Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 07: Abschied und Neubeginn

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Zweisamkeit

Feste Iauncyll, Ortis
Am Morgen des 14. Travia 1042 BF

Als Ruan das erste Mal erwachte, war es beinahe noch dunkel. Eine Weile lauschte er den gleichmäßigen Atemzügen Gellis‘, und er verspürte eine Wärme und Geborgenheit, wie er sie noch nie gekannt hatte. Ehrfürchtig verharrte er, bis seine Gedanken sich nach einer Weile wie gewohnt den bevorstehenden Aufgaben zuwenden wollten. Doch der Drausteiner musste feststellen, dass - abgesehen von dem Schreiben an Graf Arlan - rein gar nichts seiner Aufmerksamkeit bedurfte. ‚Das wird in Havena wohl nur sehr selten der Fall sein’, hörte er eine leise Stimme in seinem Kopf. Doch Ruan spürte keinen Wehmut - vielmehr Dankbarkeit für die kostbaren Tage, die ihnen zuletzt in Draustein und nun hier in Winhall geschenkt worden waren. Mit einem glücklichen Lächeln kuschelte er sich an seine Verlobte und schloss erneut die Augen.

Gellis erwachte langsam, als sie Ruans Berührung spürte. Sie wehrte sich jedoch dagegen, jetzt schon, sei es gedanklich oder körperlich, der Zweisamkeit zu entfliehen. `Die Dritte im Bunde meldet sich´, dachte sie, als sie merkte, wie ihr Galle aufstieg und die Übelkeit kam.

Vorsichtig löste sie sich von Ruan und griff zu ihrer Gürteltasche, die sie vorsorglich nah am Bett platziert hatte. Kurz lag der Fuchs in ihrem Händen und sie lächelte, doch dies war nicht das, was sie suchte. Schnell nahm sie ein Stück getrockneten Apfel in den Mund und ließ sich ins Bett zurücksinken. Der süße Geschmack und das Kauen halfen und mit einem Seufzen kuschelte sie sich an ihren Verlobten und schloss erneut die Augen.

Ruan träumte - wirre Bilder wechselten sich in rascher Folge ab, und als er schließlich aus tiefem Schlaf hochfuhr, erinnerte er sich nur mehr an Bruchstücke. Der Duft von Äpfeln dagegen schien ihm dort wie hier sehr real. Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seit er das erste Mal an diesem Morgen die Augen geöffnet hatte? Ob Aegwyn bereits…? Nein, ein Blick auf die schlafende Gellis zeigte ihm, dass es so spät noch nicht sein konnte und wohl bislang auch niemand das Zimmer betreten hatte. Er könnte die Zeit nutzen, um den Brief… Sein Gedanke wurde jäh unterbrochen, als ein tiefer Hornstoß erklang. Ruan spürte ihn mehr, als dass er ihn hörte. Neben ihm erwachte Gellis, setzte sich schnell auf und ließ sich sofort wieder mit einem "Zu schnell" zurück in die Kissen sinken.

Sofort robbte Ruan zur Bettkante und suchte den Boden darunter nach einem Nachttopf ab. „Langsam bekomme ich Übung“, meinte er nur, als er beherzt danach griff und sich wieder aufrichtete. Das Gefäß in der Hand blickte er fragend Gellis an.

Diese lächelte blass. "Geht schon, ich kann ja liegen bleiben. Stell ihn am besten hier auf meine Seite. Augenscheinlich hat der Hornstoß immernoch seine Wirkung auf mich", grinste sie, jetzt mit ein wenig mehr Farbe im Gesicht. "Es ist der letzte Weckruf für die Iauncyll. Durch den dumpfen Ton spürt man ihn auf der ganzen Burg."

Ruan folgte ihrem Wunsch, ehe er sich wieder neben Gellis niederließ. Einen Arm aufgestützt, betrachtete er sie versonnen. „Und was passiert mit denen, die auch dem letzten Weckruf nicht folgen?“, zwinkerte er und grinste.

"Die müssen… ", weiter kam sie nicht, denn es klopfte, zweimal kurz - Pause- zweimal kurz. "Aegwyn", meinte Gellis. Ruan konnte seine Enttäuschung nicht verhehlen, hätte er doch gern noch ein wenig die Zweisamkeit genossen. Unsicher blickte er zu Gellis. „Ich sollte mich wohl anziehen, ehe ich die Tür öffne?“

Auch Gellis schien enttäuscht und seufzte, dann aber lächelte sie neckend. "Nun, dann muss ich dich eben gleich wieder ausziehen." Dann küsste sie ihn zärtlich, was ihm offenbar Motivation genug war. Eilig stand Ruan auf und zog sich Hemd und Bruche an, um dann mit einem skeptischen “Ich hoffe, es ist wirklich deine Schwester” die Klinke hinunter zu drücken und die Tür einen Spalt breit aufzuschieben. Gellis hatte Recht, es war Aegwyn, die freundlicher Miene vor der Tür stand. "Guten Morgen, Hoher Herr. "Sie knickste und schaute, ganz Magd, etwas zu Boden. Der Stepahan erwiderte den Gruß freundlich. "Zwei Becher Apfelmost, heißes Wasser und zwei Äpfel. Und ich habe Euch noch zwei mit Schinken und Käse gefüllte Brötchen dazu getan, für später." Ruan lächelte. „Das heißt dann wohl, dass niemand uns zum Essen erwartet“, meinte er leise. „Sehr gut.“ Er ließ Aegwyn ein und deutete zum Schreibtisch. „Stell es gern dort ab, und hab vielen Dank.“ Dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Ich Ochse“, meinte er dann zu Gellis gewandt. „Die Kräuter sind in deiner Kammer, nicht wahr?“

Während Aegwyn tat, wie ihr geheißen, schnalzte Gellis strafend mit der Zunge. "Ochse?", fragte sie ungläubig. "Das glaube ich eher nicht." Sie strich sich vielsagend den Bauch. Dann ergänzte sie schmunzelnd. "Und was meinst du, wo die Kräuter sind, wenn meine Mutter mir eine Gürteltasche packt?"

Ruan grinste erleichtert. „Ich sehe schon“, er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, „ich muss mir um unseren Nachwuchs wenig Gedanken machen. Sie wird mich wahrscheinlich an Gewitztheit übertreffen, ehe sie laufen kann. Und an Feenküsschen“, fügte er hinzu, während er nach dem Becher griff, „so wie du es dir gewünscht hast.“ Mit einem Zwinkern reichte er Gellis das heiße Wasser, auf dass sie die Kräuter hinzufügen möge.

Aegwyn hatte derweil das Tablett abgestellt. "Ich störe euch nur ungern und daher auch nur kurz. Gellis, mach dir um das Packen keine Sorgen. Ich mache das. Die beiden großen Packtaschen oder die Reisetruhen?" Während Gellis im Bett sitzend den Tee in den Becher tat, antwortete sie. "Nimm die Truhen, bitte, da geht mehr rein. Und, danke dir!" Aegwyn knickste zu beiden und machte sich auf den Weg aus dem Zimmer.

„Fragt sich nur noch, wo die Truhen letztlich ihre neue Heimstatt finden werden“, murmelte Ruan mehr zu sich selbst. Dann schien ihm ein neuer Gedanke zu kommen. „Sieht ganz so aus, als wären wir beim nächsten Treffen der Besten schon eine richtige Familie.“ Glücklich strahlte er Gellis an, während er sich neben sie aufs Bett setzte.

Gellis lächelte, während Aegwyn den Raum verließ. "Reisen wir hin? Ich würde gern wieder antreten. Du auch? Und wir hätten Zeit zusammen." Ruan schien kurz zu überlegen. „So rasch schon wieder…“, murmelte er, doch dann grinste er und legte den Arm um sie. „Ja, dir ist es in der Tat zuzutrauen. Aber unsere Kleine nimmst du bitte nicht mit ins Geviert.“ Liebevoll strich er über ihren Bauch und küsste sie zärtlich.

"Ich erinnere mich noch recht gut daran, dass Mutter nach der Geburt meines jüngsten Bruders nach einem halben Mond wieder am Schreibtisch saß. Dann werde ich es schon nach knapp zwei Monden wieder an der Waffe zeigen können", sagte sie und setzte dann nach kurzem Überlegen nach. "Ich sollte noch einmal mit ihr sprechen, bevor wir aufbrechen. Würdest du mit mir und ihr zu Abend essen?"

“Ausritte, Anornin, Abendessen…”, Ruan seufzte in gespielter Verzweiflung, “ich habe mir das Leben an deiner Seite bei weitem weniger anstrengend vorgestellt. Was kommt wohl als nächstes? Bootsfahrten, Badetage und Boltanspiel?”

Gellis lächelte und trank einen großen Schluck Tee. Dann setzte sie sich an den Rand des Bettes. "Komm' her, ich hab' dir etwas versprochen", lächelte sie.

Langsam begann sie seinen Gürtel zu lösen, als sie weitersprach, und Ruan ertappte sich bei dem Gedanken, dass die Unterbrechungen auch ihr Gutes hatten. Immerhin führten sie ihm jedes Mal wieder vor Augen, wie kostbar die Momente mit Gellis waren. Doch als er sich bereits ganz dem vorfreudigen Kribbeln hingeben wollte, kam die Ritterin erneut auf ihre Frage zurück. "Ich war mir einfach unsicher, weil sie nicht von Stand ist."

Der Drausteiner stutzte und blickte sie ernst an. „Gellis“, zärtlich nahm er ihr Gesicht in beide Hände und gab ihr einen Kuss, „deine Familie ist perfekt, so wie sie ist. Du bist perfekt für mich.“ Wieder küsste er sie. „Ich bin deiner Mutter unendlich dankbar, dass sie eine so kluge und starke Frau aufgezogen hat, und dass sie uns noch dazu in unserem Unterfangen unterstützt. Und außerdem mag ich sie“, fügte er lächelnd hinzu.

"Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr mich das freut, Ruan", sagte sie gerührt und zog ihn wieder zu sich. “Oh, du gibst dir schon viel Mühe, es mir zu zeigen”, entgegnete dieser mit einem feinen Lächeln, als sich auch schon ihre Lippen fanden und jeden weiteren Gedanken des Drausteiners zum Schweigen brachten. Und über diesen Kuss und Ruans Worte gelang es auch Gellis, die Sorgen beiseite zu schieben. Nur das Glück blieb, Ruan gefunden zu haben und diesen wundervollen Mann ihren Verlobten nennen zu können.

Sie stand vorsichtig auf, zum Glück blieb die Übelkeit in einem erträglichen Maß. So konnte sie Ruan das Hemd über den Kopf ziehen und seinen Oberkörper mit Küssen bedecken, während sie seinen Rücken streichelte und langsam nach unten wanderte. Mit einem wohligen Seufzen lehnte sich der Drausteiner nach hinten und stützte sich auf seine Unterarme, so dass Gellis ihm problemlos auch die Bruche ausziehen konnte. Ein erwartungsvolles Lächeln umspielte seine Lippen, doch er überließ ihr die Initiative. Gellis löste den Knoten der Bruche blickte mit einem feinen Lächeln auf seine wachsende Erregung. Es gab wenige Stellen von Ruans Körper, die sie noch nicht mit den Lippen erkundet hatte, und es reizte sie, es eine Stelle weniger werden zu lassen. Ruan bemerkte, dass es ihn Überwindung kostete, das, was er bei anderen Frauen durchaus zu genießen verstand, auch mit Gellis zuzulassen. Zu stark war sein Wunsch, ihr ebenfalls Lust zu bereiten und auf diese Weise dem Gleichklang ihrer Herzen auch vor Rahja Ausdruck zu verleihen. Doch mit der Zeit übernahm mehr und mehr sein Verlangen die Führung, und er begann, das süße Geschenk, das sie ihm so offen gewährte, mit allen Sinnen auszukosten. Im Gegensatz zu Ruans Annahme genoss Gellis, wenn auch auf andere ganz andere Art und Weise. Sie mochte es, Ruan ganz bewusst zu erregen, ohne ihre Aufmerksamkeit aufgrund ihrer eigenen Lust abwenden zu müssen. Das Miterleben seiner Erregung und ihre Freude daran, ihm diesen zu verschaffen, war ihr im Moment ganz und gar genug. Dies schien auch Ruan nicht verborgen zu bleiben. Den Blick auf Gellis gerichtet, ließ der Ritter schließlich auch den letzten Rest Widerstand fahren und gab sich völlig in ihre Hände, um sich von ihr zum Höhepunkt tragen zu lassen.

Als sich die Spannung seines Körpers langsam löste und er wieder zu Atem kam, legte sich ein zufriedenes Lächeln auf Ruans Gesicht. Er stieß noch einmal hörbar die Luft aus, dann richtete er sich auf, um Gellis in seine Arme zu schließen und zu sich aufs Bett zu ziehen. Sein Blick zeugte von tiefer Liebe und Erfüllung, als er sie sanft an sich drückte und ihr einen langen und innigen Kuss gab. Auch wenn er es nicht für möglich gehalten hatte, so kam es dem Drausteiner doch so vor, als habe sein Gefühl der Verbundenheit und Hingabe zu Gellis einen neuen Höhepunkt erreicht. “Wirst du jemals aufhören, mich mit jeden Tag noch verrückter nach dir zu machen?”, neckte er sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Nasenspitze.

"Nein", stellte sie glücklich lächelnd fest und ließ ihre Fingerspitzen noch immer nicht zur Ruhe kommen, während sie sich an ihn schmiegte. Eine Weile blieben sie liegen, und Ruan spürte, dass Gellis' Streicheln verebbte und sie in einen leichten Schlaf fiel. Gelöst und glücklich betrachtete er ihre Züge und dankte der Heiteren, dass sie Gellis und ihn zusammengeführt hatte. Dann schließlich schloss auch der Drausteiner die Augen, und bald darauf schliefen beide eng aneinander geschmiegt ein.

Als er das nächste Mal wach wurde, war das erste, was er verspürte, ein unbändiger Durst. Vorsichtig, um Gellis nicht zu wecken, erhob er sich und verhalf sich selbst zu einem Schluck Apfelmost. Den Blick auf das Himmelbett und seine schlafende Verlobte gerichtet, malte er sich aus, wie sich ein Leben an ihrer Seite wohl gestalten würde. Sie hatte ohne Frage ihren eigenen Kopf, und dafür war Ruan mehr als dankbar. Einer Eingebung folgend schob er ihr Frühstück beiseite, setzte sich an den Schreibtisch und öffnete das Tintenfass.

Nach seinen ersten Zeilen regte sich Gellis. Sie seufzte genüsslich, trank noch etwas Tee und stützte sich dann auf den Ellenbogen, um den Stepahan zu betrachten. Doch dieser schien sie zunächst gar nicht wahrzunehmen. Mit konzentrierter Miene ließ er die Feder über das Pergament kratzen und unterbrach sich nur, um wieder etwas Tinte aufzunehmen. Schließlich schien er am Ende seines Briefes angekommen. Mit kritischem Blick las er das Schreiben noch einmal durch und verharrte. Eine Weile starrte er das Pergament an, dann zuckte er mit den Schultern und setzte mit Schwung ein letztes Wort darunter.

Erst jetzt ging sein Blick wieder zum Bett, und Ruan erschrak. “Verzeih”, meinte er dann kleinlaut und erhob sich. “Aber es ist ohnehin schon deutlich später als…, aber egal.” Mit einer raschen Bewegung war er bei ihr und ließ sich neben Gellis auf dem Bett nieder. “Guten Morgen”, flüsterte er und küsste sie. “Ein weiteres Mal”, fügte er dann grinsend hinzu.

Sie lächelte ihn glücklich an. "Danke für den trägsten Morgen meines Lebens. Du hast Recht, wir sollten die Pferde satteln lassen und zur Botenstation in Ortis reiten. Dann können wir unseren Weg zur Brennerei fortsetzen." Die Ahawar lächelte erst, wurde dann aber ernst und nickte zum Schreibtisch. "An Hochwohlgeboren?"

“Auch”, lächelte er, “mir fehlt nur noch der richtige Abschluss. Aber vielleicht magst du mir helfen?” Mit einem Grinsen erhob er sich erneut und angelte nach den Pergamenten. Er ordnete sie rasch und reichte Gellis dann zwei Blätter. Ein weiteres behielt er in der Hand und betrachtete es kritisch.

Gellis begann zu lesen...


Winhall, Feste Iauncyll,
14. Travia 1042 BF

Hochwohlgeborener Herr Graf,
geschätzter Vetter,

Rondra und Travia zum Gruße. Ich schreibe Euch in einer persönlichen Angelegenheit und komme damit auf ein Gespräch zurück, dass wir im Heerlager zu Honingen im Jahr 1039 führten.

Ihr trugt mir damals auf, eine standesgemäße Verbindung zu suchen, die dem Namen unseres altehrwürdigen Hauses Ehre macht und es nach Möglichkeit vermag, alte Bündnisse zu bekräftigen oder aber neue zu schaffen.

Ich freue mich, Euch mitzuteilen, dass beides gelungen ist. Mit dem Haus Ahawar haben wir eine Familie an unserer Seite, die nicht nur selbst auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, sondern auch treu mit dem uralten Haus Fenwasian verbunden ist.

Durch meine Verbindung mit der Tochter des gräflichen Vogtes Rodowan Ahawar, Gellis, setzen wir ein Zeichen, dass uns nach wie vor daran gelegen ist, das alte Bündnis mit Winhall zu wahren und zu stärken.

Zugleich habe ich den Weyringer Vogt als aufrechten und ehrbaren Mann kennengelernt, dessen Ansichten zu großen Teilen mit denen unseres Hauses übereinstimmen.

Ich werde, zunächst nur gemeinsam mit Gellis, in ein oder zwei Praiosläufen gen Bredenhag aufbrechen, um Euren Segen für unsere Verbindung zu erbitten, und wir würden uns sehr geehrt fühlen, wenn Ihr etwas Eurer kostbaren Zeit für ein persönliches Gespräch erübrigen würdet.

...

Euer Vetter
Ruan


Die Ritterin schien sich die Zeilen mehrmals durchzulesen. Dann reichte sie Ruan die Blätter zurück.

"In diesem Gespräch möchten wir uns Euch… Nein, der letzte Absatz ist schon so sehr Abschluss, aber noch nicht vollständig, da fällt es mir schwer… Weißt du, ich würde den Segen als Gesprächsziel später setzen und betonen, dass wir beide uns als Zukunft der Häuser oder Zeichen der Verbindung oder so bei ihm vorstellen möchten. Und das `nur mit stört mich.

Vielleicht eher so:
Wir wären erfreut, wenn Ihr mir und der Hohen Dame Ahawar die Möglichkeit gebt, uns bei Euch persönlich vorzustellen und mit Eurem Segen die Bestätigung über unsere und damit die Zukunft der Häuser Stepahan und Ahawar zu erhalten...

“Zukunft kann man ja auch anders interpretieren", grinste sie und strich sich über den Bauch. Dann setzte sie fort. "Wir werden voraussichtlich am", sie dachte kurz nach, "22. Travia Bredenhag erreichen. Hochgeboren Rodowan Ahawar wird sich in etwa einem Mond ebenfalls zu Euch begeben, um sich mit Euch zu besprechen.

In Freude auf unseren Austausch verbleibe ich, Rondra mit Euch, Euer Vetter." Sie sah Ruan fragend an, als sie geendet hatte.

“Perfekt”, grinste dieser, und gab ihr einen flüchtigen Kuss, ehe er sich wieder zum Schreibtisch begab und sich eifrig daran machte, die vorgeschlagenen Änderungen vorzunehmen. In seiner Eile ließ der Drausteiner die Pergamentseite, die er zuvor noch einmal studiert hatte, achtlos auf dem Bett zurück.

Beinahe zufällig begann Gellis, die Zeilen auf dem Pergament durchzulesen. Offenbar hatte Ruan vor, dem Schreiben an den Grafen ein weiteres beizulegen, dessen Formulierung jedoch weit weniger geschliffen klang…


Ortis, 14. Travia 1042 BF

Ruada,

Ich komme nach Bredenhag, noch im Travia.

Und ich habe wundervolle Neuigkeiten für dich. Rahja und Travia haben mich gleichermaßen gesegnet. Und nun ist es nur noch an unserem Vetter, sein Einverständnis zu geben.

Ruada, ich werde Gellis Ahawar heiraten. Du hast sie bereits kennenlernen dürfen. Wir waren gemeinsam beim Abschlussbankett auf dem Draustein, und ihr habt euch sogar kurz unterhalten – wenn auch die Wahl eurer Gesprächsthemen, zugegeben, vielleicht nicht unbedingt die beste war.

Aber ich weiß, dass du stets bestrebt bist, das Beste in einem Menschen zu finden. Und daher bin ich mir sicher, dass ihr in entspanntem Rahmen problemlos daran anknüpfen werdet.

Und, Ruada, du wirst sie mögen. Du musst. Denn ich liebe sie. Auch wenn wir zwei nicht immer einer Meinung waren und sich dies in Zukunft vermutlich auch nicht groß ändern wird, so hoffe ich doch, dass du eines weißt: Du bist meine Familie. Und ich würde mir nichts sehnlicher wünschen als dass du mein Glück mit mir teilst.

Rondred hat bereits seine Zustimmung signalisiert, und auch Gellis’ Vater ist mit dem Bund einverstanden.

Wünsch mir Glück! Und leg ein gutes Wort ein, wenn du die Möglichkeit hast…

Auf bald,

Ruan


Gellis war gerührt und froh, dass die schwindende Übelkeit ihre Selbstbeherrschung wieder wachsen ließ, so konnte sie die Röte in ihrem Gesicht schnell unterdrücken. Als Ruan mit dem Schreiben an den Grafen fertig war, stand sie auf und reichte ihm wortlos das zweite Schreiben. Er nahm es lächelnd entgegen und machte sich daran, beide Briefe zu siegeln.

„Was hältst du von Ruada?“, fragte er unvermittelt und blickte Gellis neugierig an.

"Wie hatten bislang nicht viel miteinander zu tun. Sie hat mich beim Tjost von Pferd befördert und wir haben ein paar Sätze beim Bankett gewechselt", sagte Gellis nachdenklich. "Sag Ruan, du hast etwas an, im Gegensatz zu mir. Schaust du einmal vor die Tür?"

„Vor allem ist es mein Zimmer, nicht deins“, entgegnete er vergnügt und drückte die Klinke.

Vor der Tür lag tatsächlich etwas, ein Kleiderbündel in grün und daneben ein paar Stiefel. Als Ruan sich mit den Sachen umdrehte, lächelte ihn Gellis an. "So haben Aegwyn und ich es in meiner Knappenzeit oft gemacht, sie hat meine Sachen ausgebürstet, wenn ich vollkommen erschöpft in mein Bett gefallen bin. Morgens lag immer so ein Paket vor meiner Tür." Gellis nahm das Bündel und es kam ein grüner Umhang, eine braune Lederhose und eine grüne Tunika mit dem Wappen der Ahawar auf der Brust zum Vorschein. Gellis erzählte weiter, während sie sich anzog. "Mir scheint, Feen ist nicht das beste Thema zwischen uns. Weiterhin ist es für mich kein seichtes Geplänkel am Bankett Tisch, vielleicht sollten wir uns dazu unter vier Augen einmal austauschen. Ich freue mich darauf, Sie näher kennenzulernen. Sie scheint mir auch eher Ritterin, denn Hofdame zu sein", grinste sie.

„Sie ist auch viel mehr Stepahan als ich es je sein werde“, erwiderte Ruan ihr Grinsen, „aber verrate es nicht deinem Vater. Sonst kommt er noch auf seltsame Gedanken und bricht gleich zwei jungen Rittern das Herz.“ Als der Drausteiner sah, wie Gellis sich ankleidete, wandte er sich ebenfalls seiner Garderobe zu. Ohne lange nachzudenken, wählte er eine rote Tunika und eine Lederhose. Nachdem er sich soweit gewandet hatte, nahm er nachdenklich Gellis‘ Umhang in Augenschein. „Wenn sie so weitermacht, ist es durchaus denkbar, dass sie irgendwann das ehrenvolle Weiß tragen darf. Aber bis dahin fließt sicher noch viel Wasser die Draue hinab.“

"Das ehrenvolle Weiß?", fragte Gellis. "Also ein Weißer Löwe?"

“Das meinte ich” nickte Ruan. “So oder so hält unser Vetter wohl große Stücke auf sie, insbesondere seit Thalania ihn so enttäuscht hat.” Er zuckte mit den Schultern. “Es ist sicher um einiges leichter seine Gunst zu verspielen als sie zu gewinnen.”

"Wo du gerade Thalania erwähnst, wird es sehr großen Unmut ernten, dass unsere Verbindung schon ein Tsa-Geschenk hervorgebracht hat? Du hast es gestern schon relativiert, aber es gefällt mir nicht, in welches Licht es mich stellen könnte." Gellis schloss die Hose und legte das Brusttuch an. "Seine Gunst zu verspielen ist so gar nicht mein Ziel."

Seine Antwort ließ etwas auf sich warten. “Freuen wird es ihn sicher nicht”, meinte er dann zögernd. “Aber unsere Situation ist in keiner Weise mit der meiner Base zu vergleichen.” Die letzten Worte waren mit Überzeugung gesprochen. “Wir sind beide von Stand. Wir stehen zueinander, und wir sind bereit, die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen. Sprich: Das Kind wird unter dem Schutz und gemäß der Traditionen unseres Hauses aufgezogen. Das ist etwas, worauf sich Thalania offenbar nicht einlassen wollte.” Er warf Gellis einen vielsagenden Blick zu.

"Einlassen möchte ich mich auf dich weiterhin nur allzu gerne, Ruan Stepahan, und damit auch auf deine Familie", lächelte Gellis, wurde dann aber ernst. "Ja, du hast wohl recht. Dass wir beide dazu stehen und unseren Weg weiter gemeinsam gehen wollen, sind wahrscheinlich die wichtigsten Argumente." Sie zog die Tunika über den Kopf und begann, den Dolch zu gürten. Dann griff sie zu einem der Äpfel. "Was meinst du? Reiten wir morgen los?"

„Wenn du mir versprichst, dass wir langsam reisen und noch den ein oder anderen trägen Morgen miteinander verbringen, dann gern.“ Er trat auf Gellis zu und legte die Arme um sie. „Sind Aegwyns Worte so zu verstehen, dass dein Vater eingewilligt hat, dass sie uns begleitet?“

"Im Grunde ist sie es, die entscheidet, sie ist eine Freie. Sie hat mich auch die letzten beiden Jahre begleitet, weißt du?" Gellis schmiegte sich in seine Umarmung. "Aber weil sie seine Freie und dazu auch meine Halbschwester ist, werde ich nicht von ihr verlangen, mit nach Havena zu kommen. Doch ich glaube, wenn sie sich dafür entscheidet…", sie küsste ihn kurz, um nicht die Kontrolle über sich zu verlieren "mir gefiele es besser, sie reist in einem Mond mit Vater als direkt mit uns beiden…" Ruan schien überrascht. “Sie hat dich die letzten zwei Jahre…, ja natürlich”, dämmerte es ihm schließlich. “Warum sollte sie sonst auf dem Treffen der Besten bereits an deiner Seite gewesen sein?” Mit einem mal wirkte der Drausteiner besorgt. “Mir wäre es ebenfalls lieb, wenn wir auch das letzte Stück des Weges zu zweit nehmen würden”, gab er zu. “Aber mir war bis jetzt nicht bewusst, wie nah ihr euch wirklich seid. Meinst du, das ist ein Problem? Meinst du…”, er zögerte, “sie hat vielleicht sogar das Gefühl, dass ich mich zwischen euch dränge?”

"Nein, das ist kein Problem", sagte Gellis überzeugt. "Trotz unserer Nähe ist uns beiden, ich sage mal, der Platz in der praiosgefälligen Ordnung klar. Außerdem ist es so, dass Aegwyn mit mir Dinge erlebt, die sie selbst nicht haben kann und, dass sie mir, nicht nur als Schwester, viel Dank entgegen bringt. Daher ist es genau gegenteilig zu deiner Sorge, sie ist sehr glücklich über und für uns."

„Du machst mich neugierig“, grinste Ruan und gab ihr einen Kuss. „Bislang hast du dich bezüglich der letzten zwei Jahre ja eher bedeckt gehalten.“ Prüfend blickte er sie an. „Sind es eher die angenehmen oder die unangenehmen Seiten der Reise, die du mir verheimlichen willst?“ Auch wenn der Drausteiner es scherzhaft klingen ließ, spürte Gellis, dass er eine ehrliche Antwort von ihr erwartete.

Gellis lächelte. "Das sind gute Geschichten für unsere Reise." Dann wurde sie ernst. "Aber das, worauf ich Bezug nehme, ist schon über zehn Jahre her. Es ist auch der Grund, warum sie humpelt." Zunächst schien es, als wolle Ruan protestieren, doch bei ihrem letzten Satz änderte sich sein Gesichtsausdruck. „Ich wollte bislang nicht fragen“, gab er zu. „Was ist geschehen?“

"Ich war gerade als Bastard in die Knappschaft aufgenommen worden, als meine Mutter ganz aufgelöst zu mir in die Kammer kam. Aegwyn war für Papa nach Ortis gegangen, um eine Bestellung im Handelshaus abzugeben und war nicht zurückgekehrt. Du hast sicher schon bemerkt, wie zuverlässig und zuvorkommend sie ist, das war schon immer so. Auch, als es dunkel wurde, war sie nicht zurückgekommen, und auch die, die sie gesucht hatten, fanden sie nicht. Sie war vom Handelshaus losgegangen, aber nicht auf der Burg angekommen." Ruan lauschte mit ernster Miene. „Das klingt nicht gerade nach einer fröhlichen Geschichte“, meinte er nachdenklich.

Gellis ging hinüber zum Apfelmost und nahm einen Schluck." Ich konnte nicht einschlafen vor Sorge und habe mich mit Hilfe der Wachen nachts aus der Iauncyll geschlichen, um sie zu suchen." Der Stepahan ließ sich auf der Bettkante nieder. Er wollte Gellis nicht drängen. „Hattest du Erfolg?“, fragte er nur.

"Ich habe sie die ganze Nacht gesucht. Als ich in der Morgendämmerung zurück kam, sah ich am Wegesrand Raben kreisen, da habe ich sie gefunden. Sie konnte nicht aufstehen, geschweige denn laufen. Ich habe sie nach Hause getragen." Gellis' Stimme wurde traurig ob der Erinnerung.

„Was war passiert?“ Ruan nahm behutsam ihre Hand und streichelte sie mitfühlend.

"Ein Fuhrmann hatte ihr angeboten, sie aus Ortis mitzunehmen. Aber er hatte anderes mit ihr vor, er wollte sie schänden. Sie war fast noch ein Kind. Er hat die Zügel des Fuhrwerks abgelegt, um beide Hände frei zu haben, aber sie hat so gekreischt und sich gewehrt, dass die Pferde durchgegangen sind. Er hat sie in voller Fahrt vom Bock gestoßen, hat die Pferde danach wieder unter Kontrolle gebracht, hat in aller Ruhe seine Arbeit auf der Iauncyll verrichtet und ist gefahren."

Der Stepahan runzelte die Stirn. „Ich hoffe, ihr habt den Kerl erwischt?“

Gellis schüttelte den Kopf. "Er war nicht von hier und der Händler, für den er fuhr, sagte, der Fuhrmann würde nicht mehr für ihn arbeiten. Aegwyn hat fast zwei Monde still liegen müssen, weil die Knochen", sie zeigte auf ihre Hüfte, "sich verschoben hatten."

Ruan verzog das Gesicht. „Und abgesehen von den Verletzungen? Hat das Erlebte sie sehr mitgenommen?“

"Mittlerweile nicht mehr", nun musste Gellis grinsen. "Ich habe in unserer Jugend eigentlich jeden Kerl verprügelt, der ihr zu nahe gekommen ist. Sie fühlt sich sicher an meiner Seite und sie ist nur dankbar. Sie kann nicht allzu lange sitzen und nicht schwer heben. Eine Tätigkeit an meiner Seite lag da nur nahe."

„Die Arme“, der Drausteiner wirkte betrübt. „Ich hoffe, inzwischen hat sie auch mal einen Mann kennenlernen dürfen, der es ehrlich meinte und den du nicht gleich mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt hast?“

"Ein Medicus hat sie untersucht, als sie wieder weniger Schmerzen hatte. Er hat gesagt, dass es nicht überleben wird, wenn sie ein Kind bekommt. Sie hat noch niemanden gefunden, der sie so will", meine Gellis betroffen.

Ruan nagte an seiner Unterlippe. „Dann sollten wir ihr unser Glück vielleicht wirklich nicht so unter die Nase reiben…“

"Sie freut sich für uns. Und für eben diese Abwägung habe ich ihr gesagt, sie soll in Ruhe darüber nachdenken, ob sie mit nach Havena kommt. Sie könnte sich um unsere Tochter kümmern, sie wäre weiter in meiner Nähe. Und wenn es ihr schlecht geht, was ab und an vorkommt, sind wir keine Herren, die sie dafür verurteilen. Verstehst du? Die Reise hat ihr so unglaublich viel Freude bereitet, ich glaube, sie sehnt sich nach einer anderen Umgebung als dieser mit dieser schlimmen Erinnerung."

„Wenn das so ist, dann hat sie ab sofort gleich zwei Ritter an ihrer Seite, die ungehobelte Fuhrknechte für sie vermöbeln.“ Ruan erhob sich und streichelte zärtlich Gellis‘ Schulter. „Und ich bin mir fast sicher, dass Havena ihr auch etwas mehr Glück in der Liebe bescheren könnte.“ Mit einem Mal schien ihm etwas aufzufallen. „Sag mal“, grinste er, "wenn wir uns schon so sicher sind, dass es eine Tochter wird, können wir auch gleich über einen Namen nachdenken. Irgendwelche Wünsche?“

"Du bist wundervoll", lächelte sie Ruan an und nahm damit Bezug auf seine Äußerung zu Aegwyn, was dieser mit einem Grinsen quittierte. „Vorsicht! Wenn du das noch öfter sagst, glaub ich es dir nachher noch“ zwinkerte er.

"Bezüglich des Namens“, fuhr Gellis fort, „würde ich mich über einen Bezug zur Familie Ahawar freuen, wenn sie schon ein Draustein wird. Siana ist ja eher schlecht", Gellis musste lachen, als sie an die Knappin dachte, die beim Bankett dafür gesorgt hatte, dass sie und Ruan sich kennenlernen. "Was hälst du von Calla? Das würde Bezug nehmen auf Callan den Alten, einen Mitbegründer der Familie und Hauptmann unter Sian von den Feen. Der andere war Gereon, aber Gera klingt mir zu nordmärkisch."

Ruan stutzte und schien zu überlegen. „Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wird sogar im Lied der Weißen Löwen ein Câllan erwähnt.“ Er straffte die Schultern und begann mit betont tiefer Stimme zu singen „Unter Callân in der Leuenfurt, die Ahnen gaben ihr treues Wort, und Rondras Feinde fürchten unser Wort.“ Entschuldigend zuckte der Stepahan mit den Schultern. „Ich sag ja, für ihre Dicht- und Sangeskunst sind meine Ahnen nicht allzu berühmt. Aber der Name passt ganz wunderbar!“ Gellis lächelte. "Unsere Familien scheinen stärker verwoben zu sein, als uns bewusst ist, was? Abgesehen vom Passen, gefällt er dir?"

“Sehr sogar”, nickte Ruan. “Calla vom Draustein. Ein passender Name für eine angehende Ritterin… oder eine Sängerin. Oder was auch immer sie einmal werden möchte.” Er küsste Gellis und fügte dann entschieden an: “Und wenn es doch ein Junge wird, heißt er Callan.”

"So soll es sein", sagte Gellis glücklich und schlang die Arme um Ruan, um ihren Kopf für einen Moment an seiner Schulter zu betten. Als sie ihn wieder hob, sagte sie: "Wollen wir? Wir geben im Stall zum Satteln Bescheid und, ich muss noch kurz in meine Kammer, mein Schwert holen und, ach, wir sollten Mutter noch fragen, ob wir gemeinsam essen. Wir sollten sie beim Essen fragen, ob es wirklich der gleiche Callan war, in der Leuenfurt." Ruan schüttelte den Kopf. „Nein, sicher nicht. Er war ein Stepahan. Und ich bin sicher, dein Vater hätte es erwähnt, wenn wir einen gemeinsamen Urahn hätten.“

Mit einem glücklichen Lächeln betrachtete er Gellis, doch diese schien erpicht darauf zu sein aufzubrechen, was sie kurz darauf selbst realisierte und Ruan beinahe entschuldigend küsste. "Wir sollten los", sagte sie grinsend mit hochgezogener Augenbraue, "sonst fange ich an, dich wieder auszuziehen."

„Und was an deinen Worten soll mich jetzt noch einmal genau zum Aufbruch bewegen?“, fragte der Drausteiner in gespielter Ratlosigkeit. Dann jedoch lächelte er und nickte. „Die Briefe warten.“ Nach einem weiteren Kuss löste er sich aus der Umarmung, zog die Stiefel an und griff sein Schwertgehänge. Nachdenklich blickte er an sich hinab und dann zu Gellis. „Standesgemäße Alltagskleidung“, stellte er fest. „Oder erwartet man von uns ein Schaulaufen?“

"Standesgemäße Alltagskleidung", nickte Gellis schlicht und zog sich ebenfalls die Stiefel an.

„Geht es wieder in den Farindel?“ Skeptisch zog Ruan eine Augenbraue hoch, während er das Schwert anlegte.

“Nein, nur nach Ortis hinein zum Botendienst und nordwärts wieder hinaus zur Brennerei”, sagte Gellis und setzte, als Ruan bereit war, auffordernd nach: “Möchtest du dein Zimmer als erster verlassen?”

„Möchtest du, dass ich das tue?“, grinste er und trat wieder einen Schritt auf sie zu. Langsam neigte er den Kopf und hauchte einen zärtlichen Kuss auf ihren Hals, während sein Handrücken sanft ihre Seite hinabstrich. “Ganz sicher nicht”, sagte sie, während ihre Augen sich genussvoll schlossen und ihr Atem schneller ging. „Dann wird seine Hochwohlgeboren wohl noch etwas länger auf seinen Brief warten müssen“, flüsterte Ruan und zog sie eng an sich. Seine Hand wanderte langsam unter ihre Tunika. Spielerisch ließ er seine Finger den Bund der Lederhose entlang gleiten. Gellis’ Aufbruchstimmung versiegte mit Ruans Berührungen völlig. Einen Moment lang genoss sie nur, dann aber wanderten ihre Hände an Ruans Gesäß, um es fest zu umfassen und der Kuss, den sie Ruan gab zeugte von ihrer entfachenden Lust.

Der Stepahan erwiderte den Kuss voll Leidenschaft, während er mit einer Hand erst das Schwertgehänge, und dann seinen Gürtel löste. Dann befreite er auch Gellis von ihrem Dolch. Kurz blickte er zögernd in Richtung des Bettes, entschied sich dann jedoch anders. Zärtlich aber bestimmt dirigierte er Gellis zur nächstgelegenen Wand, direkt neben der Tür.

Gellis ließ sich überrascht, aber ohne Widerstand von ihm dirigieren, ohne ihre Lippen von den seinen zu lösen, während ihre Hände sich von seinem Gesäß nach vorn bewegten und sie ihre Hose öffnete. Ruan tat es ihr gleich, um dann mit der Hand an Gellis‘ Bein hinab zu gleiten. Er umfasste den Schaft ihres Stiefels, hob sanft ihr Bein an und streifte den ersten Stiefel an. Das Spiel wiederholte sich auf der anderen Seite, so dass er schließlich in einer fließenden Bewegung Gellis‘ lederne Hose samt Bruche über Hüfte und Gesäß streifen konnte. Sie überbrückten das letzte Stück, und als ihr Rücken schließlich die Wand berührte, schob Ruan auch seine Beinkleider hinunter. Mit festem Griff umfasste er ihr Gesäß und hob sie empor, so dass sie ihre Beine um seine Hüfte schlingen konnte. Sein Atem ging schnell, und Gellis spürte seine Erregung, als er gierig begann, ihren Hals mit Küssen zu bedecken.

Gellis' Hals war zu einer Seite gebeugt und ein wohliges Seufzen drang aus ihrer Kehle, als sie Ruans Küsse genoss und ihre Hände fest in seine Haare griffen.

Während Gellis sich ungeduldig die Hose vom Bein striff, wanderten ihre Gedanken kurz auf die Klippe des Draufalls. `So hätte es vor zwei Monden enden und nicht beginnen können, dachte sie und eine Welle des Glücks erfasste sie, die sie sich abdrücken und ihm entgegen recken ließ, die Beine eng um seine Hüften, dass er sie nicht allzu sehr halten musste. Ähnliches ging auch Ruan durch den Kopf. Diesmal jedoch hielt ihn nichts zurück, und so ließ er seinem Verlangen freien Lauf. Sein Blick hielt den ihren fest, während ihre Körper zueinander fanden, und das Strahlen ihrer Augen befeuerte seine Leidenschaft nur noch mehr. Es dauerte nicht lange, bis beider Lust gipfelte. Langsam senkte Gellis mit Ruans Unterstützung ihre Beine zum Boden, doch noch konnte sie ihren Blick nicht aus seinen Augen lösen, ihr Lächeln spiegelte sich darin.

Die Ritterin küsste Ruan erneut, jetzt zärtlicher und mit weniger Leidenschaft. Das Gesicht des Drausteiners war leicht gerötet, seine Züge entspannt. Eine Hand ruhte behutsam hinter Gellis auf der Wand, so dass diese sich bequem anlehnen konnte. Die andere strich sanft über ihre Wange. Ein verliebtes Funkeln lag in Ruans Augen und es schien ganz so als suche er nach den richtigen Worten, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch schließlich seufzte er nur und lächelte versonnen. „Du machst mich sprachlos. Das ist noch nicht vielen gelungen.“

Unter Menschen

Ortis
14. Travia 1042 BF

Auch Gellis hatte keine Worte gefunden für das, was sie verband, und das, was sie für Ruan empfand. Sie hätte ihn am liebsten mit sich ins Bett gezogen und wäre nie wieder aufgestanden. Andererseits wollte sie wissen, wie das Leben mit ihm sein würde, und war neugierig auf das, was vor ihnen lag. So gelang ihr doch nach einer Weile, den Aufbruch nach Ortis als etwas mehr zu betrachten als die Schreiben an Arlan aufzugeben, sondern ein Stück neuer Alltag zwischen den beiden.

So kleideten sie sich und taten, wie von Gellis vorgeschlagen. Sie ließen die Pferde satteln und suchten kurz Gellis’ Mutter auf, die sich freute, mit ihnen zu essen. Sie lud sie zu sich auf die Schreibstube ein, die sie zurecht machen lassen würde, damit sie ungestört wären.

So ritten sie am Nachmittag hinunter nach Ortis. Ruan stellte fest, dass Gellis hier wirklich zuhause war. Viele der Wachen und Bewohner der Iauncyll grüßten sie und sie hielt auch bei dem einen oder der anderen an, um einen kurzen Plausch zu halten.

Die meisten, mit denen Gellis sprach, zeigten sich erfreut, dass sie wieder zurück war. Bei einigen bestätigte sie dies einfach lächelnd, nur einem Händler gegenüber erwähnte sie, dass sie bald wieder aufbrechen würde.

Das Schreiben war schnell aufgegeben, und als Gellis und Ruan Ortis gen Firun verließen, ritt bereits ein Bote gen Rahja, um das Schreiben zum Grafen vom Bredenhag zu bringen. Gellis hatte die Kosten für den Brief auf die Schreibstube des Vogtes abrechnen lassen.

Nachdem sie nach den Toren von Ortis an einigen Distelrittern vorbeiritten und Ruan das Gefühl hatte, der Blick eines der Ritter hätte etwas zu lang auf Gellis und etwas zu kritisch auf Ruan gelegen, fragte Gellis ihn: “Gab es seit deinem Ritterschlag oder auch vorher eine Frau, mit der du einen Bund eingegangen wärst, wenn es sich ergeben hätte?” Ruan zuckte mit den Schultern. “Freiwillig? Nein”, er grinste. “Und wie ich das einschätze, ergibt sich sowas auch in der Regel nicht einfach so.” Eine Weile schwieg der Drausteiner, und es schien, als sei das Thema für ihn damit erledigt. Dann jedoch wandte er sich erneut Gellis zu. “Hat es sich bei ihm”, sein Kopf deutete in Richtung des Tores, “einfach nicht ergeben?” Seine Stimme klang ruhig, doch sein Blick ruhte abwartend auf der Winhallerin.

“Würdest du dich an jemanden binden wollen, der einen Gott, eine Göttin oder eine Fee in allem über dich stellt und es dir in einem ersten Treffen gleich erzählt?”, fragte sie Ruan mit einem Schulterzucken. “Ich glaube, er hat es bereut oder bereut es immer noch, dass er so offen war.” Der Drausteiner schmunzelte. “Kommt mir bekannt vor”, meinte er nur und seine Gedanken gingen für einen Moment zurück zu ihrem Gespräch in der Boronkapelle. “Zum Glück stehen wir ganz offenbar sehr ähnlichen Göttern nahe, und zumindest zwei von ihnen haben sicherlich kein Problem damit, wenn man sich selbst nicht ganz vergisst… und sich gegenseitig auch hier und da etwas Gutes tut.” Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. “Ist er von Adel?”, fragte er dann unvermittelt. “Ja”, Gellis nickte. “Aber bei meinem Vater hat ein Bund, wie ich dir sagte, irgendwie nie eine Rolle gespielt. Daher war es mir nicht wichtig. Ich wollte ihn nicht.” Der Drausteiner zuckte mit den Schultern. “Umso besser für mich”, zwinkerte er, ehe er den Blick wieder nach vorn wandte. “Und nur gut, dass ich mit meiner Minne keinen Erfolg hatte”, fügte er etwas leiser hinzu. "Die Hohe Dame von Bienenhain?", fragte Gellis nach und grinste dann. "Oder noch andere?" Er schüttelte den Kopf. “Keine anderen. Es ist das eine, einen Bund eingehen zu müssen…”, er grinste, “aber man wird ja wohl noch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden dürfen…” Seine Augen blitzen herausfordernd. “Aber was viel interessanter ist… warum ist deine Wahl zum Bankett ausgerechnet auf mich gefallen?”

Gellis ließ theatralisch mit der Antwort auf sich warten. Doch Ruan drängte sie nicht. "Das hatte mehrere Gründe", sagte sie dann. "Auch, wenn ich nicht allzu lange Zeit hatte, mich zu entscheiden. Siana musste mir ja aufwarten und ich hatte ihr gesagt, dass ich gemeinhin bis vor dem Tanz nicht viel trinke, wer wisse, was der Abend noch brächte. Da hat sie den Vorschlag gemacht, sich um einen Tischnachbarn zu bemühen. So dachte ich daran, Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden.” Das schien den Stepahan zu amüsieren, doch bis auf ein vergnügtes Zwinkern hielt er sich mit Kommentaren weiterhin zurück. “Du warst mir aufgefallen und ich dachte, wir könnten aufgrund unserer Herkunft eine gemeinsame Basis finden. Und ich wollte Siana vor eine Herausforderung stellen."

“Ich bin also eine Herausforderung?” Er lachte. “Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt geschmeichelt oder gekränkt fühlen soll.” Dann legte er kurz die Stirn in Falten. “Unsere Herkunft… was meinst du? Den alten Adel?”

"Nein, an den alten Adel habe ich nicht gedacht. Daran, dass wir beide nicht im Bund stehen und ich womöglich nicht nur das Glück haben könnte, beim Abschlussbankett einen Mann an meiner Seite, sondern vielleicht auch darüber hinaus ein wenig Spaß zu haben." Gellis grinste ihn etwas anzüglich an. „Du hast das durchaus hier und da deutlich gemacht, ja“, erinnerte Ruan lächelnd an ihr erstes Zusammentreffen. „Ich hab mein Glück kaum fassen können.“

"Es hat mir den nötigen Mut gegeben, dass wir beide nicht in einen Traviabund geboren wurden. Das hat dich für mich nahbarer gemacht. Du hat selbst erlebt, wie mein Vater mit meiner Herkunft umgeht. Dieser Makel, wie er es nennt, hat mich meist Abstand halten lassen, also gefühlsmäßig, zu anderen Adeligen, und du, du hast mich fasziniert." Der Drausteiner schien überrascht und kurz war es, als wollte er etwas erwidern, doch er schwieg, denn nun wurde ihr Blick verliebt. "Und die Gerüchte um deine Minne im Bredenhag haben mich träumen lassen von jemandem, der mir auf eine solche Weise zugeneigt sein könnte. Ich war neugierig, was für ein Mann du abseits dieser Minne bist." Ruan lachte laut auf. „Also war sie sogar mehr als erfolgreich.“ Gespielt mitleidig blickte er Gellis an. Habe ich dich sehr enttäuscht?“, fragte er und sah ihr tief in die Augen."Enttäuscht?", fragte sie in gespielt hochmütigem Tonfall. Doch dann schien sie etwas zu realisieren und stockte. "Du konntest dein Glück kaum fassen?", fragte sie erstaunt. „Das habe ich gesagt“, er lächelte. „Ich habe mich ebenfalls von den adeligen Damen“, er imitierte ihren hochmütigen Tonfall, „eher ferngehalten, wenn auch vielleicht aus anderem Grund.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Und auch ich war einem vergnüglichen Abend nicht abgeneigt, allerdings hätte ich ihn wohl eher abseits der hohen Tafel gesucht… Kurzum, als Siana uns vorgestellt hat und du so… offen auf mein Werben reagiertest… das war wirklich zu schön, um wahr zu sein“, zitierte er, „und es hat mich schon beinahe misstrauisch werden lassen.“

Gellis musste schmunzeln. "Wieder eine Gemeinsamkeit, mir ging es genauso, mein Misstrauen war ebenso geweckt." Empört blickte er sie an. “Du willst sagen, ich war nicht glaubwürdig? Ein weiteres Mal in so kurzer Zeit werden meine Fähigkeiten in Zweifel gezogen. Das muss ich erst einmal verarbeiten.” Dann lenkte er jedoch sogleich wieder lächelnd ein. “Mit meiner Minne hatte der Abend allerdings wenig gemein. Hättest du dir danach nicht eher einen Prinzen auf seinem weißen Ross erhofft… oder sagst du mir gleich, dass ich auch dabei nicht überzeugen konnte?”, fragte er in gespielter Verzweiflung.

Sie schüttelte den Kopf. "Es ging nicht um dich, sondern um die Situation an sich, die war schon außergewöhnlich, das kannst du nicht verneinen. Das ließ uns beide zögern auf der Klippe." Ein zärtlicher Blick traf sie bei ihren Worten. “Uns”, meinte er nur leise und lächelte versonnen. "Und als ich dich vor vier Tagen wiedersah, hättest du nicht prinzgleicher für mich sein können. Auch schlafend in der Taverne hattest du für mich die strahlendste Rüstung und das stolzeste Pferd. Und das war nur das erste Auftauchen des Prinzen in den letzten Tagen." Es war Ruan anzusehen, dass er versuchte abzuschätzen, wie viel Wahrheit und wie viel Spott in Gellis’ Worten lag. Er hob eine Augenbraue. “Du willst mich hochnehmen”, meinte er dann grinsend.

"Nein", sagte die Ritterin schlicht und ernst. “Oh”, der Drausteiner legte die Stirn in Falten, doch es war offensichtlich, dass er sich geschmeichelt fühlte. “Du machst mich neugierig. In meiner Vorstellung haben es sich strahlende Prinzen eher zur Aufgabe gemacht, die Unschuld junger Damen zu beschützen…, wobei, du bist in so vielen Dingen herausragend. Warum also nicht auch dabei?” Kurz schwieg Ruan, dann jedoch schien seine Eitelkeit zu siegen. “Also gut, Gellis, sag es mir. Inwiefern bin ich prinzengleich?”

“Nunja, zum Unschuld retten wärst du zu spät, und ich glaube, das liegt auch nicht unbedingt in deinem Interesse”, neckte sie ihn, was der Ritter mit einem entschuldigenden Lächeln und einem Schulterzucken beantwortete. “Du sagst es oft, und du hast Recht, wenn du sagst, dass es zu schön ist, um wahr zu sein. Ich war zwei Götterläufe unterwegs, um zu ergründen, was ich will, wohin ich gehöre. Das war der Anlass meiner Reise neben dem Abstand zum Schrecken des Roten. Es hat nichts gebracht, ich war nach zwei Jahren kein Stück weiter. Und dann tauchtest du auf einmal in meinem Leben auf.”

“Rahjas Fingerzeig”, scherzte Ruan, und er spürte, wie ein wohliges Kribbeln seinen Körper durchfuhr. “Ich hab mich das selbst selten gefragt…, wohin ich gehöre, mein ich. Aber ist es nicht seltsam, dass man nicht mal auf der Suche sein muss, um zu finden... und um gefunden zu werden?”, fragte er mit beinahe verklärtem Blick.

“Rahjas Fingerzeig”, wiederholte sie seine Worte lächelnd und ritt näher zu ihm, um ihn zu berühren. Dann flüsterte sie, und ihr Blick war verliebt wie noch nie: “Sie hat sich uns finden lassen, mein Prinz.” Gellis konnte nicht sicher sagen, ob es ihre unverhoffte Berührung, ihr Blick oder ihre Worte waren, doch, es war unverkennbar, dass Ruan errötete. “Ganz bestimmt hat sie das”, entgegnete er beinahe schüchtern, um dann mit einem schiefen Lächeln nachzusetzen: “Aber nutze diese Anrede bitte niemals im Fürstenpalast, versprochen?” Gellis lachte laut auf und ließ ihr Pferd angaloppieren. Mit einem leisen Seufzen folgte Ruan ihrem Beispiel und schloss zu seiner Verlobten auf. “Versprich es”, rief er ihr drohend zu, “sonst werde ich dich von jetzt an bis zum Ende unserer Tage nur noch mit ‘mein Täubchen’ anreden.” Sie lachte noch immer. “Reize mich nicht noch mehr, das auszuprobieren”. Nach einigen weiteren Galoppsprüngen jedoch parierte sie durch und sah ihn ernst an. “Ruan, das werde ich sicher nicht. Ich bin vielleicht auf dem Parkett in Havena nicht so gefestigt, aber glaubst du, ich würde das wirklich tun?”

Jetzt sah sie doch wieder belustigt aus. Sie schüttelte noch einmal den Kopf und schüttelte damit auch das Lächeln erneut aus ihrem Gesicht. “Versprochen!”, sagte sie ernst. „Gut so”, antwortete er und musste nun ebenfalls grinsend, “und nein, natürlich glaube ich das nicht, mein Täubchen.” Er brachte sein Pferd neben ihres und beugte sich zu ihr hinüber, um ihr einen Kuss zu geben. Kurz war sie versucht, ihm im letzten Moment auszuweichen. `Täubchen!´, dachte sie hämisch. Aber ihr Zorn war von kürzester Dauer und sie beugte sich ihrerseits ihm entgegen. “Gut, kein Prinz, ich verstehe, Hoher Herr. Ich liebe Euch trotzdem!”, sagte sie glücklich. “Ich bin mit Freuden, was immer Ihr Euch wünscht, Hohe Dame. Ob Geliebter, Prinz oder Dichter – allein, ich bin es nur für Euch und für niemand sonst”, lächelte er und überbrückte das letzte Stück zwischen ihnen. Ihre Lippen berührten sich nur kurz, doch Ruan spürte bereits wieder sein erwachendes Verlangen. Er seufzte leise. “Und ganz besonders gern wäre ich jetzt mit dir allein.” “Weißt du”, sagte sie sehnsüchtig, “ich freue mich auf den Moment unseres Weges, wenn wir bei solch einem Wunsch kurz in den Wald einbiegen können.” Sofort war Ruan hellwach. “Ein großartiger Gedanke”, meinte er, “worauf warten wir noch?” Statt jedoch gleich loszugaloppieren, nahm er zärtlich Gellis’ Hand und sah ihr tief in die Augen. “Ich liebe dich – nicht trotzdem, sondern gerade weil…”

~~

Es war nicht mehr weit bis zur Brennerei. Die Wache am Tor stutzte kurz ob der Begleitung Gellis' und entgegnete, dass er Fremde nicht einlassen dürfe. Als Gellis ihm jedoch Ruans Ring entgegen hielt und ihm barsch mitteilte, dass er so nicht von ihrem Verlobten sprechen solle, knickte er peinlich berührt ein.

Beide betraten das weitläufige Gelände der Brennerei. Gellis wandte sich an Ruan. “Ich kenne deine Antwort, aber ich frage trotzdem: Lieber den Arm oder die Hand?” Sie winkelte den Arm so, dass er sie führen könne und sah ihn grinsend an. “Das kommt ganz auf dich an”, entgegnete der Stepahan gut gelaunt. Der Vorfall am Tor hatte ihn sichtlich amüsiert. Er ergriff ihre Hand wie zum Handkuss, verharrte jedoch, den Blick fragend auf Gellis gerichtet: “Willst du repräsentieren oder dich vergnügen? Das ist deine Heimat. Du entscheidest.”

"Komm, lass uns uns vergnügen. Wozu sind wir sonst hier?", sagte sie gut gelaunt und hob ihre Hand leicht in Richtung seines Mundes. Lächelnd deutete Ruan einen Kuss an. Dann verschränkte er seine Finger locker mit den ihren und ließ den Arm sinken. “Um den Zwängen der Iauncyll zu entfliehen?”, grinste er. “Um den Geschmack der Freiheit zu kosten, ehe wir uns wieder aus freien Stücken unter die Knute von Grafen und Fürsten begeben?” Er stutzte. “Da fällt mir ein – sprachst du nicht von einem einsamen Waldstück, das auf unserem Weg liegen sollte?” Fragend hob er eine Augenbraue.

Gellis lächelte. “Nein, ich meine den Wald auf unserem späteren weiteren Weg. Die Wälder hier sind zwar einsam, aber allein ist man selten”, meinte sie. “Aber ich habe noch eine Idee für später.” Gemeinsam gingen sie - zum ersten Mal Hand in Hand - über das Gelände der Brennerei, vorbei an riesigen Holzfässern. Der Geruch von geröstetem Getreide und brennendem Torf lag in der Luft, und es kam Ruan vor, als beträten sie eine andere Welt. „Wir sind nicht zufällig durch ein Feentor getreten?“, neckte er die Winhallerin.

Gellis steuerte recht zielsicher auf ein Gebäude zu, öffnete eine Tür und grüßte den dort an einem großen Kupferbottich stehenden älteren Mann freundlich, der erfreut und geehrt war, Gellis zu sehen. Er ließ Ruan und Gellis von der Maische probieren, die Ruan an billiges Tavernenbier erinnerte. Dennoch bedankte der Ritter sich höflich. Dann zeigte er ihnen die großen Brennblasen, in denen der Alkohol gebrannt wurde. Gellis lehnte ab, den starken, durchsichtigen Alkohol zu kosten, den man ihnen daraus anbot, was ihr ein liebevolles Lächeln Ruans einbrachte.

Zum Abschluss gingen sie in eine große Lagerhalle in denen Eichenholzfässer lagerten. Der Geruch des Anronin war hier allgegenwärtig und der Mann gab ihnen eine weitere Kostprobe. Aus dem besten Fass, wie er sagte. Auch dieses Mal lehnte Gellis dankend ab. „Ich hoffe, du hattest vorher bereits einmal die Gelegenheit“, betreten blickte der Drausteiner seine Verlobte an. „Das ist wirklich großartig.“ "Oh ja, glaub mir. Im Moment reicht mir aber der Geruch" , sagte sie augenzwinkernd.

Kurz darauf verabschiedeten sie sich und gingen wieder über den Hof zurück zum Tor, wo sie auch ihre Pferde angebunden hatten.

Als sie wieder allein waren, wandte sich Ruan mit neugierigem Blick an Gellis: „Warum behandeln dich hier alle, als gehörte diese Brennerei dir? Oder zumindest deinem Vater?“

Gellis lächelte ihn an. "Mein Vater ist der Berater der Distel und der Vogt, das stimmt, es mag seinen Teil dazu beitragen. Aber es ist nicht nur mein Vater. Was meinst du, wer den Gästen empfiehlt, sich unbedingt Anornin von hier mitzunehmen?" Der Drausteiner lächelte. „Ich hoffe, ich mache ihnen nicht einen Großteil ihres Umsatzes zunichte, wenn ich dich mit mir nach Havena nehme. Vielleicht sollten wir ihnen anbieten, dort als Unterhändler für sie tätig zu werden.“ Ruans nachdenklichem Gesicht nach zu urteilen, schien er dies ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

“Die Rechte des Handels hat das Handelskontor Govindal, nicht die Brennerei und auch nicht die Distel, und als Unterhändlerin eines Handelshauses, ich weiß nicht…”, meinte sie grinsend. “Aber ich könnte sicher Beziehungen spielen lassen.” Der Drausteiner zuckte mit den Schultern und grinste. “Arbeiten wir erst einmal die Verpflichtungen ab, die wir uns bislang aufgeladen haben. Aber wir sollten in jedem Fall die Ohren offen halten. Was hältst du von den Plänen deines Vaters bezüglich der Bennain? Wie wollen wir da vorgehen?” “Ich wüsste erst einmal gern, wo mein Vetter steckt”, sagte Gellis aufgebracht. “Ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Und würde herausfinden, was für ein Kerl er ist”, fuhr sie recht locker sprechend fort. “Wie viel er selbst beitragen kann und will. Die Bitte der Familie zu folgen ist die eine Sache, sie aktiv mitzugestalten, eine andere. Du weißt das.” Nun hatte sie ihr Lächeln wiedergefunden.

“Oh ja”, nickte Ruan, “einen sperrigen und einfältigen Holzklotz zu verheiraten ist ungleich schwieriger als… einen redegewandten und gutaussehenden Ritter, der es versteht, die Menschen für sich einzunehmen.” Bei diesen Worten warf er sich in Positur und schaute Gellis beifall heischend an. “Nicht wahr?”, zwinkerte er.

“Umwerfend!”, sagte die Ritterin und schmunzelte. “Vor allem bei Vätern!”

Lachend drückte er ihre Hand und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. “Aber ja, ich sehe, was du meinst. Und du hast vollkommen Recht. Wie soll ich glaubhaft für jemand anderes werben, wenn ich ihn nicht einmal persönlich getroffen habe. Und wie ich diese Belthara einschätze, dürfte Familienpolitik bei ihr nicht gerade den höchsten Stellenwert haben.” Er schmunzelte und schien kurz zu überlegen. “Wir sollten ihn schnellstmöglich nach Havena einladen, wenn wir uns dort eingerichtet haben. Das bringt ihn in die Nähe der Bennain, und wir können uns ein Bild machen. Ich würde es allerdings deinem Vater überlassen, ihn über seine Pläne zu informieren. Was meinst du?”

“Ich weiß nicht genau. Du hast meinen Vater erlebt, wie er wohl ist, wenn ihm die Dinge gelegen kommen. Wenn er etwas will, kann er schon so auftreten, wie seine Lieblingswaffe, der Zweihänder. Ich will erst einmal ihn kennenlernen, dann sehen wir weiter, ja?” Die beiden waren an den Pferden angekommen. “Aber die Einladung nach Havena ist eine gute Idee. Wenn wir wissen, wo er ist, können wir sie aussprechen.”

“Ich bin nicht gerade erpicht darauf, die Klinge dieses Zweihänders zu spüren”, meinte Ruan mit einem schiefen Grinsen. “Und was deinen Vetter betrifft, wäre es schon eine Hilfe etwas über seine Profession zu wissen…, aber das können wir deinen Vater fragen.” Ehe Gellis aufsteigen konnte, zog der Ritter sie rasch zu sich heran und schlang die Arme um sie. “Ich könnte etwas Wegzehrung brauchen, ehe wir uns wieder in den Sattel schwingen.” Seine Lippen näherten sich den ihren.

Auch, wenn ihre Hände leicht über seinen Rücken strichen, näherten ihre Lippen sich den Seinen nicht. “Nein, ich will dich ausgehungert”, neckte sie ihn, selbst mit erregter Stimme und versuchte dann, sich aus der Umarmung zu lösen. Kurz zeigte sich Überraschung auf Ruans Gesicht. “Du bist grausam”, flüsterte er dann, und das Zittern seiner Stimme verriet, dass ihre Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten. “Ich habe beinahe zwei Götternamen lang gedarbt. Ist das nicht Gunstbeweis genug für dich?” Er lockerte den Griff seiner Arme, ließ sie jedoch nicht sinken. Seine Augen funkelten voll Leidenschaft.

“Es geht nicht um Gunst, Hoher Herr”, auch Gellis rang mit der Selbstbeherrschung. “Nur nicht hier und jetzt. Komm, mir ist ein wundervoller Ort in den Sinn gekommen!” Widerwillig wandte sie sich ab zu den Pferden hin, und Ruan ließ sie mit einem tiefen Seufzer ziehen. Er atmete mehrmals hörbar ein und aus. Dann griff er nach seinem Wasserschlauch und tat einen großen Zug, ehe er sich ebenfalls seinem Reittier zuwandte. “Na dann”, blickte er sich noch einmal zu Gellis um, “sollten wir keine Zeit verlieren.”

Sie ritten erst ein Stück zurück in Richtung Ortis, doch dann schlugen sie die entgegengesetzte Richtung ein, die Ruan vermutet hatte, nicht nach Efferd zur Iauncyll, sondern gen Rahja auf dem Bergrücken weg vom Tommel, hin in Richtung Wald. “Sollte deine Schwester einmal in Winhall sein, würde ich sie aus einem anderen Grund hierher führen”, sagte sie. Erst sah Ruan nichts als den steinernen Bergrücken, auf dem auch die Burg des Grafen lag. Es war menschenleer, die Sonne schien, und hier und da sangen einige Vögel. Doch dann erkannte Ruan einen Steinbruch in der Ferne. Als sie immer näher kamen, konnte er ausmachen, dass der Steinbruch nicht mehr bewirtschaftet war und eher anmutete wie ein Theater mit leeren Rängen. “Meine Schwester?”, er schien verwirrt. “Aus welchem Grund?” “Hier fand und findet das Schicksalsturnier statt”, antwortete Gellis. “Oh”, war zunächst die einzige Reaktion, dann musste Ruan schmunzeln, “verzeih, dass ich mich nicht beeindruckter zeige…, nachdem ich schon das Eichenkabinett nicht recht zu würdigen wusste. Ich sagte dir ja… Winhalls größtes Wunder habe ich bereits erleben dürfen.” Vorsichtig schielte er zu Gellis, um ihre Reaktion abzuschätzen. “Es geht nicht darum, dir ein Wunder zu zeigen, Ruan”, sagte Gellis vieldeutig, als Ruan bereits weiter sprach “Hast du dort ebenfalls gestritten? Auf der Schicksalsturney?”, fragte er, wobei er mit einem Lächeln deutlich machte, dass er ihren Einwand sehr wohl bemerkt hatte. “Ich war als Knappin auf der letzten 1033, ja. Aber selbst gestritten habe ich nicht”, meinte sie. “Ist es etwas, das du dir wünschst?”, setzte er nach. “Weiß ich nicht, im Moment sind mir andere Dinge wichtiger. Komm”, sagte sie und ritt im Trab weiter an den Steinbruch heran. Ruan folgte ihr, wobei er es seinem Ross überließ, den richtigen Weg zu finden. Sein Blick ruhte derweil auf Gellis. Ihre Worte klangen in seinem Kopf nach, und er wunderte sich über die Maßen. Sie hatte so viel gegeben, um einst als Ritterin ebensolche Turniere zu bestreiten und ihrem Namen Ehre zu machen... “Willst du mir damit sagen, dass dir ein Stelldichein mit einem dahergelaufenen Kegel”, er nutzte bewusst den Winhaller Ausdruck, “dir wichtiger ist als das, wofür du so lange Jahre geschuftet hast?” Seine Stimme zeugte von Verwunderung. “Stelldichein?”, fragte Gellis entrüstet. “Nein, für ein Stelldichein nicht.”

“Entschuldige”, grinste Ruan, “für ein Leben an der Seite eines nicht allzu tugendhaften, doch äußerst… einfallsreichen Ritters?” “Das wird doch aber die Teilnahme einer Turney nicht verhindern, es wäre sogar schön, weil dann die ehrgeizige Ritterin und der einfallsreiche Ritter viel Zeit füreinander hätten, abseits ihrer sonstigen Pflichten.”, lächelte Gellis Ruan an und parierte ihr Pferd am Rand des Steinbruchs durch. “Wenn denn die Dienstherren so gütig sind… oder die beiden gute Argumente vorzubringen verstehen, die eine so weite Reise rechtfertigen”, fügte dieser an und hieß sein Pferd ebenfalls anzuhalten. “Eins ist sicher, so viel Zeit füreinander werden wir hier selten wieder haben”, meinte er, und mit diesen Worten schwang er sich kurzerhand aus dem Sattel und trat neben Gellis. “Hohe Dame”, er verneigte sich ehrfürchtig, “nun habt Erbarmen mit einem Bedürftigen. Ich flehe euch an, steigt herab von Eurem hohen Ross und stillt mein Sehnen...” Auch wenn die Worte glaubwürdig vorgetragen waren, spätestens als Ruan den Kopf hob, sah Gellis den Schalk aus seinen Augen blitzen. Gellis schwang ein Bein über den Hals ihres Pferdes, saß nun im Damensitz und streckte Ruan die Hände entgegen. “Helft Ihr mir?”

“Mit Vergnügen”, entgegnete der Stepahan und reckte ihr die Arme entgegen. Gellis ließ sich in Ruans Arme sinken und verschränkte ihre Arme in seinem Nacken. Ihr Gesicht war dem seinen ganz nah, aber sie hielt sich zurück, ihn zu küssen, sondern sah ihm lediglich zärtlich in die Augen. Diesmal widerstand Ruan und erwiderte den Blick. Es war offensichtlich, dass er es genoss, den Moment möglichst lange auszukosten. Ganz leicht strich seine Hand über ihre Seite, während sein Blick für einen Lidschlag zu ihrem Hals hinab glitt, nur um sich sogleich wieder in ihren Augen zu verlieren. “Und?”, flüsterte er, “Werdet Ihr mich erneut abweisen…, Hohe Dame?”

Gellis schien es ähnlich zu gehen, Ruan konnte ihre schnelle Atmung spüren, während sie ruhig zu ihm sagte: "Ich bin mir nicht sicher, Hoher Herr. Überzeugt mich, dass es sich auszahlt, es nicht zu tun." Die Mundwinkel des Stepahan zuckten verdächtig. „Nur zu gern“, entgegnete er mit bewegter Stimme, während seine andere Hand zärtlich ihre Taille umfasste. „Steht Euch der Sinn nach Worten oder Taten?“ “Worte”, hauchte sie mit dem letzten bisschen Selbstbeherrschung, das sie noch hatte.

“Ihr möchtet also, dass ich Euch meinen Wert beweise…, nun gut.” Zärtlich strich er ihre Arme entlang und löste behutsam ihren Griff in seinem Nacken. Sanft nahm er ihre beiden Hände in die seinen und blickte sie offen an.

“Es mag Euch vielleicht enttäuschen, doch ich werde vor Euch weder mit Heldentaten prahlen, noch steht mir der Sinn danach, andere edle Herren herabsetzen, um mich in ein besseres Licht zu rücken. Ich will ehrlich zu Euch sein, denn das ist das größte Geschenk, das ich aufzubringen vermag.” Er ließ die Worte eine Weile wirken, ehe fortfuhr. Gellis sah ihn mit großen Augen an, es schien, als hätte sie nicht erwartet, dass er ihren Wunsch erfüllen würde. Ihre Hände in den seinen, die zu Beginn noch angespannt vor Erregung waren, waren jetzt, als seine Worte endeten, ohne jegliche Spannung.

Ich kann Euch die Welt nicht zu Füßen legen, denn sie gehört mir nicht.
Ich werde Euch keinen Stern pflücken.

Ich trage keine Titel und nenne keinerlei Ländereien mein eigen.
Auch mit Reichtümern vermag ich Euch nicht zu beeindrucken.

Meine Verse sind ungeschliffen, meine Kunst ist nicht der Rede wert.

Würde ich sagen, dass ich Euch jeden Eurer Wünsche erfüllen werde, wäre das eine Lüge, und das wisst Ihr.

Einer Sache allein könnt Ihr Euch für alle Zeit gewiss sein: Ich liebe Euch mit meiner ganzen Liebe."

Gellis Lächeln zeugte davon, wie bewegt sie war und wie verliebt. “Eure Verse sind überlegt und wahr, auch wenn sie sich nicht reimen”, meinte sie. “Sie wecken Gefühle in mir, denen ich mir noch nie so bewusst war, wie in diesem Moment. Ihr seid einzigartig und ich bin erpicht darauf, Euch bald meinen Gemahl nennen zu dürfen!”

Ruans Blick ruhte auf ihrem Antlitz, und lediglich der Druck seiner Hände verriet, dass ihre Worte auch ihn berührt hatten. „Das heißt, ich habe die Prüfung bestanden?“, fragte er und zog sie sanft näher zu sich heran.

Gellis nickte. "Nun lasst Worten Taten folgen" , hauchte sie. Einen Moment hielt der Stepahan inne, doch es war kein Zögern. Vielmehr schien es, als wolle er den Moment in seiner Erinnerung bewahren. Ruan schloss die Augen, und sein Mund verzog sich zu einem glücklichen Lächeln, während seine Hände die ihren fest hielten. Als er die Augen wieder öffnete und ihre Blicke sich trafen, schüttelte er beinahe ungläubig den Kopf. Dann, endlich, senkte er seine Lippen auf ihre.

Sie verbrachten noch einige Zeit auf dem Turniergrund und genossen ihre ungestörte Zweisamkeit und das Fehlen jeglicher Pflichten. Ihnen beiden war bewusst, wie kostbar dieser Moment war.

Zurück auf den Pferden ritten sie nach Ortis, und Ruan erstand im Kontor Govindal eine Anornin für seinen Vetter, den Grafen, und Gellis erstand ebenfalls erst eine, dann lächelnd eine zweite kleine Flasche, woraufhin Ruan sich scherzhaft erkundigt hatte, ob Gellis bereits Vorkehrungen träfe, um die kleine Calla möglichst früh mit ihren Winhaller Wurzeln vertraut zu machen. Gellis lachte erneut. "Nein, die ist für Siana. Zum Dank."


Abschied und Neubeginn

Feste Iauncyll, Ortis
Am Abend des 14. Travia 1042 BF

Zurück auf der Iauncyll trennten sich beide widerwillig voneinander, um sich frischzumachen und umzuziehen. Gellis holte Ruan aus dem roten Salon ab, sie hatte wieder eine Hochsteckfrisur, die ihren Hals und Nacken freiließ, und ob dies der Grund war oder etwas anderes, sie brauchten eine Weile, bis sie zum Aufbruch bereit waren, um zu Gellis' Mutter in die Schreibstube zu gehen. Dort hatte Fianna den Tisch, an dem sie gestern Nachmittag schon gesessen hatten, weiter freigeräumt, und der Duft eines deftigen Fleischtopfs lag im Raum. Ein Kessel stand auf dem Tisch, daneben ein Brotkorb. Es war für drei gedeckt, mit einfachem Tongeschirr, aber ordentlich und liebevoll. Tonbecher und zwei Tonkrüge komplettierten den Abendbrottisch. Gellis Mutter hatte sich in ein sehr hübsches naturfarbenes Leinenkleid mit leichten Rüschen am Ausschnitt und den Säumen gekleidet. Es betonte ihren Körper genau richtig. "Gellis, Hoher Herr, schön, dass ihr heute mit mir esst", begrüßte sie beide freundlich. Gellis lächelte ihre Mutter an. "Danke, dass du es möglich machst."

Ruan, der sich an diesem Abend für eine Tunika im albernischen Blau entschieden hatte, wirkte deutlich gelöster als noch am Vortag. Der kleine Ausflug hatte ihm gut getan und ihn von den immerwährenden Gedanken über ihre gemeinsame Zukunft abgebracht. „Es freut mich ebenfalls, dass wir vor unserer Abreise noch einmal Gelegenheit dazu finden“, lächelte er und rückte zunächst Gellis und dann auch Fianna den Stuhl zurecht, ehe er selbst Platz nahm. „Gellis hat mich heute bereits mit einigen Sehenswürdigkeiten hier vertraut gemacht“, eröffnete er das Gespräch möglichst unverfänglich, während er zärtlich Gellis Hand nahm.

Gellis drückte Ruans Hand lächelnd, was ihrer Mutter einen glücklichen Ausdruck ins Gesicht zauberte. "Gut, dass ihr dafür Zeit findet. Was sagt Ihr zu Winhall und Ortis?", fragte sie Ruan.

“Nun”, der Ritter lächelte, “Ortis kommt mir dank des florierenden Handels und des Hafens beinahe ein wenig vertraut vor, was vermutlich nicht zuletzt daran liegen mag, dass ich es an Gellis’ Seite erkunden durfte.” Er streichelte ihr liebevoll über den Handrücken. “Winhall dagegen erscheint mir unverkennbar... anders. Verwunschene Wälder, mystische Orte… Und bei all dem ist die Hand der Distel allgegenwärtig. Selbst als Reisender kommt man nicht umhin zu bemerken, dass diese Lande sehr eng mit dem Haus Fenwasian verbunden sind. Ich nehme an, das ist durchaus im Sinne des Grafen. Nicht wahr?” "Im Sinne ist fast noch zu milde ausgedrückt", meinte Fianna. "Ich glaube, die Verbundenheit zwischen der Distel und dem Wald ist größer, als man es sich vorstellen kann. Es freut mich, dass Ihr offen seid, unsere Heimat zu erkunden", sagte sie aufrichtig.

„Es ist mitunter befremdlich“, gab Ruan ehrlich zu. „Und vieles erschließt sich mir nicht.“ Seine Gedanken gingen zurück zu ihrer Anreise. „Zerstörte Dörfer, die von der Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit der Andersweltlichen zeugen, lassen mich als Außenstehenden durchaus daran zweifeln, dass es darum geht, der Fee zu dienen. Besänftigen erscheint mir ein deutlich passenderer Ausdruck zu sein. Verzeiht, dass ich so offen spreche.“

"Was soll ich daran verzeihen?", fragte sie Schreiberin. "Im Grunde habt Ihr damit vollkommen recht. Für uns, die wir den Wald nicht hören, ist es auch so. Gellis Vater gegenüber allerdings solltet ihr das so nicht formulieren." Der Stepahan lachte erleichtert auf. „Keine Sorge, so klug bin ich dann doch, auch wenn mein Geist mitunter etwas verklärt ist, seit ich Gellis begegnet bin.“ Er zwinkerte seiner Verlobten zu. „Ich nehme an, Ihr seid bereits im Bilde, wie unsere Gespräche am gestrigen Tag verlaufen sind?“, wandte er sich dann wieder an Fianna.

Fianna nickte. "Aegwyn hat mir gestern Abend kurz berichtet, dass sie euch im Hof begegnet ist. Es sei sehr angenehm gewesen, meinte sie. Weiß er denn auch schon von der Tsasegnung?" Ruan schmunzelte. “Ja, auch wenn er sie eher als einen Segen Rahjas bezeichnet hat. Aber Ihr hattet Recht mit Eurer Annahme, dass es ihn durchaus freuen wird. Offenbar haben wir den richtigen Moment gewählt. Oder vielmehr Gellis“, korrigierte er sich. “Was unseren Bund angeht… wir haben einen Plan gefasst, der allerdings noch mit meiner Familie besprochen werden muss.” Kurz blickte er zu Gellis, ehe er wieder Fianna ansah. “Sagt, verlasst Ihr Ortis hin und wieder?”

Fianna musste unwillkürlich lächeln. "Wenn es darum geht, dass Euer Bund nicht hier stattfinden wird, macht Euch keine Sorgen. Ich nehme anders am Leben meiner Tochter teil als viele andere Mütter." Sie sah Gellis liebevoll an, blickte dann aber wieder zu Ruan. "Ich verlasse Ortis kaum. Allerdings hatte ich bisher auch selten einen Anlass." Der Stepahan schien unschlüssig, insbesondere nachdem er den Vogt hatte über den Makel seiner Kinder sprechen hören. “Nun”, meinte er nachdenklich, “es ließe sich sicher ein Weg finden… Oder?” Unsicher blickte er Gellis an.

Diese schüttelte leicht den Kopf und sah ihre Mutter an, die dies ebenso tat. "Du weißt, wie Vater denkt, Ruan. Ich glaube nicht, dass es ihm recht wäre", sagte sie traurig. Dann aber schien ihr etwas einzufallen. "Orbatal?", fragte sie ihn grinsend. "Orbatal?", fragte Fianna daraufhin ungläubig. Ruan wirkte ebenso skeptisch wie die Schreiberin. “Ernsthaft?” Zweifelnd blickte er Gelis an. Gellis zuckte die Schultern. "War eine Idee, aber anscheinend keine gute." Dann aber ergriff Fianna wieder das Wort. "Macht euch darum wirklich keine Gedanken. Ich freue mich für Euch! Ich sehe euch hier, und dafür bin ich dankbar. Lieber dieses gemeinsame Essen, als dass ich aus der letzten Reihe Euren Bundschluss sehe und vielleicht sogar kein Wort mit euch wechseln könnte."

“Das wäre in Orbatal sicher nicht das Problem”, grinste Ruan. “Wir reden in Ruhe darüber”, meinte er dann zu Gellis und küsste sie auf die Wange. “Manche deiner Ideen sind doch arg… aus dem Bauch heraus”, lächelte er dann.

Fianna lächelte. "Das ist das erste Mal, seit ich euch beide zusammen sehe und mir nicht denke, dass ihr euch schon länger als ein paar Monde oder besser gesagt, ein paar Tage kennt."

"Mutter", sagte Gellis tadelnd, aber schuldbewusst. „Hm?“ Ruan hatte offenbar Probleme, dem Gedankengang Fiannas zu folgen. „Keine Bauchentscheidungen?“ Fragend blickte er von Mutter zu Tochter und wieder zurück.

"Da habt Ihr mich missverstanden. Ich meinte, das ihr beide euch sonst immer so einig seid, dass man glauben könnte, ihr seid schon eine lange Zeit ein Paar und hättet alles zwischen euch bereits geklärt oder erlebt. Aber an Gellis' Bauchentscheidungen muss man sich wohl gewöhnen."

Ruan lächelte gequält. „Oder wichtige Dinge vorab besprechen“, sagte er und fügte in Gedanken hinzu: ‚was wir zum Glück zumindest ihren Vater betreffend getan haben.

"Entschuldige", meinte Gellis und drückte seine Hand. "Es gibt Momente, in denen merke ich, dass ich selbst über einiges noch nicht nachgedacht habe. Es geht durch Vaters Reaktion gestern Abend und seine getroffenen Vorbereitungen doch alles recht schnell, was meinen Abschied hier angeht." Sie streckte Ihre freie Hand in Richtung ihrer Mutter aus, die sie annahm und leicht drückte."Ich verstehe jetzt erst, dass ich so vieles mit dir nicht teilen können werde. Hier war das nie ein Problem. Du warst immer da. Aber…" Gellis schluckte und Ruan merkte, wie sie mit den Tränen rang. "Nimm es mir bitte nicht übel, Ruan."

„Du vergisst, dass der Vorschlag eigentlich von mir kam“, entgegnete der Drausteiner versöhnlich, doch Gellis spürte seine Unsicherheit. Wenn du…“, er legte behutsam auch seine andere Hand auf die ihre und drückte sie sanft, „wenn du noch Zeit brauchst, reise ich erst einmal allein.“

"Nein", Gellis' Stimme war fest und ehrlich. "Der Schmerz des Abschieds kommt morgen oder später, er wird sich nicht ändern. Wir beide reisen morgen ab", sagte sie zu Ruan. Dann änderte sich ihr Blick und sie sah ihn zärtlich an. "Ich gehöre an deine Seite und du an meine."

Ruan spürte, wie er sich entspannte. „Und zwar ganz genauso, wie wir sind“, ergänzte er ihre Worte, und es schwang Rührung in seiner Stimme mit. „Und was deine Entscheidungen angeht, bleib bitte dabei und lass dich von deinen Gefühlen leiten… natürlich nur, wenn wir unter Freunden sind.“ Er zwinkerte Fianna zu. „Ich glaube, es ist gut, dass wir in diesem Punkt durchaus unsere Unterschiede haben. Und wer weiß, wo noch“, fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu. „Gibt es noch etwas, was ich über meine Zukünftige wissen sollte?“, wandte er sich an Gellis‘ Mutter.

Fianna sah ihre Tochter gespielt lange mit einem abschätzenden Blick an, diese hatte kritisch die Augenbrauen zusammengezogen, sagte aber nichts. "Ich denke, dass sie hartnäckig ihr Ziel verfolgt, habt Ihr schon erlebt. Und Ihr solltet nie unterschätzen, wie viel Kraft sie aufbringen kann, um das zu tun." Ruan nickte. „Ich denke, ich habe eine Vorstellung. Und mit Sicherheit wird unsere kleine Familie davon nur profitieren.“

Fianna lächelte ihre Tochter zärtlich an. "Alles andere solltet Ihr selbst entdecken, das macht doch die Liebe aus."

„Die ein oder andere Überraschung steht sicherlich noch aus“, grinste der Drausteiner. “Aber über Besuch in Havena würden wir uns in jedem Fall freuen. Sicher möchte die kleine Calla ihre Großmutter kennenlernen.”

"Calla", Fianna ließ den Namen auf sich wirken. "Eine gute Wahl, die zeigt, wie sicher ihr euch seid. Ich freue mich so sehr für euch!"

Ruan schenkte ihr ein warmes Lächeln. „Habt Dank. Es wird allerdings noch eine spannende Entscheidung, wo und wie sie aufwachsen wird. Havena bietet uns da durchaus verschiedene Möglichkeiten.“

Gellis nickte."Ja, das stimmt", sagte sie nur. "Aber das ist keine Entscheidung für heute Abend. Du wirst es erfahren, Mutter."

Fianna nickte. "Aber jetzt greift zu, lasst das Gulasch nicht kalt werden."

Als sich alle etwas von dem Gulasch genommen hatten, eröffnete Gellis ein anderes Thema. "Mutter, bezüglich Calla. Du weißt so viel, was kannst du mir noch mit auf den Weg geben?"

Fianna sah zu Ruan hinüber. "Möchtet Ihr dem zuhören? Ich kenne viele Männer, die alles den Frauen überlassen. Ich könnte das mit Gellis auch nach dem Essen besprechen."

Überrascht blickte der Drausteiner sie an. „Im Gegenteil. Je mehr ich darüber weiß, desto besser. Eure Hilfe hat uns sicher bis hierher geleitet. Jetzt ist es an mir, Gellis zur Seite zu stehen... Das macht doch die Liebe aus.“ Er lächelte. „Und zumindest eine Frage haben wir heute bereits gemeinsam diskutiert. Allein, es mangelt uns ganz offensichtlich beiden an Erfahrung.“

"Dann erzählt mir mehr darüber", meinte Fianna. Ruan warf einen prüfenden Seitenblick auf Gellis. „Du korrigierst mich im Zweifel, ja?“, meinte er nur und diese nickte bestätigend. Dann begann er zu berichten. „Nun, wir kamen auf unser Kennenlernen zu sprechen. Und wir malten uns aus, wie es wohl wäre, zum nächsten Turnier erstmals als Familie anzureisen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob Gellis sich so kurz nach der Geburt mit einer Meldung zu den Wettkämpfen nicht doch überfordert.“ Fragend blickte er Fianna an.

Diese lächelte. "Ehrgeizig wie eh und je. Es wird wohl gehen, wenn ihr ein paar Dinge beachtet. Das wichtigste ist, denke ich, dass die Blutung schnell aufhört und dass du gut sitzen kannst. Zum ersten Punkt ist es einfach für mich als Freie, für euch könnte es vielleicht schwer werden: keine Amme. Die Blutung hört schneller auf, wenn man selber stillt." Es war offensichtlich, dass Ruan zwar die Worte, nicht aber den Zusammenhang verstand. Dennoch nickte er. „Das ist etwas, was du mit deinem Dienstherrn besprechen musst“, meinte er mit einem entschuldigenden Schulterzucken in Richtung Gellis. Diese nickte. "Ich muss so oder so sehen, wie ich in der Zeit Dienst habe. Aber das wird schon gehen." Dann fuhr Fianna fort. "Gut sitzen, das gehört zu einem delikaten Thema." Sie blickte noch einmal zu Ruan. "Du darfst nicht oder nur wenig reißen, wenn das Kind kommt. Dazu musst du dich vor der Geburt dehnen." Sie blickte zu Ruan, unsicher, ob sie weiter erklären sollte oder konnte. Dieser hatte zwar bei Erwähnung des möglichen Reißens leicht das Gesicht verzogen und ließ nun möglichst unauffällig seinen Löffel sinken, lauschte aber nach wie vor aufmerksam. „Wie… wie soll das aussehen?“, fragte er unsicher.

"Es hat noch Zeit, bis zwei oder drei Monde vor der Geburt. Im Grunde ist es, wie ihr Euch wahrscheinlich vorstellt." Sie sah zu Ruan und dann - er war sich sicher - auf dessen Löffel. "Holt euch ein gut riechendes Öl, Rose oder etwas anderes sanftes. Wenn Ihr helft, kann es sicher auch recht rahjagefällig sein", lächelte sie vorsichtig. „In jedem Fall ist es perainegefällig“, versuchte sich der Ritter an einem Lächeln. War er bei Fiannas Beschreibung anfangs eher noch blasser geworden, zeigte sich jetzt eine leichte Röte auf seinen Wangen. Hilfesuchend blickte er zu Gellis.

Diese schien weniger erschrocken und lächelte ihn an, während sie seine Hand drückte. "Das wird schon." Dann wandte sie sich an ihre Mutter. "Wann hast du nach der Geburt wieder am Schreibtisch gesessen?", fragte sie neugierig.

"Bei Leomar und dir nach zwei Wochen, das wollte euer Vater so, bei den anderen dreien nach knapp einer. Du kennst deinen Körper gut, Gellis. Das müsst ihr als Ritter, ihr müsst wissen, was ihr euch zumuten könnt. Vertraue darauf und achte auf ihn. Und ihr achtet auf sie", meinte sie zu Ruan. "Sollte sie sich doch dickköpfig überfordern."

„Ich weiß nicht, ob ich mich durchsetzen werde“, lachte er, „aber ich verspreche, ich werde mein Bestes tun. Wann…, wann hört denn das mit der Übelkeit auf? Und ab wann sollte Gellis sich schonen? Wie ist das mit dem Reiten? Oder mit Waffenübungen?“

"Ende Rondra ist sie gezeugt, nicht wahr?", fragte die Schreiberin, und als beide nickend zustimmten, fuhr sie fort. "Dann kommt sie wohl im Rahja. Die Übelkeit wird wahrscheinlich in der nächsten Woche am Schlimmsten sein, danach wird es oftmals wieder besser oder geht gar.“ ‚Großartig. Also bereits in Bredenhag‘, ging es Ruan durch den Kopf, während Fianna fortfuhr. "Reiten ist kein Problem, aber hinunterfallen sehr wohl. Bei Eurer Frage zu den Wehrübungen kann ich Euch nicht helfen, daher fragt Ihr da am Besten die Rondra Kirche, die können solche Fragen sicher beantworten."

„Das wäre dann tatsächlich eine gute Frage an meine Mutter gewesen“, Ruan zuckte mit den Schultern. „Und was das Reiten betrifft, muss ich dich im Zweifel wohl auffangen.“ Er warf Gellis einen liebevollen Blick zu. Diese erwiderte seinen Blick, und strich zärtlich mit dem Daumen über Ruans Hand die andere Hand legte kurz den Löffel beiseite und legte sich auf ihren Bauch. "Ich habe mit einer solch süßen Verantwortung nicht vor, vom Pferd zu fallen", lächelte sie.

"Danke, Mutter." Die Angesprochene nickte kurz. "Ich gebe dir noch genug vom Tee mit für die nächste Zeit und wenn dein Bauch wächst, geh dir einen anderen Tee holen. Das Rezept gebe ich dir mit, dann kannst du es von einem Apothekarius zusammenstellen lassen. Auch, wenn ich etwas vorwegnehme, Aegwyn wird euch nach Havena folgen. Sie wird deinen Vater begleiten. Warum ich euch das sage und nicht sie selbst, vielleicht wollte ihr ja zu ihrer Freude überrascht sein", lächelte sie, "ist, dass ich Euch gern eine Wiege schenken würde für euer Kind. Aegwyn bringt sie euch dann mit, sie fährt mit dem Wagen."

„Doch nicht etwa Gellis‘ alte Wiege?“, fragte Ruan gerührt. Fianna nickte und Gellis stieß einen Laut der Freude aus. "Sie ist gerade beim Schreiner, der sie aufarbeitet, aber sie sollte alsbald fertig werden", meinte Gellis‘ Mutter.

“Danke”, lächelte Ruan, “für alles. Ich glaube, wir haben noch keine rechte Vorstellung davon, was da alles auf uns zukommt.” Er löste seine Hand aus Gellis’ und legte kurz den Arm um sie, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, während sie ihm ein glückliches Lächeln schenkte. Dann wandte er sich endlich wieder seinem Mahl zu.

"Ich bin mir sicher, Ihr werdet das meistern", meinte Fianna überzeugt.

Der Rest des Essens verlief hauptsächlich still. Nur hier und da tauschte man sich kurz aus. Nach Fleisch und Brot gab es kleine Beerenküchlein, die vorzüglich schmeckten. Recht früh bat Gellis dann aber ihre Mutter, dass sie sich entschuldigen dürften. Sie war wieder sehr müde und sehnte sich nach einem Bett. Sie verabschiedeten sich herzlich, Gellis nahm ihre Mutter sehr lange in den Arm, und diese versprach, dass sie sich morgen auf jeden Fall noch einmal sähen. So traten die beiden in den Hof.

Ruan, der sich die meisten Wege auf der Iauncyll inzwischen eingeprägt hatte, führte Gellis wie selbstverständlich zum Roten Salon. Als sie einige Schritte gegangen waren, blieb er kurz stehen und sah sie besorgt an. “Ich wollte deiner Mutter nicht vor den Kopf stoßen, Gellis. Es ist nur…, ich halte einen Rahjabund nicht wirklich für den richtigen Rahmen. Für mich hat das viel mit Zweisamkeit zu tun, und ich… naja, ich möchte mich dabei ganz und gar auf dich einlassen.”

"Das ist auch richtig so, Ruan. Ich weiß nicht wirklich, wie ich auf die Idee gekommen bin. Aber gerade bei Mutter fällt mir der Abschied unglaublich schwer, weil ich immer wieder merke, dass unser Verhältnis nicht selbstverständlich ist und sie, auch wenn sie eine Freie ist, einfach viel weniger Möglichkeiten hat", meinte Gellis betroffen. "Ich habe überreagiert, das tut mir leid."

“Das muss es nicht.” Zärtlich strich Ruan mit seiner freien Hand über ihren Arm. “Mir gefällt das auch nicht. Und ich hoffe wirklich, dass sie uns bald besuchen kann. Weißt du, das Ganze ist für mich noch etwas... ungewohnt. Die Verbindung zwischen euch meine ich.”

"Ja, das glaube ich", meinte sie nur. Ihre sonst so präsente Freude am Moment oder ihre Zuversicht schien in diesem Moment in den Hintergrund getreten zu sein. Gellis machte auf Ruan einen sehr bewegten, ja, vielleicht sogar traurigen Eindruck.

Der Drausteiner seufzte leise. Dann legte er sanft den Arm um Gellis. “Was hältst du davon, wenn wir uns noch ein wenig die Beine vertreten? Vielleicht gehen wir hinunter zum Wasser, und wenn du magst, erzählst du mir ein wenig davon, wie es früher war…, als du die Kerle verdroschen hast.” Er versuchte sich an einem Lächeln.

Sie erwiderte es müde. "Du bist lieb, ja, lass uns gehen." Als sie die Burg hinter sich gelassen hatte, nahm Ruan ihre Hand, und während sie den Bergrücken von der Iauncyll hinunter ans Wasser gingen, erzählte Gellis von dem Tag, an dem sie eine Knappin wurde. Sie kam gerade mit einem Packpferd aus Ortis zurück, wo sie für ihren Papa einige Erledigungen gemacht hatte, als ihr Vater auf sie zutrat und sagte. "Gellis, ab morgen wirst du mit den Knappen lernen."

"Mehr nicht, das waren alle Worte, die er mit mir wechselte", schloss Gellis ihre Erklärung.

“Wusstest du zu diesem Zeitpunkt schon, dass eigentlich er dein Vater ist?”, fragte Ruan nachdenklich.

"Ja, aber er hatte es bis dahin nicht für sich beansprucht", meinte sie schlicht. “Wer hat es dir gesagt?” Der Drausteiner merkte, dass sein Tonfall arg sachlich und für Gellis’ Gemütszustand sicher nicht förderlich war. Kurz räusperte er sich und fügte dann mit sanfter Stimme an: “Und bei welcher Gelegenheit?”

"Mutter hat es mir erklärt, nachdem mich eines der adeligen Kinder bei Hofe 'Bastard' beschimpft hatte", sagte Gellis wiederum sehr sachlich, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten. “Moment”, Ruan legte die Stirn in Falten, “die anderen Kinder wussten es vor dir? Ich mein’, du dachtest doch, dass du einfach nur das Kind zweier Freier warst, oder nicht? Woher konnten sie es denn wissen?”

"Gerüchte", sagte Gellis schlicht. "Würdest du deinem acht Götterläufe alten Kind erklären, dass du die Mätresse eines Distelritters warst? Ich wusste, dass Papa nicht mein Vater war, ja, aber mehr nicht." Der Stepahan nickte. “Immerhin das wusstest du. Wie…, wie hast du reagiert, als du es erfahren hast? Wie hat sich das angefühlt?”

"Irgendwie war ich einfach froh, dass ich wusste, wer mein Vater ist. Aber sonst hat sich nichts geändert. Ich habe mich ja in meiner Familie wohl gefühlt", sagte sie ehrlich. Kurz gingen Ruans Gedanken zu Ruada. „Wie eng ist eigentlich dein Verhältnis zu deinem Bruder Leomar?“, fragte er. „Hat er ebenso von seiner Abstammung erfahren?“

"Er ist mein großer Bruder und war mir damals ein Vorbild. Er hat mich immer seine kleine Räuberschwester genannt, weil ich so ungestüm war", lächelte sie in Erinnerung. "Ja, es war am gleichen Tag, als er Knappe bei den Distelrittern wurde."

“Aber, war das für ihn nicht viel zu spät für eine Ausbildung? Er ist doch deutlich älter als du, oder nicht? Das klingt ja wirklich fast so, als habe dein Vater ihn nur deshalb ebenfalls zum Knappen berufen, weil er der Ältere ist und er ihn nicht einfach übergehen konnte.”

Gellis lächelte. "Uns trennen drei Jahre. Und es war eher für mich zu früh als für Leomar zu spät."

Kurz legte Ruan seinen Kopf in den Nacken, und sein Blick ging zum Sternenzelt. Es war offensichtlich, dass er rechnete. “Du hast vor vier Jahren deinen Ritterschlag erhalten, sagtest du, ja? Dann muss das, wovon du berichtest, vor rund zwölf Götterläufen gewesen sein? Wie alt warst du damals? Dreizehn?”

"Ja", sagte sie und errötete. "Aber es ist vierzehn Götterläufe her."

Überrascht blieb der Stepahan stehen und blickte sie an. “Oh”, grinste er, “naja, eine Dame fragt man auch nicht nach ihrem Alter, nicht wahr? Und du hast dich erstaunlich gut gehalten.” Er zwinkerte ihr zu.

"Wenn du das noch einmal sagst, werde ich dich fordern", drohte sie mit einem Lächeln. “Das ist aber nicht sehr ritterlich von dir, immerhin hast du ganze fünf Jahre mehr Erfahrung.” Ehe sie protestieren konnte, nahm er sanft ihre Hände in seine und gab ihr einen zärtlichen Kuss. “Wann ist dein Tsatag?”

"Am sechsten Phex", meinte sie schlicht, noch immer mit leichtem Ärger in der Stimme.

“Ach komm”, Ruan zog sie in seine Arme, “du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass die zwei Jahre mehr oder weniger dir etwas ausmachen?” Sanft küsste er ihr blondes Haar. “Und wenn es mir etwas ausmachen würde, hätte ich dich sicher schon deutlich früher danach gefragt, meinst du nicht?” Er hob den Kopf und blickte sie offen an. “Ich liebe dich, Gellis. Und ich werde dich lieben, bis wir alt und schrumplig sind.” Er küsste sie, und fügte dann grinsend an: “Auch wenn das bei dir etwas früher der Fall sein wird.”

Sie schubste ihn spielerisch von sich. “Du Schelm!”, warf sie ihm mit gespielter Ernsthaftigkeit vor. “Das werden wir ja noch sehen!”

„Zumindest, falls unser Augenlicht das dann noch erlaubt“, scherzte er. „Übrigens ergänzen sich unsere Geburtsmonde ganz hervorragend.“

Nach seinem ersten Satz schien sie noch etwas erwidern zu wollen, doch Ruan schien sie mit dem zweiten erfolgreich davon abgebracht zu haben. “Warum?”, fragte sie verwirrt. „Rahja“, er lachte und sie stimmte in sein Lachen ein.

„Wusstest du von Anfang an um deine Herkunft?”, fragte Gellis, als sie zur Ruhe gekommen waren.

„Nein“, er schüttelte den Kopf. „Aber anders als bei dir hat uns niemand mit der Nase darauf gestoßen… und anders als Ruada habe ich mich wenig dafür interessiert, wer unser Vater war. Wir wurden beide vor allem am Stand unserer Mutter gemessen.“ Beinahe entschuldigend zuckte er mit den Schultern. „Dass sie eine Lücke hinterlassen hat, habe ich auch eher an den Reaktionen meiner Familie bemerkt. Ich kannte sie ja letztlich gar nicht. Die verpasste Frage dagegen hat meine Schwester nie in Ruhe gelassen.“

“Wisst ihr das gar nicht?”, fragte Gellis verwundert. „Was meinst du?“, kam die zögernde Antwort. “Wer dein Vater ist.”, antwortete sie.

„Bis vor wenigen Monden nicht.“ Er lächelte, und es lag eine seltsame Mischung aus Nachsichtigkeit und Stolz darin. „Im Ernst, wenn du jemandem aus unserer Familie Beharrlichkeit zuschreiben möchtest, dann Ruada. Sie hat ihre Heckenzeit dafür genutzt, mehr über ihn herauszufinden. Frag mich nicht, wie, aber es ist ihr tatsächlich gelungen.“

“Und?”, fragte Gellis gespannt. „Er ist tot“, entgegnete Ruan ohne nennenswerte Gefühlsregung. „Genau wie unsere Mutter fiel er 1020 im Osten. Vielleicht starben sie sogar Seite an Seite, ohne es zu wissen.“ Er seufzte. „Ewaine galt im Übrigen lange nur als vermisst. Das hat es nicht gerade leichter gemacht.“

“Das tut mir leid”, meinte Gellis. Selbst wenn Ruan es ohne Gefühl sagte, musste Gellis den Toten Respekt zollen. “Waren sie denn ein Paar, oder war es ein Stelldichein?”, fragte sie dann aber doch neugierig.

„Also bitte“, er schmunzelte, „wir Stepahan pflegen keine Stelldichein. Unser Werben hat stets ein ehrbares Ziel. Das solltet Ihr nun langsam aber wirklich wissen, Hohe Dame.“ Liebevoll strich er ihr über die Wange und gab ihr einen zärtlichen Kuss.

„Nein, sie waren wohl schon ein Paar. Und es hätte durchaus auch anders kommen können, ohne den Feldzug. Es gab wohl sogar Briefe, die durch widrige Umstände nie ihr Ziel fanden. Wer weiß, vielleicht hätten sie sogar noch vor unserer Geburt den Bund geschlossen. Er war Weidener. Ein Ritter und noch dazu verwitwet, wie unsere Mutter. Aber weißt du was…?“ Seine Augen blitzten für einen Moment auf. „Ich bin froh, dass es dazu nicht gekommen ist. Denn dann hättest du mich vor knapp zwei Monden womöglich nie als deine Begleitung auserkoren. Und dann wäre Ewaine vielleicht nie eine so wundervolle Enkeltochter geschenkt worden.“ Liebevoll legte er eine Hand auf ihren Bauch. Dann jedoch hielt er kurz inne und hob kritisch eine Augenbraue. „Bin ich gefühllos, wenn ich so etwas sage?“, fragte er und blickte Gellis offen an.

"Es hat viele Schrauben gegeben, deren Drehungen unser Zusammentreffen beeinflusst haben", wählte Gellis einen handwerklichen Vergleich und strich zärtlich über seine Wange. Ruan stutzte. “Schrauben? Ja, wenn du es so ausdrücken willst.” Er grinste.

"Mir ist gerade nichts anderes eingefallen. Ich bin einfach so froh, dass wir uns gefunden haben." Sie küsste ihn lange und gefühlvoll. Der Drausteiner schloss die Augen und genoss. Und während er behutsam die Arme um sie schloss, wurde er sich mit einem Mal eines neuen Gefühls bewusst. Gellis wirkte so stark und bestimmt, und doch spürte er den Wunsch, sie zu beschützen. “Das bin ich auch”, flüsterte er zärtlich. “Du hast mir gezeigt, dass es möglich ist, sich einem anderen Menschen so zu zeigen, wie man wirklich ist, und trotzdem angenommen zu werden. Und dafür bin ich dir sehr dankbar.” Er küsste sie erneut. “Lass uns immer so offen miteinander sein wie in den letzten Tagen. Und lass uns immer daran denken, welches Geschenk uns zuteil geworden ist. Dann werden wir auch alle kommenden Prüfungen bestehen – gemeinsam.”

"Ich kann es mir nicht anders vorstellen zwischen uns", meinte sie und legte ihren Kopf Geborgenheit suchend an seine Schulter. Glücklich streichelte Ruan ihr über das Haar. Gellis’ Sorgen schienen für einen Moment vergessen. ‘Abschied und Neubeginn’, ging es ihm durch den Kopf, und unwillkürlich dachte er an den gemeinsamen Moment vor dem Tsaschrein zurück. Er lächelte. ‘Vielleicht liegt Ruada doch nicht so falsch.´