Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 03: Wiedersehen in Winhall

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Unverhofftes Wiedersehen

Gasthof Waldswacht, Albenhain
10. Travia 1042 BF

Endlich kam Albenhain in Sicht, Gellis atmete erleichtert auf, hier würde sie die Nacht verbringen, bevor sie am nächsten Tag weiterziehen würde, Ruan entgegen. ‘Du spinnst, Gellis!’, schalt sie sich selbst. Doch gleichzeitig fühlte sie die Wärme von Vorfreude und Erregung in sich. Erschöpft streckte sie sich im Sattel und musste grinsen. Müdigkeit und unbändiger Hunger am Abend, es war ihr bisher unbekannt gewesen, aber nicht verwunderlich, da sie die letzten Tage vor dem Mittagessen keinen Bissen herunter bekam. "Es kann ein Anzeichen sein", hatte ihre Mutter verschwörerisch gesagt und gelächelt. "Überfordere dich nicht!"

Sie ritt am Gasthof vorbei hin zur großen Eiche des Dorfes. Auch wenn sie den Feen nicht so nah stand, wie ihr Bruder oder Vater, ehrte sie die Bräuche und grüßte den Baum kurz, um dann wieder umzukehren und zum Gasthof zu reiten. Sie stieg ab und übergab ihr Pferd dem schläfrigen Stallburschen, den sie hatte wecken müssen. Die Satteltaschen über der Schulter trat sie in die Taverne. Das Kettenhemd unter dem Wappenrock der Familie Ahawar, den sie stolz trug, klirrte leicht, als sie die Tür hinter sich schloss. Ihr Blick fiel hin zum Tisch, an den der Wirt immer die Adeligen setzte, und ihr Herz machte einen Satz, als sie einen Rotschopf sah, der tief in den Stuhl gesunken dort saß. Ihre Suche war also hier schon zu Ende. Dann hörte sie den Wirt. "Hohe Dame Ahawar, Farindel und Boron zum Gruße! Ohje, der Tisch ist schon besetzt und das gute Zimmer auch."

"Farindel und Boron mit dir, Herr Orwan. Das macht nichts, ich kenne deinen Gast", antwortete Gellis.

Die Eindrücke der letzten Tage hatten ihre Spuren bei Ruan hinterlassen. Jede Nacht wurden die Träume wirrer, und mit jedem Tag seiner Reise kamen seine Vorstellungen von dem ersten Zusammentreffen mit Gellis mehr ins Wanken. Er spürte die Erschöpfung, und insbesondere die zahlreichen Anstandsbesuche zehrten an seinen Kräften. Dabei kreisten doch all seine Gedanken allein um den Moment, wenn er endlich Ortis erreichen würde. Aber statt sich seinen Träumen hinzugeben, musste er sich mit Geplänkel herumschlagen, musste lächeln, berichten, sich immer und immer wieder mit den gleichen Banalitäten abplagen. Nie waren ihm die Strapazen des höfischen Lebens so bewusst geworden wie in diesen Tagen.

Wie er seinem Vetter erklären würde, dass er ausgerechnet Bredenhag auf seiner Reise ausgespart hatte, wusste er selbst nicht. Insbesondere Ruada würde ihm sicherlich nie verzeihen, dass offenbar jeder vor seiner Zwillingsschwester über seine Pläne Bescheid gewusst hatte. Erleichtert hatte der Ritter schließlich aufgeatmet, als er nach dem Besuch auf der Aiwiallsfeste auch Neuwiallsburg hinter sich gelassen hatte. Nun lag nur noch ein wenig Wald zwischen ihm und seinem Ziel. Und soweit er es bemessen hatte, würde er pünktlich zum Tag der Treue Ortis erreichen. Je länger der Drausteiner darüber nachgedacht hatte, desto leichter war sein Herz geworden. Gleichzeitig hatte er sein Ross trotz der unbekannten Wege zur Eile getrieben, und so war er auch bereits kurz nach seiner Ankunft im Gasthaus in sanften Schlummer gesunken.

Nun endlich schienen auch die Träume zurückzukehren, die er seit seinem Fortgang aus Havena so sehr vermisst hatte. Fast war ihm, als hörte er Gellis’ Stimme. Kurz zuckte der Kopf des Ritters und ein entspanntes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.

"Bring mir eine große Schüssel von deinem guten Eintopf", fuhr Gellis fort, während sie nicht den Wirt, sondern Ruan ansah. "Und ein verdünntes Bier." Dann ging sie zum Tisch hinüber. Für einen Moment sah sie aus einigen Schritt Entfernung glücklich in sein von Schlaf entspanntes Gesicht, ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Ja, es hatte sich nichts geändert an ihre Gefühlen, stellte sie zufrieden fest.

Dann nahm sie sich einen Stuhl, stellte ihn mit der Lehne zuvorderst vor ihn, schwang sich, wie auf einen Sattel beinahe lautlos darauf und sagte neckend, den Kopf auf den auf der Lehne liegenden Händen. "Herr Stepahan, schlafen, wenn eine Dame den Raum betritt? Tsts, schickt sich das?"

“Danke, nichts mehr für mich”, murmelte der Ritter verschlafen. Dann, langsam kam Leben in den müden Körper. Ruan räusperte sich und hob den Kopf. Er blinzelte kurz, dann öffnete er die Augen... Sein Herz machte einen Satz, und unwillkürlich schoss ihm das Blut in die Wangen. “Gellis?”, krächzte er, ehe er sich verwirrt umblickte. Er erinnerte sich an den Wirt… das Dorf. Aber waren es nicht noch viele Meilen bis Ortis? Verlegen fuhr sich der Ritter mit der Hand durchs Haar und grinste schief.

Gellis sah ihn noch immer mit abgestütztem Kopf grinsend an. Kleine Blitze des Glücks schossen durch ihren Körper.

‘So viel zum ersten Auftritt’, ging es ihm durch den Kopf, doch seltsamerweise störte es ihn nicht im Geringsten. Sein Lächeln kehrte zurück, breiter als zuvor, und nachdem er die Ritterin eine ganze Weile fasziniert betrachtet hatte, streckte er den Arm aus und ergriff Gellis’ Hand. “Zu schön um wahr zu sein”, murmelte er. Dann ließ er sich vom Stuhl gleiten und ging vor der Ritterin auf ein Knie.

"Ruan", sagte diese zärtlich und strich beinahe ungläubig mit dem Finger über seinen Handrücken, als würde sie ihn spüren müssen, um zu wissen, ihn wirklich vor sich zu haben.

Dem Ritter schien es ähnlich zu ergehen. Ohne den Blick von ihr zu lösen, führte er Gellis’ Hand sanft zu seinen Lippen. Einen Moment schloss er die Augen, und als er sie wieder öffnete, glitzerten sie feucht. Doch Ruan machte keine Anstalten, seine Gefühle zu verbergen. “Ich”, stotterte er, “bin überwältigt dich zu sehen.” Und tatsächlich zeugte in diesem Moment nichts an dem jungen Stepahan von dem stolzen und selbstsicheren Ritter, als der er sich sonst so gern präsentierte.

"Ich konnte nicht auf dich warten", sagte Gellis zärtlich und berührte mit der freien Hand sanft seine Wange. "Und ich wusste ja zum Glück, welchen Weg du nimmst. Oh, ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Jetzt, hier." Sie stand auf und zog ihn mit sich nach oben. "Halt mich. Halt mich fest, Ruan. Lass mich spüren, dass ich dich wieder habe."

Ihre Worte schienen wie ein Weckruf, und sogleich kehrte die Spannung zurück in Ruans Körper. Mit dem Fuß stieß er sanft den Stuhl zur Seite, auf dem Gellis noch kurz zuvor gesessen hatte. Dann trat er einen Schritt auf die Ritterin zu und schloss sie fest in seine Arme. Erstmals nach all der langen Zeit spürte er ihre Wärme, genoss das Gefühl ihres Körpers an seinem, atmete ihren Duft. Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, was es war, das ihn so sehr aus der Bahn geworfen hatte. Er fühlte sich angenommen, ganz so wie er war. Ohne Maske, ohne Schmeicheleien. Er, Ruan, nicht sein Name, nicht sein Posten waren es, die zählten. Der Drausteiner spürte, wie die Anspannung der vergangenen Wochen mit einem Schlag von ihm abfiel. Mit einem wohligen Seufzen zog er Gellis noch enger an sich und brachte sein Gesicht nah vor ihres. “Versprich mir, dass du nicht wieder fortgehst”, flüsterte er und blickte ihr tief in die Augen. “Nie wieder.”

"Nie wieder", bestätigte sie und sog seinen Blick in ihre Augen. "Aber es gibt etwas, das womöglich deine Meinung ändern könnte und ich möchte immer ehrlich zu dir sein", sagte sie vorsichtig und strich ihm erneut zärtlich über die Wange. "Vielleicht ist es nicht der richtige Moment, aber ich kann es nicht länger für mich behalten. Ruan, ich habe das Rahjalieb nicht getrunken. Ich konnte nicht. Ich konnte nicht zerstören, was mich an dich erinnern könnte, sollten wir uns nie mehr wiedersehen."

“W...was?” Verdutzt schaute Ruan sie an. “Du meinst, du hast…, aber…” Nur langsam schien die Bedeutung ihrer Worte zu ihm vorzudringen. Mit einem Mal nahm er die Berührung ihrer Körper ganz anders wahr. “Heißt das…”, begann er zögernd und für einen Wimpernschlag senkte sich sein Blick, nur um sogleich wieder den Gellis’ zu suchen. Doch es lag keine Ablehnung darin, nein, es war vielmehr… Hoffnung.

Gellis wurde heiß und kalt zugleich, er stieß sie nicht von sich… sein Blick...Tränen stiegen in ihre Augen, sie lächelte und zuckte mit den Schultern. "Es kann gut sein, ja."

“Gellis, das ist wunderbar”, stieß er hervor. Behutsam zog er sie an sich und gab ihr einen zärtlichen Kuss. “Das alles.” Seine Augen strahlten, als er nun ihre Hand ergriff. “Weiß es deine Familie?”, fragte er unvermittelt.

Für einen Moment war Gellis verblüfft. "Wunderbar?" Sie warf sich in seine Arme. "Oh, Ruan!" Für eine Weile schmiegte sie sich an ihn. "Es ist noch so früh. Mutter weiß es, ich musste sie fragen, weil ich nicht wusste, ob ich aus meinem Wunsch heraus dachte, Tsa hätte mich, uns, gesegnet, oder ob die Zeichen wirklich sind. Aber es kann noch so viel passieren, Ruan." Dann lachte sie kurz und kuschelte sich noch mehr an ihn, erleichtert und entspannt.

“Die Götter meinen es gut mit uns”, versicherte er ihr und strich ihr liebevoll über das blonde Haar. “Und jetzt, da wir zusammen sind, glaube ich umso mehr, dass alles sich fügen wird.” Er schloss die Augen und lächelte still. Es war keine Lüge. Er konnte nicht behaupten, dass ihn der Gedanke an ein Kind früher nicht geschreckt hätte, doch jetzt und hier fühlte es sich an wie die natürlichste Sache der Welt.

“Ich sagte ja bereits, du hast mein Leben auf den Kopf gestellt”, flüsterte er zärtlich in Gellis’ Ohr. “Dass dir das allerdings so schnell noch einmal gelingen könnte, verdient Respekt.” Behutsam legte er den Arm um die Ritterin und fügte grinsend hinzu: “Gibt es vielleicht noch etwas, das ich wissen sollte? Rasch, die Gelegenheit ist günstig.”

"Hmm…", Gellis überlegte theatralisch. "Nein, erst einmal nicht", grinste sie. "Oh, Ruan, ich bin so froh, dir das Leben auf den Kopf stellen zu können. Aber jetzt reicht es erst einmal, wir haben noch genug Zeit."

“So ist es”, entgegnete er, “und genau deshalb solltest du jetzt dringend aus dieser Rüstung heraus und dich anschließend ein wenig stärken. Komm, ich führe dich zu mei…, ich meine zu unserem Zimmer.” Und mit diesen Worten nahm er die geübte Haltung ein und bot ihr den Arm zum Geleit. “Hohe Dame, wenn Ihr erlaubt”, feixte er.

Gellis straffe sich und setzte ihr höfisches Lächeln auf. "Oh, Hoher Herr, wenn es Euch genehm ist." Hauchzart legte sie ihre Hand auf seinen Arm und ließ sich von ihm führen. "Und, Hoher Herr, wie war Eure Reise bisher? Ist es das erste Mal, dass Ihr in Winhaller Landen seid?", fuhr sie im gleichen Tonfall fort, während sie sich im Gehen an ihn schmiegte.

“Ja, das bin ich”, entgegnete er mit einem feinen Lächeln. “Doch ich bin mir sicher, an Eurer Seite wird mir nichts über diesen Ort verborgen bleiben, was es zu wissen lohnt.”


Eröffnungen

Es hatte eine ganz eigene Intimität, als Ruan Gellis aus ihrem Kettenhemd half, und sie befiel ein so tiefes Gefühl von Vertrauen und Partnerschaft, dass es sie erschreckte und rührte zugleich. Immer wieder drängte es sie, ihn zu berühren, als wolle sie sich vergewissern, dass es kein Traum war, den sie hier erlebte. Und auch, wie in ihrem Zelt in Draustein war es eine Zeit ohne Worte. Blicke, Berührungen und Küsse waren das einzige, was sie zwischen sich brauchten.

Nicht allzu viel später traten sie wieder Hand in Hand in die Schankstube, wo eine dampfende Schüssel Eintopf und ein Bier wie bestellt auf Gellis warteten. "Möchtet Ihr auch noch etwas, Hoher Herr?", fragte der Wirt Ruan. In ihm lag die gleiche Adelsehrfurcht, wie zuvor. Was wusste er schon über die Beziehungen der Adeligen, ihm waren sein gute Ruf und sein Umsatz wichtig, und Geld brachten sie ihm immer alle ein.

“Danke, ich bin wunschlos glücklich”, lächelte dieser mit einem liebevollen Seitenblick auf Gellis. Auch ihm fiel es schwer, die Hände still zu halten. Immer wieder legte er den Arm um sie oder streichelte zärtlich über ihr Bein, während er sie versonnen betrachtete. Ruan wartete, bis Gellis ihr Mahl beendet hatte. Dann ergriff er ihre Hand. “Erzählst du mir mehr von dem Gespräch mit deinem Vater? Hat er dich in seine Pläne betreffs der Zukunft Eures Hauses eingeweiht?”

"Es war, wie ich schrieb, ein ganz anderes Gespräch, als ich es erwartet hatte", sagte sie. "Ich habe ihn am Tag nach meiner Ankunft beim Frühstück zum Gespräch getroffen. Er war wie immer, der gealterte, aber doch kraftvolle und hochmütige Patriarch, so, wie ich ihn immer kannte. Er ist stolz, er hat unsere Familie aus einer über 300 Jahre andauernden Acht geführt. Und es ist ihm wichtig, daß dieses Erbe weitergeführt wird", leitete Gellis ein. Ruan nickte. Das kam ihm durchaus bekannt vor.

"Nach einer Erklärung zu meiner Reise schloss ich, dass ich jemanden kennengelernt habe und eine Familie gründen wolle." Sie sah ihn liebevoll an und drückte seine Hand. Lächelnd erwiderte Ruan die Geste und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken.

"Er betonte meine Verantwortung für die Familie und, dass er einen Bund begrüße, bevor ich mich mit Flausen im Kopf herumtreiben würde. Dann fragte er mich herablassend, wer denn der Bengel sei, der nicht Manns genug sei, sich bei ihm vorzustellen."

“Wie bitte?” Unwillkürlich änderte sich die Haltung des Ritters. Er straffte die Schultern und kniff verärgert die Augen zusammen, so dass sich eine Zornesfalte auf seiner Stirn bildete. “Wie kann er nur”, hob er mit lauter Stimme an, doch ein merkliches Zucken aus Richtung des Wirtes ließ ihn innehalten. Wer wusste schon, wem er von ihrem Zusammentreffen hier berichten würde. Mühsam beherrscht stieß Ruan die Luft aus. “Das ist dreist”, meinte er dann mit säuerlichem Unterton und blickte Gellis auffordernd an. “Was hast du ihm geantwortet?”

"Mit meiner empörten Reaktion darauf, dass der Mann, an den ich mich binden möchte ebenfalls aus einem Alten Hause stamme und seine Pflichten genau so, wie ich, nicht vernachlässigen könne, kippte die Stimmung, er begann, zu lächeln und entspannte sich. Ich hatte diesen Gesichtsausdruck bisher nur einmal bei ihm gesehen. Als er mich zur Ritterin schlug. Und als ich ihm kurz darauf deinen Namen nannte, war er für einen kurzen Moment sprachlos." Sie lächelte ein wenig mehr. "Das war der Moment, an dem meine Hoffnung zur Gewissheit wurde, dass ich mein bisheriges Leben, das was ich erreicht hatte, nicht hinter mir lassen musste, um bei dir sein zu können. Es gab noch keinen Weg, aber die Möglichkeit schien ohne Zweifel. "

Ruan seufzte. Einerseits spürte er Erleichterung angesichts des günstigen Ausgangs. Andererseits holte ihn sogleich all das wieder ein, was er gedachte hatte, hinter sich zu lassen. Ja, Gellis hatte ihm geschrieben, dass ihr Vater einer Verbindung mit seinem Haus offen gegenüber stand. Dass sein Name allein jedoch solche einen Sinneswandel ausgelöst haben sollte… Der Drausteiner spürte, wie er sich innerlich anspannte, sich wappnete. Das würde kein so erfreuliches Gespräch werden, wie er es sich erhofft hatte.

Wie um sich selbst zu beruhigen zog er Gellis zu sich heran und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Dann lehnte er sich kurz zurück und streckte sich. Locker legte er anschließend den Arm um sie. “Dann ist ja gut”, meinte er, doch seine Worte strahlten nicht die gleiche Zuversicht aus wie die ihren. “Wie ging es weiter?”, fragte er mit belegter Stimme.

"Es geschah etwas, das mich verwunderte. Seine Provokation, warum mein Zukünftiger sich noch nicht sofort vorstellte, schwang um. Seine Auftreten änderte sich. Weißt du, so, als wenn ich anderen Adeligen gegenübertrete, aber im Anschluss daran dir." Ruan nickte wissend und lächelte. Seine Anspannung schien sich ein wenig zu lösen.

"Er sagte anerkennend, dass ich stolz und gut über dich sprechen würde, dass auch du dir deiner Verantwortung bewusste seist. Ich glaube, das war die beruhigende Einsicht, denn er sagte, dass das ein gutes Zeichen sei. Das ist ihm wichtig, Verpflichtungen zu halten und familienbewusst aufzutreten. Dann fuhr er beinahe in Plauderlaune fort, dass er nichts über dich wisse, außer, dass du einen stolzen und hohen Namen trägst. Und ich sollte ihm von dir erzählen, er sei begierig, etwas über den Mann zu erfahren, der das Herz seiner Tochter so sehr entflammt habe. Und da fiel mir auf, dass ich gar nicht so viel über dich wusste, außer, dass ich mein Leben von nun an mit dir teilen wollte, dass du mich glücklich machst und ich mich an deiner Seite so frei fühle. Aber erzählt man das seinem Vater, seinem Familienoberhaupt?", fragte sie mit einem verliebten Lächeln.

“Nein, vermutlich nicht”, entgegnete Ruan verlegen. “Es stimmt, ich habe weitaus mehr über dich erfahren als ich selbst preisgegeben habe.” Betroffen blickte er sie an. “Aber ich wollte dich damit gewiss nicht in eine unangenehme Situation bringen.” Ein scheues Lächeln huschte über sein Gesicht. “Du kannst mich alles fragen. Auch wenn es jetzt vermutlich etwas spät ist.” Seine Augen suchten die ihren.

Sie lächelte ihn an und hielt seinen Blick. "Es ist mir auch so gut gelungen." Gellis gähnte. "Entschuldige." Dann fuhr sie fort. "Du kennst diese Spiele. Ich erzählte, was ich wusste und rückte dann deinen Ring", sie trug ihn auch jetzt, "in sein Blickfeld. Das ließ ihn mit Erstaunen feststellen, dass wir uns wohl schon einig seien und er stellte mit einem Lächeln fest, dass er eigentlich dachte, er hätte auch noch etwas zu sagen." Erneut wandelte sich Ruans Miene, und für einen Moment blitzte Stolz in seinen Augen. “Lassen wir ihn in dem Glauben”, zwinkerte er. Gellis fuhr derweil fort: "Und dann tat er etwas, das er noch nie getan hatte, er sagte, er sei stolz auf mich, wäre es immer gewesen und deshalb habe er mich auch in die Familie aufgenommen, auch wenn er schon in meiner Kindheit gemerkt hatte, dass ich den Wald nicht so höre, wie er oder mein Bruder." Sie gähnte erneut. "Er möchte, dass wir glücklich sind. Dass ich an deiner Seite sein kann in Havena. Und dass ich auf dem politischen Parkett aufpasse. Aber er möchte auch, dass ich eine Ahawar bleibe", schloss sie ihre Ausführungen ruhig und sah nun wiederum ihn fragend an.

“Im Herzen oder mit Namen?”, fragte Ruan in nüchternem Tonfall, und es schien, als versuche er sich etwas ins Gedächtnis zu rufen. “Hat er etwas darüber gesagt, ob er erwartet, dass du ihn einst in seinem Amt als Vogt beerben wirst?” Rasch hob er die Hand, um jeglichen Einwand im Keim zu ersticken. “Ich frage nicht, weil es mir wichtig ist. Ich hoffe, du verstehst das.”

"Ich verstehe das, Ruan, rechtfertige dich nicht. Die Frage ist vollkommen berechtigt. Nein, das Amt wird nicht meins sein." Sie überlegte. "Im Herzen werde ich immer eine Ahawar sein, das braucht er nicht zu verlangen, dafür bin ich für das, was ich sein kann, wer ich sein kann, zu dankbar. Er sorgt sich, dass ich mich von Zielen anderer vereinnahmen lassen könnte und die Aufgabe unserer Familie, zum Wald und zur Distel zu stehen, vernachlässigte. Und, weißt du, die Familie Ahawar ist nicht groß. Glaubst du, es wäre ein Problem, wenn ich auch im Namen eine Ahawar bliebe?", fragte sie mit müden Augen und gähnte noch einmal.

„Sicher nicht“, entgegnete Ruan mit zuversichtlichem Lächeln. “Interessant wird eher die Frage nach den Namen der Kinder. Aber das”, zärtlich strich er ihr über die Wange und legte dann abwartend eine Hand an die Stuhllehne, “können wir auch morgen noch besprechen. Wollen wir uns zurückziehen?”

Gellis nickte. "Der Weg, den ich heute kam und den wir morgen gemeinsam", sie lächelte ihn überglücklich an, "reiten ist der schwierigste auf dem Weg nach Ortis. Ich bin erschöpft. Aber, Ruan, eine Frage beantworte mir noch: Was sagt deine Familie zu unserem Bund?"

Die Reaktion des Ritters war schwer zu lesen. Zwar behielt er sein Lächeln bei, doch wirkte dieses nun deutlich formeller als zuvor. “Ich habe mit Rondred geredet”, begann er dann langsam zu sprechen. “Er hat mir auch einen gesiegelten Brief für deinen Vater mitgegeben. Was darin steht, weiß ich nicht. Mir gegenüber zeigte er sich zwar überrascht, äußerte sich aber durchaus wohlwollend und erfreut über die Verbindung.” Ruan ließ die Worte wirken und beobachtete Gellis’ Reaktion.

Diese blieb ruhig und lächelte ihn weiterhin an. "Kommt es so überraschend, dass du dich an eine Frau binden möchtest?", fragte sie neugierig.

Verlegen senkte Ruan den Blick. “Nun”, antwortete er ausweichend, “der Graf hat mir bereits kurz nach meinem Ritterschlag ans Herz gelegt, mich nach einer geeigneten Verbindung umzusehen. Allerdings habe ich das nicht wirklich verfolgt…” Der Drausteiner schluckte schwer, dann blickte er Gellis offen an. “Ich will ehrlich mit dir sein, und ich hoffe, du denkst nicht schlecht von mir”, begann er zögernd, “ich…”, er rang sichtlich um Worte, “sagen wir es so, Havenas Gassen sind mir durchaus vertrauter als es sich für einen Adligen aus hohem Hause geziemt.” Seine Mundwinkel zuckten, als er versuchte, in ihren Augen zu lesen.

Er sah sie mit dem gleichen Gesichtsausdruck, wie zuvor. "Und warum sollte ich schlecht von dir denken?", fragte sie und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. "Pflichtbewusstsein braucht Ausgleich. Wir hatten beide ein Leben, bevor wir uns kennenlernten."

“Und ich bin sehr froh darum”, lächelte er und streichelte zärtlich über ihren Handrücken. “Stell dir nur vor, es wäre meinem Vetter irgendwann in den Sinn gekommen, mich mit einer langweiligen und prüden Edeldame zu vermählen.” Er schüttelte lachend den Kopf. “Nein, ich bleibe dabei, es ist ein großes Glück, dass ich dich gefunden habe…, oder vielmehr du mich.” Er gab ihr einen Kuss, hielt dann jedoch noch einmal inne. “Es ist nur so, dass es durchaus… Verpflichtungen in Havena gibt, die ich nicht so einfach hinter mir lassen kann. Keine Frauen”, beeilte er sich festzustellen, “es sind eher… geschäftliche Kontakte.”

Gellis schwieg einen Moment und betrachtete Ruan still. Ohne sich jedoch zu seiner bisherigen Ausführung zu äußern, forderte sie schlicht. "Erzähl mir mehr."

“Nun, es gibt da jemanden, der mir… recht wohlgesonnen ist und mir auch hier und da einmal aushilft, wenn das Geld etwas knapp wird. Natürlich verlangt er dafür die ein oder andere Gefälligkeit. Ganz im Sinne des Listigen”, rechtfertigte sich Ruan, dem so gar nicht wohl in seiner Haut war. Er schwieg kurz, dann blickte er Gellis ernst an. “Es ist ein Spiel, das recht schnell kippen kann, Gellis. Aber du sollst, nein, du musst wissen, dass ich niemals zulassen werde, dass das zwischen uns steht.”

"Dann bleib so ehrlich mit mir, Ruan. Dann kann es nicht zwischen uns stehen. Jetzt verstehe ich, warum du hier und da den Listenreichen erwähntest. Stehst du ihm sehr nah? Phex?", fragte sie, noch immer neugierig und sanft und kein Stück vorwurfsvoll.

“Durchaus, ja”, grinste Ruan, dem die Erleichterung deutlich anzumerken war. “Manchmal ist der direkte Weg einfach nicht der Richtige…, aber versuch mal, das meiner Familie zu vermitteln”, zwinkerte er verschwörerisch. Dann legte er zärtlich den Arm um Gellis. “Hin und wieder muss man eben auch etwas wagen, um zu gewinnen. Ich denke, wir geben da ein ganz gutes Beispiel ab.”

Die Winhallerin lehnte sich an seinen Arm. "Ruan, vergiss nicht, ich bin bis zu meiner Knappschaft als Freie aufgewachsen. Ich denke, ich habe einige Dinge anders kennengelernt, als wenn ich mein Familienerbe in einem Alteingesessenen Haus von ersten Tag an angetreten hätte." Sie wurde still und dachte einen Moment nach, bevor sie wieder das Wort erhob. Ihr Tonfall war beinahe verschwörerisch. "Dann ist es also der Listenreiche..."

“Und vergiss nicht die Heitere Göttin”, zwinkerte er und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn, “die Vertraute des glücklichen Zufalls”, zitierte er. “Mir war gar nicht bewusst, das man sie so nennt, ich habe es erst während meines Besuchs in Orbatal erfahren.” Mit einem Mal strahlten seine Augen. “Oh, Gellis. Wir müssen dort Halt machen, ehe wir nach Havena weiterreisen. Es wird dir sicher gefallen, auch wenn der Tempel eine eher ungewöhnliche Anmutung hat.”

"Das werden wir", sagte sie entschlossen, aber ihre Stimme klang entspannt und müde, während sie ihren Kopf an Ruans Schulter gebettet hatte.

In dieser Nacht fand Ruan nur schlecht in den Schlaf. Seine Stimmung schwankte zwischen unbändiger Freude über das unverhoffte Wiedersehen und Besorgnis angesichts des Kommenden. Eine ganze Weile hatte er einfach still dagelegen, Gellis betrachtet und ihrem gleichmäßigem Atmen gelauscht. Doch schließlich hatten die Gedanken an die bevorstehenden Gespräche ihn eingeholt. Dabei war er sich nicht sicher, ob es wirklich das Gespräch mit dem Ahawar war, das ihn schreckte. Vielmehr fragte er sich, wie er seine Pläne vor dem Grafen ins rechte Licht rücken sollte. Immer wieder wog er die verschiedenen Herangehensweisen gegeneinander ab, nur um am Ende festzustellen, dass er seine Zeit vergeudete. Solange er nicht selbst mit Gellis’ Vater gesprochen hatte, brauchte er sich den Kopf nicht weiter zu zerbrechen. Mit einem leisen Seufzer ließ er den Kopf auf das Kissen sinken. Bedacht darauf, Gellis nicht zu wecken, legte er sacht einen Arm um die Schlafende und streichelte versonnen über ihren Bauch. Wie hatte sie gesagt? Es war noch früh, vieles konnte geschehen, und doch – die Vorstellung, dass aus dieser außergewöhnlichen Nacht etwas noch Größeres erwachsen sein konnte, erfüllte ihn mit Ehrfurcht. Langsam spürte Ruan, wie seine Gedanken verstummten. Dankbar streckte er die müden Glieder, schmiegte sich lächelnd an Gellis und schloss die Augen.