Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 04: Durch den Farindel

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Sanftes Erwachen

Gasthof Waldswacht, Albenhain
Am Morgen des 11. Travia 1042 BF

Als Gellis ihn weckte, war es noch früh am Morgen. Sie hatte geschlafen wie ein Stein, zum ersten Mal seit Draustein ohne Sorgen. Sie konnte einfach im Moment sein, und Ruan gab ihr Sicherheit. Auch jetzt, da er schlafend neben ihr gelegen hatte, fühlte sie sich beschützt, nicht allein. Erst strich sie zärtlich die Haare aus seinem Gesicht, um ihn schlafend betrachten zu können, doch alsbald wurde ihr klar, dass sie aufbrechen mussten, um nicht im Dunkeln ihr Ziel zu erreichen. Die nächsten 15 Meilen waren unberechenbar.

Aber ein wenig Zeit war noch. Und so begann sie, ihn zu küssen, erst die Hand, dann den Arm hinauf in Richtung Schulter. Es fühlte sich gut an, seine Haut, sein Geruch, wieder stieg Freude in ihr auf, ihn bei sich zu haben und zu wissen, was sie teilten.

Der Drausteiner schien nur langsam aus Borons Armen ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Doch schließlich begann er sich zu regen. Ruan tat einen wohligen Seufzer und streckte sich. Dann verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, und er öffnete die Augen. Sofort spürte er, wie sein Herz einen Sprung machte, als er Gellis erblickte. Zärtlich strich er mit der Hand über ihre Wange und betrachtete die Ritterin. Das letzte Mal hatte der Morgen gleichsam auch den Abschied bedeutet. Doch heute würden sie gemeinsam reisen. “Ich glaube, den weiteren Weg können wir uns sparen”, flüsterte er, und der Schalk blitzte aus seinen Augen, als er kurz verstummte, um ihre Reaktion abzuwarten. Dann jedoch zog er sie fest an sich und gab ihr einen Kuss. “Das Beste von Winhall habe ich längst kennengelernt.”

Sie erwiderte seinen Kuss lächelnd. "Jeder bekommt nun einmal, was er verdient. Und die Besten verdienen nur das Beste. Guten Morgen, Liebster." Die Nähe ihrer Körper ließ Gellis kurz zufrieden erschaudern. "Aber mich drängt es nach einem gemeinsamen Ausritt und einer anderen Unterkunft", sagte sie dann, nur um ihn dann innig zu küssen und mit den Lippen an seinem Ohr zu flüstern. "Aber noch würde ich ungern aufstehen."

“Müßiggang, und das schon so kurz nach deiner Rückkehr nach Albernia?”, entgegnete Ruan mit gespielter Empörung und schüttelte tadelnd den Kopf, nur um dann mit tiefer Stimme fortzufahren: “Ist es etwa das, wofür das Haus Ahawar bekannt ist, Gellis?

"Müßiggang?!? Was für eine unverschämte Unterstellung. Nach körperlicher Ertüchtigung stand mir eigentlich der Sinn. Wie kannst du mich nur so missverstehen, Ruan?", antwortete sie ihm in gleichem Tonfall.

“Um keine Ausrede verlegen”, grinste der Ritter, und ehe sich Gellis versah hatte er die Decke zurückgeschlagen und sich aufgesetzt. “Aber ich denke, man kann durchaus das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.” Und mit diesen Worten beugte er sich über sie und begann, ihren Bauch mit Küssen zu bedecken. Langsam glitten seine Lippen über ihre weiche Haut hin zu ihren Brüsten, wo sie kurz verweilten, nur um sogleich langsam wieder hinab zu wandern. Auf Höhe ihres Bauchnabels verharrte er und blickte Gellis mit verheißungsvollem Lächeln an. “Ist es in etwa das, was Euch vorschwebte, Hohe Dame?”, fragte er, während er zärtlich mit den Fingern über die Innenseite ihrer Schenkel strich. "Mhm", presste Gellis zwischen geschlossenen Lippen hervor, während ihre Hände seine Schultern massierten.

Ohne den Blick von ihren Augen zu lösen, ließ Ruan seine Linke allmählich weiter hinabwandern und hob sanft Gellis’ Bein an. Mit der Rechten strich er ihre Seite hinauf und begann, zärtlich ihre Brüste zu liebkosen, während sein Kopf sich langsam nieder senkte und seine Zunge spielerisch ihren Schoß erkundete.

Ruan spürte, wie Gellis' Körper jegliche Spannung verlor und sie sich ihm ganz hingab, sie hob sich ihm entgegen. Ihre Hände waren von den Schultern in seine Haare gewandert und hatten sich tief in ihnen vergraben.

Als er spürte, wie ihre Erregung stieg, griff sie unter die Achsel seines ausgestreckten Armes und deutete an, ihn nach oben ziehen zu wollen, er folgte ihrem Drängen bereitwilig und suchte sogleich ihre Lippen für einen langen und leidenschaftlichen Kuss, während ihre Hände über seinen Rücken nach unten glitten. Mit einem wohligen Stöhnen richtete Ruan sich auf und ergriff sogleich Gellis’ linkes Bein, um es sanft anzuwinkeln und zu sich heranzuziehen, so dass es auf seiner Hüfte zu ruhen kam. Seine Rechte strich derweil sacht ihr anderes Bein entlang, bis er sanft ihren Fuß ergreifen und zu seiner Schulter hinauf führen konnte. Kurz wandte er den Kopf und hauchte einen zärtlichen Kuss auf die warme, weiche Haut, doch sogleich suchte sein Blick wieder den ihren. Ruan schien kurz den Atem anzuhalten, als ihre Körper sich vereinigten, und für einen Lidschlag erlaubte er sich, die Augen zu schließen. Als er sie wieder öffnete und sich Gellis zuwandte, lag ein Feuer in seinem Blick, das gleichsam unbändige Lust und eine innige Verbundenheit ausstrahlte.

Gellis fühlte sich gefesselt und erregt von Ruans Blick, während sie ihr zweites Bein dem ersten folgen ließ. Ihre Hände legten sich derweil auf seinen Hintern und griffen fest zu, noch, ohne Druck auszuüben. Genau wie er zuvor, gönnte sie sich einen Moment des Innehaltens und schloss ebenfalls die Augen. Mit dem Öffnen ihrer Augen erhöhte sie ihren Druck und zog ihn an sich, dass er sich in ihr bewegte.

Ruans Atem ging stoßweise, und während ihre Körper in einen gemeinsamen Rhythmus fanden, wanderten seine Hände begierig über ihre nackte Haut. Sanft strichen sie ihre Schenkel entlang, während sein Blick zu ergründen suchte, ob er in dieser Position verweilen sollte oder ob es seiner Geliebten vielleicht noch nach etwas anderem gelüstete.

Ihre Augen fanden sich wieder und Ruan sah einfach nur Glück in ihren Augen. "Hör' jetzt nicht auf", flüsterte sie erregt und schob damit jeden weiteren Gedanken Ruans beiseite, der sich nun voll und ganz in Gellis’ Blick verlor, während sein Körper die Kontrolle übernahm. Ihre Lust fachte seine Begierde nur weiter an, und schon bald merkte der Ritter, dass er sich nicht mehr lange würde zurückhalten können. Seine Bewegungen wurden langsamer, gleichzeitig ließ er vorsichtig sein Becken kreisen, als er spürte, dass nun ihre Bewegungen ihn forderten und kurz darauf erlebten beide den Höhepunkt ihrer Lust.

Behutsam löste Ruan den Griff um Gellis’ Schenkel und ließ sich erschöpft und glücklich in eine Umarmung fallen. Lächelnd vergrub er seine Nase in ihrer Halsbeuge und hauchte einen Kuss auf ihre erhitzte Haut, ehe er seinen Kopf behutsam auf ihrer Schulter bettete. “Ich liebe dich, Gellis Ahawar”, flüsterte er zärtlich in ihr Ohr, “habe ich dir das eigentlich jemals gesagt?”

Gellis wurde heiß und kalt bei seinen Worten, und das Glück ihrer körperlichen Nähe wurde mit seinen Worten nur noch größer. Sie streichelte über seinen Rücken, als sie ihm antwortete. "Nein noch nicht. Es fühlt sich wundervoll an, wenn du das sagst. Ich bin so glücklich und liebe dich auch, Ruan Stepahan."

Ruan spürte, wie sein Herz leicht wurde. Er hob den Kopf und blickte Gellis mit strahlenden Augen an. “Und ich werde alles daran setzen, dass es noch lange so bleibt”, flüsterte er. Dann schien er kurz über etwas nachzudenken. Schließlich schlich sich wieder jenes jungenhafte Lächeln auf sein Gesicht, das er ihr schon im Drausteiner Tempel offenbart hatte. “Und wo wir gerade dabei sind”, er zwinkerte ihr zu und wandte sich dann kurz ab, um nach seinem Gepäck zu angeln. Als er damit keinen Erfolg hatte, erhob er sich seufzend von der Bettstatt. Für einen Moment kramte er in seinen Satteltaschen, dann schien er fündig geworden zu sein. Seine Hand schloss sich um einen kleinen Gegenstand, und als er sich wieder Gellis zuwandte, konnte sie sehen, wie er einmal schwer schluckte. Dann ging er vor dem Bett auf ein Knie und blickte sie offen an. “Wer wäre ich denn, über dein Schicksal zu verhandeln, ehe ich nicht die Frau gefragt habe, der mein Herz gehört. Gellis, ich würde mir nichts mehr wünschen als mit dir den Bund einzugehen, vor Rahja, Rondra und Travia, und von mir aus auch vor Farindel”, er grinste verlegen. “Aber ist es auch das, was du dir wünschst?” Mit diesen Worten öffnete Ruan die Hand und offenbarte einen rosafarbenen Edelstein, der in ein silbernes Metall eingefasst und an einer Halskette befestigt war.

Gellis, die sich erst auf den Ellenbogen gestützt hatte, setzte sich auf und rutschte zur Bettkante, Ruan gegenüber. Sie sah ihn einen Augenblick an, der sich wesentlich länger anfühlen mochte, und tatsächlich zeigte sich für einen Moment Verunsicherung auf dem Gesicht des Ritters. Dann lächelte sie, ihre Augen strahlten. "Von ganzem Herzen, Ruan." Tränen der Rührung standen in ihren Augen. "Von ganzem Herzen." Sie griff seine Hand, in der die Kette lag und küsste sie. Dabei stellte sie fest, dass Ruan merklich zitterte. Und tatsächlich schien er erst jetzt wirklich zu begreifen. Sichtbar bewegt streckt er seine freie Hand nach ihr aus und strich ihr zärtlich über die Wange. “Und ohne Ende”, ergänzte er leise, ehe er sie glücklich in die Arme schloss.


"Wir sollten aufbrechen", sagte Gellis, nachdem Ruan ihr die Kette angelegt hatte und sie sich noch einmal ins Bett gekuschelt hatten. "Der Weg ist anstrengend und seine Länge nicht immer gleich."

“Wie bitte?” Verwirrt blickte Ruan sie an. “Was meinst du mit… nicht immer gleich? Etwa Feenwerk?” Der Ritter merkte ein mulmiges Gefühl in sich aufsteigen, und insgeheim dankte er Phex dafür, dass der Listenreiche Gellis und ihn bereits hier zusammengeführt hatte. Wer wusste schon, ob er sonst je sein Ziel erreicht hätte.

Gellis nickte leicht und war froh, dass sie ihm entgegen geritten war, als sie seine Verunsicherung sah. "Ruan, wir reiten heute durch den Farindelwald." “Nun”, meinte dieser und räusperte sich, “immerhin gehen wir gemeinsam verloren.” Zweifelnd blickte er sie an. “Muss…, muss ich irgendetwas wissen? Irgendwelche Regeln befolgen?” "Wir gehen nicht verloren", sagte sie zuversichtlich und lächelte ihn aufmunternd an. "Bleib auf dem Weg und zerstöre nichts, dann ist alles gut." Sie strich ihm noch einmal über die nackte Brust. "Dann mal los!", sagte sie zuversichtlich, küsste ihn kurz, schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Und setzte sich sofort wieder. "Bei der jungen Göttin, ist mir übel", fluchte sie und senkte den Kopf in die geöffneten Hände.

Durch den Farindel

Zwischen Albenhain und Feyrenwall
11. Travia 1042 BF

Nur nach zäher Verhandlung war es Gellis gelungen, Ruan davon zu überzeugen, dass sie nur von Tsa gesegnet und nicht krank war und durchaus in der Lage, zu reiten. Doch auch als sie Albenhain lange hinter sich gelassen hatten, spürte die Ritterin noch immer seinen wachenden Blick auf sich ruhen.

Den ersten Teil des Weges durch den dichten, dunklen Wald verbrachten sie größtenteils schweigend, wobei Ruan ihre Umgebung fortwährend kritisch beäugte. Er konnte nicht viel erkennen, doch hatte er den Eindruck, immer wieder etwas im Wald huschen zu sehen. Aber es war zu dunkel. Es gelangte kaum mehr Licht durch die Zweige. Und tatsächlich wurde es nach einiger Zeit so düster, dass Ruan sein Zeitgefühl vollends verlor. Gleichzeitig zeigte er sich beinahe ehrfürchtig darauf bedacht, dass sein Ross keinen der auf dem Weg liegenden Äste zertrat, was immer wieder dazu führte, dass er hinter Gellis zurückfiel. "Lass deinem Pferd mehr Raum, Weg und Geschwindigkeit zu finden. Sie haben ein Gespür dafür. Auch, wenn sie nicht von hier sind. " Gellis hatte ihrem Pferd gedeutet, anzuhalten und wartete, sich ihm im Sattel zugewandt, dass er aufholen konnte. Sie waren beide gute Reiter, was die Ahawar froh stimmte. "Und auch wenn es schneller oder langsamer strebt, lass es, im Gegensatz zu sonst. Ein durchgehendes Pferd mag hier schon Leben gerettet haben."

Ruan hob skeptisch eine Augenbraue, nickte dann aber zögernd. “Ich hoffe nur, dass mein Pferd sich dabei an deines hält”, er bemühte sich um ein Lächeln. “Wärest du mir nicht entgegen geritten…, ich bin mir nicht sicher, ob ich Ortis jemals erreicht hätte. Und da hätten auch die Männer und Frauen nichts ausrichten können, die mein Bruder mir als Bedeckung mitschicken wollte”, fügte er mehr zu sich selbst hinzu.

"Ich hätte dir jemanden entgegen geschickt, hätte ich nicht selbst kommen können, glaub mir! Diesen Weg sollte niemand allein nehmen, der nicht von hier kommt", sagte Gellis ernst. "Bedeckung ist hier nichts wert, Ortskundige sind die, die man hier braucht."

Gellis' Pferd begann derweil, als Ruan sie wieder eingeholt hatte, mit dem Kopf zu schlagen. "Oh, sie scheint genug gewartet zu haben. Lust auf einen frischen Galopp?", fragte Gellis und ohne eine Antwort zu erwarten, lief ihr Pferd los. Dem jungen Stepahan blieb derweil nichts anderes übrig als seinerseits die Zügel zu lockern und sein Ross anzutreiben, und mit einem “Rahja steh mir bei” tat er wie ihm geheißen und fügte sich in sein Schicksal.

Die Tiere streben zuverlässig voran und das schnelle Vorbeiziehen der Umgebung hatte irgendwann etwas beruhigendes. Nach einiger Zeit parieren sie wieder zum Schritt, der Weg war etwas breiter geworden und sie konnten nebeneinander reiten. Beruhigt stelle Ruan fest, dass Gellis' Gesichtsfarbe wieder rosiger geworden war, sie griff gar in ihre Satteltaschen und holte zwei Äpfel hervor, von denen sie Ruan einen reichte. "Auf dem Weg werden wir am Turm Aruindrim vorbei kommen", sagte sie zwischen zwei Bissen. "Er ist ein Wachtturm über diesen Pfad hier. Auf dem Gelände des Turms ist in Ruinen des alten Turmes, der in den Wirren um den Roten zerstört wurde ein Brunnen. Eigentlich gilt es nur von Rahja nach Efferd, aber, da du diesen Weg zum ersten Mal reitet, wäre es angemessen. Man opfert dort einen persönlichen Gegenstand, in dem man ihn in den Brunnen wirft, als Pfand und Dank für die Sicherheit des Weges. Willst du das tun? Dann kannst du auf unserem weiteren Weg bis dorthin überlegen, was."

Fasziniert lauschte Ruan ihren Worten. “Natürlich”, nickte er dann ohne zu zögern, “ich werde doch das Glück nicht herausfordern.” Er schien zu überlegen. “Was hast du geopfert? Auf deinem Weg nach Albenhain? Oder darf man darüber nicht sprechen?”

"Doch, sicher. Aber mit Glück hat das wenig zu tun, Ruan, es ist Wohlwollen, kein Glück. Ich habe mir angewöhnt, meinen Haarschmuck zurückzulassen. Gestern noch hatte ich eine schöne Spange." Jetzt war es ein grünes Seidenband, mit dem sie ihr Haar zusammenhielt, wusste Ruan.

“Also nicht so persönlich.” Der Ritter schien erleichtert. “Ich denke, da wird sich etwas finden. Solange sie nicht unser Erstgeborenes von uns fordern”, versuchte er sich an einem Scherz, bereute seine Worte jedoch sogleich. “Verzeih”, beeilte er sich nachzusetzen, “das war dumm von mir. Ich bin nur ein wenig… unsicher im Umgang mit den Andersweltlichen.”

Die Winhallerin ließ Ruans Äußerung unkommentiert und sie ritten weiter. Irgendwann wurde der Weg wieder schmaler und es war nicht mehr möglich, nebeneinander zu reiten.

Kurz darauf stellte Ruan fest, dass er nichts mehr hörte im Wald außer seines eigenen Atems, dem Klirren ihrer Kettenhemden und dem Hufschlag der Pferde auf dem Waldboden, der Wald war verstummt. Düster und still lag er rechts und links von ihm. Kein Vogel war zu hören, kein Knacken im Unterholz, nichts. Nur er und Gellis und um sie herum dichtester Wald.

Auf dem Weg bleiben, nichts zerstören’, wiederholte er im Kopf wieder und wieder Gellis’ Worte. Doch was war, wenn eine der Holden die Störung dennoch nicht dulden würde? Ruan stieß hörbar die Luft aus. Das Geräusch erschien ihm unangemessen und sogleich bereute er, sich überhaupt bemerkbar gemacht zu haben. So musste es anderen gehen, wenn sie das erste Mal in die Havener Unterstadt kamen… wobei, dort warteten immerhin nur derische Gefahren… Um sich abzulenken, konzentrierte sich der Ritter auf einen Punkt an Gellis’ Sattel. Er blickte weder links noch rechts. ‘Wenn ich sie nicht sehe, bemerken sie mich vielleicht auch nicht’, ging es ihm durch den Kopf, doch sogleich kam ihm dieser Gedanke kindisch vor. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. “Ist es noch weit?”, flüsterte er, und als Gellis nicht reagierte, nahm er allen Mut zusammen und wiederholte in lauterem Ton: “Ist es noch weit, Gellis?”

"Ich weiß es nicht", sagte sie ruhig und mit Gelassenheit in der Stimme. "Der Wald ist immer anders und es gibt keinen Sonnenstand, an dem man sich orientieren könnte." Für einen kurzen Moment war es wieder still, doch dann vernahm er von Gellis ein geflüstertes "Ruhig, Ruan. Hörst du das?"

Von Gellis darauf aufmerksam gemacht, konnte Ruan ein Donnern hören. Nein, kein Donnern, es waren schnelle Hufschläge auf dem Waldboden. Wie von Zauberhand schienen die Bäume und Äste rechts vor ihnen zu weichen und gaben ihnen die Möglichkeit, den Weg freizugeben. Gellis' Pferd nutzte dies sofort und auch Ruans Tier strebte darauf zu, was dieser nur zu gern zuließ.

Es wurde immer klarer, dass es sich um schnell rennende Tiere handelte, die auf sie zukamen. Er und Gellis standen in der Bucht, die der Wald für sie freigegeben hatte, als Gellis sich zu ihm umdrehte und ermutigend lächelte. "Lass den Pferden ihren Willen, gut so. Und auch jetzt, vertrau den Tieren, egal, was…" Weiter kam sie nicht, denn es tauchten Reiter auf, sie trugen keine Wappen, machten jedoch den Eindruck, kampferprobt und -bereit zu sein. Es waren drei, die mit gezogenen Waffen auf sie zu galoppierten.

Ruan, dessen Hand bereits in Richtung seiner Waffe gezuckt war, wusste, wie sein Pferd sonst auf eine solche Situation reagierte. Doch jetzt schaute es nur einmal kurz auf, registrierte die Reiter, aber dann senkte es den Kopf und blieb entspannt mit hängendem Kopf stehen, als würde ihn all das nichts angehen. Verwirrt hielt der Stepahan inne.

Und tatsächlich hatten die Schurken es nicht auf sie abgesehen, sondern sie flohen vor etwas, so machte es den Eindruck. Und dann sah Ruan auch, wovor.

Es waren Wölfe, sechs an der Zahl, und doch waren es keine richtigen Wölfe, sie liefen anders, und eines der Wesen sah ihn kurz mitten im Lauf an. Ihr Blick war nicht der eines Tieres, er war... anders. Doch noch während er versuchte, zu verstehen, war die wilde Jagd an ihnen vorbei gerauscht. Die Pferde schnauften und traten zurück auf den Weg, um ihren Weg fortzusetzen, die Bucht im Wald schloss sich wieder und die Geräusche des Waldes kehrten zurück.

Ruan hingegen rührte sich nicht. Dieser Blick… Er versuchte sich zu entsinnen, ob er jemals von Sagen oder Legenden gehört hatte, die das soeben Gesehene in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen vermochten. Doch sein Kopf war leer. “W...was waren das für Wesen?”, brachte er mühsam hervor, während er noch immer wie erstarrt im Sattel saß.

"Biestinger", sagte Gellis, mit ebenfalls bewegter Stimme. "Sie sind ihre Geschöpfe, bewachen und schützen. Manchmal sind sie gar ihr Sprachrohr."

Ruan nickte. Langsam, sehr langsam spürte er, wie die Anspannung aus seinem Körper wich. Dann erst wurde ihm bewusst, was Gellis soeben gesagt hatte. “Moment, sie reden?” Er blickte sie mit großen Augen an.

"Manche von ihnen, ja", sagte sie, während sie sich im Sattel zu ihm umdrehte. Er sah ihr Gesicht, bewegt vom Erlebten, aber er sah keine Überraschung oder Furcht darin.

“Bewundernswert”, murmelte er, und es war nicht klar, ob er von den Biestingern oder von Gellis sprach. Er suchte Halt in ihrem Blick, brachte sogar ein schmales Lächeln zustande. Wie sehr er sich in diesem Moment wünschte, sie in seine Arme zu schließen, die vertraute Nähe zu spüren. Doch sein Verstand trieb ihn vorwärts. “Werden sie zurückkehren?”, fragte er in noch immer brüchigem Tonfall.

"Nicht wegen uns", lächelte sie und sagte dann schlicht, "sonst hätte es keine Ausweichmöglichkeit für uns gegeben."

Ruan erwiderte ihr Lächeln. “Das heißt dann wohl, dass ich die erste Prüfung bestanden habe?” "Ja, scheint so", sagte sie und sie ritten weiter, beide erleichtert über den ruhigen weiteren Weg.

Es war Nachmittag, als Gellis und Ruan den Waldrand und damit Aruindrim erreichten. Hinter ihnen der Wald lag vor ihnen die Aulandschaft eines Flusses, Ruans Vorstellung des Weges nach musste es der Tommel sein. "Geschafft", sagte Gellis erleichtert, "rechter Hand siehst du Turm Aruindrim und dort hinten liegt unser heutiges Ziel, Feyrenwall." Sie zeigte in Richtung eines Dorfes in einigen Meilen Entfernung, das zu Füßen einer recht imposant anmutenden Burg lag, die allerdings ähnlich düster, wie der Wald hinter ihnen anmutete.

Gellis schien kurz in Gedanken, dann grinste sie Ruan an. "Hoher Herr, steht Euch der Sinn danach, um Gastung auf Burg Feyrenwall beim Baron von Niamor zu ersuchen oder lasst Ihr Euch herab, in einem dörflichen Gasthof zu nächtigen?"

“Mit Euch an meiner Seite, Hohe Dame, wird jedes noch so einfache Strohlager mir zum Himmelbett”, feixte der Drausteiner, wurde dann jedoch für einen Moment ernst. “Die Baronsgemahlin ist eine Anverwandte, ich sollte zumindest auf dem Rückweg dort meine Aufwartung machen… auch wenn es nicht gerade einladend wirkt”, fügte er etwas leiser hinzu.

Auch Gellis wurde ernst. "Stimmt, sie ist eine vom Draustein, ich vergaß, entschuldige. Deine Entscheidung, Ruan, nicht, dass wir die Etikette verletzen. Aber der Rückweg wäre mir ebenfalls recht, dann könnten wir uns vorher ankündigen."

“... und du hättest noch Gelegenheit, mich auf den Antrittsbesuch bei deinem Vater vorzubereiten”, fügte er an. “Oder ist schon alles darüber gesagt?” Fragend blickte er sie an.

"Nein, ich denke das ist es noch nicht", sagte sie zustimmend. "Dann hoffen wir mal, dass das eine Zimmer noch frei ist im Tommelwacht. Aber erst der Brunnen", meinte sie dann und lenkte ihr Pferd hin zu einer kleinen Ruine, in der ein Brunnen zu sehen war. Im Reiten noch löste sie ihr Haarband.

Für einen Moment schien es, als hätte Ruan die notwendige Opfergabe bereits wieder vergessen gehabt, und tatsächlich hatte die Begegnung mit den Biestingern ihn erfolgreich davon abgehalten, länger über seinen Pfand nachzudenken. Er wollte Gellis schon um einen Moment Bedenkzeit bitten, als ihm ein Gedanke kam. Rasch griff der Ritter nach seiner Gürteltasche und schüttelte sie leicht. Dann machte er sich lächelnd daran, Gellis zu folgen.

Diese hielt vor dem Brunnen an und wartete auf Ruan. Sie gingen gemeinsam hinüber und Gellis ließ ihr Haarband wortlos in den Brunnen fallen und sah dann Ruan auffordernd an.

Dieser öffnete mit geschickten Fingern die Schließe seiner Gürteltasche und griff hinein. Mit einem zufriedenen Nicken präsentierte er seine Rechte, die zur Faust geballt war, und als er diese nun leicht schüttelte, konnte Gellis ein leises Klappern vernehmen. Ruan zwinkerte ihr lächelnd zu, dann streckte er seinen Arm über den Rand des Brunnens und ließ drei beinerne Würfel hineinfallen. Anschließend trat er einen Schritt auf Gellis zu und nahm ihre Hand. “Prüfung Nummer zwei”, flüsterte er und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Diese erwiderte diesen und lächelte ihn glücklich an.

Die letzten Meilen nach Feyrenwall waren eine Erleichterung im Gegensatz zum Ritt im Wald. Die Sonne hatte zwar nicht mehr so viel Kraft und stand schon tief, aber sie schien und verwöhnte Gellis und Ruan geradezu nach dem dunklen und kühlen Wald. Auf einigen Weiden am Tommel graste Vieh, Fischer waren auf dem Fluss zu sehen. Der junge Stepahan spürte, wie eine Woge des Glücks ihn erfasste. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen, um die Wärme der Sonnenstrahlen in sich aufzunehmen, und nicht zum ersten Mal auf seiner Reise dankte er dem Listenreichen dafür, dass er ihn bis hierher geleitet hatte.

Namensfragen

Herberge Tommelwacht, Feyrenwall
Am Abend des 11. Travia 1042 BF

Das Tommelwacht war eine recht kleine Herberge, aber sie war sauber. Wirt und Wirtin überschlugen sich regelrecht vor Aufmerksamkeit den beiden adeligen Gästen gegenüber. Nach einem guten Abendessen, das Gellis mit Appetit aß, bot man ihnen gar einen Zuber an. So kam es, dass beide erst dort wieder einen Moment zu zweit fanden.

Mit einem wohligen Seufzen ließ sich Ruan in das warme Bad sinken. “Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du einiges auf die Beine gestellt hast, um mir die Annehmlichkeiten und den Zauber Winhalls näher zu bringen”, grinste er, und zog Gellis zu sich heran, um ihr einen Kuss zu geben. “Ich hoffe nur, dass dieser Eindruck auch nach unserer Ankunft in Ortis anhält. Wobei meine größte Sorge momentan wohl die sein sollte, wie ich es schaffen soll, lange genug die Finger von dir zu lassen.” Zärtlich strichen seine Hände über ihren Rücken. “Du sagtest, dein Vater ist sehr standesbewusst und gibt viel auf die Familienehre. Gibt es sonst noch etwas, auf das er Wert legt?”

"Die meisten Adeligen bitten tatsächlich auf Gastung auf der Burg. Aber genau deine Sorge ist auch die meine, ich sehne mich noch immer viel zu sehr nach dir, als das ich deine Aufmerksamkeit heute schon mit anderen teilen könnte, bei einem Adelsbankett beispielsweise." Sie musste kurz über die Erinnerung lächeln."Ich war beim Treffen der Besten schon so ungeduldig, mit dir allein sein zu können. Heute würde ich es nicht aushalten." Ihre Finger glitten langsam von seinem Knie aufwärts und sie lächelte ob seiner Reaktion darauf.

Dann ließ sie wieder von ihm ab, gab ihm einen Moment, sich zu beruhigen und fuhr dann ruhig fort."Vater geht auf die siebzig Götterläufe zu, aber er ist noch Kräftens genug, die Knappen mit dem Zweihänder auf dem Hof vor Herausforderungen zu stellen. Man merkt, dass er ein Veteran ist, der viele Schlachten geschlagen hat. Die Schlacht an der Trollpforte oder die Schlacht um Winhall gegen die Orks. Er ist dem Haus Fenwasian und Farindel immer treu, berät den Grafen und diente nach der Hochzeit der Gräfin als Ritter und geleitete und schützte sie auf Reisen."

Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort."Er ist Vogt von Weyringen und des Landes Winhall. Im Grunde sind Treue, Stolz und Stärke die Attribute, die ihm am Wichtigsten sind."

Es fiel Ruan in der Tat schwer, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. Immer wieder betrachtete er Gellis versonnen und ertappte sich dabei, wie zwar nicht seine Hände, wohl aber seine Gedanken auf Wanderschaft gingen. ‘Das hier ist wichtig, verdammt’, rief er sich ins Gedächtnis und fuhr sich seufzend mit der Hand durchs Haar, ehe er seinen Blick zur Decke richtete, um über das Gesagte nachzudenken. “Treue, Stolz und Stärke”, wiederholte er. “Meinst du, dass es ihm übel aufstoßen könnte, dass ich mich nicht dem Feldzug in den Osten angeschlossen habe? Alles, was ich in dieser Hinsicht vorzuweisen habe, ist wohl meine Teilnahme am Zug der Edlen in die Wildermark.” Er grinste und sah sie nun wieder direkt an. “Damals allerdings noch als Knappe.”

"Warst du denn nicht zum Aufbruch des Feldzugs schon an der Seite der Fürstgemahlin und musstest bei ihr bleiben aus deinem Amt heraus? Und am Ende der Heckenfehde, war sie da nicht auch beteiligt? Und du?", riet Gellis eher, als dass sie wirklich etwas darüber wusste.

“Das stimmt schon”, nickte Ruan, “ich erhielt meinen Ritterschlag auf dem Heerlager zu Honingen und wurde im Anschluss daran umgehend vom Fürsten an Talenas Seite berufen. An der Heckenfehde war ich, anders als mein Bruder, nur indirekt beteiligt. Natürlich habe ich die Fürstgemahlin begleitet, als sie schlichtend eingriff, und ich war Zeuge des Kampfs der Zwölf. Allein, gefochten habe ich dort nicht”, gab er kleinlaut zu.

Gellis zuckte mit den Schultern. "Aber ich glaube nicht, dass es darum wirklich geht. Er weiß, genau so gut wie du, dass ich keine langweilige Edeldame bin und du sollst schließlich bald mein Ehemann werden und nicht mein Leibwächter. Du bist der Leibritter der Fürstgemahlin, Ruan. Ein besseres Sinnbild von Treue und Verbundenheit zur Familie gibt es doch fast gar nicht."

“Und was ist mit der Stärke?”, fragte der Drausteiner skeptisch. “Ich fürchte, mit Manneskraft allein kann ich ihn wohl nicht überzeugen.” ‘Verdammt’, fuhr er ihm durch den Kopf. ‘Du solltest wirklich langsam wieder in deine Rolle zurückfinden, sonst wird das ein Desaster.

“Verzeih”, meinte er dann geknickt. “Ich geb mir wirklich Mühe. Wenn ich deinen Schilderungen lausche, denke ich, dass er in vielen Dingen Graf Arlan nicht unähnlich sein dürfte. Vermutlich wird es im Gespräch mit ihm wichtig sein, zwar höflich, aber bestimmt aufzutreten und auch bei kritischen Fragen nicht gleich einzuknicken. Richtig?”

"Es gibt nicht zu verzeihen. Es ist doch noch gar nichts passiert. Also, naja, zumindest nicht in Bezug auf meinen Vater", lächelte sie und zwinkerte ihm zu. "Lass uns so sein, wie wir es zu Beginn des Banketts waren. Wir beide kennen uns, wir wissen wie wir sind. Alle anderen kennen uns anders, lass uns so sein, wie sie es erwarten. Das können wir doch, nur bisher noch nicht zusammen."

“Ich weiß, dass du Recht hast. Und ich bin sicher, dass die Anwesenheit deines Vaters vieles durchaus einfacher machen wird”, entgegnete Ruan grinsend und zog sie an der Hüfte zu sich heran, um ihr einen Kuss zu geben. Dann jedoch ließ er wieder von ihr ab. “Es gibt eine Sache, die ich nicht einzuschätzen vermag. Ich habe es schon gestern kurz angesprochen. Ich gehe davon aus, dein Vater wird alles daran setzen, dass das Haus Ahawar fortbesteht. Und unsere Kinder”, er stutzte kurz, als ihm bewusst wurde, dass er bereits von der Mehrzahl sprach, “oder zumindest unser Kind”, korrigierte er sich sogleich und streichelte ihr liebevoll über den Bauch, “dürfte der Schlüssel dazu sein. Wir sind in etwa von gleichem Rang. Legitimierte Bastarde ohne Lehen. Die Frage, welchen Namen unsere Kinder tragen werden, lässt sich also nicht ohne weiteres lösen.” Hilfesuchend blickte er sie an.

"Wahrscheinlich", sagte sie nachdenklich. "Können wir es nicht so halten, wie der Herzog der Nordmarken?"

“Du willst, dass ich möglichst viele Bastarde in die Welt setze?”, scherzte Ruan.

"Untersteh dich!", sagte sie und drohte ihm mit der Faust. "Ich meine bezüglich der Nachnamen der Kinder, du… Ich, ich möchte meine Familie nicht aufgeben, aber ich möchte auch nicht, dass du es tun musst. Und ich denke, wir sind uns einig, dass es nicht bei einem bleibt, nicht wahr?"

“Nicht wenn ich es verhindern kann”, lächelte der Drausteiner. Dann ergriff er ihre Hand und legte die andere behutsam auf ihren Bauch. “Aber für den Fall, dass unser Glück nicht andauern wird, möchte ich sicher gehen, dass…”, er stockte, “ich möchte dass es deinen Namen trägt.” Für einen Moment lag ein feierlicher Ernst in Ruans Stimme, doch sogleich verzog sich sein Mund wieder zu einem schelmischen Grinsen, als er beinahe beiläufig anfügte: “Um die anderen können wir ja würfeln.”

"Na, dann weiß ich ja, wie sie heißen werden", scherzte sie zurück. "Ich danke dir für dein Entgegenkommen", fuhr sie dann ernst fort, während ihre Hand sich auf seine auf ihrem Bauch legte. "Glaubst du, das wäre etwas, das deine Familie auch akzeptieren würde? Ohne, das Würfeln zu erwähnen, selbstverständlich."

“Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich mich ungern zu Angelegenheiten äußere, die nicht allein in meiner Macht stehen”, erwiderte Ruan und blickte Gellis offen an. “Aber ich kann dir versprechen, dass ich dafür einstehen werde, egal ob sie es billigen oder nicht. Und ehrlich…, ja, vermutlich könnten sie ihnen den Namen ‘vom Draustein’ verwehren, wenn sie es drauf anlegten. Aber glaubst du wirklich, Graf Arlan würde sich die Blöße geben, um den Namen unseres Kindes zu streiten?”

Gellis hob die Schultern und schien ehrlich ratlos und unsicher. "Ich kenne ihn nicht, ich weiß es nicht. Mir ist nur wichtig, dass wir uns einig sind, damit wir einig auftreten können, damit wir nicht einknicken."

Ruan machte ein zerknirschtes Gesicht. “Wenn es nur nach mir ginge, würde ich ihnen allen mit Freuden deinen Namen geben. Allein, das Haus Stepahan ist ahnenstolz, und das betrifft insbesondere auch die Namensgebung.” Hilflos zuckte er mit den Schultern. “Es wäre so viel einfacher, wenn es eine Besitzung gäbe, irgendetwas Kleines. Ein Rittergut. Etwas, das du vererben könntest. Aber dein Vater ist nicht in der Lage, dir ein solches zu gewähren, nicht wahr? Ach, und es würde es auch nicht einfacher machen. Schließlich sollst du doch mit mir nach Havena gehen. Es ist vertrackt”, schloss er mit missmutigem Gesichtsausdruck.

"Es gäbe noch einen Weg", sagte Gellis. "Wir schließen den Traviabund nach der Geburt. Aber so schnell möchte ich nicht aufgeben." “Auf gar keinen Fall!”, entfuhr es Ruan. “Unser Kind wird nicht unser Schicksal teilen.” Durch seinen Ausruf erst schien sie zu realisieren, was Ruan da gerade gesagt hatte und sie sah ihn fassungslos an. "Oh, Ruan, wie habe ich dich verdient? Wirklich? Du hättest kein Problem damit, wenn unsere Kinder den Namen meiner Familie trügen?", sie schien vollkommen überrascht.

Ruan schwieg für einen Moment. Ja, das hatte er gesagt. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie sehr die Begegnung mit Gellis ihn verändert hatte.. oder doch nicht? “Ich”, begann er zögernd. “Nein, ich denke nicht.” Er holte tief Luft. “Gellis, ich glaube, meine Beweggründe sind ein wenig anders als deine.” Behutsam nahm er ihr Gesicht in beide Hände und gab ihr einen zärtlichen Kuss. “Ich treffe Entscheidungen in der Regel nicht aus dem Bauch heraus. Vielmehr stelle ich mir die Frage, welcher Weg den größten Nutzen bringen würde… In unserem Fall heißt das: Was könnte im schlimmsten Fall passieren, wenn unsere Kinder nicht den Namen meiner Familie tragen?” Er hielt inne und blickte sie forschend an.

Sie schien nachdenklich. "Uns? Dass wir doch durchbrennen müssen, weil sich eine unserer Familien gegen unseren Bund stellt? Den Kindern? Dass sie nicht Mitglied einer Grafenfamilie sind, sondern einer Familie, die zu den engsten Vertrauten eines anderen Grafen gehören? Ich weiß es nicht, Ruan."

“So in etwa”, nickte Ruan. “Ich weiß, was meine Familie einem Kind ermöglichen kann. Das heißt nicht unbedingt, dass sie es besser haben würden.” Er zuckte mit den Schultern. “Es ist nur..., deinem Haus gegenüber Forderungen zu stellen, fällt mir ungleich schwerer. Vielleicht wäre es klug, zunächst die Vorstellungen unserer beiden Häuser anzuhören und dann eine Entscheidung zu treffen. Wir würden mit einer Stimme sprechen, ohne vorschnell zu handeln. Was meinst du?”

"Mein Vater möchte die Ahawar durch mich fortgeführt wissen, glaube ich. Aber gleichzeitig blickt er auch irgendwie ehrfürchtig auf dein Haus und ist stolz, dass du an meiner Seite sein wirst. Ich kenne mich zu wenig mit Politik aus, Ruan. Das überfordert mich. Ich will uns und irgendwie will ich es allen irgendwie recht machen. Und eigentlich will ich nur dich und ich will, dass wir glücklich sind, als Familie." Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, sah er Gellis unsicher.

“Das will ich auch”, entgegnete Ruan mit ruhiger Stimme und schloss Gellis in seine Arme. Eine Weile schwieg er, hielt sie einfach nur fest und küsste immer wieder zärtlich ihr Haar, während es in seinem Kopf arbeitete. Dann schien er eine Entscheidung getroffen zu haben. “Wir werden offen mit deinem Vater sprechen”, flüsterte er in ihr Ohr. “Wir werden ihm zeigen, dass wir uns unseres Privilegs bewusst sind, zum alten und uralten Adel zu gehören. Und wir werden ihm klar machen, dass wir uns ebenso der Pflichten bewusst sind, die damit einhergehen. Dazu gehört, dass wir auch unsere Kinder in eben dieser Gewissheit erziehen.” Er hielt inne. Und sie setzte an, jetzt selbstsicher. "Und dazu gehört, dass sie sich ihrer beider Herkunft bewusst sind und nicht nur einer. Und das erreichen wir nur, wenn nicht alle den gleichen Namen tragen, wenn wir sie jeweils einem Zweig zugehörig erziehen und trotzdem eine Familie sind."

“Und das soll funktionieren?”, fragte Ruan ehrlich erstaunt. “Was aber, wenn unser Erstgeborenes den Ruf des Waldes nicht vernimmt? Was, wenn das Zweitgeborene dafür umso eher geeignet wäre, den Namen Ahawar fortzuführen? Was ist eigentlich mit dem Rest deiner Familie?”, fragte er unvermittelt.

"Aber wir können ihnen doch nicht erst einen Nachnamen geben, wenn wir wissen, zu welcher Familie sie besser passen. Ach, Ruan, ich weiß es doch nicht." Sie suchte wieder Halt bei ihm und lehnte sich an seine Brust. "Wir sprechen mit Vater. Aber er kann mich nicht beerben, es sind zwei Vogtämter, die er hat. Er kann mich auch nicht belehnen, beides kann nur die Distel. Und deine Familie stellt einen Grafenthron und dient ihm nicht nur. Aber verstehst du, ich habe mir diesen Namen verdient, erkämpft, ich… ich kann… es fällt mir schwer, ihn womöglich nicht weitergeben zu können. Andererseits ermöglicht er mir, dass wir hier uns überhaupt ernsthaft über einen Traviabund Gedanken machen können. Und wir verzweifeln an den Namen unserer Kinder." Sie lachte verzweifelt mit Tränen in den Augen auf.

Ruan hatte sich selten so hilflos gefühlt. Immer wieder strich er ihr über das Haar, während er innerlich verfluchte, nicht als namenloser Ritter geboren zu sein. Natürlich könnte er verzichten, und damit ziemlich sicher den Unmut seiner Familie auf sich ziehen. Aber etwas hielt ihn zurück. ‘Lass uns etwas von der Leichtigkeit bewahren’, hallten seine eigenen Worte in seinem Kopf, als wollten sie ihn verhöhnen. Er lachte bitter auf.

Dann schoss plötzlich ein ganz anderer Gedanke durch seinen Kopf. Was war denn das Schlimmste, das ihm passieren konnte? Mit einem Mal sah Ruan klar. “Gellis”, sagte er entschlossen und strich ihr die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht. “Egal, was passiert, es gibt nur eines, das ich ganz sicher will.” Er blickte ihr fest in die Augen. “Und das bist du. Was hilft es mir, wenn ich eine wohlwollende Familie in meinem Rücken habe, wenn ich damit der Frau, die ich liebe, Kummer bereite.” Er räusperte sich. “Ich werde verzichten, Gellis. Und mit Glück finden wir etwas, das dein Vater meiner Familie dafür anbieten kann. Und wenn nicht… was soll’s.”

"Nein Ruan, triff diese Entscheidung nicht, bevor wir nicht wissen, dass es einen anderen Weg gibt, bitte. Ob es ein 'Wir' gibt, steht außer Frage. Ich liebe dich, und ich werde mit dir zusammen sein. Mein Vater sagte zu mir, er fordere, dass ich mein Erbe nicht vergesse, meine Aufgabe gegenüber der Distel und dem Wald nicht aufgebe. Und er möchte das Erbe auch bei seinen Enkeln fortgesetzt sehen. Und er sagte auch, dass ich vorsichtig sein soll, ob der Forderungen des Hauses Stepahan in Verbindung mit unserem Bund. Ich glaube, ihm ist vieles bewusst und er ist auf Verhandlungen eingestellt. Aber er begrüßt unseren Bund." Gellis schwieg einen Moment und fragte Ruan dann."Glaubst du, dass ein Stepahan von deiner Familie aus ein Distelritter werden dürfte?"

“Schwer vorstellbar”, gab Ruan offen zu. “Aber natürlich kann man darüber verhandeln.” Er wirkte mit einem Mal sehr müde. “Ich stehe zu meinem Wort”, meinte er nur und massierte seine Schläfen. “Und ich bin mir recht sicher, dass jeder Vorschlag, die Traditionen unserer Familien zu durchmischen, eher auf Ablehnung stoßen würde als ein einzelner, verirrter Spross, den die Liebe blind gemacht hat.” Er versuchte sich an einem Lächeln.

Gellis ebenso, doch mochte es ihr nicht recht gelingen. In ihr formte sich eine weitere Idee. "Und wenn wir den Wald entscheiden lassen? Dein Vetter hat sich auch von einer Fee bestätigen lassen auf dem Grafenthron, wird er dann nicht auch eine andere Entscheidung einer Fee akzeptieren?"

“Vielleicht würde er das”, entgegnete Ruan, “aber du weißt, was ich heute gesehen habe, Gellis. Glaubst du wirklich, ich könnte mit gutem Gewissen unser Kind…” Er stockte. “Dein Vater will, dass seine Enkel die Tradition fortführen…”, wiederholte er ihre Worte. “Oh, bei den Göttern!” Er vergrub das Gesicht in seinen Händen. Der Ritter rang sichtbar um Fassung.

“Gellis, willst du wirklich, dass…, dass…” Mit einem Mal wurde Ruan bewusst, dass sie hier nicht über eine Ware verhandelten. Es ging um ihre Kinder. ‘... die noch nicht einmal geboren sind’, mahnte eine Stimme in seinem Kopf. Er spürte, wie sein Widerwille wuchs. “Wie stellst du dir das vor?”, fragte er in bemüht ruhigem Tonfall. “Sollen wir unsere Kinder der Fee vorführen und sie wählt eines aus, das die Wacht übernehmen soll? Was, wenn sie es nicht mehr herausgibt? Wird sie sich mit einem zufrieden geben? Was ist das Schlimmste was passieren kann, wenn sie deinen Namen tragen, Gellis?” Ruan hatte sich immer weiter hineingesteigert, bis er die letzten Worte förmlich herausgeschrien hatte. Nun jedoch schien ihn alle Kraft zu verlassen. Er ließ die Schultern sinken, und als er sich von Gellis abwandte, schienen seine Augen verräterisch zu glitzern. Verzweifelt raufte er sich die Haare.

Im gleichen Moment sagte Gellis mit unterdrückte Wut in der Stimme mehr zu sich selbst, als zu Ruan. "Und ich bin froh, mich abwenden zu können und will dann uns und vor allem unsere Kinder wieder hineintreiben." Sie trat wütend gegen die Zuberwand. "Und warum? Scheiße! Gleich der Eiche!" Noch einmal trat sie wütend mit Tränen in den Augen gegen die Zuberwand. "Es ist nicht zu vereinbaren", sagte sie mit Erkenntnis in der Stimme. "Ich habe mich geirrt und aus dem Bauch heraus etwas entschieden, das ich nicht hätte entscheiden dürfen, weil ich es nicht durchdacht hatte! Weil ich alles wollte, aber alles anders und doch alles gleich. Scheiße!" Zum Ende hin wurde ihr Tonfall wieder wütend. Gellis beugte sich nach vorne, schlang die Arme um die Knie und schuf so Abstand zu Ruan. Ihre Schultern bebten, sie weinte, voller Wut auf sich selbst und über ihre eigene Machtlosigkeit.

“Dann weiß ich, was ich ihm anbieten kann”, mühsam schien sich ein weiterer Gedanke in Ruans Kopf zu formen, “doch das würde vermutlich heißen, die Forderungen deines Vaters nur zur Hälfte zu erfüllen. Ebenso wie wohl auch die Forderungen meines Hauses. Und es würde heißen, dass dein Wort gegenüber deinem Vater… nunja”, er suchte nach den richtigen Worten, fand sie jedoch nicht. Er wandte den Kopf und berührte sanft Gellis Arm. “Wenn meine Familie darauf verzichtet, ihren Namen weiterzugeben, dann soll er darauf verzichten, unsere Kinder zu den Disteln zu geben. Wir werden sie ahnenstolz und in Ehrfurcht vor den Traditionen der Ahawar und Fenwasian aufziehen. Aber sie werden dennoch niemals dem Einfluss des Hauses Stepahan entzogen. Nur so kann es gelingen, ein wirkliches Bündnis zwischen unseren Häusern zu schmieden. Was sagst du?”

Sie schüttelte den Kopf. “Ich glaube nicht, dass das gehen würde. Für Vater hängt der Dienst an der Distel, also am Grafen, bei den Distelrittern und an der Familie untrennbar zusammen. Wenn ich mein Wort nicht halten kann, dann auch mit den Konsequenzen und dem Wissen um seine Auffassung der Dinge. Und du sollst nicht der einzige sein, der sich zurücknimmt. Es geht nur anders herum, wenn wir unsere Kinder schützen wollen.” Sie wusch sich kurz im Zuber das Gesicht und lehnte sich dann wieder zurück an ihn, ihre Körperhaltung drückte Entschlossenheit aus. “Sie werden Drausteiner, du stehst höher, deine Familie stellt einen Grafen und du bist näher mit ihm verwandt als mir klar war, als ich mit meinem Vater sprach. Das wird er verstehen. In der Erziehung werden wir Ihnen unser beider Erbe nahebringen. Und es wird einer oder eine von ihnen in Knappschaft einer distelnahen Familie gehen oder zur Distel selbst. Dann erfüllen sie das Erbe ihres Großvaters, wenn auch nicht unter seinem Namen. Wenn sie den Ruf des Waldes hören, umso besser. Aber es ist ihre Entscheidung, welchen Weg sie nach dem Ritterschlag gehen.” Sie machte eine Pause. “Das wird Vater nicht gefallen, aber wenn er eine andere Lösung will, dann muss er sich gemeinsam mit der Distel darum bemühen. Nicht wir! Wir stehen zusammen, Ruan. Wir beide stehen gleich der Eiche und weichen nicht. Ich habe dir ein Versprechen gegeben, aus ganzem Herzen und ich werde mich davon um keinen Preis lösen.”

Mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung betrachtete Ruan Gellis. Dann entspannten sich seine Gesichtszüge und ein glückliches Lächeln umspielte seine Lippen. “Das ist ein großes Opfer, Gellis”, sagte er zärtlich. “Ich sehe es wie du. Sollte eines oder auch mehrere unserer Nachkommen den Ruf vernehmen, so werde ich mich ihnen nicht in den Weg stellen. Aber ich werde nicht schon jetzt ihr Schicksal besiegeln.” Er zog sie fest an sich. “Und es ist sicher nicht unmöglich, einem Spross, der sich den Traditionen deines Hauses näher fühlt, auch später noch den Namen Ahawar zu geben, auf dass er oder sie deine Linie fortführt.” Kurz schien er über etwas nachzudenken. “Eine Knappschaft in Winhall ist nichts, was meine Familie ablehnen wird. Mich wundert ohnehin, dass Morcan nicht an den Winhaller Grafenhof gegeben wurde. Ich meine, er ist der Neffe der Distel, und nicht einmal Rondreds Fleisch und Blut.”

Gellis überlegte weiter und unterstützte seine Umarmung, indem sie ihre Arme auf die seinen legte. “Iriane ist… sie ist”, sie suchte nach Worten, wusste nicht, wie sie es verständlich ausdrücken sollte, was ihr durch Ruans Ergänzung aufgegangen war. “Iriane ist unser Verweis, sollten wir Argumente brauchen. Morcan ist es.” Jetzt löste sie sich aus der Umarmung und drehte sich, so gut es ging, im Zuber um, bis sie Ruan ganz ins Gesicht sehen konnte. Sie lächelte den Drausteiner zuversichtlich an, doch trotz des Waschens im Zuber sah ihr Gesicht verweint aus, von der inneren Zerrissenheit gezeichnet. Sie strich ihm über die Schultern die Arme hinab. “Und jetzt lass mich bitte vergessen, was vor uns liegt, sondern zeig mir, wie wichtig es ist, den Moment zu genießen.”

Ruan schluckte den ersten Gedanken hinunter, der ihm bei Gellis’ Rede gekommen war. Sie waren bei Morcan eingeknickt, es wäre ein leichtes, nun ein entsprechendes Entgegenkommen seitens des Hauses Stepahan zu fordern. “Es wird alles gut werden”, sagte er stattdessen und legte dabei alles, was er an Zuversicht aufbringen konnte, in seine Worte. “Wir sind zusammen, das ist, was zählt.” Sanft küsste er ihre Lippen und strich ihr durchs Haar. Dann schlang er die Beine um ihren Leib und zog sie nah zu sich heran. “Ich liebe dich”, flüsterte er, und das erste Mal seit Beginn ihres Gesprächs fühlte sich Ruan wieder im Einklang mit seinen Gefühlen. “Mehr als alles sonst”, fügte er hinzu und senkte seine Lippen auf die ihren.