Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 06: Antrittsbesuch

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Ruhe vor dem Sturm

Gasthof Schwarze Fee, Sirdrim
Am Morgen des 13. Travia 1042 BF

In dieser Nacht schien Ruan besonders bedacht darauf, die kostbare Nähe zwischen ihnen auszukosten. Immer wieder hielt er inne, um Gellis zu betrachten, sie zu liebkosen und ihren Körper mit Küssen zu bedecken. Doch schließlich übermannte sie die Müdigkeit, und sie schliefen eng umschlungen ein.

Als Ruan das nächste Mal die Augen öffnete, war es fast noch dunkel. Doch sein Kopf war bereits hellwach. Bedacht darauf, Gellis nicht zu wecken, erhob er sich und kleidete sich leise an. Dann griff er sich den Beutel mit den Kräutern und öffnete die schwere Eichentür zum Schankraum.

Nachdem er die Wirtin zunächst nirgends entdecken konnte, trat er hinaus auf den Dorfplatz. Er sog die Luft ein und lächelte. Noch lag der Ort beinahe verlassen da. Nur feine Rauchfahnen, die aus den Kaminen der Schmiede wie der Bäckerei gen Himmel stiegen, zeugten davon, dass man hier bereits dabei war, alles für das heutige Tagwerk vorzubereiten.

Ruan seufzte und lenkte seine Schritte zu der Ulme. Ihn überkam ein Gefühl von Wehmut, doch als er vorsichtig eine Hand auf die alte, knorrige Rinde legte, verspürte er wieder jene friedvolle Ruhe, die ihn bereits am Tag zuvor erfasst hatte. Lächelnd ließ er den Blick zurück zum Gasthaus wandern, als zwei Männer aus dem Drim traten und sich in Richtung Tor wandten. Er grüßte knapp, aber freundlich, wandte sich noch ein letztes Mal zu dem Baum um und machte sich dann daran, die Wirtin suchen zu gehen, auf dass sie ihm heißes Wasser und ein kleines Frühstück bereiten möge. Er wusste nicht, wann Gellis aufbrechen wollte, doch er war sich ziemlich sicher, dass es auch heute kein angenehmes Erwachen für sie geben würde.

Als er schließlich mit Tee, Apfel und etwas Haferbrei wieder ihr Zimmer betrat, hatte Gellis sich zwar bewegt, schlief aber noch. Sie lag nun auf dem Bauch im Bett, während sie die Decke unter sich zusammengeknüllt hatte und an sie kuschelte, als läge Ruan noch neben ihr. Sie schlief mit einem Lächeln auf den Lippen.

Erleichtert stellte der Drausteiner seine Last ab und zog leise die Tür zu. Den Becher mit Tee platzierte er neben dem Bett, ehe er sich rasch seiner Kleidung entledigte und sich wieder zu seiner Liebsten legte. Eine Weile betrachtete er sie versonnen. Sanft strich er mit den Fingern über ihren Rücken und hauchte zärtliche Küsse auf ihre nackte Haut.

Gellis träumte einen wundervollen Traum. Im Grunde war es, wie in ihrer ersten Nacht oder gestern Abend. Sie und Ruan waren bewusst und zärtlich miteinander und erkundeten einander ohne Eile, just strich er ihr zärtlich über den Rücken und küsste sie.

Aber in ihrem Traum war etwas anders, denn da war eine Sicherheit, die sie noch nie gespürt hatte. Es war sorglos mit Ruan, es war alles geklärt, sie waren nicht nur ein Paar, sie war sich sicher, sie waren auch vor Travia vereint. Und noch etwas war anders, ihr Körper fühlte sich anders an und in ihrem Traum öffnete sie die Augen und blickte zu einer Wiege, in der sich ein Kind fröhlich glucksend regte. Tiefe Liebe erfasste sie, ihrem Ehemann und ihrem Kind gegenüber.

"Sie ist so wunderschön…", murmelte Gellis im Schlaf.

“Schön und stark”, flüsterte Ruan lächelnd und strich zärtlich über ihr blondes Haar. Er empfand so viel Liebe für diese Frau, dass es ihn schier um den Verstand brachte. Ja, er würde stark sein, nicht weil er es musste, sondern weil er es wollte. ‘Um sie zu schützen... nein, vielmehr um ihr beizustehen.’ Gellis war stark, stärker als er. Und dass sie ihn an ihrer Seite wollte, erschien ihm immer mehr wie ein kleines Wunder. Mit einem Mal fiel ihm der Tee wieder ein. Nur mit Mühe riss er seinen Blick von Gellis los und angelte nach dem Becher. Er war noch warm.

Ruan seufzte. Dann beugte er zärtlich den Kopf zu ihr hinunter und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. “Guten Morgen, Schönheit”, flüsterte er sacht in ihr Ohr. “Zeit, sich zu präsentieren.”

Nur langsam glitt Gellis aus ihrem Traum, er war so schön, so friedlich. Ruans Kuss fühlte sich so real an, als könnte es kein Traum sein, sie schlug langsam die Augen auf und sah Ruan über sich, blickte in seine Augen.

Doch mit dem Aufwachen schlug die Übelkeit, wie mit einem Streitkolben auf sie ein und ihre Augen, die eben noch so voller Zärtlichkeit waren, verengten sich vor Selbstbeherrschung.

"Nachttopf", war das einzige, was sie hervorbringen konnte.

Der Drausteiner hatte mit ähnlichem gerechnet und so gelang es ihm gerade noch, das Schlimmste zu verhindern. Rasch angelte er nach dem Gefäß und hätte dabei beinahe den Becher mit Tee umgestoßen. Leise fluchend platzierte er den Nachttopf direkt vor Gellis bleichem Gesicht. Seine freie Hand griff in ihr Haar und hielt es bestmöglich zusammen, so dass es ihr nicht in die Stirn rutschen konnte.

Als sie wieder zu Atem kam, sah sie ihn peinlich berührt an. "Danke", sagte die Winhallerin und ließ sich erschöpft zurück in die Kissen sinken.

Kurz zögerte Ruan, dann entschied er, dass er hier nötiger gebraucht wurde und schob den gefüllten Nachttopf kurzerhand unter das Bett. Als er sich wieder zu Gellis umwandte, hielt er einen Tonbecher in der Hand. “Er ist nicht mehr wirklich heiß”, sagte er mit Bedauern in der Stimme, “aber vielleicht hilft es dennoch ein wenig?”

"Du hast…? O, Ruan, danke." Sie nahm den Becher entgegen und nahm einen tiefen Schluck. Ganz langsam kehrte die Farbe in ihr Gesicht zurück. "Ganz ehrlich, entschuldige die direkte Formulierung: Es ist besser, wenn es raus ist." Sie trank noch einen Schluck, dann einen weiteren. Dann konnte sie wieder lächeln. "Komm zu mir, ich muss dir etwas erzählen. Ich habe etwas Wundervolles geträumt." Sie klopfte auffordernd neben sich aufs Bett.

Als er sich neben sie gelegt hatte, sagte sie und lächelte verträumt. "Ich habe geträumt, dass wir eine Tochter bekommen."

Ruan nickte wissend. “Und sie war wunderschön.” Er zwinkerte ihr zu. “Ich habe es gehört.” Zärtlich strich er Gellis eine Haarsträhne aus der Stirn und küsste sie. “Wie könnte es auch anders sein. Wenn du auch nur einen Hauch deiner Anmut und Stärke an sie weitergibst, müssen wir uns um ihre Zukunft sicher keine Sorgen machen. Ich hoffe nur, sie erbt auch dein musisches Talent.” Er grinste. “Wir kommen nicht zufällig noch an einem weiteren Schrein vorbei, um darum bitten zu können?”, lenkte er dann das Gespräch behutsam auf ihre weitere Reise.

Doch – wahrscheinlich entgegen seiner Erwartungen – reagierte sie mit einem Lächeln. "Wenn es Rondrachoräle werden könnten, dann schon. Oder Erntedanklieder. Und es gehören immer zwei Elternteile zu einem Kind. Ich wünsche mir, dass sie deine wundervollen Feenküsschen bekommt und deine Beharrlichkeit."

“Beharrlichkeit”, er lachte laut auf. “Gellis, du kennst mich gerade einmal wie lange?” Offenbar hatte sie sein Interesse geweckt. “Also, sag schon. Inwiefern bin ich beharrlich?”

Die Ahawar sah ihn verliebt an."Du bleibst beharrlich in meinen Gedanken", witzelte sie erst, was Ruan mit einem Lächeln quittierte. Aber dann wurde sie ernst. "Ich erlebe dich so, dass du, wenn du etwas möchtest, dich von diesem Weg nicht abbringen lässt. Ist es nicht so?"

Der Drausteiner schien kurz zu überlegen. “Mag sein”, meinte er dann, “wobei ein wenig Verhandlungsspielraum immer gegeben sein sollte. Natürlich gibt es auch Ausnahmen”, fügte er grinsend hinzu und gab ihr einen Kuss. “Ich mag Rondrachoräle”, kam er dann auf das alte Thema zurück. “Man kann sie auch mit mäßiger Begabung ganz gut schmettern.” Er zwinkerte ihr zu.

"Na, dann lass uns mal zusehen, ob wir es bis zum Rondradienst nach Ortis schaffen, was?" Kurz wunderte Gellis sich über sich selbst. Sie hatte damit gerechnet, dass sie unsicher sein würde oder ängstlich. Aber es war Zuversicht, die sie fühlte. "Wir weichen nicht, gleich der Eiche. Ich liebe dich, Ruan."

“Und ich liebe dich”, entgegnete er, und auch seine Miene zeigte kein Zeichen des Zweifels, der ihm noch gestern so sehr zugesetzt hatte. “Euch”, korrigierte er lächelnd.


Auf nach Ortis

Zwischen Sirdrim und Ortis
13. Travia 1042 BF

Gellis hatte den Stallburschen gestern bei ihrer Ankunft beauftragt, ihre Pferde zu striegeln, bis sie glänzten. Er hatte auch ihr Sattelzeug neu gefettet, und der Schmied hatte die Hufe und Hufeisen der Tiere kontrolliert und gepflegt.

Der Stepahan und die Ahawar waren in die Wappenröcke ihrer jeweiligen Familien gekleidet und verließen Sirdrim mit einem stolzen Lächeln.

Der Weg nach Ortis zeigte Ruan einmal mehr, was es bedeutete, in Winhall zu leben. Nach knapp vier Meilen kamen sie am Dorf Bargobel vorbei, das ein wenig abseits des Tommeldamms lag. Gellis erzählte, dass es vor fünfzehn Götterläufen beinahe über Nacht zum größten Teil vom Wald überwuchert worden war. Alles, was aus Holz war, die Palisade, Tische und Stühle seien lebendig geworden und hätten viele der Einwohner getötet. In der Mitte des Dorfes konnte man noch den Drim sehen, auf dessen Dach eine Eiche thronte. Ruan konnte aber noch vereinzelt Gehöfte erkennen, die palisadenbewährt dem Geschehenen trotzten.

Zunächst hatte er es für eine weitere Legende gehalten, doch fünfzehn Götterläufe waren verdammt nah an ihrer Zeit. “Hatten die Bewohner sich gegen den Wald gewandt?” Er legte die Stirn in Falten. “Oder sind die Andersweltlichen einfach launisch?”

Sie zuckte leicht mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, es wurde nie ein Grund bekannt, ob jemand sich gegen den Wald gewandt hätte. Einfach launisch würde ich es nicht nennen, sie denken nicht so, wie wir. Daher ist es manchmal schwer zu sagen, welche Absichten sie wirklich verfolgen oder hier verfolgt haben.

“Kennen sie Mitgefühl?”, hakte er nach. "Für Menschen?", fragte Gellis. "Nein, ich denke nicht." Ruan seufzte innerlich. Doch er nickte und bedeutete der Winhallerin weiter zu reiten. Er würde sicherlich an diesem Punkt keine Diskussion darüber führen, welchen Sinn es machte, einer Wesenheit zu dienen, die man weder einschätzen noch lenken konnte.

Weitere vier Meilen später ritten sie an einem kleinen Dorf vorbei, in dessen Nähe ein ausgebrannter Drim stand. Clach Taigh, sagte Gellis, war einmal das Waisenhaus der Kinder, die beim Krieg gegen die Orks 1028 ihre Eltern verloren. Aber auch hier hatten feeische Mächte gewirkt. Gellis konnte es nicht genau sagen, was passiert war, denn es war während ihrer Abwesenheit geschehen.

“Aber es waren Kinder!” Ruan wirkte nun wahrhaft entsetzt. "Ich habe gehört, dass es keine Verletzten gegeben hat. Die Helden, die den Angriff aufhalten konnten, haben die Bewohner gerettet, soweit ich es weiß." ‘Nichts, was man den Feen zugute halten könnte’, dachte Ruan, doch er schwieg vorerst. Er hatte davon gelesen, dass die Andersweltlichen mitunter grausam sein konnten, nach menschlichen Maßstäben wohlgemerkt, doch es mit eigenen Augen zu sehen, ließ ihn erst wirklich verstehen, was dies bedeutete. ‘Niemand ist hier sicher’, schoss es ihm durch den Kopf, und er vermied es, diesen Gedanken weiter zu verfolgen.

Kurz darauf erschien nach einer Kurve eine imposante Festung, die Iauncyll, auf einer Felsnase, die in den Tommel hineinragte. Zu Füßen der Burg lag Ortis wehrhaft palisadenbewehrt. Etwa eine halbe Meile vor dem Ort hielt Gellis ihr Pferd an und sah zu Ruan, der neben ihr zu stehen kam. Sie saß aufrecht und machte, ebenso wie am Morgen, den Eindruck, der Begegnung nicht mit Angst entgegen zu treten, sondern mit Zuversicht. “Bereit?”, fragte sie ihn lächelnd.

Lass es uns einfach hinter uns bringen’, dachte der Stepahan. Doch tatsächlich merkte er, dass ihm die Feuerprobe am Tor von Sirdrim ausreichend Sicherheit gab. ‘Prüfung Nummer drei’, ging es ihm durch den Kopf. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass Gellis’ fragender Blick noch immer auf ihm ruhte. “Mehr als bereit”, erwiderte er entschlossen. “Wie könnte ich je wieder aufrichtig meine Liebe für dich erklären, wenn ich nicht bereit wäre, den beiden Menschen zu begegnen, denen ich all mein Glück verdanke?” Sein Lächeln war schwer zu deuten. Es mochte ein Teil der Wahrheit sein. Nun aber wandelte sich Ruans Miene und ehrliches Interesse lag in seinem Blick. “Wir werden doch wohl auch bei deiner Mutter vorsprechen?”

“Sie würde es uns übel nehmen, täten wir es nicht, denn sie freut sich darauf, dich, meinen zukünftigen Ehegatten, kennen zu lernen”, sagte Gellis mit entspannter Stimme. “Wir werden uns ankündigen lassen bei meinem Vater, und dann schauen wir, ob wir sie vor oder nach dem Vorsprechen bei ihm treffen."

Ruan nickte, und er spürte eine gewisse Vorfreude auf diese Begegnung. Das, was Gellis bisher über ihre Mutter zu berichten gewusst hatte, ließ vermuten, dass sie nicht nur eine herzliche Frau, sondern vor allem auch eine interessante Gesprächspartnerin sein dürfte. Der Drausteiner versuchte, diesen Gedanken festzuhalten. Ja, vielleicht konnte es nicht schaden, wenn er auch in dem Zusammentreffen mit Rodowan Ahawar nicht nur eine Herausforderung sah. Schließlich war er der Mann, der seine Begegnung mit Gellis überhaupt erst ermöglicht hatte. Dankbarkeit war in der Tat eine deutlich angebrachtere Haltung. ‘Und vielleicht auch eine, die den Vogt durchaus überraschen dürfte’, klang eine leise Stimme in seinem Ohr. Mit einem selbstbewussten Lächeln blickte Ruan zu Gellis. “Dann los”, meinte er.

Diese nickte und ritt an. Im Trab ritten sie bis kurz vor die Tore, um dann langsam im Schritt hindurchzureiten. Wieder wurde Gellis von den Wachen freundlich gegrüßt, und auch Ruan erfuhr die angemessene Begrüßung.

Ortis zeugte von regem Handel. Das Kontor des Handelshauses Govindal, das einzige, das mit Anornin handeln durfte, lag am kleinen Flusshafen des Ortes. Dieser war belebter als die meisten Orte, die Ruan bisher in Winhall bereist hatte. Als sie an einen Kanal kamen, der Ortis einmal mittig durchfloss, musste Gellis grinsen. Über diesen Kanal führte eine Steinbrücke, hinter der der Rondratempel stand. “Das ist die Prinz-Brin-Brücke”, sagte Gelis gut gelaunt, als sie hinüber ritten. “Weißt du warum, Ruan?”

“Hm, lass mich überlegen.” Der Ritter ließ den Blick schweifen. “Vielleicht weil Brin von Gareth hier regelmäßig selbst vorstellig wurde, um sich mit seinem liebsten Getränk zu bevorraten?”

“Nein”, Gellis grinste und schien sichtlich amüsiert. “Rate noch einmal, aber ich gebe dir einen Hinweis. Es hat mit dem Gebäude zu tun, in dem wir zum ersten Mal allein waren. Und einem Bild, was wir uns dort angeschaut haben.”

“Das Donnersturmrennen, natürlich.” Ruan schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. “1006 Bosparans Fall, richtig?”, versuchte er die mangelnde Eingebung wieder wett zu machen. “Zu schade, dass man hier nicht auch einen Rahja-Tempel errichtet hat. Zu Ehren der Rösser.” Seine Miene blieb ernst, doch aus Ruans Augen blitzte der Schalk.

“Ja, schade”, Gellis Mundwinkel zuckten. “Der zweite Versuch deiner Antwort war richtig: Brin von Gareth hat diese Brücke übrigens bauen lassen, weil die, über die er damals beim Donnersturmrennen geritten ist, manipuliert war und zusammengebrochen ist und er mitsamt seinem Streitwagen hier im Kanal landete.”

“Du willst mir jetzt aber nicht vorschlagen, dass wir es ihm gleichtun, oder?”, grinste Ruan. “Auch wenn ich nichts gegen ein gemeinsames Bad einzuwenden hätte und es zudem den Vorteil hätte, dass wir uns bei deinem Vater nicht mehr anzukündigen bräuchten.”

Die Ritterin lachte leise und gerade, als sie ansetzen wollte zu sprechen, ertönte ein Gong aus Richtung des Rondratempels. Ein Novize rief zum Rondradienst. “Kommt, lasst uns nicht zu spät kommen, Herr Stepahan. Das Bad muss warten”, sagte Gellis und trieb ihr Pferd über die Brücke.

Ruan zuckte bedauernd mit den Schultern. “Nunja, es hätte unsere Verhandlungen vermutlich auch unwesentlich erschwert”, meinte er, ehe er sich daran machte, Gellis zu folgen.

Sie hatten ihre Reisegeschwindigkeit augenscheinlich richtig bemessen. Der Geweihte am Eingang des Tempels grüßte Gellis und Ruan und fühlte sich sichtlich geehrt, ein Mitglied der Familie Stepahan in seinem Tempel zu wissen. Es war ein schöner Dienst, in einem kleinen und schlicht eingerichteten Tempel, nicht allzu lang und nach einem knappen halben Stundenglas stiegen die beiden wieder auf ihre Pferde und machten sich auf den Weg zur Grafenburg.

“Eines muss man dir lassen”, flüsterte Ruan, als er gerade niemand anderen in Hörweite wusste, “du legst dich wirklich ins Zeug. Unser Kind lernt bereits vor seiner Geburt so viel über Winhall wie manch anderer sein ganzes Leben nicht.” Er warf ihr einen zärtlichen Blick zu, ehe er den Kopf wieder ihrem Ziel zuwandte. “Ich hoffe, du kennst das Losungswort”, meinte er dann in ernstem Tonfall.

Gellis hatte mit Ruans Äußerung zu ihrem Kind die Zügel in eine Hand genommen und die andere auf ihren Bauch gelegt. “Nein”, antwortete die Winhallerin ihm ebenso ernst, “ich kenne die Torwache.”

Sie näherten sich der Burg und Ruan konnte feststellen, dass hier keine Wachen an einem geöffneten Tor abgestellt waren, wie in den Dörfern, nein, das Tor war zu und vor dem Tor waren keine Wachen zu sehen. Jedoch öffnete sich das Tor, als die beiden auf fünfzig Schritt heran geritten waren. Er war ganz geöffnet, als sie ankamen und so konnten sie ohne Halt in den Vorhof der Burg reiten.

Vom Vorhof aus führte ein kutschenbreiter Weg zwischen hohen Mauern in einen zweiten Hof, in dem die erwarteten Wirtschaftsgebäude zu sehen waren, Schmiede, Lederer, Bäcker und eine Fleischerei konnte Ruan erkennen. Ein Knappe grüßte Gellis und Ruan freundlich und begleitete sie, um ihnen bei Ankunft an einem dritten Tor am Ende des zweiten Hofes, die Pferde abzunehmen. Gellis suchte Ruans Blick als sie von den Pferden abgestiegen waren und hielt ihm nicht höfisch den Arm, sondern vertraut die Hand entgegen.

Überrascht, aber dankbar, ergriff Ruan sie. “Es gilt”, flüsterte er sehr leise. Dann hob er das Kinn und straffte die Schultern. “Beeindruckend”, sagte er mit fester Stimme und nickte anerkennend. Egal wie oft er diesen Weg in Gedanken bereits genommen hatte, Er fühlte sich ganz und gar nicht vorbereitet. Seine Maske saß, doch er spürte, dass sie früher oder später würde fallen müssen, spätestens wenn es darum ging, Gellis’ Vater gegenüber ihre Beweggründe darzulegen. Er drückte ihre Hand. “Wohin?”

Auch Gellis Körperspannung und Ausdruck hatten sich wieder verändert, selbstbewusst und stolz stand sie im Hof. Doch am Griff ihrer Hand spürte Ruan, dass auch sie aufgeregt war. Ein weiterer Knappe kam, um die Satteltaschen entgegen zu nehmen und folgte den beiden. “Dort vorn ist der Eingang”, sagte sie und nickte in Richtung einer zweiflügeligen Tür, von der ein Flügel offen stand. Aus diesem kam just ein Mann herausgetreten, Anfang fünfzig im Livree eines höhergestellten Bediensteten. Er blickte die beiden Ankömmlinge an. “Hohe Dame, Hoher Herr, ich darf Euch willkommen heißen auf der Iauncyll”, sagte er, schien aber keine Antwort zu erwarten, denn er sprach sofort weiter. “Ihr könnt Euch sogleich anmelden, doch denke ich, Ihr wollt Euch erst einmal der staubigen Kleidung entledigen, um Euch angemessen zu kleiden. Daher möchte ich Euch, Hoher Herr Stepahan, Euer Gästezimmer zeigen.”

Gellis blickte den Mann kurz an und sah dann zu Ruan. Dieser verzog keine Miene. “Habt Dank”, nickte er dem Bediensteten zu. Dann wandte er sich zu Gellis und deutete einen Handkuss an. “Wann sehe ich dich?”, fragte er selbstbewusst.

Gellis hob kurz einen Mundwinkel und blickte sich um. Im Gang, der sich der Tür anschloss, war niemand zu sehen. “Papa”, sagte sie nur, woraufhin der Mann sich umdrehte und Gellis ansah. “Gellis”, sagte er leise, aber bestimmt, “ich werde nicht zulassen, dass dein Vater erfährt, dass der Hohe Herr Stepahan”, er nickte Ruan ergeben zu, “unangemessener Weise in deiner Kammer nächtigt.” Seine Stimme klang fast tadelnd, wurde dann aber freundlicher. “Die dazu auch noch viel zu klein ist.” Dann sah er beide an. “Ich dachte, der rote Salon sei angemessen.”

Gellis nickte schlicht und blickte zu Ruan. “Ich hole dich ab, sobald ich mich umgekleidet habe.”

Nachdem Ruan seine Verwirrung überwunden hatte, konnte er sich eines Gefühls der Rührung nicht erwehren. Und vielleicht hatte es dieses kurzen Momentes bedurft, um ihm vor Augen zu führen, was Gellis ihm bereits mehrfach mit Worten versucht hatte klarzumachen. Sie war ebenso das Kind dieses Mannes wie die Tochter des Vogtes. Und mit einem Mal verspürte der Drausteiner das dringende Bedürfnis, auch ihm den entsprechenden Respekt zu zollen. Nachdem er Gellis kurz zugenickt hatte, löste er ihre Verbindung und wandte sich an den Mann, den sie selbst schlicht ‘Papa’ nannte. “Habt Dank für Eure Umsicht”, sagte er lächelnd und fügte dann etwas leiser an: “und für alles, was Ihr für Gellis getan habt.”

Der Mann nickte Ruan zu und antwortete. “Das ist selbstverständlich, Hoher Herr. Bitte folgt mir.” Er nickte seiner Stieftochter noch einmal zu und führte Ruan dann zu einer Flurgabelung, wo er mit Ruan rechter Hand ging und Gellis nach links abbog.

Vorbereitungen

Feste Iauncyll, Ortis
Nachmittag des 13. Travia 1042 BF

Ruans Zimmer war ein sehr repräsentativer Raum, recht groß mit einem Butzenglasfenster. Die Einrichtung war in rot gehalten, daher wohl der Name. Dominiert wurde es von einem großen Himmelbett in der Mitte des Raumes. Truhen, ein Schreibtisch, ein Waschtisch und ein Rüstungsständer standen ringsum an den Wänden.

"Kann ich Euch einen Pagen schicken, Hoher Herr, der Euch beim Auspacken und Umkleiden behilflich ist?", fragte der Quartiermeister Ruan, während der Knappe Ruans Satteltaschen in den Raum gestellt hatte und sich verbeugend verabschiedete.

Der Ritter zögerte. Er brauchte Zeit, sich zu sammeln. Andererseits war es sicher hilfreich, um sich langsam wieder ins höfische Leben einzufinden. „Ja bitte. Und heißes Wasser“, entgegnete er daher.

"Wie Ihr wünscht", sagte der Diener, "ich werde jemanden schicken." Dann machte er eine kurze Pause, als überlegte er. "Und meine besten Wünsche für später", schloss er, verbeugte sich und machte sich daran, zu gehen.

“Danke”, lächelte Ruan und wandte sich dann seinem Gepäck zu.

~~

"Jetzt sag schon, Gellis. Wie war es?", fragte Aegwyn neugierig mit dem Waschlappen in der Hand, um Gellis beim Waschen behilflich zu sein. Gellis hatte sich just ihrer Kleidung entledigt und lächelte verträumt.

"Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss träumen, weil es so schön ist", sagte Gellis schlicht. "Er ist so…", sie zögerte und ihre Magd, ihre Schwester wurde ungeduldig. "Ja, jetzt sag schon!" "Er ist alles, was ich nie gewagt habe, mir vorzustellen, Aegwyn. Er ist… zärtlich, verständnisvoll, er hat Witz, aber ist doch ernst, wenn es nötig ist und er freut sich", sie strich zärtlich über ihren Bauch. "ER FREUT SICH?", die Frau klang überrascht und fiel sogleich der Ritterin um den Hals. "Ja, er freut sich", grinste Gellis verliebt und auch stolz auf ihren Zukünftigen, auf Ruan. "Ich liebe ihn und er liebt mich", schloss sie, als sie sich mit einem gereichten Handtuch abtrocknete.

Doch Aegwyn ließ nicht locker. "Was war das Beste?", fragte sie, als sie ihr in ihr Kleid half. "Unser Wiedersehen, sein Blick, als er mich sah, seine Berührungen, seine Küsse. Seine Neugier, seine Hilfsbereitschaft, sein Lächeln, seine Liebe. Ich könnte ewig so weitermachen, weil alles das Beste ist alles an ihm und alles mit ihm", schloss Gellis ihre Erklärung, und ihre Schwester meinte: "Das klingt wirklich, als sei es dir gegönnt, so verliebt zu sein, wie ich es bisher nur in Liebesromanen gelesen habe. Ich freu mich für dich. Und ich hoffe, dein Vater sieht das auch so", fügte sie noch an. Gellis nickte nur stumm.

Die Magd hieß Gellis, sich umzudrehen und begann, das Mieder des tiefgrünen Kleides zu schnüren. Es war ihr, wie viele von Gellis Kleidern, auf den Leib geschneidert, grün, wie ein Eichenwald und mit sorgfältigen Ziernähten aus weißem und schwarzem Garn versehen. Das Mieder war mit einer schwarz-weißen Kordel umrandet und betonte ihre wohlgeformten Brüste, die, wie sie feststellte aufgrund der Schwangerschaft etwas größer geworden waren. “Ich schnüre es nicht allzu fest”, sagte Aegwyn. “Nicht, dass es dir beim Sitzen womöglich in den Bauch drückt.” Der bodentiefe Rock des Kleides fiel glatt nach unten und betonte ihren schlanken Körper. Es war kein Ballkleid, kein Kleid einer langweiligen und prüden Edeldame, es war das Kleid einer stolzen Ritterin, davon zeugte auch der Ritterdolch an ihrer Seite. Kurz fiel Stille zwischen die beiden. “Die Kette, ist die auch von ihm?", fragte Aegwyn, als sie diese Gellis wieder umlegte. Sie passte perfekt zum Ausschnitt des Kleides. Aegwyn hatte schon immer einen Blick für die kleinen und großen Details gehabt, Gellis nickte bestätigend.

“Danke Aegwyn, du hast genau das richtige Kleid ausgewählt, sowohl für den Anlass, als auch für die Kette”, sagte Gellis lächelnd zu ihrer Halbschwester, als sie mit dem Ankleiden fertig waren. “Gern geschehen! Ah, Mutter hat gesagt, du sollst bei ihr vorbei gehen, wenn du zurück bist. Sie hat was für dich, hat sie gesagt.”

~~

Ein knappes Stundenglas später stand Gellis neu eingekleidet und mit einer kunstvollen Flechtfrisur ihrer Schwester – heute hatte sie zwei kleine mit Eichenblättern verzierte Haarnadeln zum Fixieren der hochgesteckten Strähnen genutzt – vor Ruans Zimmertür.

Der Weg zum Roten Salon war zwar nicht weit von ihrer Kammer entfernt, aber er hatte Gellis gereicht, sich wieder von der verliebten jungen Frau in die stolze Tochter des Vogtes zu verwandeln.

Sie war ruhig und zuversichtlich, was das Gespräch anging, zuversichtlich nicht unbedingt auf ein konfliktfreies Gespräch mit ihrem Vater, aber zuversichtlich, was ihre und Ruans Beziehung an sich anging und ihr gemeinsames Ziel. Und das gab ihr Kraft für alles andere. Ganz anders als bei ihrem ersten Gespräch mit ihrem Vater wusste sie nun sehr viel genauer, wofür sie eintrat, für eine Zukunft mit Ruan und ihrem Kind. Sie hatte endlich den Weg gefunden, den sie ihr ganzes Leben als Ritterin gesucht hatte. Einen Platz, eine Verantwortung aus sich heraus, aus ihren Wünschen, nicht aufgrund eines Befehls. Dafür würde sie kämpfen, mit einer viel größeren Kraft, als sie je dachte, zu haben.

Die Zweifel waren verflogen, dass das, was auf dem Treffen der Besten geschehen, doch nur eine wundervolle Liebesnacht war, und die Angst war gewichen, dass sie den gemeinsamen Pflichten nicht gewachsen wären. Das eine um das andere Mal hatte sie darüber nachgedacht. Es war nicht konfliktfrei, gerade in den gemeinsamen Pflichten mussten sie sich noch finden, aber die kleinen Streitereien zeigten ihr, dass sie es ernst meinten miteinander und beide ihre Vorstellungen durchsetzen wollten, ihre Grenzen abtasteten, das gefiel ihr.

Und so klopfte sie aufrecht, stolz und zuversichtlich an die Tür ihres Verlobten.

~~ Ruan hatte die Zeit bis zum Eintreffen des Pagen genutzt, um die wichtigsten persönlichen Dinge auszupacken. Die Rondrastatuette, die Gellis ihm in Draustein überlassen hatte, platzierte er gut sichtbar neben dem einladenden Bett. ‘Roter Salon… wie passend. Rahja- und rondragefällig zugleich’, dachte er und musste unwillkürlich lächeln. Er erlaubte sich einen Moment des Innenhaltens und ließ zu, dass die Bilder der vergangenen Nächte ihn in ihren Bann zogen. Fast war ihm, als hätte er die Zeit seit ihrem Zusammentreffen in Albenhain in einem fortwährenden Rauschzustand verbracht. Allein Gellis’ Nähe schenkte ihm einen nie gekannten Frieden. Der Blick aus ihren Augen, die Berührung ihrer Hand…

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. ‘Ruan, reiß dich zusammen’, schalt er sich. Auf sein “Herein” erschien ein Junge von vielleicht acht oder neun Götterläufen, und der Drausteiner wies ihn knapp aber freundlich in seine Aufgaben ein – ihm aus der Rüstung helfen, die Waschschüssel füllen, Seife bereitlegen, Kleidung prüfen und zusammenlegen – bis auf die, die er heute Abend benötigen würde, selbstredend. Später könnte der Junge noch seine Reisekleidung vom Staub befreien. Doch vorerst entließ er ihn mit einem knappen Dank, um sich in Ruhe waschen und ankleiden zu können. Während er mit geübten Bewegungen seinen Bart schabte, ging der Blick des Ritters zum wiederholten Male zu der bereitliegenden Kleidung. Lange hatte Ruan darüber nachgesonnen, was wohl den besten Eindruck beim Weyringer Vogt hinterlassen würde. Schließlich hatte er sich für ein rotes Wams entschieden, in das auf Höhe des Herzens der wehrhafte, schreitende Löwe des Hauses Stepahan eingestickt war. Darunter würde er ein edles weißes Hemd tragen. Bei den Beinkleidern hingegen hatte er sich für eine feine schwarze Lederhose entschieden, die in ein Paar halbhoher lederner Stiefel mündete. ‘Ritterlicher als am Hofe, höfischer als auf Reisen’, stellte er zufrieden fest.

Kurze Zeit später war der Drausteiner fertig angekleidet und war gerade dabei, standesgemäß den Ritterdolch zu gürten, als es erneut an der Tür klopfte. Rasch fuhr er sich mit der Hand durchs Haar, dann öffnete er.

Draußen stand Gellis, die ihn interessiert von oben bis unten musterte, ein leichtes Grinsen in den Mundwinkeln. “Braucht Ihr noch einen Moment? Wenn es genehm ist, kann ich hereinkommen und dort warten?”, fragte sie nüchtern.

“Verzeiht”, entgegnete Ruan mit ernster Miene. “Ich habe wohl die Zeit vergessen.” Er trat zur Seite und gab den Eingang frei. “Wenn Ihr Euch vielleicht noch kurz setzen möchtet. Ich brauche nur noch einen Augenblick.” Er wartete, bis Gellis den ‘Roten Salon’ betreten hatte, dann schloss er leise die Tür hinter sich.

“Das…”, kurz zögerte die Winhallerin. “Du...ach, es hört sich alles merkwürdig an, wenn ich es so sage, aber du siehst umwerfend aus.”

Die Erleichterung stand Ruan ins Gesicht geschrieben. “Danke”, er tat einen tiefen Seufzer. “Ich wollte gerade fragen… dein Gesichtsausdruck war… schwer zu deuten.” Er grinste schief. Dann nahm er sich einen Moment, um Gellis zu betrachten. Sein Blick fiel auf die Kette, und ein glückliches Lächeln huschte über sein Gesicht. “Schön wie eh und je”, stellte er fest. “Gleich der Eiche…, nur viel anmutiger.”

Dann veränderte sich seine Haltung, und er wirkte mit einem Mal unsicher. “Ich bin wirklich fast soweit. Es sei denn, du brauchst noch einen Moment, um…” Er beendete den Satz nicht, sondern blickte nur unschlüssig von ihr zur Tür und dann hinüber zum Bett. Gellis konnte sehen, dass dort drei Gegenstände drapiert waren. Sie erkannte einen kleinen Lederbeutel, eine Schriftrolle sowie einen gesiegelten Brief.

Sie sah ihn fragend an, dann meinte sie: "Lass uns erst einmal bei dem bleiben, was wir tun müssen, auch wenn mir nach anderem der Sinn steht", sie lächelte, wurde dann aber wieder ernst "Was hast du da?"

“So war das gar nicht gemeint…” Verlegen fuhr sich Ruan durchs Haar. “Ich dachte nur, du willst dich vielleicht noch sammeln.” Nach wie vor vermied er es, sich ihr zu nähern, doch aus seinen Augen sprach die selbe Verbundenheit wie sonst auch. Auf Gellis’ Frage hin folgte er ihrem Blick. Dann grinste er verlegen. “Das, ach…” Er trat zu dem Himmelbett und nahm den kleinen Beutel an sich. Mit geschickten Fingern nestelte er ihn an seinem Gürtel fest. “Ein Geschenk für deinen Vater, rein symbolisch. Ich dachte mir…, also”, er blickte zu Boden. “Ich hoffe, ich irre mich nicht, aber ich glaube, mit Reichtum brauche ich bei ihm nicht zu protzen. Und ich möchte ja auch nicht den Eindruck erwecken, ich wollte dich kaufen.”

"Ein Gastgeschenk, und du bist hier zu Gast, ganz abgesehen vom Anlass." Gellis Stimme war wieder sachlich geworden. "Nein, lass uns losgehen. Wir gehen erst zu Vaters Sekretär und melden uns an. Wer weiß, wie er Zeit für uns oder dich hat. Wo wir zu einem Punkt kommen, den ich dich noch fragen wollte, zur Taktik. Nur zusammen oder würdest du auch allein mit ihm sprechen?"

“Nein, auch allein”, antwortete er ihr abwesend, kam dann aber noch einmal auf das Geschenk zu sprechen. “Es hat nur einen ideellen Wert…, hätte ich vielleicht doch…?” Hilflos sah er sie an.

"Was ist es denn?", fragte sie neugierig. "Ich glaube, ein Geschenk, das Hintergrund bedeutet und nicht Protz, der wieder gewisse Vorurteile bestätigen würde, ist genau richtig."

“Exakt das war mein Gedanke”, erwiderte Ruan, nun offenbar erleichtert. “Du wirst es schon noch erfahren. Ich…, ich muss die richtigen Worte dazu finden, und das gelingt nur einmal. Ich hoffe, du verstehst.” Kurz schien er zu überlegen. “Und wenn ich doch allein mit ihm spreche, werde ich dir alles haarklein erzählen.” Er zwinkerte ihr zu. “Eins noch, werden wir auch deine Mutter treffen?”

"Gut, dann zügele ich meine Neugier", sagte sie. "Je nachdem, wann Vater für uns Zeit hat, sollten wir den Zeitpunkt des Treffens mit meiner Mutter terminieren. Ich soll auch noch etwas bei ihr abholen, sagte mir Aegwyn."

“In Ordnung”, Ruan zögerte kurz, dann griff er nach der Schriftrolle und dem Brief. Gellis konnte erkennen, dass das Siegel ungebrochen war. Es zeigte denselben schreitenden Löwen wie die Stickerei auf Ruans Wams.

"Ein Schreiben deiner Familie?", fragte sie kurz.

“Von Rondred”, nickte er ebenso knapp. “Sag, welche Anrede bevorzugt dein Vater? Die korrekte oder die Kurzform?”

"Eigentlich eher die Kurzform, aber ich denke, es ist respektvoller, wenn du erst einmal die korrekte nutzt."

“Ihr habt da in Winhall auch keine Sondertitel? Also, hochgeborener Herr Vogt, ja? Nicht irgendetwas mit Feen?” Er versuchte sich an einem Lächeln, das sie kurz erwiderte und den Kopf schüttelte. “Nein, nichts mit Feen.” Ruan nickte. “Sehr gut, wollen wir dann?”

“Ja, lass uns gehen.” Im Gegensatz zum Hof nahm Gellis nicht seine Hand, sondern hob den Unterarm, als Zeichen, dass er ihr den Seinen zur Stütze geben solle, was Ruan auch ohne zu zögern tat.

Sie verließen das Gebäude, wie sie gekommen waren. “Im rechten Flügel werden die Gäste untergebracht und hinten sind die Zimmer der Knappen, die hier die gräfliche Knappenschule besuchen, aber keine Distelknappen sind und so auch keinen Schwertvater haben, dem sie dienen. Im linken leben die Dienstritter des Grafen, die keine Distelritter sind. Die Distelritter und ihre Knappen sind in einem anderen Gebäude untergebracht. Oben drüber sind Gesindekammern, dort könen auch die Gäste Teile ihres Gefolges unterbringen”, erklärte Gellis auf dem Weg nach draußen in den Hof.

Ruan wartete, bis sie geendet hatte, ehe er nachfragte: „Wer bildet die gräflichen Knappen aus? Dein Vater?“ “Unter anderem, ja. Er schult sie im Umgang mit Anderthalb- und Zweihänder. Und wiederum andere erteilen Unterricht in den anderen Waffendisziplinen, im Reiten, der Etikette.” Kurz schien Ruan bei Erwähnung der Waffengattungen aufzuhorchen. „Gibt es so etwas wie eine traditionelle Waffe des Hauses Fenwasian?“, fragte er. Gellis überlegte. “Meinst du in der traditionellen Anwendung im Kampf für die Streiter oder eine Familienwaffe?” „Ersteres“, sein Ton war sachlich, seine Fragen kamen schnell, so als wolle er in kurzer Zeit möglichst viel in Erfahrung bringen. „Aber wo du es erwähnst… Graf Arlan führt das Schwert Sians von den Feen... neben Leuengrîn natürlich. Gibt es etwas ähnliches auch bei der Distel?“ “Nein, es ist eher das traditionelle ritterliche Langschwert, das man im Haus Fenwasian führt, um die alten Traditionen des Hauses zu betonen. Und der Graf führt selbstredend das Familienschwert.”

Die beiden gingen ein Stück über einen breiten hölzernen Steg über den Hof und betraten ein weiteres Gebäude. “Das Verwaltungsgebäude für alles, was nicht direkt mit dem Grafen zusammenhängt, also die Vogtei für das Grafenland, die Schreibstube, Verwaltung und auf der anderen Seite auch das Zeughaus und die Waffenkammer. Die direkten Bediensteten der Distel und die Distelritter sind weiter im Inneren der Burg.” Sie betraten das Gebäude und es machte tatsächlich den Eindruck eines Verwaltungsgebäudes. Es hatte lange Flure von denen rechts und links Türen abgingen. Gellis blieb auf dem Flur kurz vor einer der ersten Türen stehen und blickte Ruan an. “Hier ist die Stube des Sekretärs meines Vaters”, erklärte sie und hob die Hand zum Klopfen. “Bereit?”

“So bereit, wie ich nur sein kann”, lächelte er, und in der Tat war sein Blick entschlossen und seine Haltung aufrecht, doch nicht angespannt. Kurz bevor Gellis zur Tat schreiten konnte, ergriff er jedoch ihre erhobene Hand und verschränkte kurz seine Finger mit den ihren. “Ich liebe dich”, flüsterte er, ehe er seinen Griff ebenso rasch wieder löste und ihr bedeutete fortzufahren.

Gellis atmete noch einmal tief durch, nicht, um Mut zu fassen, sondern um das Lächeln quasi wegzuatmen, das sich bei seiner Geste in ihr Gesicht geschlichen hatte. Ihr Klopfen wurde mit einer Aufforderung einzutreten beantwortet. Gellis und Ruan traten Seite an Seite ein, und der Sekretär, der sicher auch schon mehr als 50 Götterläufe gesehen hatte, begrüßte sie beide mit einem förmlichen Nicken. “Hohe Dame Ahawar, Farindel und die Zwölfe zum Gruße, und Hoher Herr Stepahan, nehme ich an? Rondra mit Euch.”

“Rondra mit Euch”, entgegnete Ruan freundlich, dann hielt er kurz inne, so dass Gellis schon den Eindruck gewinnen konnte, er wolle ihr den Vortritt lassen. Doch dann erhob er erneut die Stimme: “Ihr vermutet richtig. Ruan Stepahan, Leibritter Talenas vom Draustein. Allerdings”, er hielt kurz inne, “reise ich aktuell mit Dispens und spreche nicht im Namen der Fürstgemahlin. Es handelt sich um eine persönliche Angelegenheit, in der ich den gräflichen Vogt zu sprechen ersuche. Hättet Ihr wohl die Güte zu prüfen, ob und wann er es einrichten könnte?” Die Worte kamen flüssig und ohne jegliche Gefühlsregung über Ruans Lippen. Höflich lächelnd erwartete er die Antwort des Secretarius.

Dieser sah kurz auf die vor ihm liegenden Schriftstücke, ohne sie wirklich zu betrachten und schaute dann wieder auf. “Ihr wurdet bereits angekündigt”, antwortete dieser und sah zu Gellis, die ihm nun auf seine Begrüßung antwortete. “Farindel und die Zwölfe zum Gruße.” Dann sah er wieder zu Ruan. “Ersucht Ihr allein ein Gespräch mit dem hochgeborenen Vogt oder gemeinsam mit der Hohen Dame, seiner Tochter?”

Es war nur eine kurze Regung, doch Gellis konnte erkennen, wie Ruans Lippen sich für einen Augenblick verengten. Dann jedoch fuhr er in gleichem Tonfall fort: „Da es sich um eine Angelegenheit handelt, die uns beide gleichermaßen betrifft, würde ich ein offenes Gespräch unter sechs Augen begrüßen. Wenn der Vogt es jedoch wünscht, stehe ich ihm selbstverständlich vorab auch gern für eine vertrauliche Unterredung zur Verfügung.“

“Hochgeboren Ahawar wünscht, dass Ihr, Hoher Herr, diese Entscheidung trefft”, sagte der Sekretär schlicht und sah Ruan an, während er ungeduldig mit der Feder in der Hand spielte. Innerlich schalt sich Gellis, Ruan zwar so viel wie möglich über ihren Vater erzählt zu haben, aber nicht über seinen Sekretär.

“Natürlich, verzeiht.” Ruans Lächeln wurde breiter, während er gleichzeitig mehr Haltung annahm. “Ich wünsche eine Unterredung unter vier Augen”, sagte er dann.

Der Sekretär nickte und sagte schlicht. “Gut, dann findet Euch in zwei Stundengläsern hier wieder ein. Im Anschluss des Gesprächs wird es ein Abendessen geben, zu dritt.”

“Sehr wohl”, Ruan nickte höflich, “seid vielmals bedankt.” Dann wandte er sich zu Gellis. “Gibt es noch etwas zu besprechen?”, fragte er förmlich. Diese lächelte höflich erst zu Ruan: “Nein, danke”, und wandte sich dann zum Sekretär. “Habt Dank, auf bald.” Aber sie ließ Ruan die Möglichkeit, sie führend, den Raum zu verlassen, bevor sie die Führung übernehmen würde.

Dieser öffnete die Tür und geleitete Gellis hinaus. Als sie außer Hörweite waren, zischte er ihr zu: “Was für ein Arschloch. Ist der immer so, oder muss ich das persönlich nehmen?” Alles, was der Drausteiner mühsam unterdrückt hatte, schien sich nun Bahn zu brechen.

“Entschuldige”, sagte Gellis. “Ich habe mich so auf meinen Vater konzentriert. Ich hätte es dir sagen sollen, er ist immer so. Ich habe mich wahrscheinlich schon zu sehr daran gewöhnt.” Sie verdrehte die Augen und flüsterte ähnlich aufgebracht. “Ich habe dich heute nicht angekündigt! Er hat es verdreht: Ich habe mich abgemeldet am achten, als dein letzter Brief ankam und gesagt, dass ich dir entgegen reite. Nichts anderes.”

“Dich trifft keine Schuld.” Sofort wurde sein Blick weicher. “Ich muss mich entschuldigen. Es galt, eine Entscheidung zu treffen, und ich denke, dass dies die richtige war. Ich hoffe, du kannst mir vergeben.” Kurz hielt er inne, doch ehe sie antworten konnte, fügte er mit hoffnungsvollem Gesichtsausdruck an und blickte in Gellis fragendes Gesicht: “Und wir werden in jedem Fall zuvor festlegen, über welche Angelegenheiten wir unter allen Umständen nur gemeinsam mit ihm sprechen werden. Denn immerhin habe ich nicht gelogen. Es betrifft uns beide.”

Doch Gellis schien keinesfalls aufgebracht gegen ihn zu sein, als sie nicht den Weg hinaus in den Hof, sondern weiter hinein in das Gebäude nahmen. “Es gibt nichts zu vergeben, vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn du erst einmal allein mit ihm sprichst. Ist ja traditionell so auch richtig, oder? Der Zukünftige bittet den Schwiegervater um seinen Segen, oder?” Sie drückte kurz seinen Arm. “Es gibt nur eins, was ich dich bitte, nicht zu erwähnen.” Und sie sah nach unten auf ihren Bauch. “Bei allem anderen vertraue ich dir.”

“Das ist selbstverständlich, Gellis”, kam es ohne zu zögern. Ruan blieb stehen und blickte sich kurz um. Für einen Lidschlag verlor sein Körper an Spannung, als er seine freie Hand auf ihre legte. “Seite an Seite. Ich werde nicht weichen, versprochen.” Diese nickte nur und drückte kurz seine Hand. “Und jetzt lass mich dir meine Mutter vorstellen, ja?”

“Von Herzen gern”, entgegnete der Drausteiner. “Ein weiteres freundliches Gesicht ist jetzt genau das richtige.” Dann stutzte er. “Oder muss ich mich auf weitere Begegnungen dieser Art gefasst machen?” Die Winhallerin schien peinlich berührt. “Nein, wirklich nicht. Es ist hier die Treppe hinauf und mir steht der Sinn ebenfalls nach ein wenig Entspannung.”

Nun konnte sich Ruan ein Grinsen nicht verkneifen. “Also, ich wüsste da noch andere Möglichkeiten…” Gellis grinste ebenso und schüttelte scheltend den Kopf. Erst dachte Ruan, sie würde die Treppe hinaufgehen wollen, doch dann, als sie den Gang hinuntersah und feststellte, dass er leer war, dirigierte sie ihn plötzlich zur der der Treppe gegenüberliegenden Tür und öffnete sie, ohne zu klopfen. Vollkommen überrumpelt stolperte Ruan mehr hinter ihr her als dass er zumindest scheinbar die Führung übernahm. Hätte er geahnt, was sie vorhatte, hätte er wohl eine Erklärung verlangt. So aber blieb ihm nichts anderes übrig, als mit großen Augen zuzusehen, wie Gellis den Raum betrat, um ihn anschließend ebenfalls hinein zu dirigieren. Der Raum war düster, nur durch einige mit Holzläden verdeckte Fensterschlitze drang Licht. Es roch nach Wolle. Schnell schloss Gellis die Tür und zog Ruan zu sich, ihre Gesichter kurz voreinander. “Sag so etwas nicht, Ruan und sieh mich nicht so an”, sagte sie. “Die Schreibstube deiner Mutter ist etwas dunkel geraten”, entgegnete dieser, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte, und Gellis’ konnte deutlich hören, dass er grinste. “Und Ihr solltet dringend einen anderen Platz für Eure Wolle finden.” Dann legte er den Arm um sie und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss. Sie ließ sich in seine Arme sinken und genoss seinen Kuss, er spürte, wie sie entspannte. Der Drausteiner dagegen schien den Moment zwar durchaus zu genießen, behielt dabei jedoch eine gewisse Wachsamkeit bei. Nachdem sie voneinander abgelassen hatten, strich er Gellis zärtlich über die Wange und bettete ihren Kopf an seiner Schulter, die Arme schützend um sie gelegt. Schweigend verharrte er und lauschte. Diese seufzte tief, dann spürte er sie in seiner Umarmung leicht lachen. “Komm, lass uns weiter. Egal, wie es läuft, liege ich heute nacht in deinen Armen.” Sie hob den Kopf und küsste ihn leicht. “Jetzt aber ist die Zeit für etwas anderes.” Er spürte, wie sich wieder Spannung in ihrem Körper aufbaute, also entließ er sie aus der Umarmung und fuhr sich rasch mit der Hand durchs Haar. Dann legte er ein Ohr an die Tür und horchte, ehe er leise die Tür öffnete. Er wartete, bis Gellis hindurch geschlüpft war, dann zog er sie leise ins Schloss. Sofort nahm er wieder Haltung an und bot der Ritterin den Arm. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm, ihre Berührung federleicht. Gellis hatte ihre alte Fassung wiedergefunden und zeigte mit dem freien Arm in Richtung der Treppe.

In der Schreibstube

Feste Iauncyll, Ortis
Nachmittag des 13. Travia 1042 BF

So stiegen sie die Treppe hinauf, als sie hörten, wie sich unten an deren Fuße die Hintertür öffnete. Doch Gellis sah sich nicht um, sondern strebte die letzten Stufen hinauf. Im ersten Stockwerk schien eine etwas andere Stimmung zu herrschen als im Erdgeschoss. Hier waren viele der Türen offen, und man konnte Stimmen hören, die sich unterhielten. Dagegen war es unten geradezu gespenstisch still gewesen. ‘Kein Wunder, bei dem Secretarius’, dachte Ruan bei sich.

Der Ritter sah einige Bedienstete herumlaufen, bevor er eine Frau erblickte, von der er sofort wusste, dass es Gellis’ Mutter war. Sie musste um die fünfzig sein, aber sie war noch immer attraktiv, ebenso blond wie ihre Tochter und mit den gleichen feinen Zügen, auch wenn sich in ihrem Gesicht Falten abzeichneten. Die Frau schien sie ebenfalls zu bemerken, denn ihr geschäftiger Gesichtsausdruck wandelte sich zu einem freundlichen Lächeln. “Gellis!”, rief sie freudig aus. “Und Ihr müsst der Hohe Herr Stepahan sein, wenn ich mich nicht täusche.”

“So ist es”, entgegnete Ruan mit einem herzlichen Lächeln. “Hesinde mit Euch.” Anders als zuvor schien der Stepahan nun wirklich Gellis die Führung überlassen zu wollen, denn sie spürte seinen abwartenden Blick auf sich ruhen. Gleichzeitig schien er unruhig an seinem Gürtel zu nesteln. Ja, kurz war ihr sogar, als unterdrückte er ein leises Fluchen.

Gellis entließ Ruans Arm, schritt auf ihre Mutter zu und öffnete die Arme und die beiden Frauen umarmten sich. “Mutter, schön dich zu sehen”, hörte Ruan sie sagen und ihre Mutter erwidern “Und dich erst!”, während er nun beide Hände zur Verfügung hatte. “Wer das ist, hast du ja bereits gewusst”, sagte Gellis nun und löste sich aus der Umarmung, dann sah sie sich zu Ruan um. “Darf ich dir trotzdem noch einmal ganz förmlich Ruan Stepahan vorstellen?”

Just in diesem Moment zog der Drausteiner die Pergamentseiten aus seinem Gürtel, warf kurz einen prüfenden Blick darauf und lächelte die Schreiberin dann beschämt an. “Es ist mir eine Freude.” Ruan trat einen Schritt auf Gellis’ Mutter zu und streckte ihr zur Begrüßung die Rechte entgegen, während er mit der Linken mehr oder weniger vergeblich versuchte, die Seiten zu glätten, die offenbar bei ihrem Abstecher in die Wollkammer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Ruan sah, dass sie seinen Bemühungen kurz Beachtung schenkte, doch dann griff sie seine Rechte und drückte sie. Ihr Griff war angenehm, die Hände warm und weich. Keine Kämpferhände, sondern die einer Schreiberin. “Auch ich bin erfreut, Euch kennenzulernen.” Ruan meinte, eine gewisse Erleichterung in ihrer Stimme zu hören, eine Regung, die der Ritter zunächst nicht einzuordnen wusste, die aber aus eben diesem Grund auch seine Neugier weckte.

“Ich”, er zog die Manuskriptseiten hervor und rollte sie rasch zu einer Rolle zusammen, “ich habe Euch eine Kleinigkeit aus Havena mitgebracht. Leider hatte ich es versäumt, Gellis nach Euren Interessengebieten zu fragen. Nachdem ich nun aber einige Tage mit ihr gereist bin, habe ich die leise Hoffnung, dass es nicht die schlechteste Wahl war.” Er reichte ihr die Schriftrolle. “Es handelt sich um Abschriften aus verschiedenen Folianten der Kräuterkunde. Ein Kräuterweiblein, das von den Bürgern Havenas gern und häufig aufgesucht wird, hat sie mit eigenen Notizen versehen. Ich hoffe daher, die Schriften mögen Euer Wissen auf dem ein oder anderen Gebiet noch erweitern.” Kurz ging sein Blick zu Gellis. “Ansonsten dürft Ihr sehr gern für den nächsten Besuch ein anderes Themengebiet benennen”, fügte er dann selbstbewusst hinzu.

Er sah Gellis’ Mutter freudig und warm lächeln, als sie ihm beinahe andächtig die Hand entgegen streckte, um die Seiten anzunehmen. “Das ist sehr aufmerksam von Euch, Hoher Herr. Seid Euch meines Dankes gewiss. Seht mir aber nach, dass ich sie erst später betrachten werde. Auch wenn es mich danach drängt, verlangt doch euer beider Besuch hier bei mir mehr meiner Aufmerksamkeit. Mögt ihr mir folgen? In meiner Stube haben wir etwas mehr Ruhe, wenn ihr die Zeit habt. Es würde mich freuen.”

Gellis nickte nur und ihre Mutter zeigte auf eine Tür, dass die beiden vorausgehen sollten. Ruan versuchte derweil abzuschätzen, wie viel Zeit seit ihrem Besuch bei dem Secretarius vergangen war. Es konnten nicht mehr als zehn, vielleicht fünfzehn Augenblicke sein. “Wir haben noch reichlich Zeit”, entgegnete er daher, und schloss sogleich eine Bitte an: “Falls Ihr in Euren Räumen über einen Zeitmesser verfügt, so wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr mir Bescheid geben würdet, so dass ich rechtzeitig zur fünften Stunde bei seiner Hochgeboren erscheinen kann.” “Selbstverständlich”, sagte Fianna, als sie in den Raum eintraten. Hier stand ein Schreibtisch und einige Stühle. Als Ruan sich umsah, entdeckte er seinen letzten Brief an Gellis auf dem Schreibtisch, das Siegel ungebrochen. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, griff schon Fianna danach. “Gellis, ich habe hier noch etwas für dich, es kam vorgestern an.” Sie reichte ihrer Tochter den Brief und sah dann noch immer lächelnd zu Ruan. “Einen interessanten Boten hattet Ihr geschickt, Hoher Herr”, sagte sie und formte mit der Gellis abgewandten Hand einen schnellen Gruß der Anhänger des Listigen. Für diejenigen, die ihn nicht kannten, wäre es eine zufällige Bewegung mit der Hand. Ruan hingegen erwiderte den Gruß entsprechend, während er zeitgleich Gellis anblickte. “Ich konnte ja nicht ahnen, dass du zu meiner Rettung eilen würdest.” Liebevoll zwinkerte er ihr zu.

Diese lächelte zur Antwort, während sie den Brief in der Hand hielt und das Siegel brach.”Ihr nehmt es mir nicht übel, dass ich ihn lese, oder?”, fragte sie kurz, schien die Frage aber rein rhetorisch gemeint zu haben, denn sie war schon dabei, den Brief aufzufalten. Während Gellis las, kam ein Page in den Raum und brachte Kuchen und Tee, allerdings nur für eine Person, daher entschuldigte er sich sofort wieder, um nach unten zu eilen und auch Gellis und Ruan Kuchen zu bringen. Die Ritterin lächelte, als sie den Brief las, wurde dann aber ernst und fragte. “Ruan, hast du ihnen wirklich schon erzählt, dass ich komme?”

“Selbstredend.” Verwundert blickte er sie an. “So wie du es mir geschrieben hast.” Gellis musste unwillkürlich lachen. “Ohje, dann weiß ich noch etwas, das du vor Vater nicht erwähnen solltest.” Sie legte kurz den Kopf in die Hände und schaute ihn dann wieder an. “Ich habe von Vater noch nicht erfahren, was Burunian zu seinem Vorschlag sagt. Vater sagte zwar, mein Platz sei bei dir in Havena und ich könne an Burunians Seite dienen, aber ganz sicher war es noch nicht. Meine Freude darüber muss aus dem Wunschdenken eine absolutere Formulierung gemacht haben.”

Ruan zog eine Augenbraue hoch. “Ich werde es nicht erwähnen”, meinte er dann und griff nach Rondreds Brief, den er etwas sicherer verwahrt hielt als die Pergamente. Offen blickte er sie an und wedelte mit dem Schreiben. “Aber den hier hat mein Bruder nach unserem Gespräch geschrieben.” Gellis erstarrte und man konnte ihr ansehen, dass ihre Gedanken rasten. “Dann kannst du ihn ihm vielleicht geben, wenn wir wissen, ob Havena wirklich etwas wird?”, fragte sie in zweifelndem Ton.

Es war nur ein kurzes Zögern, dann schüttelte Ruan den Kopf. “Nein, Gellis. Dieses Schreiben untermauert die Ernsthaftigkeit meines Werbens. Es zeigt, dass ich ein mächtiges Haus hinter mir habe. Und wenn ich meinen Bruder richtig einschätze, enthält es genau die Worte, die dein Vater gern hören wird. Ich sagte dir bereits, dass sich die Ahawar und die Stepahan in Sachen Tradition nichts schenken.” Er griff nach ihrer Hand und sah ihr offen ins Gesicht. “Gellis, ich werde unser Glück nicht wegen eines Missverständnisses aufs Spiel setzen.” Er überlegte kurz, dann fügte er hinzu: “Ich werde es auf mich nehmen, sollte es den Unmut deines Vaters wecken.”

“Vielleicht ist es auch gar nicht so dramatisch”, lenkte Gellis’ Mutter zuversichtlich ein. “Wenn er zu dir sagte, Gellis, dass dein Platz in Havena an Ruans Seite sei, scheint er sich ja schon recht sicher gewesen zu sein, was das angeht. Und wer weiß, wann er den Brief liest. Darüber würde ich mir die geringsten Gedanken machen.”

Gellis schien noch nicht recht überzeugt zu sein, aber sie lenkte ein. “Ja, wahrscheinlich hast du Recht. Verzeih, ich war nur so voller Glück, als ich dir schrieb, weil ich nie gedacht hatte, dass er so schnell eine solche Idee hat.”

“Es gibt nichts zu verzeihen.” Sanft führte er Gellis Hand zu seinen Lippen und sah ihr tief in die Augen. “Ohne deine Zuversicht hätte ich vielleicht niemals so schnell den Weg hierher gefunden. Stell dir nur vor, du würdest ebenso viel grübeln wie ich.”

Gellis Mutter sah gerührt zu den beiden und fasziniert verstand sie das Verliebtsein ihrer Tochter, weil sie das Band zwischen ihr und Ruan erkannte. Als Gellis Ruans Worte nur mit einem Lächeln erwiderte, wechselte ihre Mutter das Thema. "Ihr habt eben etwas gesagt, das mich nachdenklich machte, Hoher Herr. Es betrifft die Kräuterkunde." Gerade, als sie fortsetzen wollte, kam der Page wieder hinein und brachte Tee und den versprochenen Kuchen, den Gellis kritisch beäugte. Als Ruan dies bemerkte, zuckte seine Hand nach dem Teller, um ihn notfalls außer Sichtweite zu bringen.

Fianna dankte dem Jungen, lächelte und fuhr fort."Ihr sagtet, dass ich mein Wissen zu Kräutern dank Eures aufmerksamen Geschenks erweitern könne. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Gehe ich recht in der Annahme, dass die Kräuter zur Anwendung kamen, die ich Gellis mitgegeben habe?" Sie sah nun beide an, jedoch reagierte Gellis nicht auf ihre Frage, sondern rang sichtlich mit dem Anblick des Kuchens, was ihrer Mutter ein kurzes wissendes Lächeln entlockte. Als Gellis nichts sagte, sah sie zu Ruan und wartete auf seine Reaktion. Dieser griff kurzerhand den Teller und stellte ihn neben sich auf ein Tischchen. Erst dann blickte er von Gellis zu ihrer Mutter. Er nickte stumm und lächelte. Doch mit einem Mal änderte sich seine Miene, und er runzelte besorgt die Stirn. „Das ist doch kein schlechtes Zeichen, oder?“

Sie lächelte bei Gellis' Seufzen, als Ruan den Teller aus ihrem Blick genommen hatte und sie dankbar seinen Arm drückte. Doch noch immer rang Gellis so sehr mit ihrer Selbstbeherrschung, dass sie nichts sagte.

"Nein, ist es nicht. Eher im Gegenteil, man sagt, dass es bleibt, wenn es zu Beginn so schlimm ist." Mitfühlend strich sie ihrer Tochter über die Schulter. "Mir ging es mit dir und deiner Schwester ähnlich", sagte sie bedeutungsschwer.

Ruan schien beruhigt. „Gellis hat geträumt, dass es ein Mädchen wird.“ Glücklich funkelten seine Augen Fianna an, die seinen Blick mit einer Mischung aus Freude und Stolz erwiderte. „Ein gesundes Mädchen“, fügte er hinzu und drückte fest Gellis‘ Hand. Dann blickte sich der Ritter kurz im Raum um, ob er notfalls ein Gefäß in Reichweite finden würde.

Doch außer den Bechern und der Teekanne wurde er nicht fündig. In diesem Moment fand Gellis ihre Sprache wieder. "Puh, danke Ruan. Ich hatte wohl mit dem Kuchen nicht über das Abendessen nachdenken sollen." Sie legte den Kopf in die Hände. "Ich dachte, es ist nur morgens so", sagte sie mit leicht verzweifelten Unterton. Die Vorstellung, dass Gellis in dieser Verfassung das Gespräch mit ihrem Vater suchen sollte, behagte dem Drausteiner so gar nicht. Hilfesuchend blickte er zu ihrer Mutter.

Fianna sah ihre Tochter zärtlich an, dann schien ihr eine Idee zu kommen, sie nickte Ruan kurz zu, stand auf und ging an ein Schänkchen im hinteren Bereich der Stube. Der Stepahan schaute kurz besorgt zu Gellis, dann erhob er sich zögernd und trat zu Fianna. „Gibt es etwas, nur für diesen Abend? Er weiß es noch nicht“, flüsterte er in eindringlichem Tonfall.

Während Gellis versuchte, wieder die Kontrolle über ihren Körper zu gewinnen, standen ihre Mutter und Ruan am Schänkchen. "Hat ihr der Tee geholfen?", fragte Fianna Ruan.

Dieser nickte. „Sehr schnell sogar, und selbst als er nur mehr lauwarm war. Und sie isst Äpfel, selbst am Morgen“, fügte er beflissen an, froh darum, wenigstens etwas Wissen beitragen zu können.

"Das ist gut", nickte sie. "Ich habe Essenzen von zwei Kräutern hier, die auch im Tee sind. Die kann sie sich wie einen Duft am Hals auftragen, der Geruch sollte auch helfen." Sie suchte zwei kleine Fläschchen heraus. "Ihr solltet selbst entscheiden können, wann er es erfährt. Aber täuscht Euch nicht, er ist ein sehr aufmerksamer Mann, so wie Ihr es seid, nur auf andere Art und Weise." Dann überlegte sie. "Ich weiß, dass sie in der Küche getrocknete Äpfel haben, auf denen konnte sie längere Zeit kauen. Das sollten wir beides gleich einmal ausprobieren."

Der junge Stepahan schien keineswegs überrascht von Fiannas Einschätzung. „Er wusste bereits, wann wir anreisen würden. Ich bin mir sicher, er hat genug Augen und Ohren, um auch das längst zu ahnen.“ Er zuckte die Schultern. „Ich werde nicht lügen, wenn er mich anspricht. Das wäre ohnehin aussichtslos. Aber ich werde ihn bitten, Gellis hinzu zu ziehen. Wobei ich sowieso davon ausgehe, dass er es lieber aus ihrem Mund erfahren möchte…“ Ruan streckte die Hand nach den Fläschchen aus. „Darf ich?“

"Sicher", Fianna gab Ruan die Essenzen. Dann ergänzte sie leise. "Sagt es ihm nicht als Druckmittel oder in einer Verhandlung, auf dem Ohr ist er taub, glaubt mir. Auch, wenn er sich sicher freuen wird. Zum richtigen Zeitpunkt." Ruan schüttelte den Kopf. „Keine Sorge. Das haben wir nie in Erwägung gezogen.“ Kurz überlegte er, ob er Fianna hinsichtlich ihrer Überlegungen die Kinder betreffend ins Vertrauen ziehen sollte, entschied sich jedoch zunächst dagegen.

Sie nickte zu Gellis hinüber. "Ich gehe in die Küche und hole die Äpfel. Gebt ihr ruhig auch je einen Tropfen in ihren Tee." Ruan nickte dankbar und wandte sich wieder seiner Verlobten zu. Wie angekündigt, verließ Fianna den Raum und Gellis und Ruan waren allein. „Geht es besser?“, fragte er mitfühlend, während er wieder neben Gellis Platz nahm. Die zwei Fläschchen stellte er behutsam vor ihr auf den Tisch.

"Selbst im aussichtslosten Kampf habe ich mich nicht so machtlos gefühlt, wie jetzt", antwortete sie erschöpft, den Kopf noch immer in die Hände gestützt. Zärtlich streichelte Ruan ihr übers Haar und legte dann den Arm um sie. „Alles, was du tun musst, ist dich zu schonen.“ Er küsste sanft ihre Schläfe. „Ich kümmere mich um den Rest.“ Sein Blick ging zu Gellis‘ Becher. „Doch, warte, eine Sache gibt es. Würdest du vielleicht dieses Mal den Tee nicht gleich wegschütten, wenn ich verspreche, nicht fortzugehen?“

Sie lachte und sah auf. "Ruan, du bist ein Kindskopf. Und ich bin dir so dankbar dafür, dass du mich zum Lachen bringst."

Lächelnd griff er mit der freien Hand nach den zwei Fläschchen und versuchte, eines davon zu öffnen. Als es nicht gelang, nahm er widerwillig die zweite Hand zu Hilfe und entfernte rasch beide Korken. Dann ging er vor der erschöpften Winhallerin auf ein Knie und hielt ihr vorsichtig die zwei Essenzen hin, zunächst noch mit etwas Abstand, da er nicht einschätzen konnte, wie intensiv Gellis den Geruch wahrnehmen würde.

Er selbst roch die angenehmen Düfte und Gellis schien sie geradezu zu inhalieren. "Das riecht gut, viel besser, als Kuchen", lächelte sie. "Was hat Mutter dazu gesagt? Was soll ich tun?"

Erleichtert setzte Ruan die Fläschchen kurz ab. Dann träufelte er je einen Tropfen jeder Essenz in Gellis‘ Teebecher und reichte ihn ihr. „Zum einen das“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Und zum anderen solltest du heute am Abend vielleicht auf Duftwässerchen verzichten und stattdessen etwas Natürlicheres in Erwägung ziehen.“ Der Drausteiner griff nach einer der Flaschen und ließ einige Tropfen davon in seine Handfläche fallen. Dann tippte er einen Finger hinein und strich damit zärtlich über Gellis‘ Schläfen. Erneut nahm er mit der Fingerspitze etwas von der Essenz auf und berührte sacht ihren Hals, Gellis schloss bei seiner Berührung ihre Augen und genoss.

Ruan spürte, wie sein Verlangen nach ihr wieder erwachte. Er senkte kurz den Blick und atmete hörbar aus. Dann lachte der Ritter leise auf. „Kraftlos oder nicht“, meinte er und sah ihr direkt in die Augen, „deine Macht über mich hast du jedenfalls noch nicht verloren.“

Gellis sah ihn aus müden Augen an, auch, wenn ihre Wangen langsam wieder Farbe gewannen. "Das ist auch gut so", sagte sie lächelnd. "Mit dir habe ich auch noch einiges vor."

Für einen kurzen Moment wirkte es tatsächlich so, als würde Ruan leicht erröten. Statt etwas zu erwidern strich er ihr sanft mit der Hand eine Strähne hinter das Ohr und gab ihr einen zärtlichen Kuss. „Du weißt ja“, flüsterte er, „ich gehe jeden Weg mit dir. Fordere mich nur heraus.“

"Eine Herausforderung nach der anderen", sagte sie Ritterin und trank einen Schluck vom Tee. "Du bist dran, wenn das Abendessen vorüber ist." Sie stellte den Becher ab, strich Ruan mit den frei gewordenen Händen liebevoll über die glattrasierte Wange und sah ihm in die Augen. "Danke."

Ohne seinen Blick von ihrem zu lösen, streichelte Ruan sanft mit dem Handrücken über ihren Bauch und lächelte. „Danke, dass du das für uns beide auf dich nimmst.“ Seine Züge waren entspannt, seine Stimme ruhig und zärtlich.

Die Erwähnung des Abendessens schien den Drausteiner nichts weiter auszumachen. In seinem Kopf hingegen formte sich erneut eine Frage. „Sag, meinst du, ich sollte deine Mutter bezüglich des Gesprächs um ihre Einschätzung bitten? Und sie in unsere Pläne einweihen?“

"Ich weiß es nicht genau. Natürlich kennt sie ihn, waren sie über Jahre…", sie suchte nach den richtigen Worten, "ein rahjagefälliges Paar. Aber das ist schon fünfundzwanzig Götterläufe her. Ich habe mit ihr nie in der Art gesprochen. Aber ich denke, eine Einschätzung können wir durchaus erfragen. Was unsere Pläne angeht: Ich finde, das ist etwas zwischen uns und ihm."

Ruan nickte nachdenklich. „Sie hat mich davor gewarnt, unser Kind als Druckmittel einzusetzen.“ Eigentlich hatte er das für sich behalten wollen, aber es fühlte sich falsch an. „Wann willst du es ihm denn sagen?“

"Wenn wir uns mit ihm einig sind", sagte Gellis. "Ich möchte nicht, dass es den Eindruck macht, dass wir wegen des Kindes den Bund wollen. Weil wir nicht möchten, dass sich unsere eigene Vergangenheit sonst wiederholt. Aber abgesehen von meiner Meinung. Wie siehst du es denn?"

Die Erleichterung stand Ruan ins Gesicht geschrieben. “Ganz genauso wie du.” Er nahm ihre Hand. “Und dann werden wir endlich wieder den Moment leben”, sagte er voll Zuversicht und fügte dann leiser hinzu: “Es ist schon seltsam... Nach dem Treffen der Besten habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als dich wiederzusehen, habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie es wohl sein würde, dir das erste Mal wieder in die Augen zu sehen, dich zu spüren... “ Sanft führte er ihre Hand zu seinen Lippen und küsste sie. “Doch du hast mich überrascht, alles kam ganz anders als ich es mir ausgemalt habe. Und es war perfekt.” Er lächelte bei dem Gedanken an ihr Zusammentreffen in Albenhain. “Eigentlich sollte mir das eine Lehre sein. Und doch, ich kann nicht anders. Ich brenne darauf, endlich deinem Vater gegenüberzutreten, damit diese elende Grübelei ein Ende hat, Gellis.” Er strich ihr zärtlich über die Wange und sah ihr in die Augen. “Egal, wie es ausgeht. Ich werde es annehmen, und fortan nicht mehr zulassen, dass irgendetwas je wieder unser Glück überschattet. Alles was ich will, habe ich längst errungen. Alles, was ich will, sitzt hier vor mir.”

Gellis löste ihren Blick von Ruans Augen und lehnte den Kopf an seine Schulter. "Ach, Ruan", sagte sie gerührt. "Halt mich, nur einen Moment."

Der Drausteiner lächelte, während er sie liebevoll in seine Arme schloss. Eine Weile verharrten sie schweigend, und mit ihnen schwiegen auch Ruans Gedanken. Ein Gefühl des Friedens erfasste ihn, und Gellis spürte, wie er sich in ihrer Umarmung fallen ließ.

Doch schon bald kehrten die Stimmen zurück… seine eigenen Worte hallten wieder und wieder durch seinen Kopf. Es stimmte. Sicherlich würde sich der gräfliche Vogt von einer einstudierten Rede wenig beeindruckt zeigen. Ruan musste sich dem Gespräch öffnen, wenn er wirklich das Vertrauen des Ahawar gewinnen wollte. Der Körper des Ritters gewann wieder an Spannung, und einer Eingebung folgend hob er den Kopf.

Sein Blick traf Fiannas. Erschrocken stellte Ruan fest, dass ihm das leise Öffnen der Tür völlig entgangen war. Diesmal mochte es nur Gellis’ Mutter sein, doch schon beim nächsten Mal… ‘Ich muss vorsichtiger sein’, ermahnte er sich. Ohne die Umarmung zu lösen, bedeutete er der Schreiberin mit einem Lächeln, dass kein Grund zur Sorge bestand. Seine Augen jedoch gingen lauernd zur Tür. Mit einem raschen Blick in Richtung des Schreibtisches forderte er Fianna auf einzutreten.

Sie trat ein und schloss leise die Tür. Ihr lächelndes Nicken und eine kurze Handbewegung bedeutete ihm, sich von ihr nicht stören zu lassen. Dankbar ließ er seinen Kopf wieder auf Gellis’ Schulter sinken und schloss für einen Moment die Augen. Dann seufzte er leise, küsste noch einmal zärtlich ihren Hals und löste dann langsam die Umarmung. Bevor er sich erhob, suchte er kurz ihren Blick.

Es war noch immer Erschöpfung darin zu erkennen, wenn man danach suchte. Aber Gellis' Lächeln war weniger von großer Selbstbeherrschung gezeichnet und auch ihre Wangen gewannen weiter an Farbe. Sie hielt seinen Blick, nickte ihm zu und drückte seine Hand, als wolle sie ausdrücken, dass sie es gemeinsam schaffen würden.

Als er wieder neben Gellis Platz genommen hatte, wandte sich Ruan an Fianna, er hatte kurz Gellis' Schreck gespürt, als sie ihre Mutter entdeckte. Doch sie protestierte nicht, als sei sie gewohnt, dass ihre Mutter sich oftmals lautlos bewegte. “Habt Ihr gefunden, was Ihr suchtet?”

Fianna nickte. "Hier Gellis", sie reichte ihrer Tochter eine fein gearbeitete Gürteltasche, die außerordentlich gut zu Gürtel und Dolchscheide passte. "Darin sind getrocknete Äpfel. Ich hörte, Äpfel sind es, die du gut essen kannst." Ein kurzes Lächeln ging zu Ruan. "Probier es, ob es dir hilft."

Gellis tat, wie ihr geheißen und lehnte sich genussvoll kauend zurück. "Das ist genau das Richtige, danke Mutter, danke Ruan."

Der Ritter hatte Fiannas Lächeln kurz erwidert, nun jedoch schienen seine Gedanken sich endgültig dem Gespräch mit Gellis‘ Vater zuzuwenden. Ruans Schultern spannten sich, sein Körper nahm Haltung an. Deutlich förmlicher als bislang wandte er sich an Fianna. „Habt vielen Dank für Eure Hilfe und das angenehme Gespräch. Ich hoffe sehr, wir werden es in Kürze fortsetzen. Nun jedoch bitte ich Euch, uns zu entschuldigen. Es gilt, einen Antrag zu machen. Einen weiteren“, fügte er mit einem Lächeln und einem Seitenblick auf Gellis hinzu.

Fianna antwortete ähnlich höflich. "Der Dank ist ganz meinerseits, Hoher Herr. Und es freut mich, dass ich Euch, auch unter den gegebenen familiären Umständen, so kennenlernen durfte."

Ruan hatte sich derweil Gellis zugewandt: „Ich bringe dich noch zu deiner Kammer.“

Diese nickte und stand vorsichtig auf. Sogleich erhob sich auch Ruan und machte sich bereit, Gellis zu stützen. Doch der Moment der Übelkeit schien vergangen und die Ritterin straffe ihre Haltung. "Danke Mutter für deine Unterstützung." Fianna lächelte. "Du kannst dich auf mich verlassen, das weißt du doch. Nehmt die Essenzen mit."

Ruan tat wie geheißen. Während er Gellis den Arm anbot, wandte er sich noch einmal an Fianna. “Verzeiht die offene Frage, doch vermögt Ihr mir vielleicht noch etwas über den Vogt zu sagen, das mir bei meinem Gespräch von Nutzen sein könnte?”

"Ich denke, Ihr solltet Euch bewusst machen," und mit diesen Worten sah Fianna auch Gellis an, "dass er heute und in den letzten Tagen anders mit euch umgegangen wäre, wenn er etwas gegen eure Verbindung hätte." Dann sah sie Ruan direkt in die Augen. “Welcher Vater vertraut seiner Tochter so sehr, dass er sie, noch vor dem Antrittsbesuch ihres hoffentlich Zukünftigen, diesem entgegen reiten ließe und dann auch noch ohne Bedeckung oder Anstandsdame?" Sie machte eine kurze Pause, jedoch ohne eine Reaktion zu erwarten. "Seid ehrlich mit ihm, das ist das Wichtigste."

Ruan nickte. “Dann werde ich Euren Rat gern befolgen. Habt Dank.” Und mit diesen Worten lächelte er Fianna zum Abschied noch einmal kurz zu, dann wandte er sich zur Tür um, öffnete sie und geleitete Gellis hinaus.

Antrittsbesuch

Feste Iauncyll, Ortis
Nachmittag des 13. Travia 1042 BF

Nachdem der Drausteiner seine Verlobte ohne weitere Verzögerung zu ihrer Kammer begleitet und ihr die Essenzen überreicht hatte, befand er sich bald darauf bereits wieder auf dem Weg zurück zum Verwaltungsgebäude. Ruan hatte bewusst darauf verzichtet, einen Blick in Gellis’ Schlafgemach zu werfen, und auch bei der Verabschiedung hatte er sich auf eine Verbeugung und einen Handkuss beschränkt. Er konnte jetzt keinerlei Ablenkung mehr gebrauchen. Immer wieder rief er sich zur Ordnung, wenn er sich dabei ertappte, wie er seine Rede probte. ‘Sei ehrlich, passe dich der Situation an’, wiederholte er ärgerlich. Doch die Furcht blieb. Was, wenn er vor dem Vogt kein einziges Wort heraus bekam?

Derart in Grübeleien versunken, fand er sich schließlich vor der Tür zur Sekretärsstube wieder. Es mochten noch gut zwanzig oder dreißig Augenblicke verbleiben. Nervös tastete Ruan nach dem kleinen Lederbeutel und befühlte dessen Inhalt. Dann nahm er den Brief Rondreds zur Hand und betrachtete ihn, als könne er allein durch bloßes Anstarren seinen Inhalt erraten. Er hätte doch seiner Neugier nachgeben und einen Blick hineinwerfen sollen. Fast war er sich sicher, dass Fianna mit seinem Schreiben ähnlich verfahren war. Siegel hin oder her. Es gab Mittel und Wege, und er hatte keinen Zweifel daran, dass Gellis’ Mutter sie kannte.

Nachdem er einen vorbei eilenden Schreiber nach einer Zeitschätzung gefragt hatte, begann er stumm die Augenblicke zu zählen. Auf keinen Fall wollte er unpünktlich sein. Und dazu zählte nun mal ein verfrühtes Erscheinen ebenso wie ein verspätetes. Über die Jahre hatte er sich einige Wortfolgen angeeignet, die ihm halfen, die Zeit verhältnismäßig sicher einzuschätzen – vorausgesetzt er war allein. Das hatte zugleich den Vorteil, dass er sich dabei einiges einprägen konnte. Heute entschied er sich für die ritterlichen Tugenden. Als er das fünfzehnte Mal bei der Minniglichkeit angekommen war, hielt er inne.

Sein Zeitgefühl täuschte ihn nicht, ein Diener kam aus der Stube des Sekretärs, sah Ruan und verbeugt sich tief. "Hoher Herr Ruan Stepahan? Ich bin hier, um Euch zu Hochgeboren Rodowan Ahawar zu bringen."

Der Diener führte Ruan in ein kleineres Seitengebäude, das den Eindruck eines beinahe ausschließlich repräsentativen Gebäudes machte. Der Geruch nach Essen ließ vermuten, dass sich in der Nähe die Küche und dann in diesem Gebäude wohl auch der Saal befinden würde. Aber es war ein Audienzzimmer, dessen Tür der Diener, nach einem Klopfen und der Bitte einzutreten, für Ruan öffnete. Dieser spürte, wie sein Herz sich kurz zusammenzog. Ein beklemmendes Gefühl überkam ihn und Ruan merkte, wie seine Hände zu zittern begannen. Der Drausteiner atmete einmal tief ein und aus. Da erklang bereits wieder die Stimme des Dieners.

"Der Hohe Herr Stepahan", ließ er verlautbaren.

~~

Rodowan Ahawar saß an einem Tisch am Rande der Hohen Halle der Feste Iauncyll, der von zwei einfachen Bänken gesäumt war. Der Vogt war wie zumeist beschäftigt. Er besprach gerade etwas mit dem Meister der Münze, Alarwin von Graugenwerl, als zwei Männer in die Halle traten.

“Der Hohe Herr Ruan Stepahan.” Kaum war die Stimme des Dieners verklungen, gab er auch schon den Blick auf den Besucher frei. Er war verhältnismäßig klein, keine neun Spann, und eher sehnig als muskulös gebaut. Die Haltung hingegen war ganz die eines Ritters.

Der Vogt hatte sich beim Eintreten der beiden Herren umgeschaut und musterte den Ritter zuallererst mit ernstem Blick, noch auf der Bank sitzend.

Gekleidet war der Drausteiner in ein rotes Wams, in das auf Höhe des Herzens der wehrhafte, schreitende Löwe des Hauses Stepahan eingestickt war und das durch ein edles weißes Hemd komplettiert wurde. Statt der am Hofe üblichen Beinkleider trug er eine feine schwarze Lederhose, die in ein Paar halbhoher lederner Stiefel mündete. An seiner Seite hatte der junge Mann standesgemäß einen Ritterdolch gegürtet. In der Linken hielt er einen gesiegelten Brief.

Die Züge des Ritters waren ebenmäßig, und trotz seiner eher hellen Haut konnte man ihn durchaus als gutaussehend bezeichnen. Selbst aus der Entfernung konnte der Weyringer Vogt vereinzelte Feenküsschen auf seinem Gesicht ausmachen, das von rotblonden, mittellangen Haaren umrahmt wurde. Darunter blitzten dem Ahawar zwei aufmerksame blaue Augen entgegen, die ihn offen anblickten. Ein höfliches Lächeln umspielte die Lippen des Stepahan.

Ruan trat zunächst einige Schritte in das Zimmer, ehe er sich angemessen verbeugte. Erst dann richtete er das Wort an Rodowan. “Die Zwölfe mit Euch, Hochgeborener Herr Vogt. Es ist mir eine Freude, dass Ihr so schnell Zeit für ein Gespräch gefunden habt.” Anschließend wandte sich der Ritter dem ihm unbekannten Mann an Rodowans Seite zu und bedachte auch diesen mit einem kurzen Gruß.

Rodowan hatte den Diener inzwischen mit einem Nicken entlassen und erhob sich nun. “Die Zwölfe auch mit Euch, Hoher Herr. Ich begrüße Euch in der Halle der Distel. Bitte nehmt doch Platz.” Rodowan deute an den langen Tisch in der Mitte der Halle, direkt unter dem Dais. “Ich verabschiede nur den Herrn Alarwin, dann komme ich zu Euch.” Der angesprochene Zinsvogt der Grafschaft nickte dem ankommenden Ritter zur Begrüßung nur zu und schaute ein wenig griesgrämig drein aufgrund der Störung.

Mit einem Fingerwink des Vogtes in eine der Ecken der Halle erschien aus dem Halbdunkeln einer Nische plötzlich ein Knappe in den Farben der Distelritter. Elric Belenduir, ein schon statthafter junger Mann von 18 Götterläufen, war derzeit der Knappe der zumeist dem Vogt zugeteilt war. Er hatte einen Krug und einen Tonhumpen in der Hand und eilte an den Tisch, auf den Rodowan eben gedeutet hatte und machte eine einladende Geste an den Drausteiner.

Mit einem kurzen Nicken nahm Ruan Platz und ließ seinen Blick möglichst unauffällig durch die Halle schweifen. Dabei vermied er es, die beiden Männer direkt anzublicken.

Gleichwohl der Vogt und der Zinsvogt Winhalls nicht leise sprachen, konnte Ruan nur wenige Worte des noch kurzen Gesprächs aufschnappen, ehe die beiden Männer aufstanden. Wieder nickte Alarwin von Graugenwerl Ruan nur zu und verabschiedete sich mit knappen Worten vom Vogt. Dann verließ er die Halle.

Rodowan trat nun an die lange Tafel und setzte sich dem Gast gegenüber. “Verzeiht, aber die Arbeit ruht nie. Ich begrüße Euch noch einmal. Mögt Ihr auch etwas zu essen?” Rodowan schenkte sich selber etwas von dem Bier ein, welches in dem Krug war, und nahm einen Schluck. Anschließend musterte der sein Gegenüber mit wachen, fast stechend blauen Augen und kaum einer Mimik. Er wirkte ein wenig erschöpft, aber gleichzeitig hellwach. Sein einstmals rotblondes Haar war inzwischen vollständig ergraut. Doch noch immer fiel es lang auf seine Schultern. Er hatte trotz seines Alters noch immer eine kräftige Figur und schien noch fit zu sein.

“Habt Dank”, entgegnete Ruan lächelnd, “aber wenn ich ehrlich bin, würde ich gerade keinen Bissen herunterbekommen. Zu wichtig ist mein Anliegen. Und noch dazu möchte ich nicht mehr von Eurer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen als nötig.” Während Rodowan zustimmend nickte, ging der Blick des Ritters kurz zu dem Knappen, dann griff auch er zu dem Tonkrug und schenkte sich von dem Bier ein, ohne jedoch etwas davon zu trinken. Dem Vogt entging dabei nicht das leichte Zittern in Ruans Hand. Der Ritter räusperte sich kurz, dann blickte er Rodowan offen an und sagte mit erstaunlich fester Stimme: “Ich bin mir sicher, Ihr kennt den Grund meines Besuches. Erlaubt Ihr mir daher, dass ich gleich zur Sache komme?”

Rodowan war fast etwas amüsiert und erinnerte sich an sein eigenes Vorsprechen, als er selber noch jung war und um die Hand einer Angebeteten anhielt. Doch der kurze Anflug eines Lächelns verschwand schnell wieder, hatte er doch kein Glück mit seinen Traviabünden. Dreimal gingen seine Gattinnen früh zu Boron, sodass er später nicht mehr den Bund einging. “Nun, das ist ganz in meinem Sinne. Sprecht frei heraus, junger Herr Stepahan. So wie es unter Rittern und Edelleuten üblich ist….oder üblich sein sollte.”

Dankbar lächelte Ruan, dann holte er kurz Luft. “Ich hatte das große Glück, Eure Tochter Gellis zum Abschlussbankett des diesjährigen Treffens der Besten auf dem Draustein begleiten zu dürfen.”

Rodowan nickte und ließ ein Wort erklingen das ähnlich wie “aha”, aber erst einmal wenig interessiert klang.

“Nun, kurzum. Sie hat mein Herz gewonnen – sozusagen im Handstreich. Und ich…”, der Stepahan schluckte, “ich bin hier, um Euren Segen für unsere Verbindung zu erbitten.” Kurz zögerte Ruan, dann straffte er die Schultern und sah Rodowan direkt in die Augen. “Ich liebe Gellis, und ich ersehne nichts mehr als mit ihr den Bund einzugehen.” Er ließ die Worte kurz wirken, dann fügte er hinzu: “Und ich stehe Euch selbstredend Rede und Antwort.”

“Nun…,” jetzt musste Rodowan wirklich lächeln aufgrund der offenen Worte Ruans, “...grundsätzlich hat diese Verbindung meinen Segen. Das Haus Stepahan ist eines der Großen im Fürstentum und Reich! Und meine Tochter scheint ebenfalls einen Narren an Euch gefressen zu haben.” Er nahm einen Schluck aus dem Humpen. “Aber was sagt Eure Familie dazu? Unterstützt sie Eure Pläne?”

“Das tut sie, Hochgeboren”, nickte Ruan. “Ich habe vor meiner Abreise mit meinem Bruder gesprochen, Rondred Stepahan,” fügte er zur Erklärung an. “Er ist zwar nicht das Oberhaupt unseres Hauses, doch als Herold der Krone und Baron von Wallersrain hat sein Wort bei seiner Hochwohlgeboren großes Gewicht. Und er weiß den Willen des Grafen wohl zu deuten.” Der Ritter griff nach dem Brief, den er bereits beim Eintreten in der Hand gehalten hatte und reichte ihn dem Vogt. “Er hat mir diese Zeilen für Euch mitgegeben, da es ihm seine Pflichten leider nicht erlauben, persönlich dem Gespräch beizuwohnen.”

Rodowan nahm den Brief. “Nun, es ehrt mich, dass er persönlich das Gespräch suchen wollte. Aber ich weiß natürlich, dass Pflichten, wie er sie hat, solch eine Reise nicht so einfach zulassen.”

Er ließ das Schreiben aber erst einmal in seiner Hand, denn er hatte noch eine, für ihn wichtige Frage: “Ihr seid ein Waise, richtig? Ist es der Herr Rondred, der für Euch spricht….als eine Art Vormund?” Schnell fügte er noch hinzu “Also bevor Ihr die Schwertleite erhalten habt.”

“So könnte man es vermutlich ausdrücken”, nickte Ruan zögerlich. “Wenn wir auch während meiner Ausbildung selten am gleichen Ort weilten. Da ich auf Burg Draustein aufwuchs und ihn gemeinsam mit meinem Schwertvater auch auf dem Zug der Edlen begleitete, mag Graf Arlan mindestens ebensolchen Einfluss auf mein Schicksal gehabt haben. Bitte verzeiht, dass ich Euch keine klarere Antwort geben kann, doch diese Fragen habe ich mir als junger Knabe nicht so genau gestellt. Das Wort beider hatte für mich gleiches Gewicht.”

Rodowan, der zumeist immer recht aufrecht, fast steif saß, straffte sich jetzt noch ein wenig mehr. “Dann habt Ihr gute Ratgeber oder Vorbilder gehabt. Das spricht für Euch.” Seine Worte waren klar und anerkennend gesprochen und die Körperhaltung machte deutlich, dass er dies auch zum Ausdruck bringen wollte. Er nickte noch einmal und schien gerade sehr zufrieden. Dieser junge Mann könnte nicht nur ein Glück für seine Tochter sein, sondern auch für sein Haus. Die Ahawar hatte lange im Schatten gestanden, doch nun schien es wieder näher dem Licht zu kommen. Der Name Stepahan war einer der dazu beitragen könnte.

“Da Euer Bruder diese Zeilen schrieb in dieser Angelegenheit, sollte ich sie vielleicht lesen, bevor wir fortfahren. Ihr erlaubt?” Ohne abzuwarten brach der Vogt das Siegel und öffnete das Schriftstück. Ruan nickte, und für einen Moment schien es, als kehrte die Unsicherheit zurück. Rasch griff der junge Stepahan nach seinem Becher und trank einen Schluck Bier, wohl auch, um den Vogt nicht ungebührlich anzustarren.

Er begann zu lesen und unterbrach sich nur selber, als er einen weiteren Schluck Bier nahm. Dann rollte er ein wenig nachdenklich das Pergament wieder zusammen und schien einen Moment an Ruan vorbei zu schauen. “Seid Ihr mit den Zeilen Eures Bruders vertraut?”

“Bedaure, nein”, entgegnete der Angesprochene. Es war offensichtlich, dass er Rodowans Miene nicht recht zu deuten wusste.

“Dann kann ich Euch die glückliche Mitteilung machen, dass auch er diese Verbindung begrüßt. Was Ihr ja schon wusstet, aber auf einem Pergament geschrieben wird es ja immer ein wenig verbindlicher.” Er lachte kurz und tätschelte das Schriftstück.

“Er hebt den Umstand hervor, dass unsere Häuser zu den Alten im Fürstentum gehört. Ein Umstand der auch mir wichtig ist. Mit einem der Flusspiraten hätte meine Tochter hier nicht erscheinen sollen.” Der Vogt schüttelte mit dem Kopf. “Gleichwohl ich ja weiß, dass Ihr den Bennain dient.” Er nickte ein paar mal mit dem Kopf, wobei nicht klar war, ob er sich selber zunickte oder es anerkennend meinte.

Ruan zuckte, und es schien, als wolle er etwas erwidern. Der Ritter schwieg jedoch zunächst und wartete, bis der Vogt geendet hatte.

“Desweiteren schreibt der gute Rondred, dass er es nicht dulden würde, wenn ihr Eure bereits angesprochene Verpflichtung beim Fürstenhof vernachlässigen würdet. Wenn Ihr das tun würdet, dann wärt Ihr allerdings auch nicht der Richtige für meine Tochter.” Jetzt zeigte sein Antlitz ein breites Grinsen. “Doch dazu habe ich eine gute Nachricht für Euch beiden Liebenden…”, er machte eine bedächtige Pause, “...Gellis wird ihren Dienst bei der Distel zukünftig in Havena erfüllen und dem Herrn Burunian Fenwasian dienen.”

Nun konnte Ruan seine Gefühle nicht mehr verbergen. Ein strahlendes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, während er den weiteren Worten des Vogtes aufmerksam lauschte.

“Somit ist einem Wunsch Eures Bruders schon jetzt erfüllt, nämlich einen Haushalt in Havena zu begründen. Alles andere sind nur Kleinigkeiten. Um es kurz zu machen: Meinen Segen habt ihr.”

Einen Moment lang trat Stille ein, und der junge Stepahan kämpfte sichtlich damit, seine Fassung zu wahren. Dann schließlich verneigte er sich kurz vor Rodowan. “Ich danke Euch von Herzen, Hochgeboren. Ihr glaubt gar nicht, welche Last Ihr von mir genommen habt.” Erst jetzt bemerkte der Vogt, dass der Ritter einen kleinen ledernen Beutel am Gürtel trug, der bislang von der Dolchscheide wohl verdeckt worden war. Ruan öffnete die Schnürung und legte den Beutel vor sich auf den Tisch.

“Erlaubt mir, Euch ein sehr bescheidenes Gastgeschenk zu überreichen… verspätet.” Er grinste. “Ich weiß, Ihr seid kein Mann, der lange Reden schätzt. Daher nur so viel…” Ruan öffnete den Beutel und offenbarte drei Eicheln, die am Stiel zusammengewachsen waren. “Ihr wisst vielleicht, dass der Dorfplatz von Wallersrain um eine uralte Steineiche errichtet wurde. Man sagt, es handle sich um Criath Barûhir, eine der drei legendären Eichen, die auch das Wappen der Grafschaft Bredenhag zieren. Bei meinem letzten Besuch dort entdeckte ich dies.” Er reichte Rodowan sein Geschenk. “Ich dachte mir nichts dabei, als ich sie mit mir nahm. Doch nun, nachdem ich Gellis begegnet bin, scheinen sie mir wie ein Zeichen. Drei Eicheln, eine für das Haus Stepahan, dem Grafschaft wie Baronie unterstehen, eines für das altehrwürdige Haus Ahawar, das die Eiche im Wappen trägt, und eine für die Verbindung aus unseren beiden Häusern.” Abwartend schaute er Rodowan an.

Der war sichtlich überrascht, aber sein Antlitz zeigte wahre Freude. “Das ist wahrlich ein passendes Geschenk.” Der Vogt rang beinahe nach Worten.

“Ihr macht einen alten Mann mit solch einer Geste glücklich, junger Stepahan. Ich werde diese Eicheln in Ahawarslucht einpflanzen und hoffe, dass aus einer jeden ein stattlicher Baum erwächst. Diese sollen nicht nur für Eure Verbindung stehen und die unserer Häuser, sondern auch drei Sprösslinge sein, derer dreier Kinder, die ihr mindestens bekommen sollt.”

Rodowan war jetzt tatsächlich ein wenig gerührt. So hatte ihn wohl niemand mehr seit einer ganzen Weile gesehen.

Dann straffte er sich wieder und schien sich selber nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. “Nun, es gibt noch das ein oder andere zu besprechen, doch sollten wir das vielleicht mit Gellis gemeinsam tun.” Er stand unvermittelt auf, und Ruan tat es ihm gleich.

“Beim Abendessen. Ich habe jetzt noch zu tun. Habt Dank für die offenen Worte. Wenn Ihr etwas braucht, dann fragt Elric hier.” Er deute auf den Knappen, was Ruan nur mit einem Nicken beantwortete. Noch immer lächelnd blickte er den gräflichen Vogt an.

Dieser klopfte dem Ritter auf die Schulter, nickte und stapfte dann aus dem Raum.

Ruan blieb allein mit dem Knappen zurück. Mit einem Mal wich alle Anspannung von ihm, und er ließ sich für einen Moment zurück auf den Stuhl fallen. Nur langsam realisierte er, was da gerade geschehen war. Gedankenverloren griff er nach dem Becher mit Bier und nahm einen tiefen Zug. Dann stand er auf und wandte sich an den Knappen. “Ich… brauche nichts weiter. Habt Dank.” Und mit diesen Worten machte er sich auf den Weg zu Gellis’ Kammer.

~~

Gellis hingegen hatte sich auf ihr Bett gesetzt, als Ruan gegangen war. Sie konnte es nicht ausstehen, so machtlos zu sein. Erst über ihren eigenen Körper und jetzt auch noch, weil sie warten musste.

Sie verstand und hieß es gut, dass Ruan zuerst allein mit ihrem Vater sprach, aber ihre Ungeduld war kaum auszuhalten.

Wie so häufig entstand das, was sie tat, aus tiefstem Gefühl heraus und eher wenig durch sorgfältige Abwägen. "Herr Phex", betete sie. "Ruan steht dir nah, darum richte ich meine Worte zum ersten Mal in meinem Leben direkt an dich. Denn ich wünsche ihm Glück, die richtigen Worte zu finden. Ich weiß, dass er sie in sich trägt. Hilf ihm, diese im richtigen Moment angemessen vorzutragen. Hilf uns, dadurch einen gemeinsamen Weg zu finden." Sie unterbrach ihr Gebet kurz, stand auf und ging den Schritt zu ihrem Schreibpult hinüber.

Dort stand eine kleine Kiste, in der sie Erinnerungsstücke aufbewahrte. In ihrer Kindheit hatte sie einen hölzernen Bauernhof besessen mit allen zwölfgöttlichen Tieren. Sie mussten noch hier sein. Sie fand die Stute, die Gans, den Storch, die Schlange, die Löwin, den Raben und schließlich den Fuchs. Sie nahm ihn an sich. "Diesen Fuchs, eine Erinnerung an meine Kindheit, ein Schatz für mich, werde ich dir als Dank in Orbatal übergeben." Sie küsste das Füchschen und stellte es auf Ihren Nachttisch, legte sich auf ihre Pritsche und betrachtete es still.

Sie musste darüber eingeschlafen sein, realisierte sie, als Boron sie sanft aus seinen Armen entließ. Doch sie erschrak nicht, Boron und Phex hatten ihr Ruhe und Kraft geschenkt, wie sie es nicht für möglich gehalten hatte und sie dankte sowohl dem Fuchs als auch dem Raben. Sie richtete sich langsam und vorsichtig auf, doch auch die Übelkeit war verflogen. Noch immer hatte sie den Geschmack von Apfel im Mund, und der Geruch der Kräuter ließ sie Geborgenheit fühlen. Zärtlich strich sie sich über den Bauch und dachte voller Glück an Ruan. Für einen Moment war es nicht das Treffen mit ihrem Vater, das ihre Gedanken dominierte, sondern Ruans Freude über ihre Schwangerschaft und seine Fürsorge, die er ihnen beiden schenkte.

Dann aber rückten die Gedanken wieder in den Vordergrund, was wohl derzeit zwischen Ruan und ihrem Vater geschah. Sie blickte zum hölzernen Fuchs, ging zu ihm hinüber und nahm ihn in die Hand. Sie gab ihm noch einen Kuss und steckte ihn dann in die Gürteltasche, in der auch die Äpfel waren. Langsam verebbte ihre Geduld und sie kam nicht umhin, unruhig in ihrer Kammer auf- und abzugehen.

Nach einer Weile meinte sie, neben ihren eigenen Schritten auch fremde zu hören und blieb stehen, um zu lauschen, ob es nur ein Hirngespinst war oder sich auf dem Gang tatsächlich etwas tat.

Und tatsächlich klopfte es kurz darauf dreimal kurz an der Tür. Gellis stürzte zur Tür, ermahnte sich aber selbst zur Ruhe und öffnete sie langsam. "Ja, bitte?"

Es dauerte einen Moment, ehe die erschöpfte Stimme Ruans erklang. “Ich bin es, Gellis. Mach die Tür auf.”

Das ließ sich die Ritterin nicht zweimal sagen und öffnete die Tür nun ganz. "Komm rein."

Ruan trat ein, und als sich ihre Blicke trafen, zeigte sich ein feines Lächeln auf seinem Gesicht. Seine Augen hingegen wirkten müde.

Gellis schloss die Tür und schaffte so wieder mehr Raum in ihrer recht kleinen Kammer. Ein Bett, Schreibpult und zwei Truhen neben einem Rüstungsständer teilen sich den Raum, der sicher nicht mehr, als zwanzig Rechtsschritt maß.

Ohne etwas zu sagen, zog sie Ruan im Anschluss in ihre Arme.

Sie spürte, wie auch das restliche bisschen Spannung aus seinem Körper wich. Haltsuchend schlang er die Arme um sie und bettete seinen Kopf auf ihrer Schulter. Noch immer sagte er kein Wort und Gellis wagte nicht zu fragen, während sie ihn mit der einen Hand am Rücken hielt und die andere in seinen Haaren vergraben hatte. Ruan spürte, wie sein Kopf langsam wieder klar wurde. Das Zittern hatte aufgehört, und er hatte das Gefühl, wieder in seinem Körper angekommen zu sein. “Das war die anstrengendste Audienz, der ich je beiwohnen durfte”, stieß er hervor. “Was vielleicht auch daran liegt, dass ich sonst weniger reden muss.”

Er hob den Kopf und blickte Gellis in die Augen. “Wir haben seinen Segen”, sagte er mit einem glücklichen Lächeln. “Und du darfst nach Havena gehen.”

Gellis sah Ruan lange an, ohne etwas zu sagen und Ruan sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Gleichzeitig nahm ihre Körperspannung ab. Sie öffnete den Mund, bekam aber noch kein Wort heraus. Und dabei würde es auch erst einmal bleiben, denn ihre Lippen senkten sich auf die seinen und sie gab ihm einen langen, leidenschaftlichen Kuss.

Es war Ruan, als würde alles, was er je gefühlt hatte, sich in diesem einen Kuss offenbaren. All seine Hoffnung, sein Bangen, seine Sehnsucht. Es war sicher noch nicht alles geschafft, aber für diesen Moment erlaubte er sich, sich ganz und gar fallen zu lassen.

Als seine Augen die ihren schließlich wieder fanden, glitzerten Tränen der Erleichterung darin. “Es…, es war unglaublich. So hätte ich mir das nie vorgestellt. Ich bin so froh, dass du mir so viel über deinen Vater berichtet hast, Gellis. Ich hätte es sonst sicher völlig falsch angefangen.”

Liebevoll strich sie Ruan über die Wange. "Ich kann es gar nicht glauben." Die Ritterin schien tatsächlich sprachlos und in ihr löste sich so viel Anspannung, die sie gar nicht an sich wahrgenommen hatte. "Erzähl", sagte sie nur, als bräuchte sie eine längere Erklärung, um zu realisieren, was hier gerade geschah.

“Frag”, entgegnete er mit einem müden Lächeln. “Vielleicht muss ich dann nicht so viele Worte machen.”

"Wie hat er dich begrüßt?", war die erste Frage, die sie stellte. "Welchen ersten Eindruck hattest du?"

Ruan grinste. “Er war noch im Gespräch, mit einem Herrn Alarwin. Vorgestellt hat er uns allerdings nicht, und besonders erbaut schien der Genannte auch nicht zu sein.” Er zuckte die Schultern und nahm ihre Hand. “Können wir uns vielleicht setzen?”

"Ja, sicher", sie zeigte auf ihr Bett, das die einzige Sitzgelegenheit des Raumes war. Dankbar zog Ruan sie mit sich und nahm mit einem leisen Seufzen neben Gellis Platz. Dann fuhr er mit seinem Bericht fort: “Naja, er hat ihn dann recht schnell hinaus komplementiert, und mich dann gleich ein zweites Mal begrüßt. Allerdings weder mit Schwertgruß noch mit Handschlag. Rein mit Worten. Er war so…”, Ruan suchte nach Worten, “normal.” Er lachte kurz auf. “Er hat sich selbst das Bier eingeschenkt, stell dir nur vor. Naja, vermutlich hätte der Knappe das auch getan, aber ich wollte mich nicht so zieren, und dann hab ich es ihm gleich getan.” Offenbar hatte Ruan damit ihre Frage zur Gänze beantwortete, zumindest machte er keine Anstalten, weiter zu erzählen. Stattdessen streichelte er versonnen Gellis Hand, ganz so, als rufe er sich das Gespräch noch einmal ins Gedächtnis und staune selbst über dessen Ausgang.

Gellis lächelte, wenn ihr Vater sich so entspannt gab, waren das die besten Voraussetzungen. So langsam gewann sie ihre Fassung zurück. "Schau mal, wen ich aus meiner Kindheit wiederfand und wen ich bat, dir die richtigen Worte zu schenken." Sie griff in ihre Gürteltasche und holte einen handtellergroßen, von Kinderhänden angegriffenen, hölzernen Fuchs heraus und reichte ihn Ruan. Sichtlich gerührt betrachtete der Drausteiner die Figur. Er ließ sie eine Weile zwischen seinen Fingern kreisen, dann lachte er. “Das war Gold wert. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass jedes Wort zu viel seine Bereitschaft, mir zuzuhören, deutlich geschmälert hätte. Und das, wo ich es gewohnt bin, möglichst viele Worte um völlig Unbedeutendes zu machen”, beschrieb er erstaunlich treffend seine Position am Hofe.

"Und, wie hast du das Gespräch eröffnet?"

“Ich hab mich für Direktheit entschieden. Als er mir etwas zu Essen anbot, habe ich offen zugegeben, dass ich dafür viel zu aufgeregt und mein Anliegen mir viel zu wichtig war. Naja, und dass ich ihm seine kostbare Zeit nicht stehlen wollte. Als er dann wohlwollend genickt hat, wusste ich grob, was ich nicht tun sollte.” Er grinste. “Also habe ich ihn gebeten, gleich zur Sache kommen zu dürfen.” Für einen Moment schloss Ruan die Augen und legte die Stirn in Falten, so als wollte er sich an etwas erinnern. “Ich hatte mir genau dafür nichts zurecht gelegt…” Schuldbewusst blickte er Gellis an. “Aber vielleicht war das auch gut so. Jedenfalls wirkte dein Vater durchaus… amüsiert.”

"Und du bist dir sicher, dass du mit meinem Vater gesprochen hast?", fragte sie entrüstet mit einer Spur Humor.

“Ja, natürlich”, erwiderte Ruan im selben Tonfall. “So ein kleiner drahtiger mit schwarzen Haaren. Das war er doch, oder?” Wieder grinste er und gab ihr einen Kuss. “Es war nur ein kurzer Moment”, lenkte er dann ein. Ein Lächeln, das sogleich wieder verschwand. Jedenfalls habe ich dann kurz eingeleitet, dass ich dich zum Abschlussbankett begleiten durfte… Das hat ihn offenbar eher gelangweilt. Also habe ich diesen Teil dann auch ausgelassen und direkt meinen Antrag gemacht.”

"Ja, die Geschichte kannte er ja schon von mir", meinte Gellis. "Wie hat er reagiert? Hoffentlich dann mit etwas mehr Interesse."

“Er hat gelächelt. Diesmal wirklich”, bekräftigte Ruan, “und er sagte mir, dass unsere Verbindung grundsätzlich seinen Segen hätte. Dann kam er auf meine Familie zu sprechen. Ich habe Rondreds Brief übergeben, und ehe er ihn gelesen hat, fragte er noch, ob er mein Vormund sei. Ich habe dann kurz betont, dass er zwar mein Bruder ist, ich aber unter Arlan Stepahan auf Draustein ausgebildet wurde, und dass beide Ritter mir nahe ständen. Das war vermutlich eine gute Entscheidung. Es hat ganz offensichtlich Eindruck gemacht.”

Kurz fragte sich Ruan, was sein Bruder wohl angesichts seiner Rede gedacht hätte. Denn wahrlich, es war alles nicht so einfach, wie er es dargestellt hatte. Aber wann war das in der Politik überhaupt je der Fall?

“Naja, und dann hat er den Brief gelesen”, sagte Ruan knapp und ließ sich mit einem leisen Seufzen auf Gellis’ Bett sinken.

"Du spannt mich ganz schön auf die Folter, Ruan Stepahan", sagte sie und legte sich neben ihn. "Du weißt das alles und dann hörst du an solchen Stellen auf. Würden wir nicht noch zum Abendessen gehen, wäre es eine ganz andere Sache. Aber wenn ihn nachher unter die Augen trete, sollte ich schon wissen, was er weiß und wie ihr verblieben seid."

Ruan nahm ihre Hand. “Ich weiß doch. Immer mit der Ruhe.” Er hielt kurz inne und holte Luft. “Rondred hat wie erwartet darauf abgehoben, dass beide Häuser zum alten Adel gehören. Woraufhin dein Vater übrigens meinte, er hätte auch keinen Flusspiraten an deiner Seite geduldet”, fügte er grinsend an. “Ferner verwies mein Bruder wohl auf meine Pflichten der Fürstgemahlin gegenüber. Auch da waren sie offenbar einer Meinung, denn dein Vater meinte, dass ich ohnehin nicht der Richtige für dich wäre, wenn ich diese vernachlässigen würde… und in diesem Atemzug hat er mir dann auch offenbart, dass du zukünftig an Burunian Fenwasians Seite dienen wirst und einer Gründung eines eigenen Haushalts in Havena nichts im Wege stünde. Wie es scheint, war das auch ein Wunsch Rondreds. Und dann schließlich hat dein Vater gemeint, der Rest seien Kleinigkeiten, und mir endgültig seinen Segen gegeben.”

"Ein gemeinsamer Haushalt?", fragte Gellis ungläubig und freudig zugleich. Sie hatte sich bislang wenig Gedanken dazu gemacht, stellte sie zugleich beinahe erschrocken fest.

“Einen Haushalt zu begründen…”, zitierte Ruan die Worte des Vogtes. “Ja, das klingt für mich so.” Unsicher blickte er Gellis an. “Ist das ein Problem für dich?”

"Nein, ach Ruan", sie strich ihm über die Wange. "Ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht, weil ich nicht gewagt habe, zu hoffen, dass all dies Wirklichkeit wird. Ich hatte nach deiner Antwort, ob du den Fürstenhof verlassen könntest und du sagtest, dein Platz sei an der Seite der Fürstgemahlin, erst einmal keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Es ist wundervoll!" Ihre letzten Worte klangen wie die einer Pagin, die ihr erstes Pony erhielt.

“So wie du”, entgegnete er lächelnd und beugte sich über sie, um ihr einen zärtlichen Kuss zu geben. Dann stützte er seinen Kopf auf seinen Unterarm und grinste verschmitzt. “Und dann habe ich ihm mein Gastgeschenk übergeben.” Unwillkürlich berührte der Drausteiner bei diesen Worten den hölzernen Fuchs in seiner Linken und strich nachdenklich mit dem Daumen über das Holz. Auffordernd sah Gellis ihn an. Doch das erste Mal im Verlauf ihres Gesprächs zögerte Ruan. "Hat es ihm gefallen?", fragte Gellis nun doch, ohne anscheinend Wert darauf zu legen, was es war.

“Mehr als ich zu hoffen gewagt habe”, meinte Ruan”, allerdings…”, er blickte ihr tief in die Augen, “habe ich in dieser Hinsicht den Rat deiner Mutter nicht ganz befolgt. Aber Dichtung und Wahrheit liegen doch zumindest im Herzen nah beieinander, nicht wahr?”

"Ich kann dir nicht folgen", meinte die Winhallerin. Ruan fasste sich ein Herz. “Gellis, ich war nicht ganz ehrlich zu deinem Vater. Aber es war der Symbolik zuträglich, und es ist nichts, was er je herausfinden könnte.” Er blickte erneut den Fuchs an. Dann schloss er die Hand darum und begann, von vorn zu berichten. “Ich habe deinem Vater drei Eicheln überreicht. Das Wappen der Grafschaft Bredenhag zieren drei Eichen, und eine davon, so sagt man, steht auf dem Dorfplatz von Wallersrain. Allein, ich konnte es nicht mehr einrichten, dort vorbeizureiten. Also habe ich nur vorgegeben, dass sie von diesem Baum stammten. Criath Barûhir ist sein Name. Ich habe ihm davon erzählt, wie ich sie bei meinem letzten Besuch vermeintlich unbewusst in die Tasche steckte, und als ich sie nach der Begegnung mit dir wieder zur Hand nahm, sei mir die Bedeutung des Ganzen bewusst geworden. Eine Eichel für das Haus Stepahan, dem Grafschaft wie Baronie unterstehen, eines für das altehrwürdige Haus Ahawar, das die Eiche im Wappen trägt, und eine für die Verbindung aus unseren beiden Häusern.” Er biss sich auf die Lippe und schaute sie abwartend an.

Gellis lachte. "Entschuldige. Aber die Verbindung unserer beiden Häuser ist wahrscheinlich momentan tatsächlich so groß, wie eine Eichel."

Ruan grinste. “Ich sehe, du bist ganz die Tochter deines Vaters.” Zärtlich streichelte er ihr über den Bauch. “Ich hielt es für einen klugen Zug, doch dein Vater kam sogleich auf eben dieses Thema zu sprechen. Allerdings schien er wahrlich gerührt, so dass er nur versprach, sie in Ahawarslucht einzupflanzen, auf dass aus jeder ein stattlicher Baum erwachse. Und dass sie nicht nur für unsere Familien stehen sollten, sondern auch für unsere Sprösslinge, von denen er uns mindestens drei an der Zahl wünschte. Dann brach er das Gespräch zum Glück ab und meinte, den Rest könnten wir dann gemeinsam mit dir bereden.” Kurz hielt der Drausteiner inne. “Erstaunlicherweise genau zum richtigen Zeitpunkt.” Er öffnete seine Linke und küsste den hölzernen Fuchs. “Ich glaube, da gibt es einiges gut zu machen.”

"Den kleinen Fuchs müssen wir in sein neues Zuhause bringen", sagte Gellis lächelnd. "Denn er ist schon versprochen, er zieht nach Orbatal." Überrascht blickte Ruan auf. “Ich sehe, ich kann dir getrost alle Verhandlungen anvertrauen, die bei unserer Haushaltsgründung so anstehen werden”, flüsterte er dann, ehe er sie in seine Arme zog und ihr einen langen, leidenschaftlichen Kuss gab.

Als sie sich voneinander lösten, sagte sie. "Ich habe mich Phex nie nah gefühlt. Erst seit ich dich kenne, wird mir bewusst, wie sehr er doch mit so vielem verknüpft ist. Aber erzähl mir nie, nie wieder, woher oder woher nicht diese Eicheln stammen. Das war wirklich dreist, Ruan!", schalt sie ihn, doch sie lächelte und fügte dann ernst hinzu. "Und hoffen wir, dass er nie die Zwiesprache mit den Feen über die Herkunft der Eicheln sucht."

Ruans Lächeln erstarrte. “Das könnten sie sehen?” Für einen Augenblick wirkte er verunsichert. Dann meinte er mit einem Schulterzucken. “Dann habe ich bei meinem Aufbruch aus Havena vor Aufregung eben versehentlich die falschen gegriffen. Ich werde in Wallersrain drei identische finden und sie mit nach Havena nehmen.” Fragend hob er eine Augenbraue. “Besser?”

"Du bist ein Fuchs, Ruan Stepahan", sagte Gellis liebevoll. "Und genau das meinte ich, als ich sagte, dass ich möchte, dass du mich teilhaben lässt." Sie küsste ihn. "Sag, wie spät ist es eigentlich? Ich habe geschlafen."

“Zeit für die nächste Prüfung”, entgegnete er mit einem Zwinkern. Gellis nickte zuversichtlich. "Jetzt wird es besser, jetzt haben wir einander", sagte sie und stand vorsichtig auf. `Kein Schwindel, keine Übelkeit. Gut!´, dachte sie und Ruan sah sie stolz, gerade und aufrecht stehen. Es war viel weniger aufgesetzt als sonst. Es war, als hätte sie mit dem ersten Segen ihres Vaters für ihren Bund an Kraft gewonnen, diese Rolle zu verkörpern und nicht nur zu spielen. "Komm", sagte sie glücklich, "lass uns unserer Zukunft entgegen gehen." Und sie reichte Ruan die Hand zum Aufstehen.

Abendmahl

Eichenkabinett, Feste Iauncyll, Ortis
Abend des 13. Travia 1042 BF

Auch, wenn es Gellis war, die den Weg kannte, machte es den Eindruck, als würde Ruan sie führen. Ihr Arm lag standesgemäß angemessen auf dem seinen. Wie schon kurz zuvor auf ihrem Zimmer hatte Gellis eine ganz eigene Ausstrahlung gewonnen, zuversichtlich und stolz.

So traten sie in die Hohe Halle ein, in der sich schon zahlreiche andere Personen des Grafenhofes eingefunden hatten. Da sie stehend warteten, hatte sie noch niemand wirklich erblickt. So erzählte Gellis Ruan Geschichten zum angebrachten Wandschmuck. Ein leichtes Lachen seiner Tochter war das erste, was Rodowan hörte, als er in den Saal trat. Dann erblickte er Gellis mit Ruan.

Er kannte die Ausstrahlung verliebter Paare, hatte er es selbst auch erlebt, jedoch war das Bild, das die beiden boten, geradezu atemberaubend. Beide strahlten vor Glück, was nach seinem Gespräch mit Ruan nicht unerwartet kam, jedoch schien dieses Glück tiefer zu gehen als die Freude über einen Travienbund. Sie schienen einander unglaublich nah.

Beide standen dort aufrecht und standesbewusst, Gellis ' Hand ruhte auf Ruans Unterarm. Ja, es war der Stolz beider, der sie als Paar zu einer Einheit werden ließ. Rodowan mochte den Eindruck haben, seine Tochter noch nie so anmutig gesehen zu haben. Wieder trug sie ein grünes Kleid, wie so oft fanden sich die Familienfarben in den Nähten und Verzierungen wieder. Ihr Haar war hochgesteckt und an den Seiten hielten zwei Eichenblätter die Zöpfe. Und trotz dass sie ein Kleid trug, hatte sie auf ihren Ritterdolch nicht verzichtet, den sie in einer verzierten Scheide am Gürtel trug. Ihr Glück, das Glück der beiden, war unübersehbar.

"Vater", grüßte sie ihn, als er eintrat. "Farindel und die Zwölfe mit dir."

Ruan lächelte Rodowan offen an. Im Gegensatz zu ihrem letzten Zusammentreffen wirkte der Ritter sichtlich gelöster. Dennoch bewahrte er Haltung, und seine Augen betrachteten den Vogt ähnlich aufmerksam wie bei ihrem letzten Gespräch. Der Stepahan verneigte sich kurz und sagte dann in höflichem Tonfall: “Die Zwölfe mit Euch, Hochgeboren. Ich hoffe, Ihr konntet noch das ein oder andere erledigen.”

Rodowan erwiderte die Begrüßung des Ritters mit einem Kopfnicken. “Farindel und die Zwölfe zum Gruße.” Eine kurze Pause. “Ja, der Tag war arbeitsreich, doch wer es gewohnt ist, seine Pflicht zu erfüllen, der merkt dies gar nicht. Doch kommt, wir werden nicht hier speisen. Ich habe im Eichenkabinett decken lassen. Da sind wir ungestört und können offen reden. Auch in Winhall gibt es Klatsch, Tratsch und so manche Intrige. Wenngleich auch weniger als wahrscheinlich an anderen Adelshöfen.” Der Vogt machte deutlich, wie sehr er das höfische Intrigenspiel verachtete. Gellis bemerkte, wie Ruan kurz einen Mundwinkel nach oben zog. Der Vogt dagegen hatte sich bereits abgewendet.

Rodowan ging voraus, ohne dabei ein Wort zu sprechen. Diesen Moment nutzte Gellis, um Ruan einen erstaunten Blick zum Ort ihres Essens zuzuwerfen, was dieser mit einem fragenden Stirnrunzeln und einem Schulterzucken quittierte. Er überlegte, ob er leise nachfragen sollte, doch bereits nach einigen wenigen Sand in der Sanduhr hatten sie das Eichenkabinett erreicht. Selbst Gellis war noch nicht all zu oft in diesem traditionellen Raum gewesen, in dem Graf Bragon kleinere Audienzen abhielt und sich zumeist die Distelritter trafen, wenn sie unter sich sein wollten. Die Legende sagte, dass der Raum –- deren ähnliche es auf den Burgen in Eichenwald und Aiwiallsfest gab – oder besser die zahlreichen Wandtafeln vom Begründer der Distelritter, dem legendäre Paladinis, selber stammen.

“Setzt euch.” sagte der Ahwar knapp und deutete auf einen etwas kleineren Tisch am Rande. Die “Tafel” war mit einigen einfachen Dingen gedeckt und von drei Stühlen umsäumt.

Im Raum waren noch zwei Knappen, die den drei Adeligen offenbar auftragen sollten. Neben dem bereits bekannten Belenduir, dem Ruan kurz freundlich zunickte, war noch der aus dem Eichenwald stammende Moril Brount anwesend, ein ernster junger Mann, dem erste Bartstoppeln sprießen.

“Ihr seid in Havena sicher besseres gewohnt, aber es gibt neben Brot, Käse und Schinken auch Wildbret in Kräutertunke.”

Rodowan sprach sehr ernst und schien noch mit dem ein oder anderen Problem des Tages beschäftigt, weshalb sich Ruan bei seiner Antwort auf ein knappes “nicht doch” beschränkte und dem Vogt ansonsten die Zeit gab, seine Gedanken zu ordnen. “Es ist mir sehr recht so”, fügte er leise an, ehe er die Sitzordnung näher in Augenschein nahm.

Ruan und Gellis saßen Gellis' Vater gegenüber, während die Knappen dienstbereit an den Seiten der Tische standen. Gellis suchte unter dem Tisch nach Ruans Nähe, ihr Bein schmiegte sich eng an das seine.

Als alle Platz genommen hatten, schaute der Vogt die beiden Liebenden erst ernst an, doch dann fühlte er plötzlich eine Zufriedenheit und entspannte etwas. “Nun Tochter, hat dein Versprochener dir die gute Nachricht schon verkündet?”

Gellis blickte Ruan kurz an, als ihr Vater ihn erwähnte, und stellte fest, dass sich auf dem Gesicht des Drausteiners ein entspanntes Lächeln zeigte. Aufmunternd zwinkerte er ihr zu.

“Ja, Vater, das hat er, und es freut mich sehr, dass unsere Verbindung deine Zustimmung findet”, sagte sie dann. Gellis saß aufrecht und hatte eine gewisse Anspannung an sich, die Rodowan sehr vertraut war, denn im Gespräch mit ihm hatte sie diese immer. Auch Ruan schien sie zu spüren, zumindest bemerkte Gellis, wie er beruhigend mit dem Handrücken ihr Bein streichelte, während sie zu reden fortfuhr.

“Es gibt aber sicher noch einiges, was es zu dritt zu besprechen gilt. Und mir liegt etwas auf dem Herzen, jetzt, da ich weiß, dass wir deinen Segen haben.” Ruans Hand verharrte mitten in der Bewegung. Langsam zog er sie wieder zu sich heran und blickte zunächst Gellis, dann den Vogt gespannt an.

“Nun, ich meinte eine andere gute Nachricht, aber wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, sprich frei heraus, wie du es gelernt hast!” Nun schien der Drausteiner kurz verwirrt, dann jedoch lächelte er. Gellis atmete kurz auf. “Ihr meint meinen Dienst bei Wohlgeboren Burunian? Auch das freut mich sehr, dass Ihr dies in so kurzer Zeit ermöglichen konntet. Ich freue mich auf Havena, auch wenn es schwer sein wird, den Ort, an dem mein Herz hängt, zu verlassen.” Gellis' Gesichtsausdruck war ehrlich. Während Rodowan nickte, spürte er Ruans Blick auf sich ruhen, doch diesmal zeigte die Miene des Stepahan keine erkennbare Regung. Der Vogt sagte schlicht: “Das kann ich verstehen.”

“Für das, was ich, wir, Euch mitteilen möchten, was mir auf dem Herzen liegt, ist es eigentlich noch zu früh”, leitete Gellis ein. “Aber die Umstände sind derzeit, wie sie sind. Ich trage ein kleines Tsa-Wunder unter dem Herzen.” Die letzten Worte sprach sie schnell, damit sie der Mut nicht verließ, ihrem Vater jetzt schon so offen gegenüber zu treten, und folgte damit unbewusst Ruans Beispiel. Auch wenn dieser sich bei Gellis’ einleitenden Worten innerlich bereits gewappnet hatte, traf ihn die plötzliche Offenheit dennoch überraschend. Für einen Moment schien er wie erstarrt, dann jedoch ergriff er ihre Hand und bekräftigte somit ihre Einigkeit auch vor den Augen Rodowans.

Rodowan, der gerade etwas entspannt und zufrieden gewesen war, zeigte ein selten gezeigte Mimik: Überraschung. Er blieb erst einmal stumm. Sein Kopf schien zu rattern. Dabei blickte er zuerst mit sehr ernster Miene Ruan, dann seine Tochter an. Dann lächelte er: “Tsa? Da war wohl eher Rahja am Werk! Nun, wer bin ich, das zu verurteilen?” Gellis wusste natürlich, im Gegensatz zu Ruan, dass Rodowan einige Bastarde in seinem Leben gezeugt hatte. Trotzdem galt er in Winhall nicht als Schürzenjäger, was für seine Diskretion sprach.

Ruan schien seinen Ohren nicht zu trauen. Hatte er tatsächlich bei Gellis’ Berichten über ihren Vater so ein falsches Bild gewonnen? Der Mann war umgänglich, humorvoll und ganz offenbar vergebend. Erleichtert grinste er Gellis an, die sichtlich überrascht schien. Dann jedoch wurde seine Miene sogleich wieder ernst. Was wahrscheinlich gut war, denn trotz der wohlwollenden Worte, war der Blick Rodowans dem Drausteiner entgegen ein wenig anders als zuvor. Doch erst einmal nicht klar definierbar.

“Doch weiß ich nicht wie der weiße Löwe darüber denkt.” Er war nachdenklich, was ihm deutlich anzusehen war. Er warf einen ernsten Blick auf den Drausteiner. “Denkt doch wie es der armen Thalania ergangen ist, als sie ein Kind unter dem Herzen trug, ohne den Traviabund geschlossen zu haben. Der hohe Herr Arlan ist da vielleicht nicht so weichherzig wie ich.” Der Vogt schaute Ruan an, der den Bredenhager Grafen und seine Familie natürlich besser kannte. “Dem Tratsch wären Tür und Tor geöffnet….nicht das mich das wirklich interessieren würde, was juckt es die Eiche, wenn jemand gegen den Stamm pinkelt?” Er nahm einen Schluck aus dem Weinkelch, welcher zwischendurch von den Knappen bei allen gefühlt worden war.

“Dem Herrn Arlan”, entgegnete der Stepahan in ruhigem Ton, “ging es dabei vermutlich weniger um den tsagefälligen Zustand meiner Base, sondern eher um die Wahl ihres…”, er suchte offensichtlich nach dem passenden Wort, “Partners”, entschied er dann. “Wobei er natürlich weder mit dem einen noch mit dem anderen offen hausieren gegangen ist”, fügte Ruan mit einem feinen Lächeln an. “Abgesehen davon könnt Ihr davon ausgehen, dass es eine Handreichung seinerseits gab. Allerdings muss diese auch akzeptiert werden.”

“Nun, wie Ihr seht, bin ich da nicht gut genug informiert, um mir ein Urteil bilden zu können….oder zu wollen. Ich hörte nur, dass Eure Base zeitweise Zuflucht in Aiwiallsfest gesucht hat. Trotzdem macht mir der Gedanke ein wenig Sorge. Das macht den Termin der Vermählung umso dringlicher. Ich denke, ich muss seine Hochgeboren Rondred alsbald besuchen, damit wir die offenen Dinge besprechen können. Oder glaubt Ihr aufgrund des…”, man merkte, der Vogt suchte nach einem Wort, “....Umstandes gibt es keine Probleme in Eurem Haus?”

Ruan zögerte sichtlich. In Gedanken ging er seine Ahnenreihe durch, dachte an den Hof in Bredenhag und Draustein. Plötzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen. Nachdenklich zog er die Stirn in Falten. Dann blickte er den Vogt offen an. “Verzeiht, ich möchte nicht indiskret sein, daher nur so viel. Es gibt jemanden, wenn auch niemanden von meinem Blute, der erst lange nach Geburt seines Kindes den Bund mit dessen Mutter einging. Dennoch behandelt Graf Arlan ihn nach wie vor respektvoll. Und mein Bruder selbst hat den Kindern seines…, unseres verstorbenen Vetters durch die Heirat mit Ihrer Hochgeboren Iriane ein neues Heim gegeben. Er steht der Hüterin des Herdfeuers offenkundig nahe. Insofern glaube ich sehr wohl, dass ihm ebenfalls an einem frühzeitigen Bund gelegen sein sollte.”

Rodowan nickte und schien deutlich zufriedener als zuvor, gleichwohl der Umstand mit Rondred und Iriane ganz anders bewertete, war Iriane ja verwitwet, doch er schob den Gedanken beiseite. “Wenn er der Travia nahe steht, dann sollte er doch eher einen kritischen Blick auf dieses …”, wieder eine kurze Pause, “...Missgeschick haben. Für ihn sollte dann Travia über Rahja stehen.” Rodowan schaute jetzt etwas schief und neckisch, beides so gar nicht seine Art und ein Wesenszug den auch Gellis nicht an ihm kannte. “Somit sollte wir die Planung zügig angehen. Ruan, wisst Ihr, wann Euer hoher Bruder den frühesten Termin angedacht hatte? Oder hattet Ihr bereits Pläne?” Rodowan schaute die beiden jungen Leute erwartungsvoll an. Ruan suchte Gellis’ Blick. Dann schüttelte er langsam den Kopf. “Nein, soweit hatte zumindest ich mit meinem Bruder noch nicht geplant”, gab er ehrlich zu. "Aber, wie wäre es, wenn wir – so Ruans Familie Ihre Zustimmung gibt – in ganz kleinem Kreis, den Traviabund eingehen?", fragte Gellis, die bislang verwundert und sprachlos das Gespräch verfolgt hatte. "Und wir feiern dann in Ruhe im nächsten Götterlauf mit allen Beteiligten, wenn das Kind da ist, erneuern den Traviabund in diesem Zuge und schließen dann auch einen Bund vor Rondra?" Gellis sah erst Ruan und dann ihren Vater an. Ruan wartete zunächst ab, ob Rodowan etwas entgegnen würde, und als dieser tatsächlich zu sprechen anhob, drückte der Drausteiner statt einer Antwort fest Gellis’ Hand und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

“Mir gefällt der Vorschlag, doch müssen wir abwarten, was Bruder Wallersrain dazu sagt.” Dann lächelte er sehr herzlich und schaute Ruan etwas verschwörerisch an: “Eine der drei Eicheln hat also schon seinen Dienst getan.” Der Angesprochene erwiderte das Lächeln, und Rodowan war sich sicher, ein kurzes Zwinkern seines Auges wahrzunehmen, nur ungleich länger als ein einfacher Lidschlag. “Sieht ganz so aus”, erwiderte Ruan, ehe er sich Gellis zuwandte, die vielsagend lächelte.

Insgesamt hatten Rodowan und Gellis wohl selten, oder gar noch nie, so miteinander gesprochen. Das fiel Rodowan jetzt auf. Da sie immer ein Kegel gewesen war, aufgezogen von der Mutter, nur die ritterliche Ausbildung beim Vater, war es immer um Dienst, Pflicht, Aufgabe gegangen. Da Rodowan auch nie ein eheliches Kind und somit Vaterpflichten zu erfüllen hatte, war dies nun absolutes Neuland für ihn. Er fühlte sich beinahe ein wenig weich geworden, irgendwie ertappt, und straffte sich plötzlich und schaute ein wenig ernster drein.

Sein Ausdruck fand seine Entsprechung im jungen Stepahan, der nun seinerseits die Schultern straffte. Ein kurzes Räuspern signalisierte, dass er bereit war, sich wieder den ernsten Themen zuzuwenden. “Wir sollten meinem Bruder diesen Vorschlag unterbreiten”, führte er Rodowans Gedanken fort. “Habt ihr einen Wunsch bezüglich eines Ortes oder der oder des Geweihten, der den Bund segnen soll?”

“Nein, da Gellis sich dem Wald nicht verbunden fühlt und somit nicht auf Farindels Segen angewiesen scheint und der Wille der Götter sie nach Havena führt, sollt Ihr aus meinen Augen wählen, was Euch wichtig ist. Dem Herrn Rondred und dem hohen Grafen Arlan wird sicher die Herrin Rondra wichtig sein, immerhin seid Ihr ein Stepahan.” Ruan nickte zustimmend, während der Vogt fortfuhr. “Aber für die kommenden Kinder ist ein Traviasegen auf jeden Fall vonnöten. Auch wenn keiner von Euch ein echtes Erbe, sprich ein Lehen zu erwarten hat, ist der Segen der gütigen Mutter doch unerlässlich. Doch sollten wir dazu natürlich auch Euren Bruder hören.” Wieder nickte Ruan. Er dachte an Mutter Geselwen, die Wallersrainer Traviageweihte. Soweit er es wusste, pflegte sie zumindest zur Baronsgemahlin einen freundschaftlichen Kontakt.

Nach einer Pause fügte Rodowan noch an: “Was sind denn Eure Wünsche dazu? Oder habt Ihr noch nicht darüber gesprochen?” Nachdem Gellis die Verwunderung überwunden hatte, wie ihr Vater mit ihrer fehlenden Verbindung zum Wald umging, wurde ihr bewusst, dass sie über das ´Wo´ tatsächlich noch nicht gesprochen hatten. Beim ´Wer´ hatte Gellis kurz über ihre Tante nachgedacht, diesen Gedanken aber erst einmal beiseite geschoben, da sie erst wissen wollte, wie ihr Vater reagieren würde. Aber nein, auch jetzt fühlte es sich für sie nicht richtig an, diese Verbindung durch sie anleiten zu lassen.

"Wäre es vermessen, die große Feier dort zu veranstalten, wo wir uns kennengelernt haben?", fragte Gellis Ruan beinahe schüchtern. “Ein bisschen wohl”, antwortete dieser mit einem Lächeln. Doch auch wenn ihr Verlobter sie sonst selbst bei ernsten Themen gern aufzog, spürte Gellis, dass durchaus Wahrheit in seinen Worten lag. “Es ist... “, er suchte nach den richtigen Worten, “kompliziert”, meinte er dann. "Dann habe ich keinen Wunsch, ", sagte Gellis mit fester Stimme. "lass uns dazu noch einmal in Ruhe sprechen, ja?" “Warte”, hakte Ruan sogleich ein, “lass es mich ausführen.” Gellis sah ihn auffordernd an, sagte aber nichts. “Unsere Familie fühlt sich sehr verbunden mit dem Land um den Draustein. Ein solcher Wunsch würde daher von meinem Vetter sicher wohlmeinend aufgenommen.” Er hielt kurz inne und schaute Gellis offen an. “Für mich wäre es eine große Ehre… Und es ist auch nicht außergewöhnlich. Du warst selbst zu Gast auf den Feierlichkeiten anlässlich des Traviabunds von Rhona und Mardred Taladan”, kurz huschte ein Schmunzeln über sein Gesicht, “aber Rhona ist seine Schwester. Ich bin nicht sicher, wie der Graf dazu steht, auch unseren Bund dort zu schließen. Aber wir können das sicher erfragen… vorsichtig”, fügte er lächelnd an. "Dann werden wir sehen, wie unsere Gespräche dort verlaufen", sagte Gellis mit einem leichten Lächeln. "Dann sehen wir weiter." Ruan nickte und warf einen kurzen Blick auf Rodowan. Der Vogt konnte nicht bei allen Dingen, die die jungen Leute besprachen, folgen, und so hatte er sich bisher eines Kommentars enthalten. Auch jetzt schwieg er erst einmal. Mit einem entschuldigenden Lächeln in Richtung Rodowans wandte sich Ruan für einen Moment ganz Gellis zu. Zärtlich führte er ihre Hand zu seinen Lippen und hauchte einen Kuss darauf. “Wenn es dein Wunsch ist, dann werde ich mein Möglichstes tun, ihn dir zu erfüllen.” Er suchte ihren Blick und fuhr dann leiser fort. “Aber wir sollten uns genau überlegen, was wir fordern. Wir sollten uns auf das Wichtigste beschränken.” Gellis nickte verständnisvoll. “Was nun was wäre?” fragte der Vogt dazwischen, offenbar aufgrund des – für ihn – Geplappers, etwas ungehalten wurde. “Mir ist nicht klar, was nun Euer Wunsch ist. Schließlich kann es ja sein, dass auch ich dies mit Eurem Bruder besprechen muss.”

Augenblicklich wandte sich Ruan wieder Gellis’ Vater zu. “Verzeiht, Hochgeboren”, sagte er ernst und senkte kurz den Blick. “In meinen Augen ist das Wichtigste, dass es uns gelingt, in Havena gemeinsam etwas aufzubauen, gleichzeitig aber auch unsere Pflichten gegenüber unserer Familie und unseren Dienstherren zu erfüllen.” Er machte eine kurze Pause und suchte Gellis’ Blick. "Der Ort unseres Bundes ist wahrlich nichts, woran mein Herz hängt, wichtiger ist unsere gemeinsame Zukunft", Gellis sah Ruan in die Augen und drückte seine Hand.

“Also sind wir uns da einig”, stellte dieser mit einem Lächeln fest und wandte sich wieder dem Ahawar zu. “Mein Haus kann uns den Weg bereiten, ebenso wie seine Wohlgeboren Burunian Fenwasian Gellis zur Seite stehen wird, wenn es darum geht, sich in die Gesellschaft in Havena einzufinden – neben mir, versteht sich. Wie genau eine Unterstützung aussehen könnte, darüber haben wir noch nicht näher gesprochen.”

"Sagt Vater, was habt Ihr als Dienstbeginn mit Burunian vereinbart?", fragte Gellis in die entstandene Stille hinein.

“Nichts. Bisher hatte er einen Bastardbruder als Begleitung, sprich Schwert, an seiner Seite. Ein wahrer Hüne dieser Diistra, wie man sagt, mit einschüchternden Äußerem, aber sicher nicht der Richtige auf den Holzbohlen der hohen Politik im Fürstentum. Das war auf jeden Fall mein Gedanke, als ich dich als sein `Schwert und Schild´ vorschlug, sowohl in persönlicher Angelegenheit, als auch in Bezug auf das ´Haus der Disteln´ in Havena. Burunian war angetan von dieser Idee, wünscht er sich wohl gerne eine angemessene Begleitung bei seiner Aufgabe als Vertreter der Fenwasian in der Kapitale.” Gellis fühlte nun einen gestrengen Blick auf sich lasten, dass diese Aufgabe – auch wenn sie erst einmal simpel und wenig Anspruchsvoll klang – in den Augen ihres Vaters eine wichtige war.

“Ich denke, ihr könnte eure Angelegenheiten regeln bevor du in seine Dienste trittst. Doch gehe ich davon aus, dass auch Ihr, Ruan, nicht ewig fort sein könnt vom Fürstenhof.”

“So ist es”, nickte der Angesprochene. “Wir werden auf der Reise nach Havena meinem Vetter unsere Aufwartung machen. Ich werde noch heute ein Schreiben aufsetzen und uns ankündigen…”, er hielt inne, “auch wenn ich nicht sicher bin, ob die Nachricht Bredenhag früher erreichen wird. Aber einen Versuch ist es wert.”

Gellis nickte ebenfalls. “Das sollten wir tun. Meine Sachen sind noch so gut wie gepackt, daher sollte es nicht problematisch sein, alsbald von hier mit dem Ziel Havena aufzubrechen.” Sie schluckte. Das geht jetzt wahrlich sehr schnell, dachte sie überrascht, aber glücklich.

“Nun, ich werde ebenfalls einige Schreiben aufsetzen. Sowohl für seine Hochwohlgeboren Arlan, als auch für Euren hohen Herrn Bruder. Außerdem kann ich mit vorstellen, dass auch die Distel die ein oder andere Depesche für Eure Familie, aber auch für die Kapitale hat, die ihr vielleicht persönlich mitnehmen könntet. Das würde ich erfragen, ehe ihr aufbrecht. Vor allem wird Bragon sicher einige Zeilen an seine Schwester verfassen wollen. “Wir werden selbstredend dafür Sorge tragen, dass die Nachrichten ihre Empfänger wohlbehalten erreichen”, antwortete Ruan in sachlichem Tonfall, der vom Ahawar mit einem zufriedenen Nicken beantwortet wurde.

Der Ahawar machte nun wieder ein ernstes Gesicht und machte dadurch deutlich, dass das Folgende wichtig für ihn war: “Kommen wir zurück auf die drei Eicheln, sprich Euren hoffentlich zahlreichen Kindern. Ich weiß, dass das Haus Ahawar hier das kleinere in der Verbindung ist, und es ist eine Ehre, wenn sich das Haus Stepahan bereit erklärt, sich mit unserem zu verbinden.” Er nickte Ruan wohlwollend zu und deute mit geöffneter Hand auf den Ritter. “Ich weiß, dass ich das Folgende auch mit Eurem Herrn Bruder, oder gar dem Herrn Arlan besprechen muss, aber ich habe dazu eine Bitte, und würde mich freuen, wenn Ihr…”, diesmal zeigte er auf beide `Kinder`, “...meine Bitte vielleicht wohlwollend anseht.” Er machte eine kurze Pause. Ruan nickte dem Vogt aufmunternd zu. Anders als zuvor schien er diesmal nicht zuvor Gellis’ Blick zu suchen. “Nur zu”, entgegnete der Stepahan, “wir sprechen so offen, wie ich es nie zu träumen gewagt hätte. Also nur heraus damit.” Gellis unterdrückte mehr oder minder gut einen Blick mit hochgezogen Augenbrauen zwischen ihrem Vater und ihrem Verlobten.

“Nun, in meiner Familie schätzt man ein offenes Wort”, sagte Rodowan etwas süffisant. “Ich hoffe, das wisst Ihr zu schätzen.” Er nahm einen Schluck aus dem Kelch, während Ruans Gesichtszüge für einen Moment zu entgleiten drohten. Er senkte den Blick und drückte Gellis’ Hand. “Also”, fuhr der Vogt derweil fort, “meine Bitte betrifft zum einen die Aufgabe der Ahawar, aber auch mein Haus insgesamt. So würde ich mir wünschen, wenn eines Eurer Kinder den Namen Ahawar tragen würde, um die Köpfe meines…, unseres Hauses, wieder zu mehren.” Der Drausteiner nickte nachdenklich, während Rodowan fortfuhr: “Außerdem würde ich mir wünschen, dass mindestens eines der Kinder der Herrin Farindel geweiht wird und dem Wald… nahe gebracht wird.” Man merkte, dass der Vogt des Öfteren mit den Worten rang, weil er für ihn selbstverständliche Dinge dem Stepahan zu erklären versuchte. So war auch die Reaktion Ruans nicht klar zu deuten. Doch für einen Moment legte sich seine Stirn in Falten. Er atmete tief ein und umfasste Gellis Hand, die sie gedankenverloren streichelte. Der Vogt schloss derweil seine Rede: “Mein Haus dient den Fenwasian und somit Farindel. Die Wacht am Wald ist somit auch unsere Aufgabe, und ich würde mir wünschen, wenn mindestens eines meiner Enkelkinder meine Wacht dereinst übernimmt.” Er schaute jetzt vor allem eindringlich auf Gellis. “Meine Götterläufe sind derer viele, und ich werde nicht ewig hier sein.” Er faltete die Hände und schien zufrieden mit dem Gesagten.

Die Tochter des Vogtes blickte ihren Verlobten an, als wolle sie ihn um das Wort bitten. Aber sie suchte vielmehr seine Zustimmung, das zu verlautbaren, was sie beide für eine gute Möglichkeit hielten. Ruan nickte und bemühte sich um ein Lächeln. Doch seine Anspannung blieb Gellis nicht verborgen.

"Ich habe Ruan in den letzten Tagen viel von unserer Aufgabe und dem Wald näher gebracht, und auf dieser Grundlage haben wir uns lange unterhalten", leitete Gellis ihre Worte ein und sah ihren Vater direkt an. "Wir sind uns beide darüber im Klaren und einig, dass wir unsere Kinder im Bewusstsein ihrer beider Familien erziehen werden." Rodowan war zufrieden, aber nichts anderes hatte er von seiner Tochter erwartet.

Ganz bewusst sprach Gellis über mehrere Kinder, denn auch darüber waren sich alle an diesem Tisch einig: So Tsa es wollte, sollte es nicht bei diesem einen bleiben. "Und wir beide werden so das Erbe unserer Häuser in unseren Kindern weiterführen. Doch möchten wir die Wahl nicht willkürlich treffen, denn wem nützt es, dass wir das zweite Kind dem Wald versprechen, wenn das dritte seinen Ruf hört? Wir denken, das Kind oder die Kinder, die das Erbe der Ahawar weiterführen können, die den Wald hören, in Knappschaft bei der Distel oder einem ihr nahen Haus geben, auf dass sie kennenlernen, was ihr Erbe bedeutet." Die Ritterin machte eine kurze Pause und wartete ab, was ihr Vater zu dem bisher Gesagten antworten würde. Doch es war Ruan, der das Wort ergriff und dadurch eine Antwort des bereits zustimmenden Vogtes erst einmal unterband. Eindringlich sah Ruan Rodowan an. “Alles, was Gellis sagt, unterstütze ich. Ihr könnt mir zu Recht vorwerfen, dass ich wenig von Euren Traditionen verstehe. Doch eines weiß ich: Kein Dienst ist von Wert, wenn er nicht freiwillig getan wird. Die Zeit wird zeigen, was die Götter – oder Farindel”, fügte er mit einem Lächeln hinzu” für unsere Kinder vorgesehen haben. Eure Tochter”, er strich zärtlich über Gellis’ Hand, “ist das beste Beispiel dafür, dass Großes auch aus denen erwachsen kann, die nicht dem vorgezeichneten Weg folgen.”

“Gut gesprochen junger Herr Ruan, mich dünkt, ihr habt eine gute Ausbildung genossen!” sagte Rodowan anerkennend, sodass kein Anlass dazu bestand das er es despektierlich meinte. Er wollte noch etwas hinzufügen, doch der Drausteiner hatte nur kurz inne gehalten, und wollte ganz offensichtlich noch einen weiteren, für ihn wichtigen Punkt anführen: Er berührte mit der offenen Linken die Stickerei über seinem Herzen. “Mein Haus respektiert die Wünsche der Fee. Auch wir haben geschworen, Farindel Schutz und Schild zu sein, auch wenn sich dies bei uns anders äußern mag.” Er lächelte, ein Lächeln das von Rodowan mit einem zustimmenden Kopfnicken beantwortet wurde und einer einladenden Geste mit der Hand doch fortzufahren. “Nehmt die Heckenfehde, die Bredenhag vor etwa zwei Götterläufen heimsuchte. Das”, stieß Ruan scharf hervor, “war nichts Geringeres als die Antwort meiner Familie auf einen Frevel am Bannwald. Ein Stepahan versäumt es zu keiner Zeit, das zu vergelten, was gegeben wurde.” ‘Achtung mit Liebe, Treue mit Schutz, Eidbruch mit Strafe und Niedertracht mit der kalten Macht des Stahls’, ergänzte Ruan in Gedanken die altbekannten Worte.

“Das ist der Geist der alten Häuser!” sprach der Ahawar kurz anerkennend und jubelnd dazwischen, ehe Ruan fortfuhr. “Mein Vetter hat früh erkannt, dass die jüngeren Häuser sich durch politische Finten mehr und mehr Freiheiten gegenüber dem Alten und Uralten Adel heraus nahmen und somit letztlich auch das bedrohen, was wir alle”, er blickte von Rodowan zu Gellis und wieder zurück, “zu schützen geschworen haben. Und so ging er einen neuen Weg. Doch im Herzen”, entschied er sich schließlich, die Geduld des Vogtes nicht weiter zu strapazieren, “sind wir vereint in unserem Wissen um unsere Herkunft. Und das werden wir auch unsere Kinder lehren. Und sie werden Farindel dienen, egal ob in Bredenhag, Draustein, Havena oder Winhall. Denn unser beider Häuser haben sich ihr verschworen.” Als Ruan seine Rede beendet hatte, sah Gellis ihn mit großen, verliebten Augen und voller Stolz an. Es war ein Moment für sie, in dem sie wieder einmal realisierte, wie ähnlich sich sie beiden, aber auch ihre Familien waren. Rodowan schaute den Ritter eindringlich an, dann schwenkte der Blick zu seiner Tochter. Sollte er so ein Glück haben? Dass seine Tochter einen Gemahl bekommen sollte, der solche Überzeugungen teilte? Überzeugungen, die nahe an den seinen war? Oder spielte der am Fürstenhof ausgebildete junge Mann ihm nur ein Rolle vor, um bei ihm zu punkten? Wieder fiel sein Blick auf seine Tochter. Nein, Gellis war zu einer standhaften und klugen jungen Frau geworden. Es war ganz offensichtlich, dass die beiden sich so nahe standen, dass der Drausteiner ihr dies nicht vorspielen könnte, und sie war ehrenhaft, eine wahre Ahawar, und würde es nicht zulassen, dass man ihrem Vater etwas vormachte.

“Gut gesprochen, junger Stepahan! Gut gesprochen! Das ist nicht nur der Geist der alten Häuser, sondern das ist der Geist des Bündnisses der Häuser Stepahan und Fenwasian und somit auch der Ahawar. Haben wir immer die gleiche Meinung? Nein! Aber man kann sich aufeinander verlassen. Auf die Eide, auf die Zusagen, auf die Bündnisse.” Ruan nickte. Das war seit jeher etwas, das seiner Familie als das Wichtigste galt. Man stand zu seinem Wort, und es war ein beruhigender Gedanke, dass er mit Rodowan Ahawar jemanden vor sich hatte, der offensichtlich sehr ähnlich dachte. Der Vogt führte den Gedanken derweil weiter: “Auch wenn in der jüngeren Vergangenheit…”, Rodowan machte eine Pause, “...es manchmal geruckelt hat, ist das Bündnis der alten Häuser das, was wirklich zählt, um die alten Werte zu erhalten. Die Taten Eures Hauses während dieser Bredenhager Krise haben bewiesen, wie sehr die Stepahan diese alten Werte hochhalten und auch die Aufgabe am Farindel ernst nehmen und somit die Taten der Distel und seiner Getreuen ehren.” Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und hob seinen Humpen. Ruan schrak kurz zusammen. Dann tat er es Rodowan gleich, nicht ohne zuvor einen prüfenden Blick auf Gellis zu werfen, diese sah ihren Vater für einen Lidschlag freudig überrascht an, griff dann aber ebenfalls zum Krug. “Ich möchte mit euch anstoßen, denn ich glaube das haben wir noch nicht getan. Auf euer Wohl und euren Bund. Mögen Farindel und die Zwölfe euch segnen und schützen. Ruan, ich glaube meine Tochter hat es wohl mit euch getroffen und ich bin festen Glaubens, dass meine Enkel die Möglichkeit bekommen, mein Erbe vorzuführen.” Gellis lächelte und saß aufrecht in ihrem Stuhl, den Kelch erhoben. “Ja, Ruan, das glaube ich auch.” Sie zwinkerte ihm kurz zu und sprach dann lauter, auch an ihren Vater gerichtet. “Auf den Bund der Häuser Stepahan und Ahawar.” “Auf den Bund der Häuser Ahawar und Stepahan!” erwiderte Rodowan mit einem anerkennenden Nicken. “Auf die Erneuerung des alten Bündnisses”, fügte Ruan mit einem breiten Lächeln hinzu. “Auf altes Erbe und neue Wege.” “Hört, hört!” sagte der Vogt euphorisch. Er fühlte sich gerade wieder wie ein junger Distelritter unter seines Gleichen.

Nachdem sie angestoßen und etwas getrunken hatten, widmeten sie sich in Ruhe ihrem Essen, nur hier und da kamen einige kurze belanglose Gespräche zustande. So kam es auch, dass sich Gellis und Ruans Hände zum ersten Mal in diesem Raum für längere Zeit trennten. Gellis hatte guten Appetit, hielt sich aber ausschließlich an das Wildfleisch. Die Stimmung war gut nach den erfolgreich besprochenen “Pflichtthemen”. Rodowan, der in seinem Leben viel zu wenig Zeit mit Gellis verbracht hatte, schien es, als ob er seine Tochter erst jetzt wirklich kennen lernte. Er hatte ihren Werdegang verfolgt und Teile ihrer Ausbildung im gräflichen Knappenhof zumeist auch selber übernommen, doch war sie da nie seine Tochter gewesen, sondern eine Knappin, die damals noch nicht einmal den Namen Ahawar trug. Mancher auf der Burg hatte sie wohl zu dieser Zeit für die Tochter des Quartiermeisters gehalten, dem Ehemann ihrer Mutter. Vielleicht hatte Rodowan es selber lange Zeit so empfunden. Doch inzwischen fühlte er anders. Er war beeindruckt, mit welcher Ernsthaftigkeit, mit welchem Fleiß und Stolz sie erst den Spott der adeligen Mitknappen oder erwachsener Adeligen ertragen und dann die ihr übertragenen Aufgaben als Rittfrau übernommen hatte. Rodowan machte es nicht nur stolz, sondern er fasste auch sehr viel Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Tochter. Während sie aßen und tranken, beobachtete der Vogt die beiden Liebenden. Wie vertraut sie schienen und wie sehr sie sich offenbar einig waren, in dem was wichtig war. Ja, die Wahl seiner Tochter war wohl die richtige gewesen. Hier könnte etwas heranwachsen, was dazu beitragen könnte, das Haus Ahawar wieder zu mehr Größe zu führen. Konnte er dem jungen Drausteiner schon so weit vertrauen, dass er seinen Plan offenbaren konnte? Er wägte im Gedanken einige Momente seine Optionen ab.

Ja, vielleicht war Ruan sogar ein Puzzleteil, welches seinen Plan entscheidend beeinflussen könnte. Während Rodowan diesen Gedanken nachging, hatte die drei ihren Hunger gestillt, und Rodowan bemerkte, wie die junge Ahawar wieder nach der Hand des Stepahan griff und ihm kurz in die Augen sah. Sie konnte die derzeitige Situation nicht ganz fassen, da war Ruans Hand für sie wie ein Anker im Hier und Jetzt. Dem Drausteiner schien es ähnlich zu ergehen. Hatte er sich während des Essens doch deutlich zurückgenommen und immer wieder nachdenklich die Stirn in Falten gelegt, schien er seine Gedanken nun langsam wieder ganz auf das Gespräch zu konzentrieren. Was auch wichtig war, denn Rodowan erhob wieder das Wort, und seine Stimme und Haltung zeigten, dass er nun wieder etwas Ernsthaftes ansprechen wollte.

“Nun, ich habe euch am Anfang unseres Gespräch von meiner Bitte und wichtigsten Wunsch berichtet, nämlich, dass mein Erbe mit der Wacht am Farindel in der Familie weitergegeben wird. Das ist tatsächlich mein sehnlichster Wunsch. Doch hege ich natürlich auch andere Gedanken und…”, er machte eine bedeutungsvolle Pause, “....Ziele. Das Haus Ahawar, zu dem dann auch Ihr irgendwie gehört, Ruan, wieder zu mehr Größe zu führen.”

Rodowan bemerkte, wie der Mundwinkel des jungen Ritters kurz zuckte. Ruans Blick verriet, dass der Vogt seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. Gellis betrachtete die beiden Männer mit einer Mischung aus Faszination und Belustigung. “Wie ihr vielleicht wisst, war die Baronie Fairnhain einst das Lehen unserer Familie. Und in dem Intrigenspiel,...” ,man konnte erkennen, wie verächtlich der Vogt dieses Wort aussprach, “...im letzten und vorletzten Jahr, das manch einer ´Tanz um den Efeuthron´ nennt, war es das Ziel der Ahawar, dieses Lehen zurück zu gewinnen. Durch die Rückkehr dieser Göre Belthara, wurde dies aber unterbunden. Doch müssen wir das Erbrecht respektieren. Gleichwohl die Belehnung ihrer Eltern durch den so genannten Schwertkönig,...” wieder dieser verächtliche Tonfall, “...natürlich ein Skandal und Affront war.” Der Ahawar nahm einen Zug aus dem Weinkelch und wischte über seinen Bart.

“Nun, ich habe dieses Ziel aber nicht aus den Augen verloren. Meine Mutter Feliana sagte einmal zu mir: `Wenn Du Deinen Feind nicht besiegen kannst, dann umarme ihn.´ Auch wenn ich dieses Vorgehen nur selten beherzigt habe, scheint es hier angebracht. Belthara ist jung und unverheiratet. Außerdem gehört sie nicht zum Hauptzweig der Bennain und steht damit nicht so im Vordergrund. Warum sollte sie nicht einen Ahawar heiraten?”

“Dachtet Ihr da an Euren Sohn, Leomar?”, fragte Ruan unvermittelt. Der Ritter wirkte nachdenklich. “Nein, ich dachte dabei an meinen Großneffen Boronir Ferrin. Er hätte das Alter, das zu Belthara passt. Deinen Bruder möchte ich nicht vorschlagen.” Rodowan schaute Gellis an, “Er hat das gleiche… Problem wie Du. Außerdem binden ihn seine Eide an die Distelritter.” Der Stepahan presste kurz die Lippen aufeinander und warf Gellis einen Seitenblick zu. Diese schien sich an den Worten ihres Vaters aber nicht zu stören, und sogleich schienen sich seine Gedanken wieder Rodowans Anliegen zuzuwenden.

“Ich denke, zunächst gilt es zu ergründen, ob es noch weitere Häuser gibt, die ähnliche Interessen und eine ähnliche Strategie verfolgen könnten”, tastete sich Ruan vorsichtig heran, während er sich zugleich an einige Gerüchte zu erinnern versuchte, die er im Verlauf des Bredenhager Buhurt aufgeschnappt hatte.

`Ja, jeder landlose Speichellecker´, dachte Rodowan, sprach den Gedanken aber nicht aus, da er sich ertappte, dass er auch von sich selber sprach. So hörte er weiter Ruan zu.

“Ferner ist es wichtig zu erfahren, ob Ihre Hochgeboren ebenfalls bereits nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau hält oder ob uns noch etwas Zeit gegeben ist...” Er schmunzelte und drückte die Hand seiner Verlobten. “Immerhin fällt nicht jeder seine Entscheidung so schnell wie wir. Manch einer möchte erst mühsam von den Qualitäten eines möglichen Gemahls oder einer möglichen Gemahlin überzeugt werden.”

“Sicher werden alle Parteien des besagten `Tanzes` noch Interesse haben und natürlich jeder Verbündete der Fürstenfamilie, all diese uis und pfuis. Noch mehr Thorwaler brauchen wir hier aber sicher nicht. Was die junge Bennain betrifft, so hat sie wohl sehr romantische Vorstellungen und wünscht sich einen wild das Schwert schwingenden Helden, aber ich denke sie wird sich der Bitte des Fürstenhofes nicht verschließen. Und da würdet ihr ins Spiel kommen.” Rodowan ließ durchblicken, dass er sich schon einige Gedanken zu diesem Thema gemacht hatte. Dies schien den Stepahan in der Tat zu überraschen. Anerkennend hob er eine Augenbraue. “Verstehe”, meinte er nur und schien das Gesagte zu überdenken. “Ist er denn ein Schwertschwinger, Euer Neffe?”, fragte er dann lächelnd, während er einen Schluck Wein nahm. “Kinder bekommen nicht immer das, was sie wollen.”, sagte Rodowan lächelnd, was Ruan mit einem liebevollen Blick auf Gellis quittierte, die nur bedeutungsschwer die Augenbraue hob. "Ich bin ihr nur einmal begegnet, als sie den Nachfolgekampf nach mir in den schweren Handwaffen hatte. Allzu erfolgreich war sie nicht. Und Boronir? Ist er an der Verbindung interessiert oder muss er ebenfalls überzeugt werden?" “Und welchen Stellenwert hat seine Linie im Haus Ahawar insgesamt?”, fügte Ruan eine weitere Frage an.

“Das Haus Ahawar, mag es alt und stolz sein, ist zu klein als das man von verschiedenen Stellenwerten innerhalb der Familie sprechen könnte. Boronir wird sicher eine Ehre und eine Pflicht sein, dies zu tun was ich ihm vorschlage. Nicht jeder der den Travia-Bund eingeht, hat solches Glück wie ihr zwei. Liebesheiraten können die einfachen Leute. Der Adel erfüllt seine Pflicht!” Rodowan fixierte die beiden jungen Leute und machte im Grunde deutlich, dass er in diesem Aspekt keinen Widerspruch duldete, und zumindest Ruan schien dies auch nicht weiter kommentieren zu wollen. Zustimmend nickte er dem Vogt zu, während dieser fortfuhr. “Boronir ist ein aufgeweckter schlauer Kopf. Er wird wissen, was zu tun ist, wenn er die Möglichkeit bekommt, eine Baronin zu heiraten.”

Wieder nickte Ruan und brachte dann einen weiteren Gedanken ins Spiel: “Da Gellis den Buhurt erwähnte, erlaubt, dass ich noch einmal auf die Baronin zurückkomme”, der Ritter hielt kurz inne und blickte den Vogt abwartend an, der als Zustimmung nur nickte. “Ich erinnere mich daran, auf dem Bredenhager Buhurt einige Gerüchte aufgeschnappt zu haben. Um es mal so auszudrücken… sie scheint in der Tat einer Verbindung nicht abgeneigt, welcher Art allerdings – das sei einmal dahingestellt.” Er schmunzelte. “Sie soll Interesse an verschiedenen Herren gezeigt haben. Selbst dem Grafen von Abagund hat sie Gerüchten zufolge schöne Augen gemacht.” Ruan zuckte mit den Schultern, während Rodowan ein verächtliches Gesicht zog. “Für Euer Unterfangen deutlich gefährlicher dürfte allerdings ein Otterntaler Junker sein, und auch Brandred Albarung, der als Heckenritter über kein eigenes Lehen verfügt…”, ‘und an dem ganz offensichtlich auch meine Schwester ein gewisses Interesse hegt’, fügte er in Gedanken hinzu.

“Ja, wie ich schon sagte, eine junge hübsche Frau mit einer Baronie als Lehen ist eine mehr als interessante Partie. Zusätzlich trägt sie den Namen der Fürstenfamilie. Fast jedes Haus würde hier gerne eine Verbindung mit der eigenen Sippe sehen.” Ruan lächelte beinahe entschuldigend. Dann wurde er wieder nachdenklich: “Eine Frage stellt sich mir noch... Wie offen dürfen wir mit Euren Plänen umgehen? Wir werden Kontakte und Bündnisse benötigen, um diesem Ziel näher zu kommen. Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr derlei Dinge lieber direkt mit meinem Bruder besprechen oder ihm sie zumindest in einem Brief mitteilen möchtet?”

“Ich habe vor, euch einen Brief mitzugeben, richtig. Doch bat Euer Bruder auch um ein Treffen, sodass ich vorhabe, nach Havena zu reisen. Ich denke es bietet sich dann an, über Bredenhag zu reiten. Mir ist eure Verbindung wichtig, somit nehme ich mir die Zeit, um persönlich vorzusprechen.” Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Zumindest wurde das Lächeln des Stepahan deutlich breiter, und die Blicke, die er dann mit Gellis austauschte, zeugten davon, dass ihm sein Glück mehr als bewusst war. “Was die Frage der Offenheit betrifft…”, fuhr der Vogt fort, “nun, ich bin nicht für Intrigen oder Heimlichkeiten. Das Haus Ahawar nannte sich einst Herr von Fairnhain, und wäre Belthana nicht zurückgekehrt, so wäre das Lehen wieder in unserer Hand. Ich will nicht sagen, dass wir ein Anrecht haben… das sicher nicht, aber ich denke, dass unser Anspruch angemessen war. Somit ist es auch angemessen, um die Hand der Baronin anzuhalten. Dem Haus Bennain könnte hierbei vielleicht sogar entgegenkommen, dass die Ahawar kein großes Haus sind. Denn sollte man einem größeren Haus die Hand Belthanas versprechen, könnte man damit einem anderen vor den Kopf stoßen. Das könnten Argumente sein, denke ich. Sprecht es offen aus, wenn ihr denkt es ist angemessen, dies zu tun. Wenn ihr das Gefühl habt, es ist nicht angemessen, dann schweigt. Ich halte euch für schlau genug, das richtige Vorgehen zu wählen.” Er machte eine Pause und nahm einen Schluck Wein. Dann sagte er etwas leiser, vielleicht vor allem zu sich selber? “Wir haben nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen.” “Wo ist denn Boronir zur Zeit? Ich war nun doch zu lange weg, um seinen Weg zu verfolgen”, fragte Gellis. “Derzeit befindet er sich auf Aharwarslucht und er ist über meine Pläne informiert.” sagte Rodowan, der aber offenbar gerade nicht über seinen Großneffen sprechen wollte. “Eigentlich waren Neffe Fenwell oder seine Tochter Branlin vorgesehen für das Lehen, bevor Belthara zurück kehrte. Doch Fenwell ist zu alt und Branlin… naja ist eine Frau.” Der Vogt lächelte. “Ich sehe das Problem”, grinste der Drausteiner, als Gellis das Wort ergriff: “Aber im Grunde”, sie sah Ruan an und lächelte, “ist das eine interessante Herausforderung, der wir uns beide gern annehmen. Meinst du nicht, Ruan?” “Interessant und spannend”, nickte dieser, und fügte dann leiser und mit einem schelmischen Grinsen zu Gellis hinzu: “Ich habe versäumt, sie zu zählen, aber in jedem Fall eine weitere Prüfung.” “Prüfungen schaden einem nicht im Leben...und sie hören nie auf. Verzeiht die altklugen Worte eines alten Mannes.” “Erfahren”, korrigierte Ruan und zwinkerte dem Vogt kurz zu, “nicht alt, erfahren.” Sogleich nahm er jedoch wieder eine förmliche Haltung an. “Wie Gellis schon richtig sagt”, Ruan nickte zunächst seiner Verlobten, dann ihrem Vater zu, “wir nehmen die Herausforderung gern an.” “Auf die Herausforderungen des Lebens!” sagte Rodowan feierlich und wenig später schlugen die Kelche noch einmal unter lauter Zustimmung zusammen. Die drei waren sich einig….

Nach dem Abendessen

Feste Iauncyll, Ortis
Spät am 13. Travia 1042 BF

Gellis hatte ihren Arm wieder auf Ruans gelegt, und so verließen das Eichenkabinett. “So hast du das Eichenkabinett kennengelernt”, sagte Gellis, als sie durch die Burg liefen. “Den Ort, an dem die Distelritter sich versammeln und die Distel ihre Audienzen abhält.” Sie schüttelte den Kopf, ganz in Gedanken. “Lass uns zu dir gehen, ja?”

Ruan schien beeindruckt. “Daher dein Blick”, er grinste, “manchmal schützt Unwissenheit wohl doch, zumindest vor Aufregung.” Der Drausteiner hatte sichtlich Mühe, seine Haltung zu bewahren. Seine Augen wirkten müde, doch das erste Mal seit ihrer gemeinsamen Reise schien er nicht zu grübeln. Im Gegenteil, Ruan war geradezu euphorisch. Kurz hielt er inne und blickte Gellis ernst an. “Hohe Dame, Ihr seid mir aufs Herzlichste willkommen im roten Salon…, selbstverständlich nur, sofern Ihr zuvor Euren Herrn Papa um Erlaubnis gefragt habt.”

“Hoher Herr, glaubt Ihr, der Quartiermeister hätte Euch ein Zimmer mit einer solchen Farbe”, ihre Stimme wurde zu einem Flüstern, “und solch einem Bett”, dann hob sie wieder die Stimme, “zugedacht, wenn er Euch eigentlich auf einer einsamen Pritsche und mich in meiner Kammer gewollte hätte?”

“Nun”, senkte nun auch Ruan seine Stimme, “vielleicht ist er einfach böswillig und wollte mir vor Augen führen, welch Gelegenheit mir…, uns entgeht. Aber Ihr habt Glück, meine Dame, ich denke, zu solch später Stunde wird der Herr Praios nicht mehr gar so wachsam sein, und der Herr der Nacht wird schützend sein Tuch über uns breiten.”

Eine Weile gingen sie still nebeneinander durch die Hauptburg der Iauncyll. Ruan spürte, dass Gellis Haltung und ihrer Hand auf seinem Arm sich zeitweilig immer wieder erschöpft entspannte, sobald aber jemand in Sicht kam, straffte sie sich wieder und grüßte angemessen. Als sie durch ein Tor in den Hof traten, der Ruan bekannt war, stellte er fest, dass der Weg hin zum Eichenkabinett geradezu ein Labyrinth war. Es schnell wiederfinden oder problemlos daraus entfliehen, war keine Option für jemanden, der sich hier nicht auskannte.

Im Hof waren die Bediensteten mit den letzten Handschlägen des späten Abends beschäftigt. Die Tore des Pferdestalles wurden geschlossen, das letzte Mal der Hof gefegt, und die Läden der Räume im Erdgeschoss wurden versperrt. Von der Tür, die wohl zu Gellis’ Kammer führen würde, kam jemand auf sie zu, Ruan erkannte sie an ihrem humpelnden Gang, Gellis schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Hier im Hof entspannte sie sichtlich und achtete kaum mehr auf ihr Umfeld, während ihr Daumen zärtlich über Ruans Unterarm strich.

Kurz musste Ruan schmunzeln, hatte er doch tatsächlich schon darüber nachgedacht, dass sie Aegwyn bitten sollten, Gellis am Morgen einen Tee zu bereiten, wenn auch einen anderen als zuletzt in Draustein. Liebevoll berührte er ihre Hand mit seiner Linken und deutete auf die herannahende Magd, während er Gellis’ Schwester bereits freundlich zulächelte.

Gellis erschrak ein wenig, als sie realisierte, dass Ruan sie auf etwas hinwies, aber entspannte sogleich, als sie Aegwyn sah. Sie löste sich nach einem zärtlichen Blick in seine Augen kurz von Ruan, um ihre Halbschwester zu umarmen. Auch im Dämmerlicht sah Ruan, das Gellis’ Schultern sich bewegten, als würde sie weinen, während Aegwyn ihr über den Rücken strich. Doch es war kein langer Moment, da lösten sie sich voneinander. “Das sind aber keine Tränen der Trauer, oder?”, fragte die junge Frau Ruan, während Gellis ihre Selbstbeherrschung wiedererlangte.

“Jeder Neubeginn bedeutet gleichzeitig auch Abschied”, kleidete Ruan treffsicher das in Worte, was ihm sogleich durch den Kopf gegangen war, als er die vertrauliche Umarmung der beiden Frauen beobachtet hatte. Für einen Moment wurde ihm bewusst, wie wenig er bislang darüber nachgedacht hatte, was es für Gellis bedeuten musste, ihre Familie hier zurückzulassen, welches Opfer sie wirklich brachte. Keine Boronkapelle hätte dies vermocht, doch dieser eine Moment mit Aegwyn hatte genügt. Es war erstaunlich, wie sehr Gellis’ Maske offenbar auch ihn die ganze Zeit über getäuscht hatte.

Ohne weiter nachzudenken zog er die Ritterin an sich und legte tröstend die Arme um sie. Kurz hatte Ruan das Gefühl, Gellis würde ihn abweisen wollen, noch zu sehr steckte sie in höfischem Gebaren. Doch dann ließ sie sich in die Umarmung sinken. “All die Anspannung in der letzten Zeit”, flüsterte sie. “Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so viel Kraft raubt. Und ich hätte nie gedacht, dass er so reagiert, ich hatte mich gegen alles gewappnet, war zu allem bereit und dann..” Sie vollendete den Satz nicht, schien aber auch die Tränen wieder unter Kontrolle zu haben. Ruans Umarmung gab ihr die Kraft zurück, die sie gerade so sehr brauchte.

“Es ist mir ohnehin ein Rätsel, wie du immer zu so stark sein kannst”, flüsterte dieser zärtlich und streichelte sanft Gellis’ Rücken. Und zu Aegwyn gewandt fuhr er lächelnd fort: “Ich glaube, diese Begegnung hat uns beide eher unvorbereitet getroffen.”

Während Gellis sich an Ruan schmiegte und gleichzeitig wieder Körperspannung aufzubauen schien, antwortete Aegwyn. “Wenn Ihr jetzt nicht lächeln würdet, würde ich mir Sorgen machen. Habt Ihr seinen Segen?”

“Mehr als das”, grinste der Stepahan, “ich hatte mitunter das Gefühl, wir haben einen Komplizen. Was meinst du?” Fragend blickte er Gellis an. Diese löste sich ein kleines Stück, blickte zu Aegwyn und schüttelte wieder ungläubig den Kopf. “Ich habe ihn so nie kennengelernt, wie er sich heute gegeben hat. Du hast ihn ganz schön um den Finger gewickelt!”, grinste sie ihren Verlobten dann an.

“War es so offensichtlich?”, entgegnete Ruan und schaute betroffen von Gellis zu Aegwyn. “Das kränkt meine Ehre”, fügte er dann lachend hinzu. “Da musst du mir wohl noch ein wenig Nachhilfe geben, damit ich das nächste Mal das rechte Maß finde. Wobei”, für einen Moment wurde sein Blick ernst, “sich das vermutlich meinem Vetter gegenüber schon von ganz allein einstellen wird.”

“Das Maß war genau richtig, du hast schon ein Gespür dafür, keine Sorge”, sagte Gellis wieder entspannter. “Aegwyn”, meinte sie dann lächelnd zu ihrer Halbschwester, “ich könnte deine Unterstützung brauchen, wenn ich mit Ruan nach Havena gehe. Denk in Ruhe darüber nach”, schob sie schnell nach, als die Angesprochene etwas sagen wollte. “Wir reden morgen darüber. Sei mir nicht böse, aber der Tag war lang und anstrengend”, begann sie eine Verabschiedung und Aegwyn sagte erst einmal nichts.

Nun zeigte sich Überraschung auf Ruans Gesicht. “Aber…”, begann er und blickte dann zu Aegwyn, “stehst du denn nicht in Diensten des Vogtes oder gar der Distel?”

“Wir müssen sicher fragen, Hoher Herr. Aber ich bin eine Freie und ich bleibe doch in Diensten der Familie Ahawar”, lächelte sie dann verschmitzt.

“So gesehen”, grinste der Stepahan und wandte sich zu Gellis: “Hohe Dame, Ihr habt Euch ein wenig Ruhe und Erbauung mehr als verdient. Lasst mich Euch zu Eurer Kammer geleiten.” Er reichte seiner Verlobten den Arm, wandte sich dann aber noch einmal zu Aegwyn um. “Ich denke, sie wird sicher lange schlafen nach all den Anstrengungen der letzten Tage.” Kurz zwinkerte er ihr verschwörerisch zu. “Ich hingegen pflege am Morgen gemeinhin sehr großen Appetit...”, er musste selbst schmunzeln, als er an die unberührten Teller am Morgen nach dem Abschlussbankett dachte, und fuhr daher rasch fort: “ auf Äpfel zu haben. Es wäre ganz großartig, ein oder zwei davon vor dem Roten Salon zu finden. Und vielleicht kannst du ein wenig Teewasser bereithalten?”

"Sehr gern, Hoher Herr", sie knickste und verstand offenbar. Und auch Gellis erhob noch einmal die Stimme "Gibst du Mutter Bescheid? Ich komme morgen sicher noch einmal zu ihr, wenn ich ausgeschlafen habe." Sie hatte ihr Lächeln wiedergefunden und grinste ihre Halbschwester an, die lediglich nickte. Dann legte Gellis ihre Hand wieder auf Ruans Arm. "Nun, Hoher Herr, so lasst uns gehen", sagte sie und beide gingen über den Hof davon. In Richtung Roter Salon selbstverständlich.

Dort angekommen, ließ sich Gellis mit einem Seufzer auf das große Himmelbett fallen, als wollten ihre Beine sie nicht mehr tragen. Oder als wäre dies der Ort, an den sie sich schon seit einigen Stunden gewünscht hatte. Wahrscheinlich aber war beides der Fall. Sie legte die Hand auf ihre Gürteltasche. “Das war unglaublich, Ruan”, sagte sie voller Glück in der Stimme.

Wir waren unglaublich”, lächelte der Ritter und machte sich daran, das Wams aufzuknöpfen. Sorgfältig legte er es beiseite, ehe er sich ganz Gellis zuwandte. Seine Züge waren entspannt, deutlich entspannter als noch vor dem Abendmahl. Es schien, als sei mit dem Kleidungsstück auch ein Stück seiner Maske gefallen. “Du siehst, ein wenig Grübeln schadet nicht. Wie gut, dass wir das Gasthaus dem Adelsbankett vorgezogen haben”, spielte er auf ihre Anreise an. Dann ließ er sich neben Gellis auf der Bettkante nieder und entledigte sich deutlich weniger sorgfältig seiner Stiefel. Mit einem lauten Rumms landeten sie auf dem Boden. Ruan seufzte und ließ sich ebenfalls nach hinten aufs Bett fallen. Sogleich wandte er den Kopf und blickte Gellis eindringlich an

“Meinst du, dein Vater vertraut mir?”, fragte er mit ernstem Unterton.

“Ganz ehrlich? Ich habe ihn noch nie so erlebt, wie heute. So vertraulich und nahbar”, sie schüttelte ungläubig den Kopf. Dann drehte sie sich auf die Seite und erwiderte seinen Blick. “Und ja, ich glaube, er vertraut dir. Ich denke, er ist sehr begeistert von seinem künftigen Schwiegersohn.”

“Prüfung bestanden”, lächelte Ruan und griff zärtlich Gellis’ Hand. “Und ich hoffe, du vertraust mir auch noch”, meinte er dann, und auch wenn es scherzhaft klang, spürte die Ritterin, dass die Frage ernst gemeint war.

Gellis richtete sich auf den Ellenbogen auf und strich Ruan mit dem Finger zärtlich über das Schlüsselbein. “Ja, ich vertraue dir. Weil ich darauf vertraue, dass du mir die Wahrheit sagst, weil du dir der Konsequenzen bewusst bist, die ein Vertrauensbruch für uns bedeutet.” Auch, wenn ihre Augen ihn zärtlich ansahen und sie leicht lächelte, schwang in ihrer Stimme eine Drohung.

“Mehr als bewusst”, entgegnete Ruan mit ernstem Blick. “Immerhin habe ich mein Herz nicht an eine schwache, naive Hofdame verloren, sondern an eine kluge und starke Ritterin.” Er lächelte. “Ich war ehrlich zu dir, und ich werde es auch weiterhin sein. Und ich vertraue darauf, dass du es ebenso hältst.” Kurz machte er Anstalten, sich ebenfalls aufzusetzen, dann ließ er sich wieder in die Kissen sinken und versuchte stattdessen, Gellis zu sich zu ziehen.

Diese ließ sich zu ihm hinab und küsste ihn leidenschaftlich. Etwas außer Atem begann sie, zu sprechen. "Wir reisen nach Havena, Ruan. Ich kann es kaum glauben. Nicht, weil wir unserem ersten Impuls gefolgt sind, sondern, weil wir auch vor unseren Familien zueinander stehen. Hättest du das an jenem Rondramorgen für möglich gehalten? Dass wir zwei Monde später schon mit dem Wohlwollen deines Bruders und der Fürsprache meines Vaters verlobt auf der Iauncyll im besten Gästezimmer beieinander liegen?"

“Würdest du sagen, dass ich versuche, dich um den Finger zu wickeln, wenn ich antworte, dass ich mir von Anfang an sicher war, dass wir gemeinsam alles schaffen können?” Liebevoll strich der Drausteiner seiner Verlobten über die Wange. “In jedem Fall verdanken wir unser Glück deiner Beharrlichkeit. Wäre es nach mir gegangen, würden unsere Kinder jetzt alle Ahawar heißen, wenn wir nicht sogar schon am Morgen nach dem Treffen der Besten auf unseren Pferden davongeritten wären”, neckte er sie.

"Du hast immer uns gesehen und das gab mir Kraft", sagte sie ehrlich und ergänzte dann in einem Ruans ähnlichem Tonfall. "Und warum kampflos schon aufgeben? Wozu sind wir denn Ritter?" Und in dieser Aussage steckte viel Wahrheit für Gellis. Sie musste unweigerlich an ihren Vater denken, der ihre Herkunft als Tochter einer Freien anscheinend wahrlich als Makel ansah und sie verstand jetzt, woraus sie ihren Ehrgeiz entwickelt hatte.

“Um Mut zu zeigen? Selbstbeherrschung? Hoffnung und Minniglichkeit? Das hat mir auf jeden Fall mal eine sehr vorbildliche Ritterin so erklärt.” Eine Zeitlang betrachtete er Gellis mit einer Mischung aus Zuneigung und Besorgnis. “Hast du eine Vorstellung davon, wie sich dein Leben verändern wird durch Havena? Nicht, dass ich dir das nicht zutrauen würde”, beeilte er sich klarzustellen, “aber dein Vater hat seine Abneigung gegenüber der hohen Politik mehr als einmal zum Ausdruck gebracht. Gibt es etwas, das auch dir Sorgen macht? Etwas, das du vermissen könntest? Eine Frage, die ich dir vielleicht beantworten soll?” Sein Blick wurde weicher. “Du hast mir den Weg bis hierher geebnet, Gellis, und ich denke, es ist jetzt an mir, dir eine Hand zu reichen – auch, oder gerade, was meine Familie betrifft.”

"Heute mache ich mir keine Sorgen mehr", sagte sie mit fester Stimme, in der ein wenig Müdigkeit, aber auch ein Lächeln mitschwang. "Es wird ein ganz anderes Leben, weniger handfest, repräsentativer, bestimmt anstrengend für mich. Aber ich denke, ich werde einen guten Lehrmeister haben", sie küsste Ruan auf die Nasenspitze. "Und ich freue mich darauf", setzte sie grinsend nach. “Wer ist der Kerl?”, fragte der Stepahan gespielt entrüstet. “Du wirst schön in meinen Haushalt ziehen…” Ruan stockte. “Wie…, wie hat dein Vater sich das denn eigentlich vorgestellt? Ziehst du jetzt zu seiner Wohlgeboren Burunian?” Es war offensichtlich, dass der Ritter versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen.

"Ich denke, das sollte ich mit ihm besprechen und nicht mit Vater", sagte sie resolut. Dann fragte sie neugierig. "Wie lebst du denn in Havena? Du sagtest im Rondra, du müsstest immer dienstbereit sein, so habe ich es verstanden. Wohnst du am Hofe? Könnte ich da überhaupt bei dir leben? Und ist es wirklich ein Ort, wo unsere Kinder mit gewissen Freiheiten aufwachsen können?" Gellis suchte weiter Ruans Nähe und legte den Kopf an seine Schulter, während ihre Hand gedankenverloren über die Haut unter seinem Hemd strich. Ruan genoss ihre Berührungen sichtlich, und so dauerte es, bis er antwortete. “Ich habe bislang, ebenso wie die Ritter der Krone, an der Seite von Fürst und Fürstgemahlin auf Schloss Feenquell gelebt”, zärtlich ließ er seine Hand über Gellis’ Seite wandern, “aber ganz offensichtlich habe ich meine Bedeutung ein wenig überschätzt.” Er versuchte sich an einem Grinsen, doch es gelang ihm nur leidlich, und auch die Worte kamen weniger selbstbewusst heraus als Ruan es beabsichtigt hatte. “Mir wurde zugesagt, dass ich durchaus auch einen Wohnsitz in Havena selbst wählen dürfte. Mit dir gemeinsam.” Nun zeigte sein Gesicht ein aufrichtiges Lächeln. “Ich habe bereits erste Kontakte geknüpft, aber solange, bis wir etwas gefunden haben, stände uns mit Sicherheit auch das Stadthaus meiner Familie zur Verfügung. Wäre…”, er sah sie offen an, “wäre das etwas, was du dir vorstellen könntest?” "Ich kann das nicht entscheiden, ohne, dass ich mit Burunian gesprochen habe. Der Hof der Fenwasian ist ebenfalls nicht klein, vielleicht gibt es da auch Platz für uns, wer weiß. Ich kann mir momentan sehr viel vorstellen, Ruan. Und heute werden wir dazu keine Entscheidung treffen können." Sie dachte kurz nach und sah ihm dann lächelnd tief in die Augen. "Eine Frage habe ich allerdings noch…" Ruan, der gerade dabei gewesen war, die Säume ihres Kleides mit den Fingern nachzuzeichnen und dabei immer weiter nach unten gewandert war, blickte Gellis überrascht an. “Das klingt ernst”, meinte er dann und sah sie forschend an, “muss ich mir Sorgen machen?” Gellis lachte kurz auf. "Nein." Sie schüttelte lächelnd den Kopf, die Unterlippe zwischen den Zähnen. "Hilfst du mir aus meinem Kleid?"

Erleichtert lachte Ruan auf. “Ich dachte, ich habe auf dem Draustein bereits zur Genüge meine Unfähigkeit in diesen Dingen unter Beweis gestellt. Wie gut, dass ich beharrlich bin”, sagte er und machte sich daran, mit den Fingern die Schnürung des Kleides zu erkunden. Erinnerungen an ihre erste Begegnung wurden wach, und der Ritter spürte, wie die gerade aufkommenden Gedanken im Keim erstickt wurden. Eilig zupfte er an den Bändern, und tatsächlich schien es ihm diesmal besser zu gelingen. Behutsam schob er den Stoff über Gellis’ Kopf und warf das Kleid zielsicher über den Rüstungsständer. Betreten blickte er die Ritterin an. “Ich bin mir sicher, Distelknappen und -pagen kennen Mittel gegen Kettenschmiere”, zwinkerte er, ehe er sich seinerseits seines Hemdes entledigte.

Gellis unterdrückte die Aussprache des Gedankens, der ihr bei Ruans erstem Satz in den Kopf kam. `Andere Männer hätten noch nicht einmal versucht, das Kleid auszuziehen, sondern es einfach hochgeschoben. Oh, wie genoss sie Ruans Aufmerksamkeit ihr gegenüber, die sie noch nie bei einem Mann erlebt hatte. Wie sehr konnte sie sich in seiner Rücksichtnahme aufgeben und das nicht nur im Bett. Bei ihm, bei niemand anderem von Stand hatte sie das bisher können wollen und gekonnt.

Als Ruan sich wieder zu ihr legte und ihre Haut sich berührte, verstummten auch diese Gedanken, aber die Essenz blieb. "Ich liebe dich, Ruan." Überrascht blickte dieser auf. “Womit habe ich das nur verdient?”, fragte er mit dem Anflug eines Grinsens und strich zärtlich mit dem Fingerspitzen über Gellis’ Schultern, ihre Arme hinab. "Mit jedem deiner Feenküsschen", sagte sie zärtlich und schien eben diese einzeln mit den Fingerspitzen zu berühren, bevor sie zärtlich ihre Hand an seine Wange legte und ihn lange und gefühlvoll küsste. Ruans Hand legte sich sanft in ihren Nacken, und als Gellis ihre Lippen von seinen löste, zog er sie sogleich wieder zu sich heran, um sie erneut zu küssen. Genussvoll schloss er die Augen, während seine freie Hand ihren Rücken hinunter wanderte und unter dem Stoff ihrer Bruche verschwand, wo sie zärtlich ihr Gesäß umfasste.

„Sag mal“, meinte der Drausteiner unvermittelt, als sich ihre Lippen erneut voneinander gelöst hatten, „ist dir bewusst, dass da jemand ist, den…, die wir in unserer Planung bislang schmerzlich vernachlässigt haben? Und ich meine nicht Farindel“, fügte er lächelnd an, während die Hand aus Gellis‘ Nacken langsam hinab zu ihren Schulterblättern glitt und diese beinahe andächtig streichelte.

Gellis zog die Stirn kraus und dachte nach. Nach einer Weile sagte sie "Nein, hilf mir auf die Sprünge."

“Nur zu gern”, flüsterte er, während seine Lippen begannen, zärtlich ihren Hals zu liebkosen. “Ein Bund vor Travia, um unsere Kinder zu legitimieren”, seine Finger fanden ihr Brusttuch und machten sich langsam daran, es zu lösen, “ein Bund vor Rondra, um unseren Ritterstand zu untermauern”, der Stoff fiel, und begleitet von zarten Küssen wanderte Ruans Kopf langsam, aber stetig tiefer, “aber was ist mit der, der wir das hier wirklich verdanken?”, hauchte er, als seine Lippen schließlich ihr Ziel fanden.

Gellis genoss, ihre Brüste waren empfindlicher geworden in der letzten Zeit und die Zärtlichkeit Ruans erregte sie mehr als je zuvor. Sie musste ihn mit leichtem Druck auffordern, aufzuhören, um etwas sagen zu können. Sie lächelte glückselig. "Entschuldige, ich war da wohl gedanklich etwas weiter. Travia sieht einen Bund gemeinsam mit Rahja nicht gern. Und wenn wir möglichst bald den Traviabund schließen wollen, dann bleibt uns nur Orbatal. Oder?" Ihre Hände fanden nun wieder die Kraft ihrerseits, seinen Körper zu erkunden und ihre Hände glitten über Brust und Bauchnabel weiter hinab. Ein genussvolles “hmm” blieb zunächst Ruans einzige Erwiderung. Gellis konnte spüren, wie er sich unter ihrer Berührung spannte, nur um sich im nächsten Moment mit einem wohligen Seufzen wieder fallen zu lassen. Ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen, als er sie schließlich sanft zu sich heran zog. “Dann ist es also Orbatal”, flüsterte er. Seine Finger fuhren die Glieder ihrer Halskette entlang. “So schließt sich der Kreis”, Ruan grinste und besiegelte seine Worte mit einem innigen Kuss. “Was tun wir, bis du deine Angelegenheiten geregelt hast?”, zitierte er Rodowan. "Ich bin vor zwei Monden nach zwei Götterläufen zurückgekehrt. Es gibt nicht allzu viele Angelegenheiten. Ich möchte klären, ob Aegwyn mit Vater zusammen dann in einem Mond mit nach Havena kommen kann. Wir können Ihre Unterstützung gut brauchen, vor allem, wenn das Kind da ist. Und eine loyalere Bedienstete an unserer Seite können wir uns gar nicht wünschen. Dann hätte sie auch noch Zeit, meine restlichen Sachen zu packen, und ich würde nur ein Packpferd für die erste Zeit mitnehmen." Sie hielt kurz inne und beobachtete Ruans Reaktion auf Ihre Berührungen. Das erste Mal seit ihrem Kennenlernen schien dieser sich vollkommen ihr zugewandt zu haben. Auch sonst hatte der Drausteiner Gellis sicher nie das Gefühl gegeben, mit den Gedanken nicht bei der Sache zu sein, doch wohnte ihm ein gewisser Funke inne – eine Wachsamkeit, die verhinderte, dass er sich je einmal ganz und gar fallen ließ. Nun aber, während ihre Hände seinen Körper erkundeten, schien diese zu schweigen. Ruan genoss mit allen Sinnen, während er gleichzeitig mit entspannter Miene ihren Worten lauschte. "Aber morgen ruhen wir uns aus. Und wenn wir es aus dem Bett schaffen, könnten wir einen kleinen Ausritt machen und ich kann dir die Anornin Brennerei zeigen, wenn du magst. Übermorgen oder am Tag drauf können wir los." Der Ritter seufzte. “Ein Ausritt und Anornin… wenn das nicht rahjagefällig ist, “grinste er, während er sie eng an sich zog. “Und vielleicht können wir deinem Vater vorschlagen, dass wir die drei Eicheln von den Geweihten des Perainetempels segnen lassen”, überlegte er, und Gellis musste feststellen, dass der kurze Moment des Friedens offenbar bereits wieder vorüber war. "Lass das doch seine Sorge sein", sagte Gellis. Sie wusste, wie ihr Vater reagieren konnte. "Das klingt ja fast so, als wäre es etwas, dass du hättest tun können, es dir aber bis dato nicht eingefallen wäre." “Das ist nur deinem guten Einfluss zuzuschreiben”, entgegnete Ruan. Er wirkte nicht vollends überzeugt. Doch nach einem kurzen Moment des Nachdenkens schien es, als wolle er die Sache tatsächlich auf sich beruhen lassen. “Na los”, forderte er mit neckischem Unterton, “bring mich auf andere Gedanken.” Gellis küsste Ruan, als wäre seine Aufforderung ein Befehl gewesen oder das endgültige Lösen einer Fessel. Und es war auch ihr, als wäre es anders zwischen ihnen. Die Unterstützung ihres Vaters zu ihrem Bund hatte ihr so viel Anspannung genommen und die momentane Gewissheit, dass Ruan sie ihr weiteres Leben an ihrer Seite begleiten würde, ließ sie genießen, wie sie noch nie genossen hatte. Sowohl durch die ihres eigenen Körpers, als auch die Erregung Ruans brannte ein nie gekanntes Feuer in ihr. Aber sie ließ sich dennoch Zeit. Auch, wenn sie bereits einige Stellen an Ruans Körper kennengelernt hatte, an denen ihre Berührungen ein größeres Echo hervorriefen, suchte sie neue, wollte ihn noch mehr reizen. Es war nicht das vorsichtige Erkunden ihres Kennenlernens, aber auch nicht die ungestüme Befriedigung ihres Wiedersehens, es war viel mehr, als sie jetzt beieinander lagen. Und so war es auch ein vollkommen neues Gefühl, mit dem der Drausteiner sich in dieser Nacht erschöpft und glücklich in Gellis‘ Arme sinken ließ. Er war angekommen. Mit einem Mal schienen die Welten der ungleichen Göttinnen gar nicht mehr so unvereinbar. „Zuhause“, flüsterte er leise.