Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 02: Briefwechsel

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Gellis an Ruan, 3. EFF

Bockshag
3. Efferd 1042 BF - erreicht Havena am 13. Efferd 1042

Liebster Ruan,

als ein Händler hier in der Taverne erzählte, dass sein nächstes Ziel Havena sei, habe ich die Gelegenheit ergriffen und werde ihn diese Zeilen dir überbringen lassen.

Ich dachte, mein Herz würde leichter werden, wenn mehr Meilen oder Tage zwischen uns liegen. Ich lag falsch, das Gegenteil ist der Fall. Und auch wenn meine Sehnsucht nach dir mich fast um den Verstand bringt, steigt auch meine Freude, denn mit jedem Tag, der nun vergeht, rückt der Tag näher, an dem wir uns wiedersehen.

Ich werde in ein paar Tagen meine Heimat erreichen und werde alsbald das Gespräch mit meinem Vater suchen. Ich schreibe dir danach sofort. Ich hoffe, dass es ein Gespräch mit einem auf irgendeine Art und Weise guten Ausgang für uns beide ist. Ich werde ihm vorschlagen, dass du ihm, wie du angeboten hattest, die Aufwartung machst. Kannst du womöglich vorsichtig erfragen, ob du einen Dispens für - nun muss ich schmunzeln - Travia erwirken kannst, um nach Winhall zu reisen? 

Wie kann ich mich nur des Nächtens so einsam fühlen, obwohl es nur diese eine Nacht in deinen Armen war? Ich kann die nächste kaum erwarten! 

Auf bald, ganz dein

Gellis

Ruan an Gellis, 8. EFF

Havena
8. Efferd 1042 BF - erreicht Ortis am 21. Efferd 1042

Teure Gellis, 

Havena hat einen Teil seines Glanzes verloren. Nach außen scheint alles wie immer, und doch können der Trubel in den Gassen und die Pracht der Paläste auch nicht annähernd das Gefühl wiederbringen, das ich in deiner Gegenwart empfunden habe. Wäre es mir gegeben, ich würde im Handumdrehen allen Prunk eintauschen und fortan auf der Straße leben, wenn ich dich nur in meiner Nähe wüsste.

All die Gespräche hier öden mich an. Dummes Geschwätz, Schmeicheleien, Gerüchte…, austauschbar wie die Menschen selbst. Bei dir bräuchte ich keine Worte. Ich weiß, dass du verstehst 

Gellis, mit jedem Menschen, der mir begegnet, wird mir umso schmerzhafter bewusst, welch außergewöhnliche und bewundernswerte Frau ich habe ziehen lassen. Jeden Tag, jede Stunde bete ich zur Heiteren, dass sie unsere Wege bald wieder zusammenführen möge.

Du hast mir die Augen geöffnet.

Auf ewig der Deine

Ruan 

P.S.: Ich habe bereits einiges in die Wege geleitet und bin voller Hoffnung, dass ich schon bald eine Möglichkeit auftun werde, wie es uns gelingen kann, Seite an Seite und Hand in Hand in eine gemeinsame Zukunft zu gehen. Wünsch uns Glück!


Gellis an Ruan, 10. EFF

Auf dem Weg nach Ortis
10. Efferd 1042 BF - erreicht Havena am 23. Efferd 1042

Liebster Ruan,

heute abend werden wir Ortis und die Iauncyll erreichen, aber auf unserer letzten Rast drängt es mich, dir noch einmal zu schreiben, bevor mein altes Leben wieder sehr präsent wird. Den Brief werde ich in Ortis aufgeben.

Ich hoffe so sehr, dass mich Nachricht von dir zuhause erwartet.

Es vergeht keine Nacht, in der ich nicht von dir träume, mich nicht in deinen Armen fühle. Ich vermisse dich so sehr! Ich würde sogar ein Bankett mit den unangenehmstem Tischnachbarn und unendlich scheinenden Tanz in Kauf nehmen, nur um dich dabei an meiner Seite zu spüren.

Oder Aedan Raighillin lauschen und im Anschluss seine Texte nachempfinden oder Ereignisse erfinden, die seine Texte in den Schatten stellen.

Es ist so leer ohne dich, ich vermisse deinen Witz, deine Leichtigkeit. Und ich denke darüber nach, wie es sein würde, mehr Zeit an deiner Seite zu verbringen, als nur diese eine Nacht, träume mich hin zu einem gemeinsamen Ausritt oder dem Besuch eines Theaters.

Ach Ruan, möge die Zeit schnell vergehen, bis wir uns wiedersehen.

Ganz dein

Gellis


Rückkehr nach Hause, 12. EFF

Ortis, Feste Iauncyll
12. Efferd 1042 BF

Gellis und Iain waren auf ihrer gemeinsamen Rückkehr vom Treffen der Besten am späten Abend erst auf der Iauncyll angekommen, so dass sie lediglich anmeldeten, zurück zu sein, sich aber dann sofort in ihre Betten zurückzogen. Gellis war fast zwei Götterläufe nicht daheim gewesen, hatte Gesandtendienste für das Haus Fenwasian geleistet und war gereist, und auch wenn sie in schriftlichen Austausch mit dem Hof gestanden hatte, hatten sie die Aufregung, zurückzukehren und die Reise selbst erschöpft. Es schien ihr, als sei eine große Anspannung von ihr abgefallen, als sie sich auf ihr Lager legte und einschlief, als ihr Kopf das Kissen berührte.

Sie träumte wild in dieser Nacht. Von den vergangenen Turnieren, von ihrem Ritterschlag, vom wispernden Moor und dem Schlachtfeld von Brig-Lo, das sie als Wallfahrt besucht hatte. Müde und mit Ringen unter den Augen machte sie sich früh am Morgen auf zu ihrer Mutter und begrüßte sie herzlich, sie war so froh, wieder zuhause zu sein, auch, wenn sie am Liebsten gleich wieder umdrehen wollte, sie fürchtete das Gespräch mit ihrem Vater. Sie hatte es seit sicher einem Götterlauf immer und immer wieder in ihrem Kopf durchgespielt und war sich so sicher, was sie sagen wollte. Bis zum Treffen der Besten, jetzt hatte sich wieder etwas verändert. Und sie grübelte weiter.

“Hohe Dame”, sprach ein Diener sie in den Gängen der Burg an. “Euer Vater wünscht, mit Euch zu frühstücken. Er wartet auf Euch.” Gellis nickte, strich ihr Kleid glatt und machte sich auf den Weg in den Saal, auch wenn ihr gar nicht nach Frühstück war. Sie knickste, wie gewohnt, als sie eintrat. “Vater, einen schönen guten Morgen. Ich bin froh, wieder hier zu sein.” Der Vogt schaute nur kurz von seinem Teller auf, in dem eine Pfütze Milch war, und in den der gealterte Ritter sein Brot tunkte. Doch der erfahrene Krieger hatte die junge Frau sehr wohl genau gemustert, und er nahm sie auch jetzt noch aus dem Augenwinkel wahr.

Gellis sah gut aus, sie erinnerte Rodowan beinahe schmerzlich an ihre Mutter, so ähnlich sah sie ihr, als diese noch jünger war. Aber sie war doch anders. Die Größe hatte sie auf jeden Fall von ihm geerbt, und sie war nicht so weich, so wohlgeformt, wie ihre Mutter, sondern muskulös, aber nicht zu viel.

Entweder lag es daran, dass sie sich so lange nicht gesehen hatten, aber es schien ihm, als habe sie an Ausstrahlung gewonnen. Nach ihrem Knicks stand sie aufrecht und sah ihn geradeheraus an, auch wenn sie wartete, dass er sie aufforderte, sich zu setzen. Sie war kein kleines Mädchen, keine Knappin mehr, und auch die junge Ritterin schien sie mit ihrer Reise abgelegt zu haben.

Rodowan war zufrieden mit dem, was er sah, doch zeigte er es nicht. “Setz Dich, Tochter.” Der Vogt klang beinahe ein wenig belanglos und schaute wieder nur kurz auf und deute, mit einem Kanten Brot in der Hand, auf die Bank gegenüber.

Gellis setzte sich, wie ihr geheißen, auch im Sitzen behielt sie Haltung, und ihr Blick war weiterhin offen und selbstbewusst.

“Elric, bring meiner Tochter etwas zu essen, und stell Dich dabei mit dem Milchkrug besser an als gestern mit dem Zweihänder auf dem Hof.” Ohne ihn anzuschauen, hatte er den Knappen angesprochen, der am Rand stand, um dem Vogt aufzuwarten. Noch immer ließ es sich Rodowan nicht nehmen, einen Teil der Ausbildung der Knappen am Grafenhof, aber auch derer in den Reihen der Distelritter, zu übernehmen und hier vor allem in seiner Spezialdisziplin, dem Zweihänder. “Wie ist es Dir ergangen, Gellis? Und viel wichtiger: Was hast Du jetzt vor? Der Wald ist unruhig und ebenso die Mitglieder das Hauses Fenwasian und somit auch die Distel. Es zieht ein Sturm auf. Was denkst Du in diesem Sturm zu tun, mit dem Wappen des Hauses Ahawar auf der Brust? Denn Du bist sicher nicht hierher gekommen, um mit mir zu frühstücken.” Inzwischen hatte der junge Belenduir Gellis eine Schale mit Milch eingeschenkt und schaute die Rittfrau fragend an, ob er noch etwas für sie tun könnte. Auf dem Tisch standen Brot, Schinken und Käse, doch vielleicht hatte die Ahwar auch andere Wünsche.

Gellis dankte dem Knappen mit einem Nicken und einer Handbewegung und bedeutete ihm damit, dass sie nichts weiter benötigte. Milch und Brot waren ihr gerade recht. Jedoch griff sie nicht danach, sondern begann zu sprechen.

"Knappen", lächelte sie schnippisch. "Beim Treffen der Besten hatte ich eine Knappin zum Tischdienst. Die junge Siana Falkraun hat mich beim Buhurt angegriffen, sie hat sich in Demut geübt, als sie mir beim Abschlussbankett aufwartete." Rodowan tunkte sein Brot ein und schaute dabei auf seinen Teller. Bei den Worten seiner Tochter hob er aber die Augen an und schaute dabei etwas missmutig, aufgrund der Belanglosigkeit der Geschichte, sagte aber nichts. 'Jetzt rede nicht um den heißen Brei herum!', schalt sich Gellis selbst. 'Vater ist ein Freund ehrlicher Worte, also trau dich! Los geht's!' "Aber auch das sollte hier nur am Rande von Bedeutung sein. Vater, ich möchte offen mit Euch sprechen, denn alles andere wäre nicht angemessen." Der Vogt hob nun seinen Kopf. ‘Ah, sie ist doch meine Tochter’, dachte er und schaute interessiert, aber ernst. Die Ritterin sah ihrem Vater fest in die Augen. Innerlich kämpfte sie mit ihrem Mut, jedoch überwog der Wille, überwog das Bedürfnis, ihre Wünsche und Vorstellungen darzulegen, ihrem Vater mitzuteilen, wie sie sich ihr weiteres Leben vorstellte. "Ich hatte nach der Wacht im wispernden Moor um Zeit gebeten, die ich nicht hier verbringe und das hatte nicht nur einen Grund darin, dass ich mein bisherigen Leben ausschließlich hier auf der Iauncyll oder in der Grafschaft verbracht hatte. Das wispernde Moor hat mir gezeigt, was ich nicht will. Eine Lanze zu führen bereitet mir keinerlei Probleme, aber es erfüllt nicht mein Herz. Ich möchte weiterhin stolz das Wappen der Ahawar auf der Brust tragen, nicht das der Distel. Das wusste ich damals und das weiß ich heute. Aber ich wusste nicht, wonach ich strebe." Gellis machte eine kurze Pause, machte aber deutlich, dass sie noch nicht zu Ende gesprochen hatte. Rodowan überlegte, ob er etwas sagen sollte, spürte aber, dass Gellis dies nicht leicht fiel und so schwieg er, versuchte jedoch wohlwollend drein zu schauen. "Ich bin viel gereist, habe erfahren und gesucht nach dem, was Menschen tun, um ihre Aufgabe auf Dere zu erfüllen. Ich habe vieles gesehen und gelernt, habe alte Schlachtfelder besucht und selbst gekämpft. Aber es fiel mir schwer, eine Antwort auf meine Frage zu finden: Was ist meine Aufgabe? Was kann ich tun, das das Haus Ahawar weiterhin ehrt, was es ermöglicht, dass ich aufgrund meiner Ausbildung mit Herzblut, all meiner Kraft und zur Ehre des Hauses tun kann. Es hat lange gedauert, immer wieder schien mir meine Suche erfolglos. Tatsächlich ist es mir erst bei meiner Rückkehr nach Albernia aufgefallen, dass das, was ich all die Zeit tat, aber nur nicht bemerkte, das war, was ich suchte."

"Vater, ich möchte das Haus Ahawar vertreten, ich möchte mich bei Turnieren im Kampf mit anderen Häusern messen oder bei Verhandlungen das vertreten, wofür wir und die Distel stehen und Albernia zeigen, dass unsere Familie stark ist. Und ich möchte, dass die Familie weiter erstarkt. Selbstverständlich werde ich mich keinem Kampf für die Distel versagen, denn den aufkommenden Sturm werde ich nicht ignorieren. Aber mein Schwerpunkt ist unser Haus, unsere Familie, Vater." Sie holte tief Luft, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, das anzusprechen, was ihr am Wichtigsten war, sie aber am meisten Kraft kostete, ihrem Vater ehrlich gegenüber zu treten. Denn es hatte nicht mit Kampf, sondern einer ganz anderen Stärke zu tun."Und das meine ich nicht nur darin, meinen Schwertarm einzubringen und die Familie zu stärken, sondern auch unsere Zahl und den Fortbestand des Hauses Ahawar zu sichern. Ich habe jemanden kennengelernt und möchte eine Familie gründen", endete sie, sah ihren Vater weiterhin stark und stolz in die Augen und erwartete seine Antwort. Jetzt war es also raus. Rodowan hatte die ganze Zeit, als seine Tochter gesprochen hatte, innegehalten. Nun steckte er sich ein weiteres Stück Brot in den Mund und begann zu kauen. Dabei schaute er erst auf seinen Teller, dann schluckte er in Ruhe und hob wieder den Kopf. “Gleich der Eiche werden wir stehen! Das sind unsere Worte. Gleich der Eiche werden wir stehen, an der Seite der Fenwasian. Gut, dass Du das in Deinen ergeizigen Plänen nicht vergessen hast. Ich komme erst einmal auf das erste Ansinnen. Ruhm und Ehre? Das Schwert und die Lanze für das Haus? Nun, Du bist eine Rittfrau und magst Dich messen mit unserem Stand. Wenn Du damit dem Hause Ehre machst, dann hast Du meinen Segen dafür. Auch wenn ich nichts davon halte….aber das mag ich in jungen Jahren auch anders gehalten haben. Ich erinnere mich nicht mehr. Es scheint zu lange her….ein anderes Leben. Aber gut, Du bist jung….” Er hatte immer wieder kurze Pausen gemacht, nun schwieg er etwas länger, es war aber deutlich, dass er keine Worte von Gellis erwartete und das wusste seine Tochter in diesem Moment ganz genau.

“Die Häupter der Ahawars willst Du mehren? Auch gut! Wir sind nur noch wenige und seit den Tagen von Anglams Bann hat es lange gedauert, bis wir wieder zu Ehren gekommen sind. Somit hoffe ich natürlich, dass meine Enkel einst meine Taten weiter führen und dem Haus und den Fenwasian Ehre erweisen werden. Gut also. Besser Du gehst den Bund ein als dass Du Flausen im Kopf hast, nicht dass dies bisher großartig der Fall war….” Wieder eine Pause. Die letzten Worte waren schon ein großes Lob aus dem Mund des Vogtes. “Aber Du wirst sicher wissen, dass jetzt die wichtigste Frage kommt: Wer soll denn der ehrenwerte Herr sein, mit dem Du den Traviabund anstrebst? Und warum ist der Bengel nicht Manns genug hier persönlich zu erscheinen?” Mit einem festen, fast stechenden Blick schaute Rodowan seine Tochter an.

Gellis behielt Haltung, innerlich war sie erleichtert, es hätte schlimmer kommen können. 'Phex, bring mir weiterhin Glück!', sandte sie ein Stoßgebet gen Alveran. Nach außen hin blieb sie dem Familienmotto gleich der Eiche, stolz und überlegen. Ganz die Tochter ihres Vaters.

"Er ist kein Bengel, Vater. Auch er trägt die Verantwortung, Mitglied eines alten Hauses zu sein….” Gellis schien Erleichterung auf dem Antlitz ihres Vaters zu erkennen, während sie weitersprach. “Glaubt Ihr, ich würde mir mit ganzem Herzen einen Mann an meiner Seite im Travienbund erwählen, der sich eines solchen Erbes nicht bewusst ist?", fragte sie beinahe provozierend stolz und selbstbewusst. Erwählen war sicher nicht unbedingt der richtige Ausdruck der Leidenschaft, die sie beide füreinander empfanden, aber sie war sich sicher, einem Mann anderer Abstammung gegenüber hätte sie gezweifelt, diesen Schritt bei ihrem Vater mit solchem Mut zu gehen. Gellis war sich nicht sicher, ob das kurze Zucken des Mundwinkels Rodowans ein kurzer Anflug eines Lächelns war.

"Er wird im Travia kommen. Es ist nicht einfach, als Leibritter der Fürstgemahlin eine ausreichend lange Zeit freigestellt zu werden, um von Havena hierher zu kommen und Zeit für einen angemessenen Anstandsbesuch zu erhalten. Sein Name ist Ruan Stepahan."

`Ein Stepahan?´ Der Name schien wie ein Blitz in den Kopf des Vogtes einzuschlagen. Damit hatte er nicht gerechnet. Ein stolzer und großer Name, der ihn und seinem Haus zu ehren gereichen würde und sicher auch das Wohlwollen der Distel. Dieses mal konnte Rodowan seine Gefühlslage nicht verbergen.

Gellis blieb stolz und aufrecht sitzen und sah ihren Vater direkt an. Sie hatte noch keinen Bissen angerührt, eigentlich war ihr nicht nach Essen zumute. Zu groß war ihre Aufregung und Hoffnung, dass sich mit ihrem Vater alles gut stellte und auch, dass Ruan wirklich die Möglichkeit haben würde, im Travia her zu kommen. Aber sie griff trotzdem zum Brot, tunkte es in die Milch und aß ein Stück. 'Keine Blöße geben, Gellis', machte sie sich selbst Mut.

Rodowan fixierte seine Tochter erneut und nahm dann einen Schluck aus seinem Holzbecher. Er schien noch seine Gedanken zu sortieren. Auch war er sich nicht sicher, ob er Ruan kannte.

Dass er käme, stand außer Frage, aber er hatte ihr noch nicht auf ihre konkrete Bitte hin geantwortet, die sie vor einer Woche an ihn gerichtet hatte. Wie sollte er auch? Der Brief war wahrscheinlich jetzt erst bei ihm angekommen. Es hatte nur ein Brief von ihm bei ihrer Ankunft hier auf sie gewartet. 'Gellis, mit jedem Menschen, der mir begegnet, wird mir umso schmerzhafter bewusst, welch außergewöhnliche und bewundernswerte Frau ich habe ziehen lassen. Jeden Tag, jede Stunde bete ich zur Heiteren, dass sie unsere Wege bald wieder zusammenführen möge', hallten seine Worte aus seinem Brief in ihrem Kopf nach, als sie ihren Vater voller Zuversicht und mit erhobenem Haupt ansah.

“Nun, Tochter. Du sprichst stolz und gut über ihn. Das ist ein gutes Zeichen. Ruan Stepahan also…” Es war nicht klar, ob Rodowan bei den letzten Worten mit Gellis oder sich selber sprach. “Ich weiss nichts über ihn, außer, dass er einen stolzen und hohen Namen trägt. Erzähle mir doch etwas über ihn, Gellis. Ich bin begierig, etwas über den Mann zu erfahren, der das Herz meiner Tochter so sehr entflammt hat.” Das erste Mal seit Gellis Ankunft war ein wohlwollendes Lächeln auf dem Antlitz Rodowans zu erkennen.

"Wir haben uns beim Treffen der Besten kennengelernt, er war meine Begleitung beim Abschlussbankett", begann Gellis. "Ich wollte die Knappin, die mir aufwartete, vor eine Herausforderung stellen, auf dass sie mir eine Begleitung organisiere, und er war der herausforderndste Kandidat für Siana. Nun, es ist ihr gelungen. Ruan und ich, wir haben uns von Beginn an gut verstanden und stellten mehr und mehr Gemeinsamkeiten fest. Er ist etwas jünger, als ich und ebenfalls Ritter, derzeit Leibritter seiner Base, der Fürstgemahlin, der Kronenritter Jandor Galahan war sein Schwertvater.” Rodowan nickte anerkennend. Gleichwohl er wenig vom Fürstenhof hielt, war der Name des Hohen Herrn Jandors doch ein ehrenwerter und bekannter. Außerdem war er froh, dass der Heiratskandidat ein Ritter war, und nicht ein am Fürstenhof residierender speicheleckender Höfling. Doch musste der Vogt seine Gedanken unterbrechen, weil seine Tochter ohne Pause weitersprach. “Seine Mutter war eine Geweihte der Leuin und die Schwester der verstorbenen Gräfin des Bredenhag. Der Baron von Wallersrain ist sein Bruder und er hat eine Zwillingsschwester, Ruada." Sie biss noch einmal von ihrem Brot ab, doch es wollte ihr nicht recht schmecken, und sie legte es beiseite. Erst jetzt fiel Rodowan ein Ring an ihrer Hand auf. Oder hatte sie ihn bewusst versteckt gehalten? Es war ein Silberring mit einem eingefassten Türkis.

"Wir hatten nicht viel Zeit miteinander, aber uns wurde schnell klar, dass wir alles versuchen würden, uns nicht mehr allzu lang trennen zu müssen. Daher bin ich damit schon am Morgen nach meiner Rückkehr auf Euch zugetreten, Vater." Gellis machte eine Pause und nahm einen Schluck Tee, während sie ihren Vater ansah, in den Augen und im leichten Lächeln noch ein Hauch Verliebtheit vom Gedanken an Ruan.

“Nun, Du scheinst ja alles schon geplant zu haben, und ihr beide seid euch wohl einig.” Er deutete mit einem kurzen Fingerzeig an, dass er den Ring wahrgenommen hatte.

Gellis folgte dem Zeig und Blick ihres Vaters zum Ring. Eine leichte Röte stieg in ihr Gesicht. "Es ist nicht so, wie es aussieht, Vater. Der Ring ist ein Geschenk, das meine Gedanken zu ihm lenken soll, kein Gelöbnis."

“Nun gut, ich hatte auch die Hoffnung, dass ich ein paar Worte dazu zu sagen habe.” Die Worte waren fast beiläufig mit einem leichten Lächeln gesprochen, weshalb nicht ganz klar war, wie wichtig Rodowan es wirklich war, beziehungsweise ob er noch Bedenken haben könnte. Denn dass er dem Plan seiner Tochter wohlgesonnen gegenüber stand, unterstrichen die folgenden Worte: “Aufgrund Deiner Herkunft…”, Rodowan spielte darauf an, dass Gellis ein Kegel war, “ist es eine große Ehre, dass jemand aus dem Hause des Weißen Löwen sich mit Dir verbinden will.” Er hatte mit sehr leiser Stimme gesprochen, fuhr aber nun mit lauter und fester Stimme fort. “Gleichwohl ein jeder froh sein sollte, dich zur Frau zu nehmen. Ich bin stolz auf Dich Gellis. Vielleicht habe ich es dir noch nicht gesagt, aber das bin ich. Wäre ich es nicht, dann hätte ich dich nicht in die Familie aufgenommen. Doch genug des Lobes.” Rodowans Stimme war zuletzt recht mild gewesen, eine Stimme, die Gellis nicht oft von ihrem Vater gehört hatte. Doch sofort wurde er wieder ernster: “Doch eines sei noch gesagt: Einen Traviabund spricht man nicht leichtfertig! Und das Haus Stepahan ist ein Haus, das ….fordert. Ich aber fordere dich auf, dein Erbe nicht zu vergessen. Und unser Erbe ist der Dienst an der Fenwasian und am Wald. Auch wenn Du den Ruf des Waldes nicht so… hörst wie ich, bist du meine Tochter. Der Wald und die Distel haben immer die erste Priorität als meine Tochter, als Ahawar. Vergiss das nicht. Gleich der Eiche werden wir stehen, und das nicht irgendwo, sondern hier beim Farindel. Auch wenn unsere Wege uns von hier fortführen, sollte das Herz hier bleiben. Auch deines.” Er machte erneut eine kurze Pause. “Auch wenn ich einmal gegangen bin.”

"Um ehrlich zu sein, Vater, und unsere Ehrlichkeit schätze ich an diesem Gespräch, höre ich den Ruf des Waldes kaum. Aber das ändert nichts daran, dass ich meinem Haus, meiner Familie und seiner Aufgabe treu bleiben möchte. Meine Heimat und mein Herz sind hier, und es hat mich wieder her geführt, auch wenn ich nicht wusste, wie ich mein Können, mein Herz und meine Treue vereinbaren konnte. Ich denke, das weiß ich nun. Aber gestattet mir eine Frage, wenn Ihr von der Zeit sprecht, wenn Ihr gegangen seid. Wo ist dann mein Platz, nicht mein Herz, in Euren Augen? Und wo ist Leomars?” Gellis überlegte einen Moment, ob sie noch etwas hinzufügen wollte, doch sie überließ erst einmal ihrem Vater das Wort.

“Leomar hat seinen Weg gewählt. Er ist und bleibt bei den Distelrittern! Damit macht er mir nicht nur Ehre, sondern erfreut auch mein Herz, war diese Bund doch lange Zeit auch der Meine….Mehr als ein Bund von Rittern, Knappen und Edelknappen. Mir war es immer auch eine Familie! Und das ist bis heute so geblieben, auch wenn mich die Wünsche der Distel in eine andere Position gebracht haben.” Man konnte Stolz und Zufriedenheit auf Rodowans Antlitz sehen, wenn er über seinen ältesten Sohn sprach. Den Bruder Gellis hatte er vor einigen Jahren ebenso anerkannt und offiziell in die Familie aufgenommen wie seine Tochter.

“Wo ich Deinen Platz sehe? Nun, ich bin dem Wald nahe, sonst hätte ich nie Lanzenmeister bei den Rittern der Schwarzen Distel werden können. Somit ist mir klar, dass du dich dem Wald nicht nahe fühlst. Ich konnte das schon spüren, als du noch ein kleines Mädchen warst. Wäre dies der Fall gewesen, hätte ich auch dich zu den Distelrittern gegeben und nicht in die gräfliche Knappenschule.” Er machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck aus dem Becher.

“Du bist keine Streiterin Farindels…, aber du bist eine Ahawar.” Stolz war aus der Stimme des alten Ritters zu hören. “Und als Ahawar bist du eine Vasallin des Hauses Fenwasian! Also sehe ich dich im Dienste der Disteln. Denn das alte Haus muss mehr leisten als die Wacht am Wald. Als uralte Sippe, als Grafenhaus… und so vieles mehr, muss das Haus Fenwasian seine Macht und seine Interessen vertreten und wahren. Eben auch die, die über den Wald hinausgehen, und am Ende trotzdem der Wacht wieder zu Gute kommen.”

Wieder eine Pause und es zeigte sich ein selbstzufriedenes Lächeln auf dem Gesicht des Vogtes. Selbst wenn Gellis möglicherweise etwas einwerfen wollte, Rodowan machte deutlich, dass er weiter sprechen wollte.

“Und Dein Liebster…”, das Wort kam etwas seltsam über seine Lippen, doch war nicht klar, ob er seine Tochter damit necken wollte, oder ihm das Ganze einfach noch zu fremd war, “lebt in Havena!? Der Stadt der Pfeffersäcke, aber auch des Fürstenhauses und seiner Speichellecker der ui´s und pfui´s. Der Höflinge, der Intrigen, der Hofspiele und Turniere… .all das, was ich verabscheue.” Kurze Pause. “Dem du aber vielleicht ja nicht abgeneigt bist”, noch eine Pause. “Du fragst mich, wo ich dich sehe? Ich sehe dich in Havena bei deinem Ehemann! Aber nicht nur bei ihm, sondern auch im Dienste unseres Hauses und dem unserer Herren. Ich wünsche mir, dass du im Hause der Distel Dienst tust. Ich möchte, dass du dem Vertreter der Fenwasians in der Kapitale als Rittfrau dienst, dem Herrn Burunian Fenwasian.”

Gellis konnte ihre Überraschung nicht verbergen, verlor zum ersten Mal an diesem Abend ihre Selbstbeherrschung und starrte ihren Vater mit großen Augen und offenem Mund an. Das hatte sie nicht erwartet. Das löste viele Stunden, nein, die letzten beiden Gotterläufe ihrer eigenen Grübelei in Wohlgefallen auf. Warum bin ich darauf nicht gekommen? Doch dann stahl sich ein anderer Gedanke in den Vordergrund. Warum dachte ich, Vater würde mich nicht kennen? Warum dachte ich, dass dieses Gespräch von Streit und nicht von Verständnis geprägt sein würde? Dass es, wenn ich meine Meinung und Wünsche ausdrücken würde, nicht verstanden werden würde? Perplex trank Gellis einige große Schlucke Tee, eher als wenn sie ein Bier herunterstürzen würde und erlangte so einen Teil ihrer Fassung zurück.

"Vater, Ihr seht mich überrascht, denn das ist ein Angebot, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Es ist mir eine Freude und Ehre, das zu tun, was Ihr mir vorschlagt. Es…", sie wollte zu einer Erklärung ansetzen, aber dann fiel ihr auf, dass sie ins Quasseln geraten würde und zügelte sich. "Danke Vater", sagte sie dann schlicht. "Dass ich so auf zweierlei Weise meinem Herzen folgen kann, als Tochter unseres Hauses und als Frau."

“Nun, bisher ist es nur meine Idee, und es wäre mit der Distel, aber sicher auch dem Herrn Burunian zu besprechen. Aber wie ich die beiden kenne, werden sie meinem Vorschlag folgen. Dass dein – hoffentlich – kommender Gemahl eng mit dem Fürstenhaus verbunden ist, wird Burunian sicher gefallen. Er denkt anders als wir. Das solltest du wissen. Strategischer, politischer. Nicht so wie wir. Sieh dich vor in Havena.” Er schaute jetzt fast ein wenig traurig drein, als ob er seine Tochter – die ihm eigentlich nie so recht nahe gestanden hatte in der Einstellung zu den Dingen – jetzt endgültig in eine andere Welt ging. Doch erlaubte er sich nur kurz diese Schwäche und fuhr dann fort: “Du brauchst dich nicht zu bedanken. Ich wünsche dir das Beste und dass beide Herzen glücklich werden, die du ansprichst. Mir ist und bleibt immer nur wichtig, dass du weisst, wer du bist, wer wir sind und was unsere Aufgabe ist. Solange du das verinnerlichst und nicht verleugnest, werde ich zufrieden sein.” Er überlegte kurz, ob er es ansprechen sollte, tat es dann aber doch. “Die Stepahan sind enge Verbündete der Fenwasian und somit auch der Ahawar, aber sie ticken ganz anders. Pass auf, dass du dich nicht von ihnen und ihren Zielen vereinnahmen lässt. Du bist eine Ahawar. Ein stolzes Haus, mit eigenen Ansichten und Meinungen.”

“Vater, glaubt mir, ich bin mir bewusst, dass Havena sicher eine der größten Herausforderungen wird, der ich nicht mit dem Schwert gegenübertreten kann. Und es schmerzt mich, der Iauncyll den Rücken zu kehren, sie ist meine Heimat und wird es immer bleiben. Ebenso, wie ich eine Ahawar bin und bleiben werde und wie ich auch möchte, dass meine, also unsere Kinder, Ahawar sein werden. So, wie Ihr mein Vater seid und auch wenn ich es nicht sein muss, ich bin Euch dankbar. Dass Ihr mir das alles ermöglicht habt.” Damit meinte sich nicht nur ihren Weg nach Havena, sondern deutete erst im Saal umher und legte dann die Hand im Rondragruß auf ihr Herz.

Rodowan erwiderte dies, dann nickte er und lächelte. “Doch eine wichtige Frage ist noch offen: Was sagt das Haus Stepahan zu Euren Plänen? Dass Ruan Dir in Liebe zugeneigt ist, heißt ja nicht, dass seine Familie seiner Bitte nachkommt. Wir sind zwar ein sehr altes Haus, mit einem inzwischen wieder wohlklingenden, Namen, aber wir sind kein großes oder mächtiges Haus. Und Deine Mutter ist weder von Adel, noch war sie mein Eheweib. Die Stepahan sind stolz…, auch in der Wahl ihrer Ehepartner. Ich denke da nur an die unglückliche Thalania.”

Gellis nickte verständnisvoll. "Ja, da habt Ihr wohl Recht und ich habe ihn das auch gefragt. Aber Ruan ist ebenfalls kein Kind eines Travienbundes, doch ebenso legitimiert, wie ich. Er sei recht frei in der Entscheidung, wen er ehelichen möchte, sagte er. Die einzige bisherige Vorgabe seiner Familie ist, dass seine Frau ein Mitglied eines Alten Hauses sein sollte.” Sie zuckte mit den Schultern und grinste, wurde dann aber wieder ernst. “Ihr seid der Erste, dem unser Antrittsbesuch gelten soll.” Dann überlegte sie laut. “Womöglich sollte ich im Anschluss an seinen Besuch hier mit ihm zu seiner Familie reisen, um mich vorzustellen.”

“Das klingt vernünftig. Wo leben die Eltern Ruans?”

Die Ritterin überlegte. “Ruans Mutter ist gefallen, und ich weiß gar nicht, wer sein Vater ist. Ich glaube der nächste Verwandte, der unserer Bitte stattgeben könnte, wäre der Graf von Bredenhag”, sagte Gellis unsicher. “Es ist etwas, dass wir besprechen sollten, wenn Ruan hier ist.”

“Ein guter Vorschlag. Du sprachst ja auch von Wallersrain. Rondred war ein Bruder Ruans, richtig? Bedenke, solltest du dorthin reisen, dass die Schwester des Grafen dort Baronsgemahlin ist. Vielleicht möchte die Distel dir eine Nachricht für sie mitgeben. Gleiches könnte für Bredenhag und Graf Arlan zutreffen, gleichwohl dann sicher nicht mit persönlicher Note.” Er stand auf. “Gut, dann ist alles gesagt, denke ich. Ich bin gespannt, deinen Ruan kennenzulernen. Meine Pflichten rufen mich. Ich teile dir dann mit, was Bragon und Burunian zu meinem Vorschlag sagen.”

Gellis tat es ihm gleich und erhob sich. “Habt Dank für Eure Zeit.”

Als sie neben dem Tisch aufeinandertrafen, standen sich beide kurz gegenüber. Ein anderer Vater hätte seine Tochter nach so einem Gespräch vielleicht nun in den Arm genommen, doch Rodowan klopfte Gellis nur wohlwollend auf die Schulter und verließ dann die Halle.

Gellis an Ruan, 12. EFF

Ortis, Feste Iauncyll
12. Efferd 1042 BF – erreicht Havena am 27. Efferd 1042

Liebster Ruan,

das Gespräch mit meinem Vater war eine Befreiung und verlief so ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Ich hatte mich für Ehrlichkeit entschieden und offen mit ihm gesprochen, nicht nur über dich, auch über meine Distanz zu den Feen und den Willen, trotzdem meiner Familie und der Distel zu dienen. So ein Gespräch habe ich mit ihm noch nie geführt und ich denke, es tat uns beiden wohl. Ich hatte gedacht, es würde seinen Unmut ernten, er würde aufbrausen und toben, aber er sagte, er habe schon in meiner Kindheit gemerkt, dass ich den Wald nicht hörte, aber trotzdem seine Tochter sei. Daher hat er Leomar zu den Distelrittern gegeben und mich zu den gräflichen Knappen und zur Ritterin geschlagen. Das war mir so nie in den Sinn gekommen. Danke, dass du dieses Gespräch mit ihm so möglich gemacht hast. Ich glaube nicht, dass ich ohne unser Gespräch in Draustein und meine Gefühle zu dir den Mut dafür gefunden hätte.

Er scheint mir sehr erfreut über einen Stepahan an meiner Seite, er freut sich auf ein Kennenlernen mit dir. Ich habe sehr zuversichtlich gesagt, dass du im Travia herkommen würdest. Konntest du schon erfragen, ob du die Reise antreten kannst? Kannst du kommen? Meine Mutter sendet dir ebenfalls liebe Grüße und wäre erfreut, den Mann kennenzulernen, der in der Lage ist, solche Gefühle in mir zu wecken (sagt sie).

Hier auf der Iauncyll zu sein ist vertraut und doch ganz fremd. Es ist mein Heim, aber doch bin ich die meiste Zeit in Gedanken bei dir, und vieles, was hier Alltag ist, erscheint mir momentan so fern. Ich hatte mir meine Rückkehr vor drei Wochen noch so anders vorgestellt als es jetzt ist, wo wir uns begegnet sind. Aber es ist gut so, wie es ist, denn es ist auch ein Abschied von hier. Stell dir vor, ich kann nach Havena kommen! Als Dienstritterin Burunian Fenwasians, du kennst ihn sicher, er ist der ältere Bruder des Barons von Aiwiallsfest. Es ist ein Abschied vom Farindel, so, wie ich es mir gewünscht habe, und ich kann bei dir sein und meinen Haus und den Fenwasian dienen. Ist das nicht wundervoll?

Ich habe noch nie für jemanden so empfunden, wie für dich und der Gedanke an eine gemeinsame Zukunft bringt mich vor Freude fast um den Verstand. Ich bin so froh, dass sich ein Weg für uns auftut, den ich so nicht sah! Ich kann unser Wiedersehen kaum abwarten und hoffe so sehr, dass es dir auch noch immer so geht.

Ganz dein

Gellis


Ruan an Gellis, 20. EFF

Havena
20. Efferd 1042 BF – erreicht Ortis am 4. Travia 1042

Geliebte Gellis,

hab tausend Dank für dein Schreiben. Es hat mich voll Zuversicht durch die vergangenen Tage und Nächte getragen. Denn diese eine Nacht mit dir hat all mein bisheriges Sein und Streben in Frage gestellt. Und die Aussicht, dich lange vor der nächsten Turney in Draustein wieder in meine Arme schließen zu dürfen, gibt mir Kraft, um selbst dem stärksten Gegner zu trotzen, möge er auch noch so viele verschworene Kämpfer an seiner Seite wissen.

Ich habe sogleich mit der Fürstgemahlin gesprochen und kann dir hiermit frohen Herzens verkünden, dass ich zu Beginn des Traviamondes in Richtung Winhall aufbrechen werde. Am Tag der Heimkehr soll meine Reise beginnen, denn ungeachtet der Gefahren, die mich auf meinem Weg erwarten mögen, und trotz der unbekannten Gefilde, in die ich mich begeben mag, ist es nichts anderes als dies. Ich kehre zurück zu der Einzigen, bei der mein Herz je Ruhe finden wird, um den Platz einzunehmen, den die Götter für mich vorgesehen haben – den an deiner Seite.

Ich werde in den Tempeln von Orbatal beten, auf dass die Heitere uns weiterhin beistehen und der Listige uns etwas von seinem Geschick für die bevorstehenden Gespräche leihen mögen. Auch werde ich ehrfurchtsvoll an den Säumen des Farindel verharren, um der, die ihr in einem Atemzug mit den Göttern nennt, zu zeigen, dass ich mit guten Absichten komme.

Leider wird meine Reise mich nicht auf direktem Wege zu dir führen können, da meine Base mir auftrug, eine Nachricht nach Aiwiallsfest zu überbringen. Und doch werde ich alles daran setzen, rechtzeitig zum Tag der Treue am 12. Travia Ortis zu erreichen, auf dass auch die Gütige Eidmutter uns ihren Segen schenken möge.

Ist es vermessen, dich zu bitten, mich im Rondratempel von Ortis zu treffen, ehe ich deinem Vater gegenübertrete? Ich werde dir eine Botschaft senden, sodass du als erste von meiner Ankunft erfährst und die Nachricht nach deinem Ermessen weitertragen kannst. Anschließend werde ich die Nacht im Haus der Göttlichen Leuin verbringen, um am Morgen zur Iauncyll aufzubrechen.

Ich gelobe, dass ich nicht eher nach Havena zurückkehren werde, als dass nicht alles versucht ist oder aber ich aus deinem Munde vernommen habe, dass deine Gefühle sich gewandelt haben.

In inniger Liebe und voll Leichtigkeit und Zuversicht

Ruan


Ruan an Gellis, 24. EFF

Havena
24. Efferd 1042 BF – erreicht Ortis am 8. Travia 1042

Geliebte Gellis,

auch ich hoffe sehr, dass du auf der Iauncyll mit meinem Schreiben begrüßt wurdest, wo ich dich schon nicht selbst in die Arme schließen durfte. Allerdings fürchte ich, dass ich dich in dieser Hinsicht enttäuscht habe, und das schmerzt mich mehr als du dir vorstellen kannst. Ich hoffe, du vergibst mir, dass ich es dir auf dem Weg zurück nach Havena nicht gleichgetan und dir auf diese Weise die Ankunft versüßt habe. Ich war angesichts unseres morgendlichen Gesprächs wohl zu versessen darauf, dir zumindest eine vage Antwort auf die Frage nach unserem weiteren Weg geben zu können.

Und hier ist sie nun.

Ganz und ohne Ende, Gellis!

Es ist möglich, und ich werde alles dafür tun, egal welchen Preis es kostet.

Jeden Tag aufs Neue quält mich die Frage, warum ich dir nicht gleich nach Winhall gefolgt bin. Diese selbst auferlegte Frist nagt zusehends mehr an mir, und ich habe das Gefühl, dass die Nächte ohne dich kälter und kälter werden. Es ist, wie du sagst. Wärest du jetzt nur bei mir, würden wir alles, was die Barden von hier bis nach Festum je erdacht haben, aussehen lassen wie die Schmierereien eines unreifen Knappen.

Und doch wage ich es kaum, mir ein Leben mit dir an meiner Seite auch nur auszumalen. Zu ungewiss scheint es mir, was deine Heimkehr zur Iauncyll wohl auslösen mag und welchen Erwartungen du dich gegenüber sehen wirst.

Ich lege unser Glück von nun an in deine Hände, Gellis.

Ich bin bereit, jeden Weg mit dir zu gehen.

In Liebe,

Ruan


Ruan an Gellis, 28. EFF

Havena
28. Efferd 1042 BF – erreicht Ortis am 11. Travia 1042

Geliebte Gellis,

schon bald breche ich auf, und es mag vielleicht seltsam anmuten, dass ich dieses Schreiben mit mir auf die Reise nehme. Doch dein Brief soll nicht unbeantwortet bleiben.

Sollte ich mein Ziel nicht erreichen, so hoffe ich, dass dir wenigstens diese Zeilen zugestellt werden und dir Gewissheit geben, dass all mein Streben in diesen Tagen allein dir gegolten hat und mir nichts bedeutsamer erscheint als endlich wieder mit dir vereint zu sein.

Ich werde den Brief in Orbatal einem Boten überantworten. Da ich diesmal wohl oder übel auf eine prüfende Frage verzichten und stattdessen darauf vertrauen muss, dass er seinen Auftrag ausführt, muss ich auf andere Weise sicherstellen, dass dich meine Nachricht erreicht. Daher werde ich mir im Tempel des Listigen einen zuverlässigen Kontakt vermitteln lassen… und den Boten nicht nur entsprechend entlohnen, sondern ihm zudem versichern, dass eine Begegnung mit dir lohnenswerter ist als jedes zusätzliche Silberstück.

Gellis, du kannst dir gar nicht vorstellen, was deine Zeilen mir bedeuten. Endlich darf ich hoffen und träumen, ohne die mahnende Stimme im Hinterkopf, die mich zur Vorsicht anhält. Als ich gestern des Nächtens durch die Gassen Havenas schritt, trunken von deinen Worten und der Vorstellung, dich schon so bald in meine Arme schließen zu dürfen, da wurden Bilder in mir wach. Ich sah uns Arm in Arm, nein ich sah nicht nur, ich spürte dieses wohlige Kribbeln, das ich zuletzt am Morgen unseres Aufbruchs verspürt habe. Doch diesmal entbehrte es des leidvollen Stichs, der mein Herz seither jedes Mal traf, wenn ich mir der Ungewissheit der Lage bewusst wurde.

Ich kann es noch gar nicht recht glauben, und alles in mir möchte laut jubeln und jeden einzelnen Bürger, der an mir vorbei eilt, anhalten, um ihm von meinem Glück zu berichten. Ich werde auch der Fürstgemahlin und meinem Bruder die frohe Kunde überbringen, auf dass alles für deine Ankunft in Havena bereitet sein mag.

Die Welt strahlt in den hellsten Farben, und das ist allein dein Verdienst. Du bist ein Geschenk der Götter, Gellis Ahawar. Mögen sie es fügen, dass ich es dir eines Tages tausendfach vergelten kann.

In Liebe,

Ruan