeit nur zu zweit unterwegs war und plötzlich wieder viele Menschen und viele Verpflichtungen daheim in Albernia findet. Sicherlich wechselt man einige Worte mit den Kampfpartnern auf dem Feld, aber ich hielt mich eher mit den Ritterinnen und Rittern aus Winhall auf, auch um Neuigkeiten aus der Heimat zu erfahren. Und auf dem Draustein war es ähnlich. Zum Glück hat Sianas Dienst aufgrund des Vorfalls beim Buhurt mich immerhin zum Abschlussbankett gezwungen.”

“Das war kein Glück, das war Schicksal”, warf Ruan grinsend ein. “Und das aus deinem Mund”, antwortete Gellis ebenso grinsend, während Ruada mit einem Mal nachdenklich wirkte. “Vielleicht einfach glückliches Schicksal”, meinte sie mehr zu sich selbst.

“Gibt es unter den Winhaller Rittern jemanden, der Euch näher steht?”, nahm sie dann das Thema wieder auf. “Ihr wart mit dem Herrn Iain Fenwasian auf dem Draustein, wenn ich mich recht erinnere.”

“Ja, Iain ist ein Zögling meines Vaters, wir kennen uns, da wir gemeinsam ausgebildet wurden. Aber…”, Gellis machte eine Pause und überlegte, “...ich stehe dem Distelrittertum nicht so nah, wie man vermuten möchte. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft, zu der man keinen Zugang bekommt, wenn man nicht dazugehört.” Wieder überlegte sie kurz, aber im Gegensatz zu den vorangegangenen persönlichen Fragen Ruadas blieb Gellis ruhig, entspannt und freundlich. “Oder nicht dazugehören möchte”, ergänzte sie. “Ich war immer eher jemand, mit dem man gerne die Schwerter kreuzte und einen trinken ging, nicht mehr. Es ist nicht einfach als Bastard”, wieder verstummte sie und dachte nach. Ruan spürte, dass ihre Hand an Anspannung zunahm, doch ihre Stimme blieb ruhig, “wenn sogar der eigene Vater dies als Makel ansieht.”

“Oh”, meinte Ruada nur, und in ihrer Stimme schwang eine Mischung aus Überraschung und Mitgefühl. Dann schien sie kurz nachzudenken. “Ich verstehe, was Ihr meint. Wobei… schwer ist es wohl nur für die, die sich hohe Ziele setzen. Weniger Ambitionierte würden ihren Status vermutlich sogar begrüßen und ihn gern und häufig als Ausrede nutzen, meint Ihr nicht?” Sie nahm einen Schluck von ihrem Wein und blickte Gellis offen an.

“Weniger Ambitionierte sicher”, meinte Gellis lächelnd. “Ich glaube, es wäre anders gewesen, hätte ich nicht mein bisheriges Leben lang auf der Iauncyll gelebt. Ich wollte etwas anderes, und das ist sicher schwer für alle die zu verstehen, die mit ihren Aufgaben und ihrem Leben zufrieden sind. Aber ich war nun einmal nicht zufrieden, ich fühlte mich nicht zugehörig und wollte mehr als immer dort zu bleiben.”

“Entschuldigt, wenn ich so offen frage”, Ruada musterte die Ritterin neugierig, “aber glaubt Ihr, dass es Euch anders ergangen wäre, wäret Ihr in einem Traviabund geboren und in vollem Bewusstsein eures Standes aufgewachsen? Wäre Euch die Iauncyll dann genug gewesen?” “Nein”, sagte Gellis mit fester Stimme und ohne zu zögern.

“Interessant”, meinte Ruada und musterte sie mit einem Lächeln. “Ich selbst bin dem Winhaller Adel nur hier und da begegnet, aber ich teile durchaus den Eindruck, dass es sich um eine… verschworene Gemeinschaft handelt. Nicht nur die Distelritter, auch andere…”, kurz dachte sie an ihre Zusammentreffen mit der Vögtin von Neuwiallsburg und musste unwillkürlich grinsen, “... sie sind unnahbarer. Allerdings habe ich mich auch ein ums andere Mal gefragt, ob wir wohl auf Außenstehende ähnlich wirken…?”

“Nun, ich glaube, es ist etwas anderes, ob man ein Teil dieser Gemeinschaft sein könnte, sich ihr aber nicht zugehörig fühlt oder ob man ganz Außenstehender ist. Jede Gemeinschaft, sei es nun eine Hausmacht, ein Orden oder gar eine Kirche wirkt sicher auf Außenstehende zu einem bestimmten Grad… befremdlich.” Gellis hatte sich wieder entspannt und geriet beinahe in so etwas, wie eine Plauderlaune. “Ich denke, es geht um die Geheimnisse und Bräuche egal welcher Gemeinschaft, die auf Außenstehende befremdlich oder nicht nachvollziehbar wirken, die das ausmachen.”

“Ja, da ist viel Wahres dran”, entgegnete Ruada, der die Wandlung in Gellis’ Körperhaltung nicht gänzlich verborgen geblieben war. Entsprechend beließ sie das Gespräch auf der, so hoffte sie, unverfänglichen Ebene. “Und ich bin mir sicher, genau das ist auch der eigentliche Zweck vieler solcher Bräuche. Es soll die Mitglieder eines Bundes schließlich mit Stolz erfüllen, zu den Auserwählten zu gehören. Seht Euch nur die Weißen Löwen an. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie jemals Sollstärke hatten. Verzeiht, das klingt arg nach einer einfachen Ritterlanze oder einer Soldateneinheit. Was ich sagen will: Solange ich denken kann, waren nie alle zwölf Tugenden gleichzeitig durch eine Reckin oder einen Recken verkörpert. Aber ich schweife ab”, sie nahm einen Schluck Wein und blickte Gellis neugierig an. “Wie viel ist Euch überhaupt über den Schwertbund der Weißen Löwen bekannt? Und wie nehmt Ihr ihn wahr?”

Gellis musste unweigerlich grinsen und trank ebenfalls einen Schluck, bevor sie antwortete. "Ich glaube, ich kann sagen, dass Ihr mir beinahe alles erzählt habt, was ich über die Weißen Löwen weiß. Mehr als dass sie die Hausmacht der Stepahan sind und eine verschworene Gemeinschaft, aber auch, dass man sich einen Platz dort verdienen muss, wusste ich nicht."

Ruada nickte und trank in Ruhe ebenfalls von ihrem Wein. Entspannt lehnte sie sich zurück. “Die Hausmacht des Hauses Stepahan…, ja, auch. In den Bund der Weißen Löwen werden nur wirklich verdiente Streiter aufgenommen. Oft sind es Steinvasallen. Insofern stimmt Eure Aussage, denn deren Güter bilden neben Burg Draustein die wichtigste Verteidigung der Drausteiner Lande, und die ihnen unterstellten Lanzen sind für gewöhnlich auch stärker als die der regierenden Ritter.” Für einen Moment huschte ein Schatten über ihr Gesicht. “Seit Mendena sind noch mehr Plätze verwaist.”

"Wo sind sie das nicht?", fragte Gellis und deutete mit der freien Hand ein Boronsrad an, um dann mitfühlend fortzufahren. "Und es wird sicher noch einige Zeit dauern, bis die Lücken wieder gefüllt sind. Aber sie werden sich füllen, mit Streiten, die es sich verdienen werden."

Die Stepahan nickte nachdenklich. Dann schlich sich ein beinahe verträumtes Lächeln auf ihr Gesicht. “Es ist für mich kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn einem so viel Ehre zuteil wird. Ich meine”, sie lachte, “ich kann mir mitunter ja kaum vorstellen, wie es ist, eine Knappin oder einen Knappen anzunehmen, geschweige denn eine Lanze zu befehligen. Und doch hat mein Vetter mir den Ritterschlag gewährt.” Ein tiefer Seufzer entrann ihrer Kehle. “Aber vermutlich fühlt man sich nie wirklich bereit.”

"Ich hatte vor drei Jahren eine Lanze unter mir. Für ein paar Monde", meinte Gellis. "Hätte man mich gefragt, hätte ich abgelehnt, weil ich mich so kurz nach meinem Ritterschlag nicht bereit fühlte. Aber der Befehl hat mich wachsen lassen."

Interessiert betrachtete Ruada die andere Ritterin, während sie Halman ein Zeichen gab, ihnen dreien Wein nachzuschenken. „Gab“, die Drausteinerin räusperte sich, „gab es Situationen, in denen ihr eine Entscheidung treffen musstet, zu der Ihr Euch eigentlich nicht in der Lage fühltet?“

Gellis überlegte lange, bevor sie antwortete, ließ sich nachschenken und trank einen Schluck. "Nein, nicht direkt. Ich empfand es aber als sehr schwer, zu vermitteln, immer Herr der Lage zu sein und nie die Führung zu verlieren. Denn da gab es durchaus Situationen, in denen mir die Kraft schwand zu führen."

“Wie habt Ihr sie dennoch aufgebracht?”, fragte die Stepahan leise.

"Hätte ich versagt, hätte ich sie wahrscheinlich alle in den Tod geschickt. Oder in den Wahnsinn", auch Gellis' Stimme war leiser geworden, gewann aber bei den nächsten Worten wieder an Festigkeit. "Das Wissen darum hat mir Kraft gegeben und der Glaube an die Leuin. Der Vergleich mag übertrieben klingen, aber er hat mir Kraft gegeben: Thalionmel hatte sicher auch Angst und Zweifel, aber hat sie sie gezeigt, als die Orks auf sie stürmten?"

“Nein”, Ruada lächelte schwach, “ebenso wenig wie unsere Muhme auf den Mauern von Mendena.” Kurz wirkte es, als schaute sie durch Gellis hindurch, doch rasch fand sie wieder ins Hier und Jetzt. “Vorbilder sind sicher eine große Hilfe”, meinte sie dann. “Aber Entscheidungen nehmen sie einem nicht ab.” Erneut schien es Gellis, als würden Ruadas Augen kurz die Farbe wechseln.

"Nein", nun war es Gellis, die schwach lächelte, "aber sie helfen, egal wie gut überlegt oder bezweifelt die Entscheidungen an sich waren, an diesen festzuhalten und bis zum Ende stark zu sein. Es ist etwas anderes, ob man eine Entscheidung für sich fällen muss oder für jene, die einem anvertraut wurden." Unbewusst stellte Gellis den Becher ab und legte ihre Hand auf ihr Kleid. Dort, wo die Narbe war, die das Wesen des Roten verursacht hatte. Mit einem wissenden Lächeln drückte Ruan zärtlich ihre Hand. Ruada hingegen entging die Geste, denn noch während die Winhallerin sprach, hatte die Drausteinerin ihren Blick in Richtung des Kaminfeuers gelenkt. Als sie sich nach einiger Zeit wieder umwandte, waren Wangen und Augen gerötet. “Und manchmal gibt es keine richtige Entscheidung”, ergänzte sie leise.

"Ich scheue mich davor, Entscheidungen als richtig oder falsch zu bezeichnen", meinte Gellis ähnlich leise. "Gut oder schlecht, egoistisch oder für viele, alle, keinen, Entscheidungen sind zu vielfältig, um nur richtig oder nur falsch zu sein." Sie atmete durch. "Genau darauf wäre die Antwort auf Eure Frage bezüglich der Feen hinausgelaufen, Ruada, wenn ich sie wahrheitsgemäß beantwortet hätte beim Bankett. Es ist kein Thema für eine große, fröhliche Gesellschaft."

„Nein, wahrlich nicht“, lächelte Ruada und blickte die Winhallerin eine Weile schweigend an. Insgeheim dankte sie den Göttern dafür, dass niemand sie bislang bei Tisch auf ihren Schwertvater angesprochen hatte – sonst ein durchaus dankbares Gesprächsthema. Wobei ihr Zusammentreffen mit Faolyns Schwester auch nicht gerade als Glanzstück der kultivierten Unterhaltung zu bezeichnen war. „Es stehen bei Weitem zu viele Fettnäpfchen herum“, entschied sie dann resolut und nahm einen großen Schluck Wein. Inzwischen spürte die Drausteinerin deutlich, wie ihre Wangen glühten, doch sie fühlte sich leicht, und trotz der teils ernsten Gedanken genoss sie die Gesellschaft. „Es ist zu schade, dass Ihr nicht hier in Bredenhag leben werdet“, stellte sie sachlich fest, doch in ihrem Blick lag ein Hauch von Wehmut.

"Nun, es wird doch sicherlich einige Gelegenheiten geben, uns zu sehen", meinte Gellis ermutigend. Sie war froh, dass sie und Ruada sich nun besser verstanden. "Aber Ihr solltet wirklich mit jemandem über die Feen sprechen, der Euch mehr erzählen kann als ich. Nicht nur die Visionen, Eure Augen zeugen von Verbundenheit", schloss sie dann ernst.

“Meine Augen?” Ruada wirkte sichtlich irritiert. “Inwiefern?”

Gellis überlegte, wie sie es am besten ausdrücken sollte. "Es gibt Dörfler in Winhall, die Kinder mit zwei verschiedenfarbenen Augen als feeisches Wechselbalg bezeichnen", meinte sie dann vorsichtig. “Das wundert mich nicht”, entgegnete Ruada ruhig. “Das ist noch eine eher milde Bezeichnung. Da habe ich Schlimmeres gehört.” Sie lächelte. “Aber gut möglich, dass es da eine Verbindung gibt. Ihr seid sehr aufmerksam”, meinte sie dann.

Gellis lächelte und lehnte kurz ihren Kopf zur Seite. "An vielen Gerüchten ist ein Fünkchen Wahrheit, auch wenn es noch so abwegig klingt."

Kurz dachte die Drausteinerin an ihre düstere Begegnung auf dem Treffen der Besten vor vier Götterläufen. Ihr schauderte. “Ja”, meinte sie dann und nickte, “nicht umsonst zieht man gern auch Sagen und Legenden heran, wenn man es mit etwas zu tun bekommt, dass sich nicht so einfach erklären lässt. Kennt Ihr Sagen aus Eurer Heimat?” Ruada hatte vorerst genug von düsteren Geschichten, doch aus ihrer Frage sprach aufrichtiges Interesse.

"Sicher." Gellis lehnte sich noch bequemer in den Sessel und überschlug die Beine. "Kennt Ihr die Geschichte der Taranelstöchter?", fragte sie, erwartete jedoch keine Antwort und sprach weiter.

"Es war zu einer Zeit, da das Land noch wilder und weit gefährlicher als heute war, dass am Aiwiallsfester Baronshof die Baronin Fialgund lebte. Sie war eine fröhliche und lebenslustige Frau, die Kinder über alles liebte und daher ihrem Manne schon in jungen Jahren drei wunderschöne Töchter geschenkt hatte. Obschon der Baron sehr froh über die Maiden war, wünschte er sich dennoch nichts sehnlicher als einen Sohn, denn er war ein aufrechter Rittersmann und liebte die Jagd und den Kampf, während seine Töchter eher nach der Mutter kamen und echte Burgfräulein waren. Somit war es sein Wunsch, dass ein Sohn in allem sein Erbe sein sollte. Und so versprach Fialgund ihrem Gatten, schon bald seinen Herzenswunsch zu erfüllen.

Doch Götterlauf um Götterlauf, in denen sie von Tsa gesegnet ward, erblickten Töchter das Licht des Praios. Als die Baronin einmal mehr von der Ewigjungen gesegnet auf dem Bette lag und ihr Leib sich mächtig wölbte, wie noch niemals zuvor eines Weibes Leib sich gewölbt hatte, da beschwor der Baron sein Weib, ihm diesmal den gewünschten Knaben zu schenken, weil er ein weiteres Mädchen an die Orken geben würde oder ein anderes schlimmes Gezücht.

Die Baronin erschrak zutiefst ob dieses Ausrufs und rief die Göttin um den gewünschten Knaben an. Der Baron indes sah übellaunig auf sein Weib, wie sie flehend dalag und um die Gunst der Ewigjungen betete. Er war so missmutig, weil er glaubte, dass sein Eheweib ihm nicht seinen sehnlichsten Wunsch erfüllte und sagte es mit harten Worten. Doch als die Wehen einsetzten und die Zeit gekommen war, da traten Güte und ein Blick nach Vergebung für seine Worte in seine Augen. Doch es war zu spät, sein Weib um Verzeihung zu bitten.

So gebar die Baronin in jener Nacht sieben Kinder, sieben reizende Mädchen, doch keinen Knaben. Da bekam es Fialgund mit der Angst zu tun, und sie lief mit ihnen davon. Sie rannte und rannte und wusste weder Weg noch Ziel, bis sie schließlich an das Flüsschen Tharânelwasser kam, welches einst aus dem Leib der Fee Tharânel selbst entstanden sein soll. Hier ließ sie sich schluchzend und erschöpft nieder. So groß war ihre Verzweiflung, dass sie schließlich, um ihnen ein Schicksal bei den Schwarzpelzen oder anderen Unholden zu ersparen, die Kinder im Fluss ertränkte und ihnen dann ins Wasser folgte. Als ihr Mann von Fialgunds Flucht erfuhr, war er mehr noch als sein Weib verzweifelt. Denn er hatte sich gefreut, dass alle Kinder bei der Niederkunft gesund gewesen waren, wenn es auch Mädchen gewesen waren.

Doch nun war sein Weib mit ihnen fort. Er folgte ihr und fand die Stelle, an der die Kinder und die Baronin den Tod gefunden hatten, und der Baron selbst sank danieder und richtete voller Wehklagen sein Wort an Tharânel, die Wächterin des Flusses. Er rief hinaus in den Wald, auf dass der Farindel selbst seine Kinder und sein Weib wieder zu ihm zurückbringen würde. Und tatsächlich erschien nach seinem Flehen und Beten die Fee Tharânel.

Sie sagte dem trauernden Baron zu, dass sie die Kinder wieder zum Leben erwecken würde, doch würden sie von nun an ihre Töchter sein, und sie müssten auf ewig im Wasser der Bäche und Flüsse leben und wandeln, die den Farindelwald durchfließen und umschließen. Sein Weib jedoch, das er selbst durch seine harten Worte in den Tode getrieben hatte, würde ihm genommen bleiben. Der Baron, von Trauer geschüttelt, stimmte dem angebotenen Handel zu. So waren die Tharânelstöchter geboren. Kleine aber machtvolle Wasserwesen, die dem Willen der Fee folgen.

Noch heute gibt es Fischer und Wanderer, die berichten, dass sie die feenähnlichen Wesen im Wasser der Seen, Bäche und Flüsse gesehen haben und stets scheinen sie den Zielen Farindels zu folgen, das Böse zu bekämpfen, das Winhaller Land vor Schaden zu bewahren und die alten Gesetze zu pflegen.

Um das Herz des Barons war es nun leichter, auch wenn ihm sein Weib genommen blieb. So ließ er zu Ehren der Fee und ihrer Töchter an dieser Stelle sieben Boronsweiden am Wasserlauf pflanzen und jeden Götterlauf am 20. Peraine ihr zu Ehren Blumen an jener Stelle in das Wasser des Flusses streuen. Der Platz ist seitdem als Fialsend bekannt, und bis heute wird er von den Menschen des Aiwiallsfester Landes mit Ehrfurcht bedacht. Dem hier getrunkenen Wasser sagt man außerdem sonderbar heilsame Wirkung nach."

Gellis’ letzte Worte verklangen, doch niemand schien ein Wort sagen zu wollen. Ruan drückte zärtlich die Hand der Winhallerin und strich gedankenverloren mit der anderen über ihren Arm, während Ruadas Blick ins Leere ging. Nach einer Weile räusperte sie sich und blickte Gellis mit nachdenklicher Miene an. “Das ist eine sehr schöne Legende, um zu zeigen, dass auch Feen ein Herz haben. Doch warum, was glaubt Ihr, würde die Ewigjunge der Frau ihren Wunsch verwehren?”

"Ich glaube, dass sie ein Zeichen setzen wollte, dass es nicht darum geht, welches Geschlecht die Kinder haben. Sondern, dass sie froh sein sollen, mit dem, was sie haben: einander und gesunde Kinder", meinte Gellis ruhig mit einer Hand auf ihrem Bauch. Ruan warf ihr ein verliebtes Lächeln zu, während Ruada die Stirn runzelte. Offenbar war sie mit der Antwort der Winhallerin noch nicht gänzlich zufrieden. “Aber schenkt sie nicht auch Hoffnung? Die Hoffnungen der Frau hat sie zunichte gemacht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Junge Göttin ihren Tod in Kauf genommen hätte.” Ruadas Tonfall schwankte zwischen Zweifel und Trotz.

"Aber, wenn wir Rondra um einen Sieg bitten, gehen wir davon aus, dass sie ihn uns schenkt? Schenkt sie uns nicht dadurch trotzdem Hoffnung auf den Sieg", fragte Gellis. “Hmm…”, Ruada schien ernsthaft über Gellis’ Worte nachzudenken, “bei der Donnernden fällt es mir schwer, von Geschenken zu sprechen. Für mich bittet man vielleicht eher um ihr Wohlwollen, auf dass sie an unserer Seite stehen möge, während wir uns den Sieg erkämpfen.” Sie nahm einen Schluck Wein. “Wenn es um die Sturmleuin geht, ist es für mich vielmehr so, dass ich mich im Moment des Gebets darauf besinne, in wessen Namen ich streite… bei Tsa dagegen…”, wieder verstummte sie, um dann hilflos mit den Schultern zu zucken. “Hoffnung ist nie falsch”, meinte sie dann versöhnlich. “Und wer weiß, wofür es gut sein kann, wird sie einmal enttäuscht. Ich bin mir sicher, weder Ihr noch mein Bruder hattet auf einen solch glücklichen Ausgang des Bankettabends gehofft. Vielleicht hattet Ihr sogar ganz andere Pläne. In diesem Fall wäre eine enttäuschte Hoffnung etwas, das man mit Wohlwollen betrachten sollte.” Sie grinste. Gellis grinste ebenfalls und sah mit hochgezogener Augenbraue zu Ruan.

“Nunja”, meinte dieser nur und hob entschuldigend die Schultern. “Man muss die wenige freie Zeit gut nutzen, die einem bleibt. Und so ganz ohne Überraschungen wäre das Leben doch arg fade, oder?” Lächelnd beugte er sich zu Gellis und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Diese schloss genussvoll die Augen, als Ruans Lippen ihre Wange berühren. Sie spürte, wie ihr Körper schon wieder Sehnsucht nach Ruan verspürte und musste lächeln, bei der Freude darüber.

"Kennt Ihr auch eine Legende aus dieser Gegend?", fragte sie Ruada anschließend. Diese überlegte recht lang. Immer wieder erhellte sich ihr Gesicht, nur um dann wieder entschieden den Kopf zu schütteln. “Verzeiht”, meinte sie einmal, nachdem sie gerade wieder einen Gedanken verworfen hatte. “Es scheint mir, als gründeten die Häuser Bredenhags und Drausteins sich allesamt auf das Erschlagen übermächtiger Gegner, seien es Wölfe, Riesen oder Trolle. Die Moral ist immer die Gleiche: Sei mutig und tapfer und vertrau auf die Götter.” Entschuldigend zuckte sie die Schultern und nahm einen Schluck Wein. Mit einem Mal schien sie sich an etwas zu erinnern. “Aber natürlich”, meinte sie dann, “auf der Jagdgesellschaft Ihrer Wohlgeboren von Bienenhain – der anderen”, feixte sie in Richtung Ruans, “erzählte Jaran von Heckendorn ein düsteres Märchen. Mal sehen, ob ich es noch zusammenbekomme…”

Ruada nahm noch einen Schluck Wein, dann schloss sie kurz die Augen, wohl um sich die Geschichte in Erinnerung zu rufen. Als sie sie wieder öffnete, blickte sie keinen der beiden direkt an, es war vielmehr, als schaue sie durch Gellis und Ruan hindurch. Mit leiser Stimme begann sie zu sprechen:

“Vor langer Zeit lebte in einem nahen Dorf ein bemitleidenswertes Geschöpf. Das Kind war schwachsinnig und missgestaltet, und bei der Geburt brachte es seiner Mutter den Tod. Dennoch ließ man das Mädchen am Leben, der guten Götter zuliebe, doch man mied es abergläubisch, und der Vater hasste es.

Es kam der Tag, als Rahja ihr erstmals Blut über die Schenkel fließen ließ. Das Mädchen bekam Angst, denn es verstand nicht, was mit ihm geschah. Aus Furcht, etwas falsch gemacht zu haben, lief es verstört und weinend auf seinen krummen Beinen in den Wald, den jeder mied.

Sie zerschnitt sich sich das hässliche Gesicht an den Dornen, und die salzige Flut ihrer Tränen brannte in den Wunden. Sie lief, bis sie zusammenbrach, und kauerte sich in die mächtigen Wurzeln eines alten, verdorbenen Baumes. Und als das reinste Blut, von keiner Waffe dem Leib entlockt, seine Rinde benetzte, da regte sich der Geist des Baumes, der alt war wie die Äonen, und nahm das Mädchen gierig auf.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte das dumme, unansehnliche Ding sich sicher und geliebt, ungeachtet seines Äußeren. Das Mädchen blieb und wurde die Geliebte des Baumes. Fleisch und Holz vereinten sich in einer Weise, die jede Beschreibung verbietet…”

Ruada hielt inne und nahm einen Schluck Wein, ehe sie fortfuhr:

“Dreizehn Monde trug sie die Frucht der unheiligen Verbindung in sich, und am Tag ihrer Niederkunft kehrte sie zurück in den Schoß ihres Geliebten. Die Kreaturen des Waldes hatten sich versammelt, um Zeuge der grausamen Geburt zu werden. Das Mädchen schrie und flehte vor Schmerzen, aber da war keine Gnade in den Augen, die auf sie blickten. Dann entkroch ein Wesen ihrem Fleisch, nicht Mensch, nicht Baum, nicht Dämon, und doch von allem etwas. Die Äste des Baumes hoben es hoch, und die Blätter wisperten: ‘Harkola’, während die Wurzeln das wimmernde Mädchen verschlangen.

Seit diesen Tagen schleicht ein Ungeschöpf durch die Schatten des Farindel, als Sendbote seines Vaters, um den Menschen das Verderben zu bringen.”

Eine Weile verharrte die Ritterin in ihrer Position, und nur langsam klärte sich ihr Blick. Dann jedoch blickte sie Gellis’ schuldbewusst an. “Verzeiht”, meinte sie leise, “das war vielleicht nicht die tsagefälligste Geschichte, und das, nachdem ich die Eure so sehr kritisiert habe.”

"Diese Geschichte ist viel mehr eine klassische Feengeschichte als die meine", sagte Gellis darauf schlicht.

„Haltet Ihr die Andersweltlichen grundlegend für eher bösartig?“, schloss Ruada und blickte die Winhallerin fragend an.

"Gut und böse sehen sie nicht in unseren Maßstäben. Ich empfinde sie als selbstbezogen, aber vor allem als übermächtig", meinte Gellis ruhig.

„Und sie finden in den Menschen oft allzu willige Diener“, seufzte Ruada. „Vermutlich weil sie sich häufiger zu erkennen geben als die Götter.“ Ihre Gedanken gingen zurück zu der Jagdgesellschaft und den Geschehnissen im Farindel. Ob das verhüllte Wesen damals gar jene grässliche Kreatur aus der Sage gewesen sein mochte? „Verzeiht“, meinte sie dann, "ich meine mich zu erinnern, dass viele Winhaller den Namen der Fee gemeinsam mit den Zwölfen im Munde führen…“

"Ja, und das tue ich unter Winhallern auch. Aber warum bittet ihr um Verzeihung?", fragte Gellis verwundert. „Nun, niemand lässt sich gern als williger Diener bezeichnen, oder irre ich mich da?“ Fragend blickte Ruada die Ritterin an.

"Ja, das stimmt. Da habt Ihr wohl Recht", sagte Gellis recht tonlos. "Aber genug der Legenden", Gellis war nach einem Themenwechsel zumute. "Wir haben viel über mich und meine Vorlieben beim Gespräch zu Tisch geredet. Aber was wäre denn Euer Lieblingsthema in Gesellschaft?", fragte sie.

„Oh“, die Drausteinerin wirkte unsicher, „ehrlich gesagt behagt mir belangloses Geplauder nicht wirklich. Ich interessiere mich sehr für Menschen an sich, für ihr Wesen, ihre Ziele… für das, was sie antreibt. Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn diese Themen sind für gewöhnlich nichts, was man in großer Gesellschaft bespricht. Daher beschränke ich mich meist auf das albernische Turniergeschehen. Und hier und da auch auf die ruhmreiche Vergangenheit…“

"Dann gestattet mir doch die Frage, was Euch antreibt. Was sind Eure Ziele für… sagen wir… die nächsten zwei Götterläufe?"

„Meine Bestimmung finden“, kam es sogleich hervorgeschossen. Erschrocken hielt sich Ruada eine Hand vor den Mund. „Ich meine“, sagte sie zögernd, „ich sehe das Herumreisen und Repräsentieren nicht als meine einzige Aufgabe. Ich möchte… gestalten, meine Familie wirklich voranbringen. Und ich sollte einen Gemahl finden“, meinte sie mit einem Seitenblick auf Ruan.

Gellis musste lächeln und sah Ruan mit einem Blick an, der von Liebe und Dankbarkeit zeugte, während sie zu Ruada sprach. "Genau das hätte ich Euch Anfang Rondra auch noch geantwortet." Die Drausteinerin schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Ja“, entgegnete sie, „die alten Familien gleichen sich mehr als man denken mag. Wobei es sicher Unterschiede darin geben mag, wie dieses Gestalten aussehen mag.“ Sie nahm einen Schluck Wein. „Und heute?“, fragte sie dann neugierig. „Haben sich Eure Ziele geändert?“

"Ja, sicherlich. Meine Ziele für die nächsten Götternamen sind so klar, wie sie es selten zuvor waren. Unser Bund, ein gemeinsames Heim, meine neue Stellung, unsere Tochter, um nur einiges zu nennen", meinte Gellis. Ruada lächelte. „Wenn ich doch nur halb so viel Glück habe… Aber sagt: Warum seid Ihr Euch so sicher, dass Ihr eine Tochter bekommen werdet?“

"Bis vor ein paar Tagen ging es mir morgens sehr schlecht, meine Mutter meinte, das würde auf ein Mädchen deuten. Aber", sie dachte nach "vor zehn Tagen habe ich von ihr geträumt. Daher bin ich mir sicher." Ruadas Lächeln wurde bei ihren Worten noch ein bisschen breiter. „Es muss so unglaublich herausfordernd und spannend sein“, sie verfiel beinahe ins Schwärmen. „Habt Ihr Wünsche für Eure Kleine? Was werdet Ihr ihr vermitteln?“ Erwartungsvoll blickte die Ritterin von Gellis zu ihrem Bruder und wieder zurück.

"Das ist es, glaubt mir", Gellis Blick war zärtlich, und Begeisterung schwang in ihrer Stimme. "Und nicht nur für die Mutter. Nicht wahr?", sie lächelte zu Ruan, der sich kurz räusperte. „Nein, gewiss nicht nur für die Mutter“, wiederholte er dann und schenkte der Winhallerin ein warmes Lächeln. „Was die Wünsche betrifft…“, meinte er dann zu Ruada gewandt, „wir möchten ihr gern die Freiheit geben, selbst herauszufinden, was das Richtige ist.“ Fragend blickte er zu Gellis. „Was wir ihr vermitteln werden..., tja.“ Er grinste und zuckte hilflos mit den Schultern. "Ich denke, auch wenn wir ihr den Weg offen gestalten möchten, die ritterlichen Tugenden bilden ein guten Grundgerüst. Und ich möchte ihr das Gefühl geben, dass sie sich auf ihre Eltern und ihre Familien verlassen kann", ergänzte Gellis. „Das ist wichtig“, nickte Ruada, „das und die Frage, ob Ihr Erwartungen an sie stellt oder ihr das Gefühl gebt, dass Eure Unterstützung bedingungslos ist.“ Unwillkürlich dachte die Drausteinerin an Thalania und seufzte. Gellis, deren Gedanken in die gleiche Richtung gingen, nickte betroffen.

Ruan, dem der Stimmungsumschwung nicht recht behagte, blickte von seiner Verlobten zu Ruada. „Ach“, meinte er dann, „wenn wir sie nur genug Ahnenstolz lehren, werden unsere Kinder schon von ganz allein im Sinne der Häuser handeln. Dafür bist du doch das beste Beispiel, Schwesterchen.“ Für einen Moment verengten sich Ruadas Augen. „Ahnenstolz ist in einem gewissen Maße sicher richtig, aber nur gepaart mit Respekt“, sie erhob kurz die Stimme. „Und gerade letzteren lässt du hier und da leider gänzlich vermissen.“

Gellis spürte, wie Ruan sich anspannte, und eine Zornesfalte bildete sich auf seiner Stirn. Er holte tief Luft, dann spie er die folgenden Worte beinahe vor Ruadas Füße: „Respekt ist nicht gleichzusetzen mit blindem Gehorsam. Und überhaupt solltest du nicht immer alles so über die Maßen ernst nehmen!“ Wütend funkelte er die Ritterin an.

Gellis betrachtete die beiden. Mit übertriebenem Ahnenstolz säße sie nicht hier, wurde ihr klar. Diesen Scherz hatte Ruan unbedacht gemacht und damit bei seiner Schwester augenscheinlich einen Nerv getroffen, und sie wusste, wie sie ihn wiederum treffen konnte. Irgendwie waren dann wohl doch alle Geschwister gleich, egal wie viele Augenblicke oder Jahre sie trennten.

"Nun, wir werden sehen, wie gut uns die Erziehung gelingen wird", unterbrach Gellis mit weicher Stimme die Blicke der beiden Geschwister und strich sanft über Ruans Hand. Dieser wandte sich ihr zu und bemühte sich um ein Lächeln, das jedoch nur mäßig gelang. Mit der freien Hand griff er nach seinem Weinbecher, während Gellis das Wort an seine Schwester richtete: "Ruada, habt Ihr noch eine Empfehlung für morgen für uns?"

Die Drausteinerin atmete tief ein und aus. „Versucht besser nicht, mit ihm über Ahnenstolz zu debattieren“, presste sie hervor, musste dann jedoch selbst lächeln. „Verzeiht. Ich würde Euch empfehlen, möglichst sachlich in das Gespräch zu gehen. Ich tappe zwar selbst immer wieder in die Falle, allzu viel von meinen Gefühlen zur Schau zu tragen, aber eben deshalb weiß ich, wovon ich rede.“

Sie grinste und nippte an ihrem Wein, ehe sie fortfuhr: „Macht die Angelegenheit nicht zu groß. Gebt seiner Hochwohlgeboren das Gefühl, dass alles gut durchdacht ist und dass es keine Probleme gibt. Er wird dankbar sein, dass er nicht allzu viele Gedanken daran verschwenden muss.“ Ruada spürte, wie nüchtern ihre Worte klangen. Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern. „Ich fürchte, das geht mit der Grafenwürde einher.“

"Gut, all das ist uns bei meinem Vater auch recht gut gelungen", meinte Gellis und sah dann ihren Verlobten an. "Oder besser gesagt, Ruan." Neugier blitzte in Ruadas Augen, doch sie war ganz offensichtlich zu stolz, weiter nachzufragen.

Ruan dagegen war froh um die Ablenkung. “Findest du, dass es so nüchtern war? Ich hatte das Gefühl, dein Vater hat sich durchaus geöffnet.” Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er sich die Begegnung mit Rodowan Ahawar noch einmal ins Gedächtnis rief. Zärtlich streichelte er Gellis’ Hand. "Nüchtern? Nein, für ihn eher geradezu lebhaft. Aber wir haben ihm alles recht durchdacht nahegebracht denke ich. Ich hoffe nur, dass unser kleines Wunder kein Problem ist", meinte Gellis dann nachdenklich. “Für den Grafen?”, versicherte sich Ruan, “wir werden es sehen. Wir sollten es halten wie in Ortis. Konzentrieren wir uns zunächst auf den Bund.”

Er gab Gellis einen zärtlichen Kuss und warf einen prüfenden Blick zu Ruada, die dem Gespräch zwar folgte, sich jedoch nach wie vor zurückhielt. “Wenn ich mich recht erinnere”, meinte Ruan dann wieder zu seiner Verlobten gewandt, “ist Arnbrecht Wellenstein den Bund mit der Mutter seines Sohnes auch erst geraume Zeit nach dessen Geburt eingegangen, und dennoch wird er von ihm nach wie vor respektvoll behandelt. Es mag sein, dass seine Hochwohlgeboren mit einem Familienmitglied weniger nachsichtig umgeht, aber immerhin sprechen wir hier nicht von irgendjemandem, sondern von seinem ehemaligen Knappen.”

Gellis nickte, schien jedoch in Gedanken. “Was ist los?”, fragte Ruan sie leise und berührte sacht mit der freien Hand ihren Arm, während seine Schwester sich von Halman noch etwas Wein nachschenken ließ.

"Ich bin aufgeregt wegen morgen, das ist alles", meinte sie ehrlich. Ruan lächelte und umschloss ihre Hand mit beiden Händen. „Du wirst das ganz wunderbar machen.“ Er blickte ihr tief in die Augen. „Hab Vertrauen.“

Ruada nutzte derweil die Gelegenheit, um sich unauffällig zu erheben. Rasch trank sie ihren Wein aus und reichte Halman den Becher. „Ich denke, es ist an der Zeit, Euch ein wenig Raum für Zweisamkeit zu geben“, meinte sie leise.

Gellis zog ihren Hände aus Ruans zurück und stand ebenfalls auf. "Danke für den schönen Abend, das Essen und den Wein. Ihr habt dazu beigetragen, dass ich mich hier nicht mehr so fremd fühle." Sie lächelte Ruada ehrlich an und hielt die Arme andeutungsweise zu einer Umarmung auffordernd bereit. Die Drausteinerin nahm die Einladung gern an. Kurz strich sie Gellis beruhigend über den Rücken und flüsterte: “Unser Vetter ist nicht so hart, wie viele denken. Seid einfach aufrichtig, dann wird sich alles fügen. Ich wünsche Euch viel Glück.” Damit entließ sie die Winhallerin aus der Umarmung und machte sich daran, den Raum zu verlassen. Auf dem Weg zur Tür wandte sie sich jedoch noch einmal um und legte Ruan, der sich ebenfalls erhoben hatte, eine Hand auf die Schulter. Offen blickte sie ihren Bruder an. “Zumindest morgen solltest du ein wenig mehr Respekt aufbringen als üblich”, meinte sie leise und zwinkerte ihm aufmunternd zu. Ihr Tonfall und ihr Lächeln verrieten, dass sie den Ärger bereits wieder vergessen hatte. Mit einem abschließenden “alles Gute” wandte sie sich um und verließ den Raum, nicht ohne zuvor noch dem Pagen zu bedeuten, ihr unauffällig zu folgen. Halman nickte Ruan und Gellis noch kurz zu, dann schloss er die Tür hinter sich.

Für einen Moment trat Stille ein. Langsam wandte sich der Stepahan zu seiner Verlobten um und umfasste sanft ihre Taille, um sie näher zu sich heranzuziehen.

Gellis überließ sich sich ganz Ruans Forderung und suchte seufzend seine Nähe.

Behutsam schloss er sie in seine Arme und küsste sie. Dann sah er ihr fest in die Augen. “Alles wird gut werden, ich weiß es”, flüsterte er, und sein Lächeln untermauerte seine Worte. Zärtlich strich er mit dem Handrücken über ihre Wange. “Was ist es denn, was dir die meisten Sorgen bereitet? Unsere Kleine?” Seine Hand wanderte ihre Seite hinab und streichelte zärtlich über ihren Bauch.

"Dass wir noch keine Antwort darauf haben, wie, also wo wir uns unser Familienleben in Havena vorstellen", meinte sie, ohne lang zu überlegen. Gellis legte ihre Stirn auf Ruans Schulter und atmete tief durch. Dessen Hand wanderte nun wieder hinauf und legte sich auf ihren Rücken. “Naja, ich habe schon eine Vorstellung davon”, meinte er dann, und sie konnte hören, dass er lächelte. “Mir wäre es sehr lieb, wenn wir zunächst im Stadthaus meiner Familie unterkommen könnten. Ich möchte ehrlich gesagt vermeiden, dass das Haus Fenwasian allzu großen Einfluss auf unser Kind hat.” Kurz hielt er inne und wartete ab, ob sie etwas erwidern würde.

"Ich möchte nicht an einem Ort leben, an dem einer von uns Dienst tut. Sicher werden wir dort eine Kammer haben müssen, falls es spät wird oder der Dienst früh beginnt. Aber ich möchte, dass wir dort, wo wir leben, so frei wie möglich sind. Und im Stadthaus deiner Familie treten wir in bestehende Strukturen ein, das fände ich besser, als dass wir uns jetzt noch einem komplett neuen Haushalt widmen", meinte sie und hob nun ihren Kopf wieder, um ihn anzusehen.

„Na siehst du“, Ruan wirkte gelöst, „und schon ist das größte Problem nur mehr eine Verhandlungssache zwischen uns und dem Grafen… oder meinem Bruder, sollte er die Frage an ihn weitergeben.“ Er küsste sie erneut. „Weitere Ungewissheiten?“, fragte er und grinste. „Ich denke, wir haben gerade einen Lauf.“

Sie lächelte und senkte ihre Lippen auf die seinen. "Ja, ich habe eine Bitte an dich." Für einen Moment schloss Ruan genussvoll die Augen, und er spürte, wie seine Gedanken mehr und mehr in den Hintergrund traten.

„Hmm“, meinte er nur zustimmend, „was immer du willst.“ Langsam wanderte seine Linke Gellis‘ Seite hinauf.

Auch Gellis schloss kurz genussvoll die Augen, konnte sich dann aber doch gedanklich losreißen. "Kannst du die Schwangerschaft erwähnen? Ich habe die Sorge, den falschen Moment zu erwischen, und du kennst deinen Vetter besser als ich."

Nun war Ruans Blick wieder hellwach. “Ja, natürlich”, meinte er dann, ohne zu zögern. “Ich werde die Sprache darauf bringen, wenn ich denke, dass der Moment gekommen ist.” Zärtlich schob sich seine Hand unter ihr Kinn und hob es sanft an. “Wir sind fast am Ziel”, flüsterte er und betrachtete Gellis versonnen, “und wir haben all das gemeinsam geschafft. Ist das nicht unglaublich?”

"In diesen Momenten höre ich oft dein 'Komm mit mir' von unserem ersten Morgen. Das ist noch nicht einmal drei volle Götternamen, ich hätte nie gedacht, dass es, wenn überhaupt, jetzt auch so schnell voran geht."

„So schnell?“, entgegnete Ruan leise, „du hast ja keine Ahnung. Jeder Tag ohne dich hat sich angefühlt wie eine halbe Ewigkeit.“ Er lächelte.

Gellis sah Ruan tief in die Augen. "Ich liebe dich, Ruan Stepahan."

Ruan spürte, wie sich sein Herz für einen Moment zusammenzog, nur um dann umso heftiger zu schlagen. „Und ich liebe dich“, flüsterte er, und sein Blick hielt ihren fest, „seit dem Moment, als sich unsere Augen das erste Mal trafen. Du hast meine Welt auf den Kopf gestellt, Gellis Ahawar. Und ich bin dir unendlich dankbar dafür.“

Das Wort des Löwen

Burg Bredenhag
Am Morgen des 23. Travia 1042 BF

Ein feines Lächeln auf Ruans Gesicht war alles, was vom Ausgang ihres Gesprächs kündete, während er Gellis durch die Flure von Burg Bredenhag in Richtung ihrer beider Kemenaten führte. Zwar war ihre Begegnung mit ‘dem Löwen’ bei weitem nicht so herzlich und familiär abgelaufen wie die mit Gellis’ Vater auf der Iauncyll, doch letztlich hatte es sich erneut ausgezahlt, dass sie bereits sehr konkrete Vorstellungen hatten äußern können.

Die Nachricht, dass bereits ein Kind unterwegs war, hatte der Graf eher missbilligend in Kauf genommen und sie in ihrem Vorhaben bestärkt, möglichst rasch einen Bund vor Travia zu schließen. Die Entscheidung über den Ort für den zweiten Bund und die anschließenden Feierlichkeiten hatte er ihnen jedoch als Aufgabe mit auf den Weg gegeben, und so kam es, dass die Frage, die schon vor Rodowan Ahawar nicht abschließend beantwortet worden war, erneut aufgeschoben wurde.

Am Morgen vor der Unterredung war Ruan nicht davon abzubringen gewesen, die exakt gleiche Kleidung zu tragen wie bei seinem Besuch auf der Iauncyll. Beinahe trotzig hatte er Hemd, Hose und Wams kurzerhand zu seinen neuen Glücksbringern erklärt, nachdem er seine besten Würfel schon einem launischen Feenwald hatte opfern müssen.

Gellis hingegen hatte sich gegen ein Kleid entschieden. Es fühlte sich nicht richtig an, denn sie wollte nicht das Bild einer Hofdame vermitteln. Sie war Ritterin. So war sie ähnlich bekleidet wie Ruan, mit Hemd und Hose, jedoch trug sie kein Wams, sondern einen mit weißem Wollstoff gefütterten grünen Wappenrock. Das Wappen war kleiner gehalten über der Brust und sicher würde man den Wappenrock nie über einer Rüstung tragen, dazu war er zu gut gearbeitet, aber er verlieh ihr Stolz – und seine Länge ließen ihre Beine noch länger anmuten, wenn sie ging und die Hose aus den gevierten Teilen des Wappenrock trat.

“Das wird noch eine interessante Unterredung zwischen deinem Vater und dem Grafen”, raunte Ruan Gellis zu, als sie gerade einen vermeintlich leeren Gang entlang liefen. “Er schien jedenfalls nicht wirklich in Erwägung zu ziehen, seinem Wunsch stattzugeben, eines der Kinder nach deiner Familie zu benennen.”

Gellis nickte schlicht. "Ich muss sagen, ich hatte es nicht unbedingt anders erwartet. Und ich glaube, er sieht das ähnlich. Hatte er nicht gesagt, er 'würde es begrüßen, wenn'?"

“Ja, durchaus. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass wir unser Versprechen ihm gegenüber gebrochen haben”, stimmte Ruan ihr zu. “Er bat einzig um unser Wohlwollen.”

Eine neue Leichtigkeit

Burg Bredenhag
Direkt im Anschluss

Für einen Moment wurden Ruans Schritte langsamer. Suchend blickte er sich um, und als er niemanden entdeckte, zog er Gellis nah zu sich heran und gab ihr einen innigen Kuss. “Entschuldige”, meinte er dann und nahm sogleich wieder Haltung an, “es fällt mir schwer zu warten.”

"Ich sollte mir in Havena Kampfröcke zulegen", flüsterte Gellis mit hochgezogener Augenbraue und einem eindeutig lüsternen Lächeln. “Ein großartiger Gedanke”, grinste Ruan. “Kann ich also davon ausgehen, dass die Hohe Dame damit einverstanden ist, wenn ich sie zunächst zu ihrer Kammer geleite, ehe wir uns bei einem Ausritt an der Schönheit Bredenhags erfreuen?” "Nur allzu gern, Hoher Herr. Ich fühle mich gar geschmeichelt ob Eurer Vorschläge." Gellis hatte sich wieder bei Ruan untergehakt und lehnte sich leicht an ihn. Unwillkürlich fühlte sich dieser an ihr Zusammentreffen beim Treffen der Besten erinnert. Wie fremd ihm Gellis damals noch erschienen war – fremd und doch vertraut. Eiligen Schrittes führte er sie zu ihren beiden Kemenaten, überließ jedoch Gellis die Wahl der Tür. Diese wählte, ohne lang zu überlegen, die ihre, blieb jedoch in der Tür stehen und drehte sich zu Ruan im Flur. "Habt Dank, Hoher Herr. Kann ich Euch auf eine Erfrischung einladen?"

“Ihr scheint meine Gedanken gelesen zu haben”, erwiderte dieser, ohne mit der Wimper zu zucken. “Das viele Gerede hat meine Kehle ganz trocken werden lassen. Wenn Ihr also die Güte hättet…” Mit diesen Worten tat die Ritterin einen Schritt zurück und ließ Ruan mit der Hand weisend und einem leichten Knicks eintreten. Der Drausteiner bedankte sich höflich und trat dann gemessenen Schrittes in die Kemenate. Er wartete, bis Gellis die Tür geschlossen hatte, dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck. Voller Glück strahlte er seine Verlobte an, während er kurz die offene Linke auf die Stickerei über seinem Herzen legte. “Glücksbringer, ich sag es dir doch.” Seine Augen suchten die ihren. “Das zieh ich nie wieder aus”, fügte er grinsend hinzu.

"Oh doch, das wirst du", sagte Gellis, ebenfalls grinsend, während sie begann, die Knöpfe des Wams zu öffnen. “So leichtfertig setzt du also unsere gemeinsame Zukunft aufs Spiel? Ich bin entsetzt!”, entgegnete Ruan empört, machte jedoch keine Anstalten, sie von ihrem Tun abzuhalten.

Langsam trat er auf Gellis zu und neigte den Kopf, so dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. “Mir scheint, du hast in der Tat meine Gedanken gelesen”, hauchte er mit zitternder Stimme in ihr Ohr, während er langsam ihren Gürtel öffnete. "Mit Gedanken solcher Art bist du nie allein", antwortete sie lächelnd, nachdem sie das Wams ausgezogen und gezielt auf einen Stuhl geworfen hatte. Zärtlich, aber fordernd ließ sie ihre Hände unter sein Hemd gleiten, um ihn erst zu liebkosen und ihm dann das Kleidungsstück ebenfalls auszuziehen.

“Ich sehe eine leuchtende Zukunft für diesen Bund”, strahlte Ruan, während er Gellis’ Gürtel zu Boden fallen ließ. Wappenrock und Hemd folgten. Der Ritter machte einen Schritt auf sie zu, so dass sich ihre Körper berührten. Gellis spürte, wie seine Atmung beschleunigte, doch er ließ sich Zeit. Behutsam löste er ihr Brusttuch, während seine Lippen zärtlich über ihren Hals wanderten.

Unter seinen Küssen spürte Ruan, wie alle Anspannung des gestrigen und heutigen Tages von Gellis abfiel. Die Härte ihrer Maske zerfloss unter seinen Fingern und Lippen, und ihr Körper wurde weich und voller Hingabe und Leidenschaft. Als ihr Brusttuch zu Boden glitt, umarmte sie ihn innig, und er spürte, wie Gellis die Nähe ihrer nackten Oberkörper genoss. “Bei Rahja, lass diese Gefühle nie enden”, hauchte sie in sein Ohr.

“Solange wir ihr weiterhin voller Hingabe unser Opfer darbringen, mache ich mir da wenig Sorgen”, flüsterte Ruan. Zärtlich streichelten seine Hände ihre Seite hinab. Dann griff er sie bei der Hüfte und brachte sie mit leichtem Druck dazu, sich umzudrehen, so dass sie ihm den Rücken zuwandte. Während er weiterhin ihren Hals mit Küssen bedeckte, wanderte seine Rechte den Hosenbund entlang und öffnete langsam einen Knopf nach dem anderen. Immer wieder hielt er dabei inne und ließ seine Hände genussvoll über ihren Körper gleiten, liebkoste ihre Brüste, strich sanft über ihren Bauch, umfasste ihre Taille, bis er schließlich unterhalb ihres Nabels verharrte. Behutsam schob Ruan seine Hand unter den Bund ihrer Bruche und begann zärtlich, die wohl empfindlichste Stelle ihres Körpers zu massieren.

Ruan nicht gleichermaßen verwöhnen zu können, minderte erst ihren Genuss, doch seine Finger waren zu geschickt als dass sie lange darüber nachdenken oder gar sein Tun unterbinden konnte, und ebendas spürte er auch, ein kurzes Zögern zuerst, doch dann gab sie sich ihm und seinen Liebkosungen hin. Nach einiger Zeit spürte er ihre Hand auf der seinen, die seinen Fingern deutete, wie sie es am liebsten mochte.

Bereitwillig ließ er sich führen und vertraute ansonsten ganz auf seine Intuition. Dabei schmiegte sich sein Körper eng an den ihren, und mit der Zeit merkte Gellis, dass es Ruan immer schwerer fiel sich zurückzuhalten. Doch er widerstand dem Drängen seines Körpers. Seine Linke strich sanft Gellis Nacken hinauf und bedeutete ihr zärtlich, den Kopf zu wenden, so dass seine Lippen die ihren fanden. Genussvoll schloss der Ritter die Augen, und ein wohliges Seufzen entrann seiner Kehle, während seine Hände unermüdlich ihren Körper liebkosten.

Ihr Kuss sprach mehr, als Worte es je hätten tun können. Es lag so viel Leidenschaft darin und so viel gerade noch in Zaum gehaltene Lust, die Ruan zeigte, dass auch Gellis trotz des Genusses mehr wollte als das, was sie momentan von ihm bekam. Es dauerte nicht lang, da begann sie, sich vorsichtig in Richtung ihres Bettes zu bewegen. Es würde eine Herausforderung an ihre Körper werden, die derzeitige Vereinigung auf dem Weg beizubehalten, aber die Winhallerin machte deutlich, dass sie es versuchen wollte.

Und auch Ruan schien fest entschlossen, seine Liebste nicht einfach so frei zu geben. Den linken Arm fest um ihren Körper gelegt folgte er nur zu gern ihrem Drängen und setzte langsam einen Schritt vor den anderen. Seine Rechte verharrte kurz in der Bewegung, fand jedoch schon bald in eine Position, die es ihm erlaubte, den leichten Druck aufrechtzuerhalten, ohne ihr dabei durch eine unbedachte Bewegung den Genuss zu nehmen.

Als sie schließlich das Bett erreicht hatten, lockerte der Drausteiner den Griff seines Arms und streifte mit einer fließenden Bewegung Gellis’ Beinkleider ab. Kurz verharrte er und ließ seine Linke begierig über ihr Gesäß wandern, ehe auch seine Rechte sich aus ihrem Schoß löste. Mit festem Griff umfasste er ihre Schultern und zog die Ritterin zu sich heran, um ihr einen leidenschaftlichen Kuss zu schenken. Zärtlich streichelte er über ihre Brüste und ihren Bauch, bis seine Rechte schließlich fest ihre Taille umfing. Die Linke dagegen verkrallte sich spielerisch in ihrem Haar, und als sich ihre Lippen voneinander lösten, spürte Gellis, wie sich Ruans Körper mit leichtem Druck von hinten gegen sie drängte, während er zeitgleich seinen Oberkörper in Richtung der Laken beugte.

Als Ruan in ihr Haar fasste und sich gegen sie drängte, entfuhr Gellis ein Laut purer Lust. Sie konnte kaum erwarten, ihn in sich zu spüren, aber merkte, dass Ruan noch immer seine Hose trug. So legte sie erst forsch, aber doch liebkosend die linke Hand kräftig um seine Erregung, bevor sie sie, ihm noch immer den Rücken zukehrend, löste und seinen Gürtel und die Knöpfe der Hose in einigen schnellen Handgriffen öffnete. Während sie ihn noch einmal gefühlvoll küsste und ihre beiden Körper aneinander genoss, verharrte sie in ihrer Position. Erst als Ruan seine Hand widerwillig aus ihrem Haar löste, um Hose samt Bruche hinunter zu streifen, trennten sich ihre Lippen, später auch ihre Augen von den seinen. Gellis öffnete leicht die Schenkel, blieb aber genauso stehen, wie sie war, während sie sich langsam vorbeugte und ihm ihr Gesäß entgegen hob.

Doch es dauerte eine Weile, ehe er seine Hände zunächst behutsam, dann fordernder über Gellis’ nackte Haut wandern ließ. Schließlich fasste er sie bei der Hüfte und zog sie nah zu sich heran. Für einen Moment hielt er inne, als ihre Körper sich berührten, und Ruan stieß hörbar die Luft aus. Es war offensichtlich, dass er Mühe hatte, sein Verlangen unter Kontrolle zu bringen, und so verharrte er erneut, während seine Hände unablässig Gellis’ Körper liebkosten. Dann, langsam zog er sie von hinten in eine innige Umarmung und küsste sanft ihren Nacken, ehe er sich zwischen ihre Schenkel dirigierte und mit einem unterdrückten Aufstöhnen in sie eindrang. Er glitt schnell und ohne jeglichen Widerstand in sie, so feucht war sie durch seine Liebkosungen geworden. Und ein weiteres Mal spürte er – wenn auch jetzt auf eine ganz andere Weise, wie Gellis sich entspannte – sie hatte ihn sehnsüchtig erwartet. Er entlockte ihr ein wohliges Stöhnen.

Nach einem kurzen Moment der Ruhe in ihren Hüften bewegte sie sich vor und drängte sich dann wieder gegen ihn, langsam jedoch, als würde sie die Vereinigung ihrer Körper bis ins Letzte auskosten und den Höhepunkt so lange wie möglich hinauszögern wollen. Und sie spürte, dass es Ruan ebenso ging, weshalb er auch nach wie vor hin und wieder innehielt, um tief durchzuatmen, ehe er wieder ihren Rhythmus aufnahm. Nahm er sich jedoch anfangs noch die Zeit, ihren Körper mit den Händen zu erkunden, wurden seine Bewegungen mit der Zeit fordernder, und schließlich krallte sich seine Hand erneut in ihr Haar, deutlich fester und energischer als zuvor. Die andere hielt sie an der Schulter, während er schließlich seinem Verlangen nachgab und sich auf einer Welle der Lust davon tragen ließ. Gellis spürte, wie sein Körper an Spannung verlor, doch er hielt ihre Verbindung. Außer Atem ließ er sich vorsichtig nach vorn sinken und küsste ihren Nacken, während seine Hände ihren Griff lösten und zärtlich ihre Seite entlang strichen.

Gellis erzitterte unter seiner ausbleibenden Bewegung. “Noch ein wenig, bitte”, flüsterte sie. Sie spürte, wie Ruans Hände sich fest um ihre Taille legten, doch selbst als er sie ganz nah zu sich heran zog, blieb das Hochgefühl, das sie im Moment ihrer Vereinigung verspürt hatte, aus. Kurzerhand umschloss der Stepahan mit beiden Händen ihre Schenkel und bedeutete ihr mit sanftem Druck, diese zu schließen. Ruan tat es ihr gleich, während er zeitgleich seine Hand in ihren Schoß gleiten ließ. Vorsichtig bewegte er sich in ihr, während er sich bemühte, ihr mit dem Spiel seiner Finger zusätzliche Lust zu verschaffen. Es dauerte nur einige Lidschläge, bis er spürte, dass auch ihre Lust gipfelte, sie ihre Schenkel wieder öffnete, ihn entließ und sich dann in Richtung Bett fallen ließ. Die Haare klebten ihr verschwitzt an der Stirn und das Lächeln auf ihren Lippen zeugte von tiefer Befriedigung. Sie drehte sich auf den Rücken und sah ihn verzückt an. “Danke”, hauchte sie erschöpft.

Ruan schüttelte sich seine Beinkleider von den Füßen und ließ sich dann erleichtert neben ihr nieder. “Danke?” Er schien belustigt. “Wenn du mich fragst, sollten wir das unbedingt öfter üben”, zwinkerte er, während er sich auf den Bauch drehte und seinen Kopf in die Hände stützte, um Gellis zu betrachten. “Ich liebe dich”, flüsterte er und küsste zärtlich ihre Schläfe. Sie schüttelte sanft den Kopf und lächelte, beinahe entrückt, schien ihm noch nicht ganz im Hier und Jetzt angekommen. “Du bist unglaublich.”

“Unmöglich habe ich bislang viel öfter gehört”, grinste Ruan und zog sie in seine Arme, so dass sie einander anblicken konnten. Behutsam verschränkte er seine Beine mit den ihren, seine Finger streichelten zärtlich über ihren Rücken. “Aber keine Sorge”, meinte er dann und blickte ihr tief in die Augen, “früher oder später wirst du es glauben. Wir haben immerhin die nächsten Götterläufe Zeit.” Durch seinen Blick und seine Worte erzitterte sie erneut kurz und seufzte dann wohlig. Gellis schloss ihre Augen, kuschelte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte noch einmal, dann spürte Ruan ihren Atem ruhig und gleichmäßig werden, und bald darauf sank auch er in einen leichten Schlummer.

Als er erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel, und von draußen klang Hufschlag zu ihrer Kammer hinauf. Doch Ruan spürte keine Eile. Lächelnd betrachtete er Gellis, die sich noch immer an ihn kuschelte und im Schlaf sehr entspannt wirkte. Sie regte sich leicht, aber Boron entließ sie noch nicht aus seinen Armen. Sie musste unglaublich körperlich und geistig angespannt gewesen sein in den letzten Tagen, das sah Ruan jetzt ganz genau, denn er hatte seine Verlobte seit sie sich kannten noch nie mit so entspannten Gesichtszügen gesehen.

Unvermittelt formte sich in seinem Kopf ein Bild davon, wie ihr gemeinsames Leben sich in Zukunft wohl gestalten mochte, und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass auch er seit ihrem Zusammentreffen nicht mehr ganz er selbst gewesen war. All die Leichtigkeit, die in den vergangenen Wochen sein Leben bestimmt hatte - würden sie sie aufrecht erhalten können? Oder würde sie angesichts der Enge Havenas und der höfischen Zwänge verblassen, und mit ihr auch die Leidenschaft, die ihn und Gellis verband? Ärgerlich schüttelte er den Gedanken ab. Zwänge hatten sie in den letzten Tagen bei Weitem genug erlebt. Und es hatte sie einander nur noch näher gebracht.

Versonnen ruhte sein Blick auf Gellis‘ ebenmäßigen Zügen, und Ruan spürte, wie ein tiefes Gefühl von Frieden ihn erfasste. Zärtlich streckte er die Hand aus und berührte ihre Wange. Sein Blick wanderte weiter hinab und verweilte schließlich auf der Narbe, die das Bein der Ritterin zeichnete. Gedankenverloren fuhr er sie mit den Fingern nach. Dann, ohne weiter nachzudenken, setzte er sich auf, beugte sich hinab und hauchte einen Kuss auf die Stelle. Dann noch einen, und ehe er sich versah wanderten seine Lippen zur Innenseite ihrer Schenkel und langsam weiter hinauf.

Mit einem ähnlich wohligen Seufzer, mit dem sie eingeschlafen war, erwachte Gellis. Sie konnte nicht anders, als Ruan ihre Schenkel zu öffnen und sich seinen Lippen und seiner Zunge entgegen zu strecken. Ihre Hände griffen in seine Haare und dirigierten ihn, dort zu bleiben, wo er derzeit war. Ruan genoss es, sich ganz auf Gellis einlassen zu können. Während er sie mit der Zunge verwöhnte, strichen seine Hände behutsam über ihren Bauch und ihre Leiste. Und immer wieder suchten seine Augen zwischenzeitlich ihren Blick.

Gellis hatte zumeist die Augen genussvoll geschlossen, doch, wenn er allzu lang von ihr abließ, schenkte sie ihm sinnliche Blicke voller Leidenschaft und Liebe.

Nun reagierte sie nicht damit, dass sie ihn zu sich hochzog und ihn in sich aufnahm, dieses Mal würde sie sich genau so von ihm zum Gipfel ihrer Lust tragen lassen, wenn er das nur auch wollte.

Und er wollte. Nicht ein einziges Mal hatte es den Anschein, als würde Ruan auch nur darüber nachdenken, seine Position zu verändern. Voller Hingabe reagierte er selbst auf die kleinsten Impulse und ließ sich vertrauensvoll von Gellis‘ Körper leiten.

Mit diesen Eindrücken fiel es ihr nicht schwer, sich ganz auf ihn und seine Liebkosungen einzulassen. Als sie spürte, dass sich ihr Höhepunkt näherte, griff sie zum Kissen und erstickte alsbald ihr lautes und ungezügeltes Stöhnen in den Federn. Ruan schloss für einen Moment die Augen, und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen.

Kurz darauf hörte er sie, noch immer im Kissen, auflachen. "Komm her, du Unmöglicher!", neckte sie ihn und klopfte neben sich auf das Kissen, das sie nun dort platziert hatte. „Unmöglich, also doch... Soll das heißen, du hast mit einem Mal zum Glauben gefunden?“, entgegnete Ruan grinsend und ließ sich erschöpft neben Gellis nieder. „Welch unerwartete Wendung“, fuhr er feixend fort, „zu schade, dass du nicht auch den Rest der Grafenburg daran teilhaben lassen möchtest“, meinte er dann mit einem unschuldigen Seitenblick auf das Kissen.

"Soll ich?", grinste sie. "Versuchs doch!"

„Du weißt, ich mag Herausforderungen“, zärtlich küsste er ihren Hals und brachte seine Lippen nah an ihr Ohr, „ich dagegen weiß, dass Vorfreude den Lustgewinn durchaus zu steigern vermag“, spielte er auf ihren Abstecher in Ortis an. „Ausgehungert und darbend“, flüsterte er eindringlich. Dann hob er den Kopf und blickte ihr tief in die Augen. „Was meinst du, wie lange wir das durchhalten würden?“

"Wenn uns keine Pflichten abhalten oder ablenken? Und wir nicht schlafen?", fragte sie mit erhobener Augenbraue. "Zwei Stundengläser?"

„Zwei ganze Stunden?“, fragte Ruan gekränkt. „Sind deine Gefühle für mich etwa schon derart erkaltet?“

"Nein, ich habe die höhere Selbstbeherrschung und Willenskraft", meine sie verschwörerisch.

„Willst du es wirklich drauf ankommen lassen?“ Herausfordernd lächelte er sie an. "Oh ja", sagte sie und küsste ihn zärtlich. Ruan erwiderte den Kuss zunächst sanft, dann leidenschaftlicher. Doch mit einem Mal hielt er inne und löste sich von ihr.

„War das etwa schon zuviel?“, fragte er zunächst skeptisch, doch sogleich schlich sich wieder jenes jungenhafte Grinsen auf sein Gesicht. „Oder das?“ Mit den Fingern begann er, behutsam ihre Brüste zu umkreisen, wobei die Kreise kleiner und kleiner wurden. Dann senkten sich seine Lippen langsam hinab. Sein Blick jedoch hielt den ihren fest. Er sah, wie sie versuchte, seinen Blick zu halten, aber doch ab und an an einen unbestimmten Punkt an der Decke blickte. Und auch ihre Brustwarzen reagierten deutlich auf Ruans Liebkosungen. "Nein, geht noch." Ihre Stimme war fest, als sie antwortete, was dem Drausteiner ein anerkennendes Nicken abrang. „Gut“, er lächelte.

Dann setzte er sich langsam auf und schwang ein Bein über Gellis‘ Leib, so dass er rittlings auf ihren Schenkeln zu sitzen kam. Mit sanftem Druck hielten seine Beine die ihren umklammert, während er mit den Fingerspitzen sacht ihre Seite hinauf und wieder hinunter strich. Aufmerksam beobachtete er ihre Reaktion.

Ihre Gänsehaut unter seiner Berührung konnte er eigentlich sofort spüren und auch Gellis' Atmung, die schneller wurde, ihr Blick suchte immer öfter den nicht vorhandenen Punkt an der Decke. "Es sind doch schon ein und ein dreiviertel Stundenglas vorbei, oder?", meinte sie mit einem ganz leichten Zittern in der Stimme. „Mindestens“, grinste Ruan, machte jedoch keinerlei Anstalten, sie frei zu geben.„Das verdient Respekt“, meinte er dann, ehe er sich langsam nach vorn beugte und seine Hände mit den ihren verschränkte. Dann brachte er sein Gesicht nah vor ihres, ihre Lippen nur eine Handbreit voneinander entfernt. Spätestens jetzt bemerkte Gellis, wie sehr auch ihn ihr kleines Spiel erregte, doch noch hielt der Ritter der Versuchung stand.

Gellis schloss nun genussvoll die Augen, aber öffnete sie dann wieder. Waren sie zuvor erzwungen gleichgültig, lag nun eine Lust in ihnen, die beinahe zügellos wirkte. Aber sonst machte sie nicht den Eindruck, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Tatsächlich wirkte Ruan kurz irritiert. Dann jedoch schien es, als habe ihr Funke auch ihn erfasst, und Gellis fand ihre Lust in seinen Augen widergespiegelt.

Ohne den Blick von ihr abzuwenden näherten sich seine Lippen den ihren. Kurz bevor sie sich berührten, verharrte er, um dann einen zärtlichen Kuss auf ihre Oberlippe zu hauchen. Genussvoll schloss er die Augen.

Der Hauch des Kusses ließ Gellis' Körper beben, es war Ruan, als hätte er eine Tür geöffnet. Sie hob sich ihm zu einem weiteren Kuss entgegen, berührte aber nicht mit den Lippen die seinen, sondern ließ ihre Zunge federleicht über seine Lippen streichen. "Keinen Sandlauf kann ich ohne dich, wenn mich keine Aufgabe davon abhält", hauchte sie danach in sein Ohr, bevor sie zärtlich in sein Ohrläppchen biss.

Ein wohliger Schauder erfasste Ruan, und seine Stimme zitterte, als er seinerseits in ihr Ohr flüsterte: “Das musst du zum Glück auch nicht.” Sehr langsam senkte er seine Lippen herab und begann, zärtlich ihre Halsbeuge zu liebkosen. Zunächst war es nur der Hauch einer Berührung, gefolgt von einem neckischem Spiel seiner Zungenspitze. Dann jedoch spürte Gellis, wie seine Küsse fordernder wurden. Zeitgleich lockerte sich der Griff seiner Hände, was Gellis sofort nutzte und ihre Hände über Ruans Rückenmuskeln gleiten ließ, bis diese auf seinem Gesäß zu liegen kamen, das sie kraftvoll massierte.

“Nicht besonders selbstbeherrscht”, lächelte Ruan und schüttelte tadelnd den Kopf, während er sich langsam aufrichtete. Gellis grinste breit und beließ ihre Hände dort, wo sie waren. Sie betrachtete Ruan eindringlich, besah seine Haut, seine Muskeln, Stück für Stück, bis sie dann den Blick in seine Augen suchte. Der Stepahan hatte sich die ganze Zeit über nicht gerührt, seine Hände ruhten sacht auf Gellis’ Bauch, und auch der Druck seiner Schenkel hatte nachgelassen. Erstaunlich beherrscht begegnete er ihrem Blick, und nur das schnelle Heben und Senken seines Brustkorbs verriet, wie es in ihm aussah.

Die Winhallerin lächelte. "Jetzt verschwimmen unglaublich und unmöglich miteinander", sagte sie und richtete sich allein aus der Kraft ihrer Bauchmuskeln - Ruan fühlte, wie sie sich über seinen Händen anspannten - auf, ihre Lippen kurz vor seinen. Sie hielt sich, ohne sich mit den Händen abzustützen. “Ich habe nicht damit angefangen.” Seine Miene war nach wie vor ernst, doch Gellis konnte erkennen, wie seine Mundwinkel verdächtig zuckten. "Doch", sagte sie trotzig und ließ sich ganz langsam wieder zurück auf die Matratze sinken. "Du hast gefragt."

“Habe ich?”, nun lächelte Ruan. “Verzeih…, es ist schon mehr als zwei Stundengläser her. Ich erinnere mich nicht mehr so gut.” Und mit diesen Worten ließ er sich neben ihr aufs Bett fallen. Gellis hielt ein wenig den Abstand zwischen ihnen. "Sollten wir uns zeigen und einen kleinen Gang durch den Hof oder einen Ausritt machen? Sonst hätte ich neben anderem, weil ja zwei Stundengläser vorbei sind, noch etwas, das ich mit dir besprechen wollen würde."

“Ein Ausritt?” Grinsend musterte er sie. “In diesem Aufzug wäre das gleichermaßen unmöglich wie unglaublich.”

Seine Hand griff nach der ihren und überbrückte so die Distanz. Sanft hauchte er einen Kuss auf ihre Fingerspitzen, dann sah er sie über den Handrücken hinweg fragend an. Ein Hauch von Wehmut lag in seinem Blick. “Was möchtest du besprechen?”

"Den Ort unseres zweiten Bundes", meinte sie. "Ich habe noch einmal nachgedacht."

Ruan nickte, und Gellis spürte, wie auch die letzte Spannung aus seinem Körper entwich. “Also?”, fragte er dann, während er seine Hand, die noch immer die ihre hielt, langsam zurück aufs Laken sinken ließ.

"So sehr mich immer etwas ganz Besonderes mit Draustein verbinden wird", sie lächelte verträumt, "dazu waren dieser Abend und die Nacht mit dir", sie suchte nach Worten "zu einzigartig, zu lebensverändernd. Es ist ein Ort, der Zauber für uns beide hat. Außerdem würde er ein Signal setzen, dass mir wiederum zu nah an deiner Familie liegt. Versteh mich nicht falsch, aber aus Sicht der Ahawar trete ich zurück, und das muss ich nicht durch Draustein verstärken. Verstehst du, was ich meine?"

“Voll und ganz.” Ruan lächelte. “Wir haben über neue Wege gesprochen. Da ist Draustein vermutlich nicht der richtige Ort, um zu beginnen.”

"Ja, neue Wege. Ich würde gern einen Ort in Havena für uns finden, an dem wir feiern können. Vielleicht auch gar nicht bei einer unserer Familien. Das weiß ich noch nicht, aber Havena wäre es nun für mich." Gellis war unsicher, aber sie sprach frei heraus. Sie wusste, dass sie dies bei Ruan konnte.

“Gut, denn das wäre auch meine Wahl gewesen.” Er stützte sich auf einen Ellenbogen und neigte den Kopf, um ihr einen zärtlichen Kuss zu geben. Sie beugte sich ihm entgegen und erwiderte den Kuss voller Genuss. "Und wieder sind wir uns einig und werden diesen Ort zusammen finden", sagte sie. Sie küsste ihn noch einmal ähnlich zärtlich. "Lass uns hier im Bett bleiben, wenn wir keine anderen Verpflichtungen haben", sagte sie dann. "Solche Tage werden schon ganz bald bestimmt selten werden." Damit schloss sie die Distanz zwischen ihnen, legte den Kopf an seine eine, die Hand an seine andere Schulter und ihr Bein über die seinen.

Der wehmütige Ausdruck, der noch vor wenigen Augenblicken in Ruans Gesicht gelegen hatte, war nun gänzlich verschwunden. Mit einem glücklichen Lächeln zog er Gellis zu sich heran und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. Dann grinste er und fragte: “Und? Wie viele Stundengläser warten wir diesmal?”

"Wir lassen uns einfach treiben", lächelte sie und streichelte Ruan verträumt mit den Fingerspitzen. "Ich bin so froh, dass wir uns gefunden haben", sagte sie, während sie von seiner Achsel über seine Seite bis hin zu seinen Lenden strich, kurz dort verweilte und dann, begleitet von Ruans wohligem Seufzen, wieder hinauf, um den Bauchnabel herum zu seiner Brust, die Brustwarzen liebkosend, zurück zu seinem Gesicht fuhr. Der Stepahan spürte, wie sein Atem immer flacher wurde, während sein Magen sich gleichzeitig voll Vorfreude zusammenzog. Kurz schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, lag ein solches Verlangen darin, dass man meinen konnte, seit ihrem letzten Zusammensein seien Monde, nicht erst wenige Stunden vergangen.

Gellis zog sein Gesicht zu sich, küsste ihn voll Leidenschaft und löste sich dann von ihm, um den Weg ihrer Hände mit Lippen und Zunge zu beschreiten. Die Reaktion seines Körpers war unmissverständlich, und er musste seine Finger tief in die Kissen graben, um sich davon abzubringen, sie sofort zu nehmen. Um Kontrolle bemüht, fixierte er eben jenen Punkt an der Decke, den zuvor Gellis so hingebungsvoll angestarrt hatte.

Deren nächster Kuss auf seinen Mund war ähnlich dem letzten, doch spürte Ruan, dass allein davon, dass sie ihn verwöhnte, ihr Verlangen gestiegen war. Mit dem Kuss lehnte sie sich zurück und versuchte so, ihn auf sich zu locken, was ihr ohne Weiteres gelang. Kaum hatte sie sich von ihm zurückgezogen, war der Ritter auch schon über ihr. Erneut fanden seine Lippen die ihren und all seine Leidenschaft schien sich in diesem einen Kuss zu entladen. Als sie kurz voneinander abließen, um nach Luft zu schnappen, nutzte Ruan die Gelegenheit, sich zwischen ihre Schenkel zu drängen. Doch sogleich küsste er sie wieder voll Verlangen. Erneut verschränkten sich seine Finger mit ihren, doch sein Blick war nicht mehr ruhig und besonnen. Aus seinen Augen strahlte wildes Verlangen, und als sein Mund sich diesmal hinab senkte, waren es nicht Gellis‘ Lippen, auf die er es abgesehen hatte. Im nächsten Moment spürte die Winhallerin, wie sich Ruans Zähne in ihren Hals gruben, sanft zwar, doch das Feuer seiner Leidenschaft ließ ihn offenbar für einen Moment das Gefühl für das rechte Maß vermissen, so dass ein kurzer, stechender Schmerz ihren Körper durchfuhr.

Dass Gellis so reagierte, überraschte sie selbst, aber ein wollüstiges Stöhnen entfuhr ihrer Kehle und ihre Hände, die Ruan gerade über den Rücken strichen, krallten sich hemmungslos in seine Muskeln. Nun war er es, der lustvoll aufstöhnte. Mit einem Ruck hob er den Kopf, und seine Augen funkelten vor Begierde. Seine Hand griff in ihr Haar, während die andere sich in ihre Schulter krallte. Die Ritterin biss sich auf die Unterlippe, um ihr Aufstöhnen zu unterdrücken und bäumte sich unter ihrem Verlobten auf. Gellis verhielt sich vollkommen intuitiv, sie kannte diese Gefühle und dieses Vorgehen während des Aktes gar nicht, aber ihr Körper reagierte mit höchster Lust, und sie ließ sich vollkommen in diesen Gefühlen fallen. Ihre Hände kratzten Ruans Rücken hinunter bis zu seinem Gesäß und krallten sich dort fest, um ihn so nah, wie möglich an sich zu spüren.

Er gab ihrem Drängen nach, und als ihre Körper aufeinander trafen, riss er zeitgleich mit der Linken ihren Kopf an den Haaren nach hinten und blickte ihr fest in die Augen. Der Ausdruck darin war Gellis neu, schien er doch gleichzeitig lodernde Begierde und kühle Distanz zu vermitteln. Für einen Moment verharrte Ruan. Sein Blick glitt über ihr Gesicht hinab zu ihren Brüsten und wieder zurück zu ihren Augen. Mit einem überlegenen Lächeln krallte sich seine Rechte dann fest in ihren Rücken, ehe er erneut seine Zähne in ihrem Hals vergrub, kontrollierter diesmal, bewusster.

Es fühlte sich für Ruan an, als zerflösse Gellis unter seinen Berührungen und Bissen. Sie stöhnte wohlig unter ihm und er bemerkte, jetzt, da er bewusster handelte, dass sein Tun sie unglaublich erregte. Als er schon dachte, sie würde vor Genuss vollkommen passiv unter ihm werden, legte sie beide Hände an seine Schultern und schien ihn von sich so wegdrücken zu wollen, damit sie die Oberhand erlangen könnte. Doch Ruan hielt gegen ihren Druck und zwang sie, weiterhin unter sich zu bleiben. Ihr Blick in seine Augen zeugte von nichts sonst, als von loderndem Feuer.

Gellis Gegenwehr schien Ruans Lust nur noch weiter anzufachen. Er löste den Griff seiner Linken aus ihrem Haar, nur um sogleich fest in ihren Nacken zu greifen und ihren Kopf zu sich heranzuziehen. Kurz bevor ihre Lippen sich trafen, verharrte er, und sein Mund verzog sich zu einem beinahe hochmütigen Lächeln. Dabei strich seine Rechte überraschend sanft über Gellis’ Rücken, ihre Seite hinab und wieder hinauf. Dann, mit einem Mal schloss sich seine Hand fest um ihre Brust, und während er lustvoll begann, mit seinen Fingerspitzen ihre Brustwarzen zu reizen, senkten sich seine Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss auf die ihren.

Sein Kuss erstickte ihre Laute so, wie das Kissen zuvor, doch dann nutzte Gellis ihre Möglichkeiten und griff mit ihren Zähnen Ruans Zunge und biss zu. Sie schmeckte Blut, und ungefähr im selben Moment drang ein unterdrückter Schmerzenslaut an ihr Ohr. Für einen Moment lockerte Ruan den Griff seiner Hände, während er versuchte, wieder Herr seiner Sinne zu werden.

Zu ihrer eigenen Verwunderung stockte sie nicht, als sie merkte, dass sie wohl etwas zu weit gegangen war, sondern nutzte die Gelegenheit, um noch einmal zu versuchen, die Oberhand zu gewinnen. Es gelang ihr und sie konnte Ruans Oberkörper von sich wegdrücken, um sich auf ihn zu setzen. Ganz bewusst wählte sie nur eines seiner Beine, um darauf zum Sitzen zu kommen. Sie betrachtete ihn kurz, während sie sich mit den Händen an seinen Schultern über ihn beugte, ihr blondes Haar, nun wild offen vom Liebesspiel, kitzelte sanft die Haut seines Oberkörpers. Sie sah ihm fordernd und liebestoll in die Augen, um zu ergründen, wie es ihm nun gehen würde. Er erwiderte ihren Blick mit einem frechen Grinsen, und ehe sie sich versah, hatte er seine Arme um sie geschlungen und versuchte, sie zu sich heranzuziehen, ohne dabei seine Augen von ihren zu lösen. Sie beugte sich weiter zu ihm hinab, und ihr Oberschenkel, den sie bewusst zwischen seinen Beinen platziert hatte, übte mit jedem Stück, dass er sie zu sich zog mehr Druck auf seine empfindlichste Stelle aus.

Gellis bemerkte, wie Ruan kurz den Atem anhielt, als ihm dieser Umstand bewusst wurde. Augenblicklich ließ sein Drängen nach, und seine Hände wanderten nun ebenfalls zu ihren Schultern, wenn auch wohl mehr, um sie daran zu hindern, sich noch weiter zu ihm hinab zu beugen. Fragend hob er eine Augenbraue und blickte sie aus großen Augen an. Zu seiner Überraschung ließ sich Gellis wieder zur Seite sinken und dirigierte ihn wieder auf sich. Dann beugte sie sich zu ihm hoch und flüsterte in sein Ohr, so dass ihre Lippen und ihr Atem ihn liebkosten. “Mach du wieder weiter, ich scheine noch einiges von dir lernen zu können.”

Der Drausteiner lächelte angesichts ihrer Bemerkung. “Ich muss dich enttäuschen”, meinte er dann ebenso leise und hauchte einen Kuss auf ihre Wange, “aber auch ich lasse mich rein vom Moment leiten.” Und mit diesen Worten ergriff er ihre Handgelenke und drückte sie sanft, aber bestimmt zurück auf das Bett. Genussvoll begann er, ihre nackten Haut mit Küssen zu bedecken. Dabei arbeitete er sich langsam von ihrem Arm über ihre Brüste hinab zu ihrem Schoß. Doch anders als am Morgen hielt er in eben dem Moment inne, als er spürte, dass Gellis’ Körper sich ihm erwartungsvoll entgegen reckte. Mit einem provozierendem Lächeln blickte er zu ihr auf, während seine Fingerspitzen sanft ihre Leiste entlang fuhren.

Sie hatte ihre Augen geschlossen, so bemerkte sie seinen Blick nicht. Sie wollte gar nicht sehen und damit wissen, was er vorhatte, sie wollte nur noch genießen. Ihr Atem ging schnell unter seiner Berührung, wohl gerade auch, weil sie nicht das war, was sie erwartet hatte oder sich vor Erwartung anspannte.

Als Ruan sich dessen gewahr wurde, wandelte sich sein Lächeln, und voll Zärtlichkeit und Hingabe betrachtete er Gellis für einen langen Moment. Dann, einer Eingebung folgend, ging sein Blick zu dem Schreibpult. Kurz schien er abzuwägen, dann wisperte er ein leises “Bleib genauso” in Richtung seiner Liebsten und erhob sich vom Bett. Auch, wenn es sie drängte, ihm mit dem Blick zu folgen, hielt Gellis die Augen geschlossen.

Das nächste, was sie spürte, war ein sanftes Kitzeln, das langsam, aber stetig von ihrem Bauchnabel zu ihren Brüsten hinauf wanderte. Zärtlich strich etwas leicht über ihre Brustwarzen, nur um sich dann in gerader Linie wieder in Richtung ihres Schoßes zu bewegen. Doch als sie sich bereits in Erwartung der nun folgenden Berührung anspannen wollte, spürte sie mit einem Mal, wie etwas ihr Augenlid berührte, und erst mit Verzögerung nahm sie wahr, wie Ruans Lippen sich auf die ihren legten, um ihr einen innigen Kuss zu schenken. Sie erwiderte den Kuss ungeduldig und suchte, noch immer mit geschlossenen Augen, Ruans Körper, um ihn forsch zu erkunden und zu erfahren, ob ihre ungewollt zu unsanfte Unterbrechung ihm die eigene Stimmung genommen hatte, doch das Gegenteil schien der Fall. Allein das Zittern seines Körpers verriet ihr, dass ihn die Situation deutlich erregte, und als ihre Hand tiefer wanderte, lösten sich auch Ruans Lippen von ihren, und er richtete sich langsam auf.

Sie spürte, wie er sanft ihre Beine auseinander dirigierte. Lustvoll strichen seine Fingerspitzen an der Innenseite ihrer Schenkel hinauf, doch noch ehe sie ihr Ziel erreicht hatten, umfasste Ruan ihr Gesäß und hob es an, um in einer raschen Bewegung in sie einzudringen. Als sie ihn in sich spürte, riss Gellis die Augen auf und sah Ruan mit einem Blick in die Augen, der von höchstem Glück zeugte. Ihre Bewegungen unter ihm zeugten weiterhin von ihrer Ungeduld.

Kurz war Ruan versucht, sich ihr zu verweigern, um ihr Spiel auf die Spitze zu treiben, doch schließlich siegte sein Verlangen, und er gab ihrem Drängen nur zu gerne nach. Gellis blieb nichts von ihrem anfänglichen Willen, ihre Begierde im Zaum zu halten. Zu lange hatte sie auf dem Moment gewartet, ihn in sich zu spüren, dass sie schon nach seinen ersten Stößen kam. Doch schien ihre Lust damit keinesfalls verbraucht, ihre Erregung war kaum verblichen, als sie sich Ruan weiter entgegenhob und ihm das Gefühl gab, sich weiterhin ganz auf ihn einzulassen. Ihre Hände strichen von seinem Gesäß seine Seite hinauf, um sich dann auf seine Brust zu legen und die Brustwarzen zu liebkosen.

Nun, da Ruan sich ganz auf sich und seine Lust konzentrieren konnte, dauerte es nicht lange, bis auch er den Höhepunkt erreichte. Anders als Gellis es von ihm gewohnt war, entwich ihm dabei nicht nur ein unterdrücktes Stöhnen. Vielmehr war es, als legte er all seine Begierde und all sein Verlangen in diesen Aufschrei, und als er Gellis anschließend glücklich und gelöst in die Augen sah, lag tiefe Befriedigung in seinem Blick. Gellis küsste ihn, lang und voller Zärtlichkeit, dann zog sie ihn zu sich, seinen Kopf auf ihre Schulter, ihre Lippen auf seinem Scheitel, ihre Hand auf seinen Rücken, die ihn verträumt streichelte.

Ein tiefer Seufzer entrann Ruans Kehle, während das wohlige Gefühl nur langsam wich und einer ungleich größeren Empfindung Platz machte. Gellis war, als habe sich ihr Verlobter nie zuvor so tief in ihre Umarmung fallen lassen. Seine Beine verschränkten sich mit den ihren, während seine Lippen zärtlich ihre nackte Haut liebkosten. „Unglaublich“, flüsterte er beseelt, und Gelli hörte, dass er lächelte. Sie fiel in sein Lächeln ein, war aber vollkommen sprachlos vor Überraschung über sich selbst und die Reaktionen ihres Körpers. Diese Erfahrung, einem Mann auf diese Art zu vertrauen und sich ganz und gar hinzugeben, erfüllte sie mit einem unglaublichen inneren Glück und einer noch tieferen, beinahe schmerzenden Liebe zu Ruan. Unweigerlich schluckte sie schwer, ob der Emotionen, die in ihr tobten.

Unwillkürlich hob der Drausteiner den Kopf und blickte sie besorgt an. Als er jedoch ihres Lächelns gewahr wurde, stieß er erleichtert die Luft aus. Zärtlich strich er mit dem Handrücken über ihre Wange und betrachtete sie versonnen. “Danke”, meinte er dann, und es klang ehrlich und aufrichtig. Gellis Lächeln erreichte ihre Augen in einem Ausmaß, das er bei ihr noch nie gesehen hatte, pures Glück schlug ihm entgegen. Aber sie fand keine Worte, das auszudrücken, was sie empfand oder ihm antworten konnte, nur ihr Kuss, den sie Ruan nach seinen Worten gab, vermochte das. Nur allzu gern überließ dieser erneut ihren Körpern das Reden, und das erste Mal, seit ihrem Aufbruch in Ortis, schwiegen sämtliche Gedanken und er fühlte sich ganz im Hier und Jetzt.

Abschied von Bredenhag

Burg Bredenhag
23. Travia 1042 BF

Ohne ein Wort darüber gewechselt zu haben, spürten Gellis und Ruan gleichermaßen, dass ihre Verbindung an diesem Tag eine neue Ebene erreicht hatte. Und doch mussten sie ihre rahjagefällige Zweisamkeit irgendwann aufgeben, allein schon, da Gellis’ Magengrummeln mehr als deutlich machte, dass man von Luft und Liebe allein eben doch nicht leben konnte. So hatten sie sich schweren Herzens angekleidet und sich gemeinsam auf die Suche nach etwas Essbarem begeben. Anschließend hatten sie noch wie versprochen Josold und Siana aufgesucht, um ihnen die Entscheidung des Grafen zu verkünden.

Als sie anschließend noch ein wenig im Hof verweilten, um die Schwertlektionen Josolds von Firunsgrund zu verfolgen, hatte sich Gellis verschwörerisch zu Ruan gewandt: “Naja, die Ähnlichkeit mit meinem Vater, von der du sprachst…”, spielte sie auf ihr Gespräch am Kamin an, schüttelte dann aber entschieden den Kopf: “Nein. Der Ahawar ist eindeutig rücksichtsloser bei Waffenübungen.”

“Nun”, grinste Ruan, “das kannst du eindeutig besser beurteilen… zum Glück. Ich bin jedenfalls ganz froh drum, dass Worte die Waffen unserer Wahl waren.”

Schließlich hatte Gellis darauf gedrängt, zu ihrer Kammer zurückzukehren, da sie noch ein Schreiben an ihren Vater aufzusetzen gedachte, in dem sie kurz das Gespräch mit dem Grafen umriss. Als sie anschließend noch einmal Ruans Schwester aufsuchten, wandte sich die Winhallerin vertrauensvoll an diese. “Ich weiß, Ihr seid Ritterin und keine Botenreiterin”, eröffnete sie das Gespräch und entlockte Ruada damit sogleich ein Lächeln, “aber”, fuhr sie fort und überreichte ihr das Pergament, “ich möchte Euch diesen Brief anvertrauen, und niemandem sonst. Würdet Ihr ihn meinem Vater übergeben, wenn er Bredenhag erreicht?”

Ohne zu zögern nahm Ruada das Schreiben entgegen. “Keine Sorge”, meinte sie, “ich fühle mich durchaus geschmeichelt. Und vielleicht ergibt sich dann ja auch die Gelegenheit für mich, ein paar Worte mit Eurem Vater zu wechseln, um mir darüber klar zu werden, ob ich mich ihm bezüglich meines kleinen... Problems anvertrauten möchte.”

“Habt Dank”, entgegnete Gellis, “und alles Gute für Euch. Ich hoffe, wir finden bald wieder die Gelegenheit für einen Plausch am Kamin.” Die Drausteinerin grinste verschmitzt. “Oh, da bin ich sicher. Spätestens bei Eurem ersten Bund. Und der wird ja wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen”, fügte sie mit einem verschwörerischen Blick auf Gellis’ Körpermitte hinzu. “Ich bin mir recht sicher, wenn Ihr in dieser Geschwindigkeit weitermacht, werdet bei unserem nächsten Gespräch Ihr diejenige sein, die Dinge über meinen Bruder zu berichten weiß, von denen ich bislang nicht den Hauch einer Ahnung hatte.” Kurz schien es, als sei alles gesagt, dann jedoch beugte sich Ruada noch einmal näher zu Gellis und flüsterte, so dass nur sie und Ruan es verstehen konnten: “Achtet gut auf meine Nichte.”

Amüsiert stellte Ruada fest, dass der Winhallerin für einen Moment die Worte fehlten, doch ihr Lächeln zu Ruan sprach von so tiefer Liebe, dass es selbst Außenstehenden einen Stich ins Herz versetzen mochte. Die Stepahan seufzte leise. “Das werden wir”, holte Gellis’ Stimme sie jedoch sogleich ins Hier und Jetzt zurück, und es schien, als habe sie damit wohl auf beide Äußerungen Ruadas geantwortet. “Gut”, lächelte diese und zwinkerte ihrem Bruder vergnügt zu.