Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 05: Der Segen der Ewig Jungen

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Unsanftes Erwachen

Gasthof Tommelwacht, Feyrenwall
Am Morgen des 12. Travia 1042 BF

Im Gegensatz zum Morgen in Albenhain, den sie lieber im Stall des Gasthofs Waldswacht verbracht hatte, da der Essensgeruch ihre Übelkeit nur gesteigert hatte, hatte Gellis am Abend im Tommelwacht beinahe unbändigen Appetit gezeigt. Ihr Zimmer war einfach, aber es störte sie nicht, sie hatten einander. An Ruan geschmiegt, war die Winhallerin mit einem Lächeln eingeschlummert und hatte, ebenso wie in der Nacht zuvor, tief und fest geschlafen.

Am Morgen des 12. Travia war es wieder Gellis, die früher wach war als Ruan. Aber sie war nicht von den zwitschernden Vögeln oder dem geschäftigen Treiben im Gasthof aufgewacht. Nein, sie schmeckte Galle und schon die kleine Drehung zu Ruan hinüber ließ sie kurz innehalten, da sie befürchtete, sich übergeben zu müssen. “Ruan”, sagte sie bittend und berührte ihn an der Schulter. “Ruan, wach auf, bitte”, presste sie zwischen den Lippen hervor.

Auf einen Schlag war der Ritter hellwach. Mit vor Schreck geweiteten Augen setzte er sich auf und griff instinktiv nach Gellis’ Hand. Ruan spürte Schwindel in sich aufsteigen. “Was ist?”, fragte er mit einem Anflug von Panik in der Stimme. “Was ist los?” Suchend blickte er sich um.

“In meiner Satteltasche ist ein Beutel mit Kräutern. Kannst du mir bitte einen Tee damit aufgießen lassen? Mir geht es nicht gut.” Selbst im dämmrigen Licht des Zimmers konnte Ruan erkennen, dass sie unglaublich blass war.

“J-ja, natürlich”, nickte er, und mit einem Satz war Ruan auf den Beinen und zog sich in aller Eile Hose und Tunika über. Während er noch versuchte, seinen linken Arm hindurch zu befördern, war er mit der Rechten bereits eifrig dabei, Gellis’ Taschen zu durchsuchen. Viele Gegenstände ließ er achtlos fallen, bis er einen kleinen Beutel zu Tage förderte. Prüfend schnüffelte er daran. “Diese hier?” Er hielt ihn Gellis dicht vors Gesicht. Diese nickte nur.

Erleichtert lächelte er und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. “Rühr dich nicht”, meinte er noch und zog die Decke etwas höher, so dass sie Gellis’ Schultern bedeckte. Dann stürmte er aus der Tür.

Einige Zeit später polterte es erneut, und Ruan schob sich reichlich unbeholfen durch den Türspalt. In der Linken hielt er triumphierend eine Tasse Tee, mit der anderen jonglierte er ein Tablett. “Die Wirtin wollte mich nicht ohne Frühstück ziehen lassen.” Er zuckte entschuldigend mit den Schultern, wobei ihm beinahe das Tablett entglitten wäre. Hilflos blickte er von einer Hand zur anderen und näherte sich dann vorsichtig Gellis. Den Blick auf ihr Frühmahl gerichtet, reichte er ihr den Tee.

Gellis setzte sich langsam, ganz langsam auf. “Danke”, hauchte sie und nahm den Becher entgegen. Sie inhalierte den Dampf, der aus dem Becher stieg, und Ruan konnte eine leichte Entspannung ihres Körpers erkennen. “Gib mir den Apfel, den Rest..., kannst du den bitte ganz weit wegstellen?”

Auch Ruan entspannte sich sichtlich, was nicht zuletzt daran lag, dass er nun eine zweite Hand frei hatte, um das schwere Holzbrett zu stützen. Rasch stellte er es auf einem Schemel nahe der Tür ab und griff nach dem Apfel, nur um sich dann sogleich wieder Gellis zuzuwenden. “Brauchst du sonst noch etwas?”, fragte er eifrig, während er den Apfel an seiner Tunika polierte, ehe er ihn ihr reichte. Er war froh darum, etwas tun zu können.

Sie schüttelte den Kopf. “Ich bin froh, dass ich Mutter schon eingeweiht hatte, dieser Tee ist Gold wert.” Sie trank einen Schluck und hielt weiter die Nase über den Becher. “Ruan, ich glaube, wir sollten einen Tag länger reisen. Wenn wir heute abend in Ortis sind, stehen wir morgen früh vor meinem Vater, das geht nicht. Wenn wir die Nacht in Sirdrim blieben, dann wären mir mittags auf der Iauncyll, das wäre besser, wenn das hier so weitergeht. Wäre es sehr schlimm für dich, wenn du einen Tag zu spät bist? Wolltest du den Tag der Treue symbolisch nutzen? Er weiß keinen genauen Tag von mir.”

“Keine Sorge”, er lächelte, “die Symbolik galt allein dir.” Liebevoll strich er ihr über die blassen Wangen. “Es ist mir vollkommen gleichgültig, wann wir ankommen. Und notfalls trage ich dich.” Er zwinkerte ihr zu. “Wann willst du deinen Vater denn einweihen?” “Ich wollte, dass du es vor ihm weißt”, sagte sie mit einem feinen Grinsen. “Eine weise Entscheidung”, entgegnete Ruan, ebenfalls grinsend.

“Tatsächlich würde ich vor dem Besuch auf der Iauncyll aber gern kurz den Rondratempel in Ortis aufsuchen, um der alten Zeiten Willen”, scherzte er. “Und außerdem soll man alte Familientraditionen pflegen, wenn man beim Haus Ahawar Eindruck hinterlassen möchte. Jedenfalls sagte man mir das so.” Kurz schien er zu überlegen. “Sirdrim, sagtest du? Gibt es nicht einen Lanzenbund, der diesen Namen trägt?”

Gellis lächelte. “Die Lanzen der Distelritter sind immer nach den Orten benannt, in denen sie stationiert sind”, sagte sie kurz. “Ah”, machte Ruan nur, dann jedoch schien der Groschen zu fallen. “Oh”, meinte er und zog eine Augenbraue hoch. “Das heißt, ich darf mich darauf einstellen, dass wir am Abend inmitten von Feenrittern speisen werden?” Die Begeisterung des Drausteiners hielt sich offenbar in Grenzen.

“Warum sollte ich, die Tochter des Vogts von Weyringen, auf dessen Land der Ort liegt, im dunklen feuchten Drim der Distelritter übernachten, wenn es einen guten Gasthof gibt?”, fragte sie ihn gespielt hochmütig. “Das ist ein alter Wehrturm, eher eine Kaserne als eine angenehme Übernachtungsmöglichkeit. Und das Essen ist auch Kasernenessen”, sie schüttelte sich. “Aber du musst damit rechnen, dass mich dort eine Menge Leute kennen.”

“Und warum sollte die Tochter des Vogts von Weyringen auch nur einen Gedanken daran verschwenden, ihre eigenen Kinder solch einem grauenhaften Schicksal auszusetzen”, zwinkerte er. Dann beugte er sich zu ihr und gab ihr einen Kuss, um sie rasch wieder auf andere Gedanken zu bringen. “Wie…, wie möchtest du denn, dass ich mich dort verhalte?” Die Frage war aufrichtig, und Ruans Blick zeugte von einer gewissen Unsicherheit.

Sie lächelte ihn an und war ihm unglaublich dankbar für seine Fragen, denn diese lenkten sie von ihrer Übelkeit ab. “Ruan, wir sind ein Paar, wir werden den Bund eingehen. Das sind wir vor uns, vor anderen, vor meinem Vater und deinem Vetter. Ich bin die Tochter des Vogts, du bist ein Stepahan. Wir sind stolz und unseres Erbes bewusst. Wir weichen nicht und stehen gleich der Eiche, wir beide, gemeinsam.” Sie küsste ihn.

“Gerade fühle ich mich eher wie ein junger Page, der das erste Mal bei einem großen Bankett aufwarten soll”, meinte er lächelnd, doch es war offensichtlich, dass ihre Worte ihm eine gewisse Sicherheit gaben. “Du meinst also, ich brauche mich nicht zu verstellen?”, hakte er noch einmal genauer nach. “Brauche nicht Farindels Namen im Munde zu führen und nicht so zu tun, als hätte ich irgendeine Ahnung von den Bräuchen hier in Winhall?” Seine Frage klang halb ernst, halb scherzhaft.

“So ein Unsinn!”, lachte Gellis und stellte überrascht fest, dass es ihr besser ging. “Warum solltest du?” Sie knuffte ihm spielerisch die Schulter. Er tat erstaunt. “Habe ich dir nicht erzählt, dass mein Vetter bei unserem Besuch von dir erwarten wird, dass du unsere Ahnenreihe fehlerfrei aufsagen kannst? Und die Geschichte unseres Hauses bis zu dem sagenumwobenen Ritter Stepahan zurückverfolgst? Oh, oh, Gellis, da werden wir uns wohl vor unserer Rückreise über Bredenhag noch die ein oder andere Nacht um die Ohren schlagen müssen. Wobei…”, zärtlich umfasste er ihre Schultern und hauchte einen Kuss in ihren Nacken, “vielleicht vertrauen wir auch einfach weiterhin auf unser Glück und bringen in den kostbaren Nächten lieber der Spielerin unser Opfer dar.”

Gellis nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. “Opfergaben sind wichtig und sollten nie vernachlässigt werden, so ist das hier in Winhall.” Sie lächelte. “Wir sollten die Morgende zum Üben des Stammbaums der Stepahan nutzen, das lenkt von meiner Übelkeit ab.” Dann sah sie ihn zärtlich an und lächelte “Du bist wundervoll, Ruan!”

“Jeder bekommt nun einmal das, was er verdient”, entgegnete er mit einem schelmischen Grinsen. “Also, wonach steht der Hohen Dame der Sinn? Stammbäume”, er klopfte spielerisch die Kissen zurecht, “oder Feenbäume?”, diesmal deutete er auf die Satteltaschen, deren Inhalt noch immer verstreut im Zimmer lag. “Die Entscheidung liegt ganz bei Euch.” Die Winhallerin lehnte sich in die Kissen. “Zwei Generationen”, grinste sie.

Der Segen der Ewig Jungen

Zwischen Feyrenwall und Sirdrim
12. Travia 1042 BF

Ein knappes Stundenglas später saßen sie wieder auf den Pferden und Ruan musste erschrocken feststellen, dass sie in Feyrenwall nur eine Kurve geritten waren und nun wieder dem Farindelwald nahe waren. Der Weg schien sich gar endlos auf einem Damm, der den Tommel gegen eine Flut zurückhalten sollte, entlang zu schlängeln. Rechter Hand der Fluss, linker Hand der dunkle Wald. Manchmal so nah, dass man meinte, man bräuchte nur die Hand auszustrecken und könnte die Zweige der Bäume berühren.

Dem Ritter wurde recht schnell klar, dass seine Geliebte die Geschwindigkeit der Pferde immer dann erhöhte, wenn der Wald der Straße sehr nahe kam, so dass sie, wenn sie wieder zum Schritt durchparierten immer mindestens zwei Pferdelängen zwischen sich und dem Wald hatten.

Nach knapp zwei Stundengläsern erreichten sie das Dorf Eriansfeld, noch auf Niamorer Land, wie Gellis Ruan mitteilte. Sie hielt auf eine kleine Taverne zu, wo sie den Tieren eine Rast und etwas zu trinken gönnten. “Wir sind bald in Sirdrim, aber wir sollten hier noch etwas tun”, sagte sie, als sie die Tür der Taverne öffnete und auf die Theke zusteuerte. Aber nein, es war nicht die Theke, denn neben dieser stand ein kleiner Travia-Schrein. Sie griff Ruans Hand und lächelte ihn an, mit der anderen legte sie einige Münzen in die Opferschale und lehnte sich dann an ihn. Der Drausteiner erwiderte ihr Lächeln und streichelte zärtlich ihren Arm, während er den Schrein andächtig betrachtete. Nach einem Moment des Innehaltens wandte er sich wieder Gellis zu. “Meinst du, sie verzeiht uns, dass wir vielleicht etwas… stürmischer vorgegangen sind als sie es für gewöhnlich billigt?”, flüsterte er sehr leise.

“Sagt sie nicht auch, man solle sich prüfen, ob man sich vor ihr binden möge? Wir haben uns womöglich einen anderen Weg gesucht als die meisten anderen, aber so sind wir uns nun sicher.” Sie drückte seine Hand.

“Ich mag, wie du denkst”, entgegnete Ruan und erwiderte die Geste liebevoll. “Sag, gibt es eine Geweihte oder einen Geweihten der Herdmutter, dem du nahe stehst? Oder auch eines der anderen Götter? Ich würde mir wünschen, dass es jemand Vertrautes ist…” Neugierig blickte er sie an.

“Darüber muss ich nachdenken”, sagte sie. “Womöglich ja, aber ich weiß nicht, noch nicht. Komm’ lass uns weiter reiten.”

Der Bursche, dem sie die Pferde anvertraut hatten, hatte ihren Tieren sogar den Schweiß vom Fell gebürstet und gab ihnen stolz die Zügel wieder in die Hand. Doch der Weg, den sie ritten, war nicht allzu lang, denn schon am Dorfrand von Eriansfeld hielt Gellis auf einen einsam stehenden Baum zu. An ihm entdeckte Ruan einen Schrein der Tsa. “Gut, dass wir die Zeit dafür haben”, sagte Gellis und stieg erneut ab.

“Ich hätte jetzt fest mit einem Feenschrein gerechnet”, sagte er, und Gellis meinte, Erleichterung in seiner Stimme zu hören. Hatte sich Ruan vor dem Traviaschrein noch angemessen ehrfürchtig verhalten, schritt er nun deutlich entspannter heran. Er trat hinter Gellis und legte zärtlich die Arme um sie, so dass seine Hände auf ihrem Bauch zu ruhen kamen. Kurz vergrub er sein Gesicht in ihrem Haar und hauchte einen Kuss darauf, dann trat er neben sie und betrachtete den Schrein aufmerksam. “Was sollen wir uns wünschen?”, fragte er, während er vor dem Baum in die Knie ging. Gedankenverloren begann er mit den Fingern Kreise in die Erde zu zeichnen.

Gellis kniete sich neben ihn und betrachtete gedankenverloren sein Tun. “Dass dieses Kind gesund zur Welt kommt und uns beiden vergönnt ist, dass weitere folgen”, sagte sie. “Und dafür kann die Ewig Junge sich sehr sicher sein, dass wir alles daran setzen werden, dass sie sich ihre Leichtigkeit und Lebensfreude möglichst lange bewahren”, fügte Ruan ohne nachzudenken an. Dann stutzte er kurz. “Das wird Tsa doch sicher ebenso freuen wie Rahja, nicht wahr?”

Gellis Blick in seine Augen mochte Ruan durch Mark und Bein gehen, so voll war er mit Liebe und Zuneigung. "Ich bin so glücklich, dich gefunden zu haben, Ruan. Ja, das werden wir und das wird beiden Göttinnen zum Wohlgefallen sein."

Ruan wusste nicht, wie ihm geschah. Jede Regung, die Gellis zeigte, schien wie von Geisterhand in ihm ihre Entsprechung zu finden. Das galt für ihren Schmerz und ihre Wut ebenso wie für Moment wie diesen. Ihr Glück, ihre Freude, es war, als leuchteten sie auch aus ihm selbst heraus. Sein Herz war seltsam leicht und er meinte, ein Stück weit nachempfinden zu können, was Gellis in diesem Moment empfand. Überwältigt von der Wucht der Erkenntnis trat er auf die Ritterin zu, nahm ihre Gesicht in beide Hände und gab ihr einen langen, leidenschaftlichen Kuss. “Ich weiß nicht, was es ist”, sagte er leise, als sie schließlich wieder voneinander abließen, “aber seitdem du in mein Leben getreten ist, kommt es mir vor, als sei die Welt eine andere.”


Ein Zeichen der Hoffnung

Sirdrim
Am Abend des 12. Travia 1042 BF

Erst später, als sie bereits wieder im Sattel saßen, schienen Ruans Gedanken langsam wieder klarer zu werden. Und es war nicht das erste Mal seit Beginn ihrer Reise, dass in ihm der Eindruck erwuchs, als würden mehr und mehr seine Gefühle die Oberhand gewinnen und sein Handeln leiten. Es war verlockend, aber es war auch gefährlich. Er kannte die Tücken des Spiels, in das sie unweigerlich verstrickt werden würden, und Gellis hatte bereits deutlich gemacht, dass sie nicht vor impulsiven Entscheidungen gefeit war. Kurz zeigten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn, als sein Blick in Richtung des Waldes ging. Und ihm war so, als blickte dieser zurück. Mit einem Schaudern wandte er sich ab.

Gellis ritt neben ihm, und er bemerkte, dass sie nach ihrem Aufbruch vom Tsa-Schrein nachdenklich wurde. `Gleich kommt das Land meines Vaters´, dachte sie und ein Hauch von Trauer über die unbeschwerte Zeit mit ihrem Liebsten, die nun zu einem Teil ein Ende finden würde, fiel über sie. Aber nicht über ihre Gefühle, in ihr loderten die Gefühle heiß und sie wusste, wofür sie kämpfen würde. Mit höherem Einsatz als sie noch im Efferd gedacht hatte, denn sie realisierte, ein erfülltes Leben ohne ihn konnte sie sich nicht mehr vorstellen. Während Ruan sorgenvoll in den Wald blickte, sah Gellis mit ähnlichem Gesichtsausdruck in die andere Richtung, hin zu einer kleinen aber wehrhaft gesicherten Hügelburg. "Das ist Burg Udlaidrim, die Grenzfeste, hier beginnt Weyringen", sagte sie. `Repräsentieren, Gellis´, dachte sie.

Ruan konnte eine erstaunliche Wandlung in ihr beobachten. Ihr Oberkörper verlor einen Teil seiner Weichheit, seiner Weiblichkeit, ihr Rücken straffte sich. Ihr Blick, mit dem sie ihn am Schrein der Tsa noch verliebt und voller Gefühl angeschaut hatte, wurde stolz und erhaben. Das verliebte Grinsen in ihren Mundwinkeln schwand und wich einem milden Lächeln. Sie zog die wattierte Bundhaube und die Kettenhaube auf den Kopf und sah zu Ruan. Er konnte feststellen, dass ihr Blick, wenn dieser auf ihm ruhte, noch die vertraute Zärtlichkeit ausstrahlte. Doch bis auf das hatte Gellis die stolze Maske aufgesetzt, mit der er sie auf Draustein kennengelernt hatte.

Ruan stutzte, war doch Gellis’ Verhalten im Grunde nur der Spiegel seiner eigenen Gedanken. ‘Gut so’, ging es ihm durch den Kopf, doch gleichzeitig konnte er sich nicht einer gewissen Enttäuschung erwehren.

"Auf geht es, Ruan", sagte sie auffordernd mit einem Seufzen und ritt ein Stück näher zu ihm, um ihn kurz zu berühren, und ihm einen vor Leidenschaft flammenden Blick zu schenken, bevor sie ihren dann wieder stolzen Blick geradeaus richtete. "Nur noch ein paar Meilen bis Sirdrim."

“Sehr wohl, Hohe Dame”, entgegnete er, während er widerwillig seinerseits nach seiner Bundhaube angelte, um sein Auftreten dem ihren anzupassen. Dabei fiel sein Blick auf den stolzen weißen Löwen auf seiner Brust, und er musste lächeln. Gleichzeitig spürte er, wie sich auch in ihm etwas veränderte. Sein Herz, das während ihrer gemeinsamen Reise immer mehr die Führung übernommen hatte, schien in den Hintergrund zu treten, um dem Raum zu geben, was nun gefragt war. Ruan hob das Kinn, um die Bundhaube zu schnüren. Dann löste er den Helm vom Sattel, um das Bild, das hier wohl die meisten Einheimischen von seiner Familie haben mochten, zu vervollständigen..

Kurz kontrollierte er den Sitz seiner Kettenrüstung und zupfte den Wappenrock zurecht, dann wandte er sich noch einmal zu Gellis. “Ganz und ohne Ende”, flüsterte er und warf ihr einen letzten zärtlichen Blick zu, ehe er sich ebenfalls aufrichtete und, das Kinn leicht vorgereckt, mit lauter Stimme verkündete: “Dann lasst uns keine Zeit verlieren!”

Tief in Gellis’ Innerem zog sich ihr Herz vor Zärtlichkeit gegenüber Ruan schmerzhaft zusammen. ‘Was sind wir nur für ein Paar’, dachte sie kurz zärtlich, als sie ihrem Pferd sanft die Sporen gab und es in den Trab brachte, um kurze Zeit später in einen leichten Galopp zu fallen, den ihre Tiere gut würden halten können und der ihren Stand als Ritter optimal in Szene setzte.

So ritten sie am späten Nachmittag auf das palisadenbewehrte Dorf Sirdrim zu, zwischen Farindelwald und Tommel gab es kein anderes Durchkommen als durch dieses Dorf. Die Tore standen offen, und es war kaum Verkehr zu sehen. Es war Praiostag, und das Marktgeschehen des gestrigen Tages war vorüber. Stille des Feiertages hatte sich über das Dorf gelegt. Durch das geöffnete Tor und über die Palisaden hinweg war ein großer steinerner Wehrturm zu sehen, wie man ihn in Winhall öfter sah, entweder freistehend auf einem kleinen Hügel oder eingebaut als Bergfried in eine Burg. Dieser hier schien direkt auf dem Dorfplatz des Dorfes mit etwa fünfzig Häusern zu stehen. Am Tor standen zwei Distelritter Wache, die ersten, die Ruan seit der Aiwiallsfeste gesehen hatte.

Etwa fünfzig Schritt vor dem Tor ließ Gellis ihr Pferd durchparieren, und im Schritt ritten die beiden auf das Tor zu. “Iain, Hamish”, grüßte Gellis die beiden Wachposten, “Farindel und Boron mit euch.”

“Gellis, Farindel und Boron mit Euch”, grüßte der mit Iain angesprochene in freundlichem Tonfall, Hamish nickte lediglich. “Hoher Herr Stepahan, Rondra mit Euch. Ich bin erfreut, Euch wiederzusehen. Willkommen in Weyringen”, sagte er bedeutungsschwer, was Ruan mit einem Lächeln quittierte, das zwar den angemessen Respekt zollte, dabei jedoch keine wirkliche Regung verriet. “Rondra mit Euch, Hoher Herr”, entgegnete er mit fester Stimme und grüßte, wie er es gelernt hatte, die Faust zum Herzen. Und mit Euch”, wandte er sich nun an Hamish. “Es ist gut vier Götterläufe her, dass wir uns begegnet sind. Es freut mich, Euch wohlauf zu sehen.” Als Gellis realisierte, dass sich ein Gespräch entwickelte, hielt sie ihr Pferd an. Doch wie es schien, hatte Ruan nicht vor, länger zu verweilen, und auch der Edelknecht brummte nur freundlich “gleichfalls, gleichfalls”, so dass Ruan sich mit einem freundlichen Nicken von den beiden Männern verabschiedete und sein Pferd auf das Tor zu lenkte. Und so ritt auch Gellis wieder an.

Als sie das Tor durchritten, fiel Gellis auf, dass sie am Schrein der Wächterin kurz vor Sirdrim nicht gehalten hatte. ‘Ruan, was machst du nur mit mir?’, dachte sie ein wenig erschrocken, aber auf eine beruhigende Art und Weise auch dankbar. Gut, es war Tradition dort auf dem Weg nach Niamor zu halten und das hatte sie getan. Auf dem Rückweg war sie sicher auch früher schon einmal daran vorbei geritten. ‘Ja’, dachte sie innerlich lächelnd, ‘auf dem Rückweg vom Treffen der Besten auf jeden Fall.

Das Dorf war ein ganz klassisches Rundlingsdorf, die Häuser reihten sich um den Dorfplatz. Man konnte eine Schmiede, einen Bäcker, Schenke und Gasthof entdecken. Jedoch war etwas anders, denn auf der Mitte des Dorfplatzes stand nicht nur ein Baum, eine uralte Blutulme, sondern dort stand auch der steinerne Sirdrim, der nun, da sie näher kamen, noch höher anmutete. Als weiteres Gebäude stand dort eine kleine Boronkapelle, die in Verbindung mit dem Baum, dem man magische Kräfte nachsagte und der der Hesinde heilig war, und dem hohen Steinturm eine ganz eigene Stimmung dieses Ortes schuf. Das Schmieden der am Dorfplatz gelegenen Schmiede hatte etwas Bekanntes, aber nicht unbedingt Beruhigendes. Am Gasthof hing ein Schild, das eine schwarze Fee zeigte. Es mochte sich düster anfühlen für die, die den Ort nicht kannten, doch es weckte auch Ruans Neugier. Er würde Gellis später danach fragen.

Diese bewegte ihr Pferd weiter selbstbewusst auf den festgetretenen Lehmwegen. Sie hielt ohne Umschweife auf die Blutulme zu und hielt vor dieser an. “Begleitest du mich, Ruan?”, fragte sie ihn ruhig mit einem Blick in seine Augen noch vor dem Absteigen.

“Ist das eine ernst gemeinte Frage?”, entgegnete dieser, und es lag eine Spur Misstrauen in seiner Stimme. “Natürlich begleite ich dich.” Wie um seine Worte zu untermauern löste er seine Füße aus den Steigbügeln und ließ sich mit einer fließenden Bewegung vom Pferd gleiten. Mit einem Mal musste er an die seltsame Begegnung im Farindel denken, und so behielt er vorsichtshalber die Zügel in der Hand. Er trat einen Schritt auf den Baum zu und wandte sich zu Gellis um. “Wohin?”, fragte er und blickte sie offen an.

Kurz konnte Ruan das Heben eines von Gellis’ Mundwinkel sehen, als sie selbst vom Pferd stieg. Sie deutete auf einen Balken vor dem Borontempel, an dem sie die Pferde anbinden konnten. “Zur Ulme”, sagte sie, als sie die Zügel um den Balken festzog.

Dort angekommen standen sie nahe des Stamms der Blutulme und dessen knorriger Rinde. Gellis legte die Hand an den Stamm. “Auf vielen Dorfplätzen in Winhall steht, genau wie in vielen Dörfern in ganz Aventurien, ein Baum”, erklärte sie. “Hier hat jeder Baum eine Geschichte und eine Aufgabe. Blutulmen wird nachgesagt, einen besonderen magischen Bezug zu haben und es ist von der Hesindekirche verboten, sie zu fällen. Eine Albernische Fürstin soll einmal versucht haben, diese zu fällen, sagt die Sage. Die Ulme hat sie bei ihrem Versuch getötet. Bei Neumond, also vor ein paar Tagen, soll man das Gesicht der Fürstin im Stamm erkennen können. Und wenn man lange die Rinde betrachtet, sieht man auch heute Gesichter in ihrem Stamm.” Sie machte eine kurze Pause.

Ruan bemerkte, wie ihre Worte ihm einen leisen Schauer über den Rücken jagten. An und für sich gab er nicht viel auf derlei Sagen, doch in Verbindung mit diesem Ort und dem, was er bislang in Winhall gesehen hatte, konnte er sich nur zu gut vorstellen, dass es mehr war als nur eine düstere Legende. Misstrauisch beäugte er Gellis’ Hand an der Rinde. “Du, du solltest das nicht anfassen”, meinte er dann leise.

Sie blickte ihn an und behielt die Hand auf der Rinde. “Das Meiste hat zwei Seiten. Dieser Baum nimmt nicht nur das Leben derer, die ihn und das, für was er steht, zerstören wollen. Er schützt auch Leben, sagt man. Und auch ist es der Glaube, der hier manchmal anders anmuten mag, aber er ist auch ein Baum, der der Hesindekirche heilig ist. Warum sollte es Gefahr bringen, ihn zu berühren, wenn man zwölfgöttergläubig ist?”, sagte Gellis ebenso leise, aber mit bestimmter und ruhiger Stimme.

“Hmm”, meinte Ruan und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Dann trat er neben Gellis. Zärtlich strich er kurz über ihren Handrücken, ehe er die Hand vorsichtig auf das knorrige Holz legte. Er schloss für einen Moment die Augen und dankte der Allweisen für ihre Gaben. Gleichzeitig erbat er sich von ihr Eingebung für die kommenden Verhandlungen. Als er die Augen wieder öffnete, lächelte er. Erwartungsvoll blickte er zu Gellis, die just ihre Augen öffnete. Sie hatte um Schutz vor Geistern und Dämonen gebeten, so, wie man es an der Blutulme nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb Winhalls tat. Um Schutz vor Geistern und Dämonen für ihr Kind. Sie nickte, ebenfalls lächelnd und griff seine freie Hand mit der ihren.

Sie war glücklich. Neben ihren Wünschen realisierte Gellis etwas ganz anderes, das sie zuerst nicht beabsichtigt hatte. Erst der erstaunte Blick eines Waffenknechtes der Distelritter ließ sie erkennen, was für eine Symbolik in diesem Akt lag. Ahawar und Stepahan gemeinsam an der Ulme inmitten Sirdrims, den Baum berührend und einander an den Händen haltend. Sie war stolz auf diesen Moment.

Auch Ruan hatte den Blick bemerkt, und ähnlich wie Gellis durchfuhr ihn ein Gefühl von Stolz. Mit einem Mal fühlte er sich nicht mehr ganz so fremd in diesen Landen. Es war, als hätte der Baum ihn willkommen geheißen, und als er nun Gellis betrachtete, erfasste ihn eine Woge der Zuneigung. Rasch senkte der Drausteiner den Blick, darum bemüht, seine Fassung zu wahren. Als er wieder aufsah, lag ein feines Lächeln auf seinen Lippen. Er war wieder Herr der Lage. Ruan straffte die Schultern, verharrte jedoch. Dies war Gellis’ Heimat. Er würde ihr die Führung überlassen.

Diese nahm erst die Hand von der Rinde des Baumes, dann entließ die Ritterin langsam Ruans Hand und sie machten sich auf den Weg zurück zu den Pferden. “Ich wette mit dir, diese Begebenheit wird schneller bei meinem Vater ankommen als wir”, sagte sie frohgemut leise zu ihm.

“Gute Kunde verbreitet sich schnell”, entgegnete er lächelnd. ‘Manche Dinge sind eben doch überall gleich’, fügte er in Gedanken hinzu. Dann ging sein Blick zu der Kapelle. Ob es Gellis auch dorthin ziehen würde? Er würde sie nicht drängen..

“Das Gasthaus”, brachte er stattdessen ein neues Thema auf, “wofür steht die schwarze Fee? Eine weitere Legende dieses Ortes?”

“Da müsstest du den Wirt fragen, warum sein Gasthaus so heißt”, sagte die Winhallerin. “Ich weiß es tatsächlich nicht, tut mir leid. Und dorthin sollten wir jetzt auch gehen, den Rest des Ortes kann ich dir gern zeigen, wenn wir die Pferde im Stall und unser Gepäck auf den Zimmern verstaut haben. Außerdem, mit Verlaub, habe ich unglaublichen Hunger.”

“Apfel?”, scherzte Ruan und zwinkerte ihr gut gelaunt zu. Dann wurde seine Miene gleich wieder ernst. “Geh nur voran”, meinte er. “Ich folge dir… sogar bis in den Farindel, wie du weißt.” Kurz hielt er inne. “Ich hätte allerdings nichts dagegen, wenn wir zumindest nach dem Essen noch kurz ausruhen könnten. Vielleicht eine Generation lang?” Ruan stellte fest, dass es ihm in der Tat schwer fiel, seinem Sehnen nicht nachzugeben. Wie gern hätte er Gellis einfach nur einen Kuss gegeben, den Arm um sie gelegt, ihre Nähe gespürt.

“Zu gern!”, antwortete Gellis und ging zügigen Schrittes zur Schwarzen Fee hinüber. Der Stallknecht erwartete sie schon und nahm ihnen die Pferde ab und würde ihnen gar die Satteltaschen aufs Zimmer bringen, der Wirt zeigte sich geehrt, die Hohen Herrschaften begrüßen zu dürfen. Er fragte, ob sie zwei Einzelzimmer oder ein Zimmer für zwei wünschten, und Gellis verlangte zweiteres.

Die Taverne des Gasthauses war mäßig besucht. Es war noch keine Zeit für Dörfler, um sich einem Trunk am Abend zu widmen und Reisende schien es außer ihnen nur zwei Händler zu geben, die sich an einem Tisch angeregt über ihre Ware und den weiteren Weg unterhielten. Gellis hatte ‘Das Beste, was ihr habt’ zu Essen für sie beide bestellt und so servierte man ihnen einen Rinderbraten mit frischem Brot und Wurzelgemüse. Als sie fertig gegessen hatten, sagte die Ritterin in ernstem Ton. “Lass uns nach oben, die Rüstungen ablegen gehen.”

Ruan blickte sich noch einmal kurz im Schankraum um, dann erhob er sich mit einem knappen Nicken. Mit einer geübten Bewegung rückte er seiner Begleiterin den Stuhl zurecht und bot ihr höflich den Arm zum Geleit.

Als sie endlich die schwere Holztür hinter sich geschlossen hatten, seufzte der Drausteiner hörbar auf. “Gellis, es ist furchtbar”, stieß er hervor, “ich werde niemals einen ganzen Abend auf der Iauncyll überstehen, wenn ich dich nicht einmal berühren darf.” Ohne ihre Antwort abzuwarten, schlang er die Arme um sie und zog sie zu sich heran, so dass ihr Gesicht nur mehr eine Handbreit vor seinem war. Sofort kehrte sein Lächeln zurück, und er hauchte einen sanften Kuss auf ihre Lippen.

Gellis Gefühle spielten verrückt, als Ruan sie zu sich zog. `Kann ich ihn immer noch mehr begehren?´, fragte sie sich. `Wo soll das nur hinführen?´ "Das solltest du aber" , hauchte sie mit vor Erregung zitternder Stimme. "Sonst falle ich an der Hohen Tafel über dich her." Ihr Kuss war leidenschaftlich und voller Verlangen.

“Verlockender Gedanke”, flüsterte Ruan, als er wieder zu Atem gekommen war. “Zum Glück werden wir dort vermutlich keine Kette tragen. Das schont das gute Geschirr.” Erneut küsste er sie, fordernd und leidenschaftlich. Dann ließ er widerwillig von ihr ab und machte sich daran, sich seiner Rüstung zu entledigen, um sogleich Gellis dabei zur Hand zu gehen.

Waren die beiden bisher immer zärtlich und behutsam miteinander, schien die heutige Anspannung dringend ein Ventil zu brauchen. Sie schafften es noch nicht einmal, sich der Leibhemden zu entledigen und fielen wie zwei Ausgehungerte übereinander her.

Als sie entspannt nebeneinander lagen, Gellis mit dem Kopf auf seiner Schulter, lachte sie kurz auf. “Bist du bereit für die nächste Runde Sirdrim?”

“Kommt drauf an”, grinste Ruan und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, “nur wenn du mir versprichst, dass sie ähnlich spektakulär enden wird wie die erste.”

“Ich werde mein Bestes geben, versprochen”, neckte sie ihn und stand nach einem weiteren Kuss auf. “Komm, ich zeig dir die Boron-Kapelle und dann können wir den Rest des Tages hier oben verbringen, wenn du mir noch ein spätes Abendessen von unten holst.” Gellis grinste und strich sich zärtlich über den Bauch. “Morgen bekomme ich bestimmt erst einmal nichts herunter, wenn auch noch die Aufregung dazu kommt.”

Die Rührung angesichts ihrer liebevollen Geste war Ruan deutlich anzumerken. “Oje”, meinte er lächelnd, “vielleicht sollte ich doch lieber früh zu Bett gehen. Für den Fall, dass ich dich schließlich doch noch nach Ortis tragen muss. Wobei, vielleicht würde das Eindruck schinden”, schob er nach und erhob sich dann ebenfalls. “Wo wir gerade dabei sind… standesgemäß gerüstet oder in Alltagsgewandung?”, fragte er mit einem Blick auf ihr Gepäck. Gellis seufzte und sagte dann mit einem Schmunzeln: “Standesgemäße Alltagsgewandung.”

Ruan nickte verstehend und machte sich daran, entsprechende Kleidung auszuwählen. “Deinem Vater gegenüber dann aber vermutlich eher standesgemäß gerüstet, wenn ich ihn richtig einschätze. Korrekt?” Sein Tonfall war sachlich, und es schien, als wollte er die Angelegenheit möglichst rasch hinter sich bringen. Gerade hielt er prüfend eine rote Tunika in die Höhe, schüttelte dann den Kopf und griff zu einer blauen, die er sich nun über den Kopf zog.

“Das kommt darauf an, ob wir gleich zu ihm vorgelassen werden oder ob es ein gemeinsames Essen gibt. Zum gemeinsamen Mahl wäre das Kettenhemd eher unangemessen”, sagte Gellis mit einem Schulterzucken.

Ruan nickte. “Natürlich”, sagte er nüchtern. “Das gute Geschirr.” Er hatte Gellis den Rücken zugewandt, doch sein Tonfall verriet, dass ihm offenbar bereits wieder der Schalk im Nacken saß. Schließlich drehte er sich um. “Bereit, wenn du es bist”, lächelte er und bot ihr den Arm zum Geleit.

Gellis, die sich ein hellgrünes Kleid angezogen hatte, schüttelte leicht grinsend den Kopf, als sie Ruans Arm ergriff. Bevor sie aus ihrem Zimmer traten, lehnte sie sich noch einmal an ihn und nahm dann wieder Haltung an.

“Eine weise Entscheidung deines Vaters, dich nicht zu den Distelrittern zu geben”, flüsterte er, “grün steht dir deutlich besser als gelb.” “Aber du hast mich noch nie in gelb gesehen!”, sagte sie gespielt entrüstet um dann kurz darauf lachend einzulenken. “Aber du hast Recht, es sieht schrecklich aus.”

“Es musste einen Grund dafür geben, dass du grün bevorzugst. Und du hast bereits einmal guten Geschmack bewiesen.” Ruan untermauerte seine Worte, indem er das Kinn vorreckte und die Schultern straffte. Dann traten sie endgültig durch die Tür in den Schankraum.


Erste Zweifel

Boronkapelle, Sirdrim
12. Travia 1042 BF, zu später Stunde

In der Zeit, die sie auf dem Zimmer verbracht hatten, hatte sich die Taverne gefüllt und die beiden ernteten neugierige Blicke, als sie durch den Tavernenraum nach draußen traten. Draußen begann Gellis zu sprechen. “In der Kapelle wird allen Rittern der Schwarzen Distel gedacht, die für die Lanze Sirdrim gefallen sind. Jede Fliese steht für einen Gefallenen oder eine Gefallene. Es ist imposant und für dich vielleicht eine Möglichkeit, die Tradition, in der meine Familie steht, nachzuempfinden.”

Sie traten in den Kapellenraum, in dem niemand sonst zu sehen war. Es waren nur wenige Kerzen angezündet. Diese tauchten den Raum in ein diffuses Licht. Die von Gellis erwähnten Fliesen bedeckten beinahe die ganzen Kapellenwände, wie Ruan erkennen konnte.

Ehrfürchtig verharrte der Ritter und schloss für einen Moment die Augen. Ruan ließ die Stille des Ortes auf sich wirken und versuchte, seinen Kopf von jedem Gedanken frei zu machen. Doch es mochte ihm nicht recht gelingen. Ohne sie anzublicken tastete er nach Gellis’ Hand. Als sie seine Berührung spürte, nahm sie seine Hand in die ihre, reagierte sonst aber nicht. Dankbar atmete der Drausteiner tief aus, und diesmal schwiegen die Stimmen. Er spürte, wie die Mystik des Ortes ihn einfing. Vorsichtig öffnete er seinen Geist und besann sich auf das, was Gellis gesagt hatte. Wie musste es sein, sein ganzes Leben mit dem Unausweichlichen konfrontiert zu sein? Denn der Tod schien für die Winhaller eine andere Bedeutung zu haben als für die meisten anderen Albernier. Natürlich gedachte man auch der gefallenen Ritter der Krone oder der Weißen Löwen, doch die Ehrung der Toten schien hier an den Säumen des Farindel viel echter und natürlicher, demütiger...

Langsam öffnete er die Augen und betrachtete die Wände der kleinen Kapelle. Er konnte die Schriften nicht erkennen, also folgte er einfach seiner Intuition und hielt gemessenen Schrittes auf eine der zahlreichen Kacheln zu. Dabei lockerte er seinen Griff, so dass Gellis selbst entscheiden mochte, ob sie ihm folgen oder noch verweilen wollte. Doch sie folgte ihm, als er eine Tafel betrachtete, deren Schrift ihm recht gut lesbar erschien. Der Name sagte ihm nichts, aber als er das Todesdatum sah, das auf 2 Perval datiert war, begann er langsam zu begreifen, dass ihre eigenen Sorgen angesichts der langen Traditionen dieses Landstrichs nicht nur lächerlich unbedeutend waren. Nein, sie mochten für viele seiner Bewohner gar an Verrat grenzen. Ruan schluckte schwer. Er würde Gellis’ Vater vermitteln müssen, dass er um diese Tradition wusste. Und er brauchte eine verdammt gute Begründung, warum er damit brechen wollte.

Nach einer Weile deutete Gellis Ruan behutsam an eine andere Wand der Kapelle. Ruan konnte dort erkennen, dass sie Fliesen – sicherlich 30 – alle auf einen Zeitraum datiert waren, auch wenn er nicht genau zuordnen konnte, wie lange es wohl her war, denn er konnte die Bezeichnung der Jahreszahl nicht deuten.

"Hier ruhen die Gefallenen", sie schlug mit der freien Hand ein Boronsrad, "aus einer dunklen Zeit meiner Familie, als einer meiner Vorfahren mächtiger sein wollte als die Fenwasian. Wir stellten unter anderem etwa 300 Jahre lang die Barone von Fairnhain und begehrten doch den Grafenthron. Bei einer Hochzeit zwischen den Familien, die Frieden im Zwist bringen sollte, wurden der Graf und einige seiner Familienmitglieder von meinem Familienangehörigen ermordet. Einen Götterlauf regierten wir auf dem Grafenthron, dann stürzte uns Anglam Fenwasian. Er entzog der Familie alle Besitztümer, die Baronie, Ritter- und Edlengüter bis auf eines, ein Gut in Ahawarslucht. Man spricht auch von Anglams Bann. In unserer Zeitrechnung war das 732 BF."

Ruan nickte stumm. Er hatte sich kundig gemacht und war über einige Überlieferungen aus dieser Zeit gestolpert.

Gellis machte eine kurze Pause, um dann fortzufahren."Mein Vater ist der erste unserer Familie, der wieder so nah und absolut treu der Distel dient nach all dieser Zeit. Der Graf hat dadurch erst den Bann offiziell für beendet erklärt", endete sie.

“Er darf zu Recht stolz sein”, meinte Ruan nüchtern. ‘Uns macht es das nicht unbedingt leichter’, ging ihm durch den Kopf, doch dies war nicht der Ort, und zudem wollte er Gellis nicht erneut beunruhigen. “Was ist mit dem Rest deiner Familie? Pflegt dein Vater Kontakt zu ihnen? Sind auch sie vor dem Grafen über jeden Zweifel erhaben?” ‘Können sie nicht einfach die Traditionen fortführen?’, ergänzte er in Gedanken.

“Ja, sicher stehen sie in Kontakt, aber seine Verbindung zum Grafen, also zur Distel ist schon sehr eng. Es hat nicht mehr mit Zweifel zu tun, Ruan, es ist die Nähe der beiden zueinander, die nur er hat, die ihn über die Aufhebung des Banns an sich stolz macht.” Gellis seufzte und deutete, dass sie sich auf eine der Bänke setzten. Ihre Gedanken waren denen Ruans ähnlich, aber sie realisierte nun erst, was ihr Problem war.

“Und die Nähe zur Distel im Sinne von Beratung oder gar Freundschaft wird nicht meine Aufgabe werden, aber der Dienst an ihr ist meine Aufgabe als Mitglied der Familie Ahawar. Und ich bin Vater dankbar, dass er mir das möglich gemacht hat. Aber ich glaube, daher kann ich das manchmal nicht richtig einschätzen. Ich bin nicht mit einer solchen Familientradition aufgewachsen, ich habe sie gelernt. Ich will ihm gegenüber nicht undankbar sein und ich möchte mich auch nicht abwenden, denn ich bin stolz eine Ahawar zu sein. Aber den rechten Weg zu finden, fällt mir schwer.”

“Ich weiß”, flüsterte Ruan mit ruhiger Stimme und drückte sacht ihre Hand. “Glaub mir, ich habe das Gespräch mit deinem Vater bereits mehr als einmal in meinem Kopf durchgespielt. Und auch mir fällt es schwer einzuschätzen, wie weit wir wirklich gehen sollten. Sein Angebot, dich nach Havena gehen zu lassen, ist schon mehr als ich je erhofft habe.” Er seufzte leise.

“Ich hoffe, dass es mir gelingt, sein Vertrauen zu gewinnen. Aber ich brauche deine Hilfe.” Im Licht der Kerzen sah Gellis, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. “Bereite dich darauf vor, beide Rollen zu spielen. Die der stolzen Ritterin ebenso wie die der verzweifelten Tochter. Es ist an dir zu entscheiden, welche der Situation angemessen ist und es vermag, sein Herz zu rühren. Ich werde mich auf harte Verhandlungen einstellen, denn ich mag mich nicht allein darauf verlassen, an sein Gefühl zu appellieren. Indes, manchmal vermögen Menschen einen zu überraschen...” Sein Tonfall hatte etwas Versöhnliches, und auch sonst wirkte der Drausteiner gelassen, ganz anders als noch am Abend zuvor. Er suchte ihren Blick. “Es ist wie im Kampf mit einem überlegenen Gegner, Gellis. Will man ihn überwinden, sollte man ihn zunächst kommen lassen, um seine Schwachstellen auszuloten.”

"Ich glaube nicht, dass die verzweifelte Tochter einen Vorteil brächte, aber ich verstehe, was du meinst", sagte Gellis schlicht.

“Gut”, antwortete Ruan ebenso knapp und verfiel dann in Schweigen. Ein weiteres Mal ging er im Kopf die Worte durch, die seiner Meinung nach wohl den meisten Erfolg beim Weyringer Vogt versprachen. Dann, plötzlich spannte sich sein Körper und er runzelte die Stirn. “Meinst du, ich sollte mich eher kurz halten und mich aufs Antworten verlegen oder würde dein Vater auch eine etwas längere Rede nicht unterbrechen?”, fragte er Gellis nachdenklich.

"Vater sagte, das Haus Stepahan sei ein Haus, das fordere. Er hat mich aufgefordert, dass ich mein Erbe nicht vergesse, den Dienst an den Fenwasian und dem Wald. Wald und Distel hätten höchste Priorität für mich als Ahawar." Gellis atmete noch einmal durch."Daher lass ihn reden, fragen und antworte ihm, aber sei bestimmt, sei stolz. Das würde ihm wahrscheinlich gefallen, glaube ich. Ich habe mit ihm und meinem Zukünftigen noch nie über einen Traviabund gesprochen." Sie zwinkerte ihm grinsend zu.

Ruan erwiderte das Lächeln, doch selbst im dämmrigen Licht der Kapelle konnte Gellis sehen, dass ihre Worte etwas in ihm ausgelöst hatten. Der Körper des Ritters war angespannt, sein Rücken gekrümmt, ganz so als wappne er sich gegen die Schläge eines unsichtbaren Gegners.

Der Drausteiner spürte, wie etwas seine Kehle zuschnürte. ‘Der Wald und die Distel… oberste Priorität’, klangen ihre Worte in seinem Geiste nach wie Nadelstiche. Warum nur schmerzte es ihn so sehr, das ausgesprochen zu wissen, was er ohnehin im Kern die ganze Zeit bereits wusste? “Ich…”, begann er mit bebender Stimme, verstummte jedoch sogleich wieder. Ruan spürte, wie seine Hände zu zittern begannen. Tränen schossen in seine Augen. ‘Was war denn nur los mit ihm?’ Er löste sich aus Gellis’ Griff und verkrallte seine Finger in seinen Oberschenkeln. Der Schmerz schien in für einen Moment abzulenken, so dass er einen tiefen Atemzug tun konnte. Nur langsam kehrte die Gelassenheit zurück, doch noch immer spürte er einen stechenden Schmerz in seiner Brust.

"Ruan", sagte Gellis mit sanfter Stimme. "Du hast mich gefragt, was mein Vater denkt." Sie stand auf, stellte sich vor ihn und zog ihn an sich, so dass sein Kopf sich an ihren Bauch legte.

“Und du hast mir gesagt, dass du stolz bist, eine Ahawar zu sein”, presste er mühsam beherrscht hervor, “und dass du ihm viel verdankst. Wie, denkst du, kannst du ihm das vergelten, wenn nicht, indem du seinem Wunsch folgst und den Wald und die Distel über alles stellst?” Nachdem die Worte heraus waren, spürte, wie Ruan in sich zusammen sank. Halt suchend schlang er die Arme um Gellis, während das Blut in seinem Kopf nach wie vor rauschte.

Er spürte, wie Gellis sich anspannte, ihre Arme hingen an ihren Seiten und waren zu Fäusten geballt. Dann atmete sie tief durch und presste zwischen den Zähnen hervor. "Glaubst du, wir beide wären jetzt hier, wenn ich das tun wollte?"

“Willst du nicht?”, fragte er ungläubig. “Aber…” Das Rauschen in seinem Kopf schien abzuebben, und auch sein Geist wurde langsam wieder klarer. Er ergriff ihre Handgelenke und blickte zu ihr auf. “Gellis, es tut mir leid.” Er erhob sich und schaute sie mit großen Augen an, die im Kerzenschein verräterisch glänzten. “Verzeih mir, wenn ich an dir gezweifelt habe. Es…” Er schluckte, und mit einem Mal wirkte er wie ein verirrter Jüngling, fern von zuhause und heillos überfordert mit all dem, was ihn umgab. “Ich kann mir einfach nicht vorstellen, ohne dich zu sein”, flüsterte er beinahe flehend.

Gellis war noch immer angespannt und keinesfalls beruhigt, knurrend sagte sie: "Dann hör auf, an mir zu zweifeln."

Seine Rolle behagte Ruan so gar nicht. Warum nur hatte er sich mitreißen lassen und gesprochen, ohne nachzudenken. Woher kam diese Wut… und woher diese Verzweiflung? “Ich habe Angst”, gab er kleinlaut zu.

"Wo…", Gellis Stimme hallte in der Kapelle wieder, so laut war sie. Sie atmete tief durch und fuhr leiser fort. "Wovor?"

“Davor, dich zu verlieren”, er senkte kurz den Blick. “Davor, dass dein Vater dir alles nehmen könnte, was dir wichtig ist, wenn du seinen Erwartungen nicht entsprichst. Davor, dass er all seine Macht einsetzen wird, um uns auseinander zu bringen.” Er verstummte und blickte sie an. Vorsichtig tasteten seine Finger nach den ihren.

Er musste ihre Fäuste lösen, um ihre Finger in den seinen zu verschränken und er spürte wie sie sich nur langsam entspannte. Dann schloss sie ein Stück des Abstands zwischen ihnen mit einem Schritt nach vorn, ihre Stimme war sanft. "Er hat nichts gegen unsere Verbindung, Ruan. Nachdem ich von uns erzählte, sagte er, er sei stolz auf mich. Das hätte er nicht getan, wenn er unseren Bund nicht befürworten würde."

“Das mag sein. Allein, wir wissen nicht, was er erwartet. Welche Bedingungen er an unseren Bund knüpft...” Er seufzte. “Und da wären wir wieder am Anfang. Wenn wir nicht aufpassen, zerfleischen wir uns noch gegenseitig, ehe wir überhaupt die Iauncyll erreicht haben”, sagte er geknickt. Behutsam näherte er sich ihr. Seine Hände hielten die ihren fest. “Wir sprechen mit einer Stimme”, flüsterte Ruan, “aber was wenn einer von uns beiden während des Gesprächs unsicher wird?”

Erst wollte Gellis ihn anschnauzen, er solle aufhören, sich ständig solche Gedanken zu machen, dass Grübelei sich nicht lohne. Dann aber realisierte sie, dass es ihr auch so ging und dass es das war, was sie so wütend machte.

"Unsicher, dass wir beide uns wollen? Du machst schlechte Scherze, Ruan." Ihre Stimme war schärfer, als sie es eigentlich wollte, aber ihre Wut war noch nicht ganz verraucht. “Unsicher, was unsere Forderungen betrifft, verdammt”, gab er ebenso scharf zurück. Mit einem Mal löste er seine Hände aus ihren und fasste sie an der Schulter. Eindringlich sah er sie an. “Ich will dich, Gellis. Um jeden Preis.”

"Und du wirst mich bekommen, verdammt. Das ist ein Gespräch, eine Verhandlung, kein Standgericht. Du fragst mich, ob man mir die ritterlichen Tugenden nicht nahe gebracht hätte? Was ist mit deinem Mut, Ruan? Was ist mit deiner Hoffnung? Deiner Selbstbeherrschung? Deiner Minniglichkeit?"

Gellis spürte, wie er die Luft anhielt. Im nächsten Moment verengten sich seine Augen. “So denkst du also über mich”, er spie die Worte geradezu heraus. “Dann hätten wir das also auch geklärt.” Er ließ ihre Schultern los und trat einen Schritt zurück.

“Ich verstehe einfach nicht, warum dich der Mut so sehr verlässt, denn dann verlässt er mich auch”, sagte sie patzig. “Gib mir Hoffnung, Ruan, nimm sie mir nicht.”

“Und ich dachte, wir wollten einfach offen und ehrlich miteinander umgehen”, entgegnete er kühl. “Was stellst du dir denn vor?” Er deutete beinahe anklagend auf die mit Kacheln bedeckten Wände. “Du führst mich hierher, zeigst mir all das. Und erwartest, dass ich es sogleich wieder mit Füßen trete und vergesse?” Er raufte sich die Haare. “Gellis…, es wäre ein leichtes, oberflächlich über alles hinwegzusehen. Doch ich möchte verstehen, was dir wichtig ist. Ich möchte Rücksicht auf dich und dein Erbe nehmen. Ist das nicht minniglich genug für dich?”

Gellis sah ihn verständnislos an. “Dass du es mit Füßen trittst? Ich zeige dir das alles hier”, sie imitierte seine Geste, “damit du verstehst, wie es hier ist. Damit du verstehst, wie mein Vater ist, damit du mich verstehst, wo ich herkomme. Warum sagst du, du willst mich verstehen, verstehen, was mir wichtig ist, wenn du gleichzeitig befürchtest, dass ich es über dich stelle, über uns? Ruan, das macht keinen Sinn!”

Dem Ritter schwirrte der Kopf. Seufzend ließ er sich auf die Bank zurückfallen. Den Kopf in den Nacken gelegt, blickte er Gellis aus müden Augen an. “Und es ist dir gelungen”, sagte er schließlich mit tonloser Stimme. “Ich verstehe es. Und es ist einschüchternd.” Er schluckte. “Gellis…” Kurz streckte er die Hand nach ihr aus, ließ den Arm jedoch gleich wieder sinken. “Einschüchternd?”, sie legte die Stirn kraus.

“Es bekommt langsam ein Gesicht”, entgegnete er, “und mit der Geschichte und der Tradition nehme ich gleichsam die Verantwortung wahr, die damit einher geht.” Seine Stimme schien langsam wieder an Farbe zu gewinnen. “Ich bin mit einer solchen Tradition aufgewachsen. Auch wenn ich sie nicht ganz so verinnerlicht habe wie meine Schwester”, er lächelte milde. “Aber ich weiß, dass man ihr nicht einfach so entflieht. Ahnenstolz”, er seufzte, “ist eine heikle Angelegenheit.”

“Aber ich muss ihr doch gar nicht entfliehen. Das ist doch kein Entweder-Oder. Ich kann doch an deiner Seite, wenn das mit Havena etwas wird, genauso der Tradition meiner Familie dienen. Oder, wenn ich auf Turnieren gewinne und damit die Ehre meines Hauses hochhalte. Ich muss doch dazu nicht hier sein.” Sie sah Ruan noch immer mit krauser Stirn an. “Musst du nicht?”, fragte Ruan und zog seinerseits eine Augenbraue hoch. “Bist du dir da ganz sicher, Gellis? Wobei…” Mit einem Mal veränderte sich seine Haltung und er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. “Ich Esel. Nein, musst du nicht. Genauso wie der Draustein die Heimat meiner Familie ist. Und dennoch dienen wir unserem Haus ebenso gut von Havena aus.” Er schüttelte fassungslos den Kopf. “Wir sind uns manchmal so ähnlich, dass ich einfach nicht klar sehe.” Der Anflug eines Grinsens zeigte sich auf seinem Gesicht. Doch sogleich wurde er sich wieder der angespannten Stimmung gewahr. Kurz streckte er sich, dann stand er auf und trat auf die Ritterin zu. “Wir gehören einer neuen Generation an, Gellis. Der Uralte Adel verlässt seine Stammlande nur sehr ungern. Aber es gibt Wegbereiter… Mein Vetter hat sich der Politik geöffnet, bereits bevor er seiner Mutter auf den Grafenthron nachfolgte. Und ebenso scheint es sich mit dem Bruder seiner Hochgeboren Kaigh zu verhalten. Es gibt Ritter wie uns, Gellis. Und das gibt mir in der Tat Hoffnung.”

Die Ritterin nickte. “Ruan, vertrau doch auf uns. Wir werden unseren Weg finden, wenn sie uns lassen. Aber sie werden uns nur lassen, wenn wir sie überzeugen. Und das tun wir nur, wenn wir uns einig sind, wenn wir stark sind und ihnen zeigen, dass wir zusammengehören. Nicht, wenn wir zweifeln.” Sie machte eine kurze Pause. “Und warum zweifelst du, wenn du sagst, du würdest alles tun für uns?” Doch dann grinste sie und schüttelte den Kopf. “Wie soll ich aus dir nur schlau werden, Ruan Stepahan?”

“Indem du mehr Zeit mit mir verbringst?” Er zeigte den Anflug eines Grinsens. Dann wurde er für einen Moment wieder ernst. “Es tut mir leid, wenn ich dich verunsichert habe. Vielleicht war es falsch, mich dir so weit zu öffnen…” Er zögerte und blickte sie forschend an.

“Nein , war es nicht.”, sie sah ihn zärtlich an. “Ich möchte ja wissen, welch merkwürdige Gedanken in deinem Kopf herumschwirren. Wir werden das schaffen morgen! Wir beide werden auch nach dem Gespräch Seite an Seite stehen, jetzt erst recht, damit ich vielleicht irgendwann aus dir schlau werde.”

Verlegen senkte er den Kopf. “Ich.. glaube, ich muss erst einmal selbst aus mir schlau werden.” Vorsichtig nahm er Gellis’ Hand, während er mit der anderen zärtlich über ihren Arm streichelte. Dann ging er vor ihr in die Knie und hauchte einen zarten Kuss auf ihren Bauch. “Gleich der Eiche”, flüsterte er, ehe er sich wieder erhob. “Seite an Seite, wir drei.” Als er nun ihren Blick suchte, entdeckte Gellis’ etwas darin, das ihr bislang unbekannt war. Sie mochte diesen Ausdruck bereits viele Male in den Augen der Knappen und Knappinnen gesehen haben, während sie den Lektionen ihres Vaters lauschten, oder in den Gesichtern der Männer und Frauen, die auserkoren waren, dem Wald und der Fee zu dienen. Doch an Ruan wirkte er fremd. Und hatte sie auch zuvor noch seine ritterliche Moral in Zweifel gezogen, so offenbarte sein Blick ihr in diesem Moment die unwahrscheinlichste der zwölf Tugenden: Demut.

Die Ahawar lächelte zärtlich und schüttelte den Kopf, während sie in Ruans Augen sah. “Seite an Seite”, sagte sie. “Und jetzt hör auf, so unsicher zu sein. ‘Wir weichen nicht’.”

“Unsicher? Ich? Frechheit!”, entgegnete er mit gespielter Empörung und reckte das Kinn nach vorn. Ruan spürte, wie allein die Haltung ihm etwas von der Sicherheit wiedergab, die er gerade noch so schmerzlich vermisst hatte. Unwillkürlich musste er lächeln. “Besser?”, fragte er mit einem Seitenblick zu Gellis.

“Besser”, sagte sie und lächelte. “Und jetzt komm’, ich habe noch ein Versprechen einzulösen.”

“Soll ich dir zuvor noch ein Minnelied vortragen, um dich von meiner Tugendhaftigkeit zu überzeugen?”, entgegnete Ruan, während auch der Rest seines Körpers in die standesgemäße Haltung zurückfand. “Aber ich warne dich. Ich bin ein grauenhafter Sänger.” “Aber nicht hier”, sagte sie und blickte sich im Tempel um. “Sag, spielst du ein Instrument?” “Bedaure”, entschuldigend zuckte er mit den Schultern. “Dem Bardentum wird ganz offensichtlich in unserer Familie nicht ausreichend Beachtung geschenkt. Wie steht es mit dir?”, fragte er und bot ihr den Arm.

Sie sagte nichts und nahm seinen Arm. Als sie jedoch aus dem Tempel herauskamen, begann sie, zu singen. Sie hatte eine wundervoll helle Stimme und traf jeden Ton:

“Ich hab’ so manche kalte Nacht an fremden Feuern zugebracht und bot für etwas Bier und Brot im Tausche meine Lieder.
Ich sang von Liebe und vom Tod, von Adelsfest und Hungersnot. Erdacht für Helden grimmer Schlacht die bittersüßen Verse.
Und ich hörte wie zu meinem Lied ein Pfeifer seine Pfeife stimmt, entlockt fortwährend Töne so betrübt und doch zugleich so froh.
Der Wind singt von Albernia, wenn er von Westen weht. Und ich spiele meine Weisen, wohin die Reise geht.”

Ruan spürte, wie die Klänge ihm durch Mark und Bein gingen. Insbesondere nach der Stille des Tempels, schien Gellis’ Gesang ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück zu rufen. Und er schenkte ihm Zuversicht. Als sie geendet hatte, verharrte er, sichtlich gerührt.

Dann, einer Eingebung folgend, ergriff er ihre Hand und ging vor der Ritterin auf ein Knie. Ruan deutete einen Handkuss an, dann hob er den Kopf und suchte Gellis’ Blick, ehe er zu sprechen anhob:

“Nichts kann den Bund zwei treuer Herzen hindern,
Die wahrhaft gleichgestimmt.

Lieb' ist nicht Liebe,
Die Trennung oder Wechsel könnte mindern,
Die nicht unwandelbar im Wandel bliebe.

O nein! Sie ist ein ewig festes Ziel,
Das unerschüttert bleibt in Sturm und Wogen,
Ein Stern für jeder irren Barke Kiel,
Kein Höhenmaß hat seinen Wert erwogen.

Lieb' ist kein Narr der Zeit, ob Rosenmunde
Und Wangen auch verblühn im Lauf der Zeit,
Sie aber wechselt nicht mit Tag und Stunde,
Ihr Ziel ist endlos, wie die Ewigkeit.

Wenn dies bei mir als Irrtum sich ergibt,
So schrieb ich nie, hat nie ein Mann geliebt.”

Gellis stand gerührt vor Ruan, und er sah Tränen in ihren Augen. “Manchmal habe ich das Gefühl, wir erleben das, was andere Paare in Monden oder gar Jahren erleben in diesen wenigen Stunden, die wir nun schon miteinander verbringen durften.” Sie zog Ruan zu sich nach oben und flüsterte in sein Ohr. “Wir sollten schnell auf unser Zimmer gehen.”

“Jedes Eurer Worte spricht mir aus der Seele”, entgegnete Ruan, und mit einem kurzen Zwinkern in Richtung des Sternenzeltes geleitete er Gellis zur Schwarzen Fee.

Frohe Kunde

Feste Iauncyll, Ortis
Am Abend des 12. Travia 1042 BF

Am Abend, als sein Kammerdiener Rodowan Ahawar beim Zubettgehen half, begann er:

"Herr, ein Distelritter aus Sirdrim ist just angekommen und hatte Erstaunliches zu berichten. Eure Tochter und Ruan Stepahan sollen in Sirdrim angekommen sein, heute am späten Nachmittag. Beide in Kettenhemd und Wappenröcken, stolz auf ihren Pferden, sagte er. Und ihr erster Weg führte sie zur Ulme. Erst sprach nur Eure Tochter und legte ihre Hand an die Rinde der Ulme, dann folgte er ihr. Der Distelritter sagte, es mutete an, als würden sie beten. Dann öffneten beide lächelnd ihre Augen und gaben einander die Hand. Es soll ein erhabener Augenblick gewesen sein, sagte er, so dass er meinte, Euch Bericht erstatten zu müssen."