Rahjas Fingerzeig (1042) Teil 01: Nähe

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Die Szene folgt direkt auf Szene 3.8 aus diesem Briefspiel.


Inhaltsverzeichnis

Nähe

Draustein
30. Rondra 1042 BF - Der Morgen nach dem Abschlussbankett zum [[Treffen der Besten {1042)|Treffen der Besten]]

Nachdem Ruan noch um einen Moment für sich gebeten hatte, um bei seiner Dienstherrin um Entschuldigung für den nächsten Vormittag zu ersuchen, hatten sie sich beide zu Gellis' Lager zurückgezogen. Ihr Zelt, vor dessen Eingang das Wappen der Familie Ahawar prangte, stand in der Nähe des Lagers von Iain Fenwasian, die schwarze Distel auf goldenem Grund zeugte davon. Mehr Streiter aus der Grafschaft waren nicht anwesend. Gellis' Lager war nicht allzu groß. Drei Pferde, ein Trosswagen und zwei Zelte, eines klein, sicher zum Schlafen der Bediensteten, und ein großes Zelt in schwarz und weiß.

Die Wache hatte beide passieren lassen und Gellis hatte mit einer Handbewegung die erstaunte Magd fort gewunken, die jedoch kurz darauf grinsend eine Flasche Wein mit zwei Bechern und Kräuterkekse auf ein Tischchen neben dem Bett gestellt hatte.

Das Innere von Gellis' Zelt war ganz eindeutig das einer Ritterin. Der bekannte Geruch von Lederfett und Rüstungsöl lag im Raum. Ihre Rüstung stand auf einem Ständer links neben dem Eingang, die Waffen daneben. Geradezu stand ein Tisch mit zwei Stühlen, dahinter konnte man an einem zur Seite gezogenen Vorhang das Bett erkennen, neben dem eine große Truhe stand. Es war keine Pritsche und auch kein Travienbett, aber es war für eine Person mehr als ausreichend, geradezu unritterlich bequem, und zu zweit würde der Platz zwar eng, aber noch immer gemütlich sein. Auf dem Bett lag eine Schaffelldecke zur Polsterung der Strohmatratze, eine einfache Leinendecke lag gefaltet am Fuß des Bettes.

Gellis und Ruan hatten schnell wieder zueinander gefunden, sie hatten das zugelassen, was sie auf der Klippe so verwundert hatte. Sie hatten sich Zeit gelassen, einander erkundet und genossen. Als Ruan eine Narbe ertastete, drei parallele Streifen, die sich quer über Gellis' halben Oberschenkel zogen, hatte sie auf seinen fragenden Blick kurz mit "Feen" geantwortet.

Als die Vögel zu singen begannen, waren sie eng aneinander gekuschelt eingeschlafen.

Erst mit der Wärme der Sonnenstrahlen auf dem Zelt erwachte Gellis. Sie spürte Ruans Nähe, und ihre Gefühle verwirrten sie. Sie hatte noch nie die Nähe eines Mannes so genossen. Sicher, sie hatte schon bei einigen gelegen und war auch keine Frau, die Rahjas Freuden ignorierte, aber sie war noch nie an der Seite eines Mannes mit dem tiefen Wunsch erwacht, dass Satinav die Zeit anhalten möge. Sie schmiegte sich ein wenig enger an ihn und schloss die Augen, während sie seinen Körper an dem ihren und seinen Geruch genoss.

Auch für Ruan war die Situation mehr als ungewohnt. Bislang hatte er nie das Verlangen verspürt, länger bei einer Frau zu weilen als notwendig. ‘Zum Glück’, ging es ihm durch den Kopf, denn wer wusste schon, wie häufig die Fürstgemahlin eine Vernachlässigung seiner Pflichten geduldet hätte. So aber hatte sie ihm lediglich aufgetragen, für entsprechende Vertretung zu sorgen, um dann seiner Bitte stattzugeben. Es war sicher auch für Talena kein Geheimnis, dass Ruan nicht der pflichtbewusste Ritter war, als der er sich gern selbst darstellte, doch hatte er seine Eskapaden bisher soweit vom Hofe fernhalten können, dass niemand ihn offen anprangern konnte. Und das, so hatten sein Bruder und Vetter ihm mittlerweile oft genug deutlich gemacht, hatte unter allen Umständen auch so zu bleiben, wenn er nicht seinem gesamten Haus Schande bereiten und das Leben der ihr Anempfohlenen nicht noch schwieriger gestalten wollte als es ohnehin schon war. Aber das waren alles viel zu schwere Gedanken für einen so schönen Morgen.

Mit einem wohligen Seufzen vergrub Ruan sein Gesicht in Gellis’ Haar und atmete ihren Duft. Zärtlich legte er einen Arm um sie und zog sie sanft zu sich heran. Noch war ihm nicht nach Sprechen zumute. In der vergangenen Nacht hatten ihre Körper das Reden übernommen und wohl so ziemlich alles gesagt, was es zu sagen gab. Vorerst... Mit einem leisen Brummen verscheuchte er die Gedanken an den nahenden Tag und hauchte einen Kuss in Gellis’ Nacken. Für einen Moment schloss er die Augen und lauschte auf das leise und regelmäßige Atmen, spürte ihre warme, weiche Haut an seiner. Seine Hand wanderte ein Stück weit hinab und strich über ihre Schenkel. Unter seinen Fingern spürte er die Narbe, nach der er in der letzten Nacht nicht weiter hatte fragen wollen. Behutsam ließ er die Hand dort verweilen. Ein wenig wunderte es ihn, dass er kein Verlangen hatte, sie sogleich erneut zu nehmen, ehe noch jemand die morgendliche Ruhe stören konnte. Nein, er hatte jeden Moment mit ihr zutiefst genossen, doch was er nun fühlte, war in keinster Weise mit der schnellen Befriedigung einer flüchtigen Liebesnacht zu vergleichen. Es war ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das ihn umfing. Und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass von morgendlicher Ruhe schon lange keine Rede mehr sein konnte. Zwischen den Zelten herrschte bereits geschäftiges Treiben. Vielmehr war es eine Art innerer Frieden, den er verspürte.

Vorsichtig zog der Drausteiner seinen Arm unter Gellis’ Kopf hinweg und strich behutsam durch ihr feines, blondes Haar, während seine Lippen begannen, zärtlich ihren Hals zu liebkosen.

Diese genoss seine Zärtlichkeit, die Reaktion ihres Körpers darauf und seufzte wohlig, während sie ihren Kopf so drehte, dass seine Lippen mehr Haut erreichen würden. Sie wusste, dass Aegwyn sie nicht stören würde, und ließ sich fallen. Da sie vor Ruan lag, hatte sie wenig Möglichkeiten, seine Berührungen zu erwidern und sie wollte sich noch nicht umdrehen. So genoss sie seine Lippen auf ihrer Haut, seine Finger in ihrem Haar und bewegte als Antwort auf seine Liebkosungen leicht die Hüften.

Mit der Zeit wurden Ruans Berührungen fordernder. Er schmiegte sich eng an sie, nahm ihren Rhythmus auf und ließ seine Hände dabei gierig über ihren nackten Körper wandern. Gellis konnte seine Erregung deutlich spüren, und doch schien er es nicht eilig zu haben, erneut in sie einzudringen. Dann, plötzlich hielt er inne. Die Winhallerin spürte, wie sich seine Muskeln spannten, als er sie sanft, aber bestimmt zu sich herumdrehte, so dass sie sich erstmals an diesem Morgen direkt anblickten. Wieder brauchte es keine Worte, ihr Blick, ihr Lächeln… Für einen Moment schien es Ruan, als würde die Zeit still stehen, als sich ihre Augen trafen. Sein Herz machte einen kurzen Satz, nur um sogleich umso schneller zu schlagen. Leidenschaftlich zog er sie an sich und genoss das Gefühl ihrer Haut auf seiner Haut. Dann verschränkte er seine Beine mit den ihren und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss, den sie voller Erregung erwiderte und ihre Hände - jetzt, wo sie ihm gegenüber lag - über sein Gesäß wandern ließ. Erneut spürte Gellis, wie der Körper des Ritters sich spannte, um sich sogleich mit einem Ruck auf den Rücken zu drehen. Gellis zog er dabei kurzerhand mit sich, so dass sie auf ihm zu sitzen kam. Ein verheißungsvolles Lächeln umspielte seine Lippen, während er sie aufmerksam betrachtete.

Sie schüttelte leicht lächelnd den Kopf und strich ihm eine Strähne seines Haares, das ihm über die Augen gerutscht war, zur Seite. Sie sah ihm tief in die Augen. Wie konnte es sich nur so einzigartig anfühlen? Die Hüften der Ritterin bewegen sich leicht, auch wenn er noch nicht in ihr war. Sie reizte ihn, konnte dies jedoch selbst nicht lange aufrecht halten, so sehr erregte sie seine Nähe. Ruans Körper spannte sich unter ihrer Bewegung, und erneut wurde ihm beinahe schmerzlich bewusst, wie schön Gellis war. Mit einer geschmeidigen Bewegung beugte sie sich vor und küsste ihn auf den Mund, um kurz darauf Lippen und Zunge über Hals und Brust nach unten wandern zu lassen, während ihre Hände ihn ebenfalls erkundeten, immer etwa zwei handbreit tiefer.

Als ihr Mund seinen Bauchnabel erreicht hatte, verweilte sie einen Moment und bewegte sich dann wieder nach oben, ihre Hand blieb jedoch, wo sie war.

Erneut küsste sie ihn auf den Mund und mit einer schnellen Bewegung dirigierte sie ihn in sich und richtete sich auf ihm sitzend auf, die Augen geschlossen, mit einem Seufzen und einem Gesichtsausdruck voller Genuss, die Unterlippe zwischen ihren Zähnen.

Ruan hatte sichtlich Mühe sich zusammenzureißen. Zu sehr erregte ihn allein der Anblick ihrer miteinander vereinten Körper. Entsprechend überließ er es zunächst Gellis, den Takt vorzugeben, und konzentrierte sich stattdessen darauf, seiner Partnerin mit den Fingern zusätzlich Lust zu verschaffen, indem er sie sanft streichelte. Seine Linke massierte derweil abwechselnd zärtlich ihre Schultern und verkrallte sich in ihrem Haar oder ihrem Nacken, nur um dann wieder hinab zu wandern und ihre wohlgeformten kleinen Brüste zu liebkosen.

Schließlich jedoch spannte sich der Körper des Ritters und er nahm ihren Rhythmus auf. Seine Hände umfassten ihre Hüfte und seine Augen suchten ihren Blick, während er mit regelmäßigen, kräftigen Stößen in sie eindrang.

Gellis' Hände griffen die seinen und ihre Finger verschlungen sich ineinander, während die Bewegungen ihrer beider Körper eine ganz eigene Harmonie erreichte. So sehr in ihren Empfindungen und seinen Berührungen versunken, die Augen noch immer in Genuss geschlossen, kam es ihr vor, als fühlte sie seinen Blick auf sich. So öffnete sie die Augen und sein Blick entzündete den letzten Funken, so dass ihre Leidenschaft sie hinforttrug.

Endlich musste auch Ruan sich nicht mehr zurückhalten, und während er genussvoll beobachtete, wie sich Gellis ganz ihrer Lust hingab, ließ auch er seinem Verlangen freien Lauf. Er spürte, wie das wohlige Gefühl in seinen Lenden aufstieg und seinen Verstand umhüllte. Seine Hände hielten die ihren fest, und mit einem kurzen Aufstöhnen sank er auf das Laken nieder.

Für einen Augenblick ließ Gellis das Erlebte für sie beide noch nachhallen, blieb wo sie war, hielt seine Hände und betrachtete seinen entspannten Gesichtsausdruck. 'Rahja, lass mich das nicht vergessen!', betete sie stumm. Dann ließ sie seine Hände los und ließ sich neben ihm nieder, ihren Kopf auf seiner Schulter, das Bein mit seinem verschlungen, ihre Hand auf seinem Oberkörper und spürte ihrer beider Puls wieder verlangsamen.

Zärtlich legte Ruan einen Arm um Gellis und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. Seine freie Hand ergriff die ihre, während die andere mit einer Haarsträhne spielte. Eine Weile lagen sie schweigend da, doch schließlich räusperte sich der Ritter und wandte den Kopf. Als er in Gellis Augen sah, spürte Ruan mit einem Mal, wie etwas ihm die Kehle zuschnürte. Er räusperte sich erneut, doch das Gefühl blieb. “Komm mit mir”, flüsterte er leise.

Es tat Gellis einen Stich in der Brust. Sie konnte nicht zuordnen, ob es Erschrecken oder Freude war oder beides. Ruan meinte, ihre Augen suchten etwas in den seinen. Doch Gellis fand keine Fassade, kein geübtes Lächeln. Er meint es ernst, schoss es ihr durch den Kopf. Etwas in ihr frohlockte. Doch in ihren Gedanken erwachte sie wieder, auch, wenn sie dagegen ankämpfte. So sehr sie es sich gewünscht hätte, dass die Realität noch ein Stück von ihnen fern bleiben würde, sie legte sich beinahe eisern um ihr Herz.

Sie richtete sich auf den Ellenbogen auf, die freie Hand auf seiner Brust und sah ihn an, noch immer zärtlich. "Ich kann nicht", sagte sie schlicht. "Noch nicht." Was sagte sie da? Warum hatte ihr Verstand ihr Herz nicht mehr unter Kontrolle? "Ich muss erst nach Hause, ich muss zu meinem Vater und zur Distel, mich zurückmelden, erfahren, was meine Aufgaben sind." In ihrem Blick trat Traurigkeit, so sehr sie versuchte, ihre Maske wieder aufzusetzen, es gelang ihr nicht. "Wir sind nicht frei, Ruan. Du nicht und ich nicht. Wir beide sind Kinder alter Häuser." Sie küsste ihn, innig, wie gestern Abend, als sie ihm den Vorschlag gemacht hatte, der sie hierher geführt hatte. Etwas in ihm wollte aufbegehren, doch insgeheim wusste Ruan, dass sie Recht hatte. Auch er konnte nicht einfach alle Pflichten vergessen und nach Winhall eilen, so sehr er es sich in diesem Moment auch wünschen mochte. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, was da gerade in ihm vorging. Mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination betrachtete er Gellis. Wer war diese Frau, dass sie in nur einer Nacht eine solche Sehnsucht in ihm zu wecken vermochte? "Ich würde gern einen Weg für uns finden." Vielleicht war das der Weg, der ihr bislang verborgen geblieben war? Oder war es nur eine Illusion, die sie sich selbst betrachtend, wie eine verliebte Pagin anmuten ließ?

Ihre Worte klangen wie ein Versprechen, oder waren sie nicht vielmehr eine Entschuldigung? Nein, es mochte ein Strohhalm sein, doch Ruan spürte, dass er darauf hoffen wollte. “Ich weiß weder, wo du herkommst und was du erlebt hast, noch kann ich ahnen, was vor dir liegt”, sagte er mit belegter Stimme. “Aber ich weiß, dass es sich lohnt zu warten.”

Gellis sah ihn noch immer an, hielt seine Augen im Blick. "Gehen wir nach unserem Frühstück noch einmal gemeinsam in den Rondra Tempel?", fragte sie. Tat sie das wirklich gerade? War das, was so viele verliebt sein nannten? Sie fühlte sich merkwürdig, so leicht und doch so bedrückend an. "Schwörst du mit mir bei Rondra, dass wir alles dafür tun, uns in einem Götterlauf hier zum Turnier wieder zu sehen? Und dann prüfen wir, ob es uns noch so geht wie heute und ob wir einen Weg gefunden haben?" “Das werden wir”, antwortete er mit ernstem Blick, “und das schwöre ich dir bei Rondra, Rahja und den übrigen Zehn, und wenn es sein soll, auch noch vor dem Fürsten höchstselbst.” Ein leises Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. “Nur lass uns bitte auch ein wenig von der Leichtigkeit bewahren, die uns hier zusammengeführt hat. Der Heiteren zum Dank.” Und mit diesen Worten zog er sie in eine innige Umarmung, in die sie sich bereitwillig fallen ließ.

Zukunftsfragen

Ruans Versprechen und seine Aufforderung halfen Gellis, die Last des nahenden Abschieds abzulegen. Es würde kein Abschied für immer werden, das gab ihr Zuversicht und einen Teil ihrer Fröhlichkeit zurück. Und es erstaunte sie, wie sie sich den Abend und die Nacht gestern Abend vor dem Bankett noch vorgestellt hatte und wie alles nun verlaufen war. Allein das amüsierte sie und machte sie glücklich. Eine Art von Glück, die ihr neu war.

In Ruans Kopf hatte es derweil bereits begonnen zu arbeiten. Er würde Gellis keinen Gefallen tun, würde er sie am Fürstenhof unterbringen. Und sich selbst vermutlich ebenso wenig. Das Stadthaus seiner Familie bot zumindest vorübergehend eine gute Möglichkeit, doch er bezweifelte, dass sie sich auf Dauer damit zufrieden geben würde. Oder vielleicht doch? Wieder stellte er fest, dass er eigentlich viel zu wenig über die Ritterin wusste…

Einige Zeit später saßen sie in leichter Untergewandung am Tisch im Zelt, um das Frühstück zu sich zu nehmen. Die Magd, die Ihnen gestern Wein und Kekse ans Bett gestellt hatte, trat ein und brachte ihnen neben Tontellern und Besteck frisch gebackenes Pfannenbrot, dass herrlich duftete. Ruan fiel auf, dass sie eine recht hübsche, blonde Frau in seinem Alter war, etwas üppiger und kleiner jedoch, als Gellis. Sie humpelte, als sie eintrat, es schien ihm aber keine frische Verletzung als Grund zu geben, dazu waren ihre Bewegungen zu geübt.

Das Lächeln und die hochgezogenen Augenbrauen, die sie Gellis in einem Moment schenkte, als sie dachte, Ruan würde es nicht sehen, war beinahe unverschämt für das Verhältnis von Magd zu Herrin. Doch Gellis ' glückliches Grinsen als stille Antwort, zeugte davon, dass sie sehr vertraut waren und die übliche Distanz hier wohl so nicht vorherrschte.

Dann wandte sich die Magd an Ruan. "Hoher Herr", sie knickste höflich und sah ihn direkt an. Ihre Augen, erkannte Ruan erschrocken, hatten erstaunliche Ähnlichkeit mit Gellis'. "Ich hab' an Eier und Speck und Apfelkonfitüre zum Frühstück gedacht. Ist das recht? Mögt Ihr einen Tee oder lieber verdünntes Bier?"

“Tee”, entgegnete er lächelnd und betrachtete die junge Frau mit unverhohlenem Interesse. “Und ja, hab Dank, …” Der Satz blieb unvollendet. Hatte Gellis sie je direkt angeredet? Er erinnerte sich nicht.

Ruan wartete, bis die Magd das Zelt wieder verlassen hatte, dann wandte er sich mit fragendem Blick an Gellis. “Ist sie… mit dir verwandt?”

Gellis lächelte. "Ist es tatsächlich so offensichtlich? Ja, Aegwyn ist meine Halbschwester. Wir haben beide große Ähnlichkeit mit unserer Mutter." “Offensichtlich genug, wenn man das Glück hatte, lange genug in deine Augen blicken zu dürfen.” Lächelnd nahm er ihre Hand und führte sie zärtlich zu seinen Lippen, während er sie über den Handrücken hinweg interessiert betrachtete. “Erzähl mir von deiner Mutter”, bat er sie. "Meine Mutter ist Schreiberin auf der Iauncyll, der Burg des Grafens von Winhall", antwortete Gellis ihm. "Ihre Familie gehört zu einer der Freienfamilien, die seit Generationen in Diensten der Distel stehen. Sie war damals…", sie zuckte mit den Schultern "naja, wie gesagt, wir sehen ihr ähnlich und sie war als junges Mädchen sehr hübsch, so sehr, dass sie die Aufmerksamkeit eines Distelritters auf sich zog. Sie war einige Jahre seine Mätresse und er hat meinen Bruder und mich mit ihm gezeugt. Danach hat sie den Quartiermeister geheiratet. Sie ist eine kluge Frau und kann Büchern wesentlich mehr abgewinnen, als ich."

“Und er hat euch beide als seine Kinder aufgezogen?” Skeptisch ließ Ruan den Blick über Rüstung und Waffen schweifen. “Wann hat sich dein Vater zu dir bekannt?”

Gellis’ Blick war Ruans gefolgt. "Ich habe erst recht spät erfahren, dass Papa, der Quartiermeister nicht mein leiblicher Vater ist und ich ein Bastard bin. Aber sein Verhältnis zu mir war immer anders. Ich habe mich früher immer gewundert, warum er mit Aegwyn und meinen Brüdern anders umging, als mit Leomar und mir. Er war sehr viel strenger mit seinen leiblichen Kindern. Ich war ein Wildfang, er ließ mich immer gewähren. Als ich ins Knappenalter kam, hat Rodowan Ahawar sich zu mir als Bastard bekannt. Ich wurde mit den Knappen der Distel ausgebildet. Er hat mich und meinen Bruder ausgebildet, mehr gefordert, als von anderen. Er wollte sehen, ob wir seines Erbes würdig sind. Mich als seine Erbin angenommen hat mich mein leiblicher Vater vor vier Jahren und hat mich in dem Zuge sogleich zur Ritterin geschlagen." Gellis Tonfall war erschreckend gefühllos bei ihrem letzten Satz.

“Das heißt”, Ruan schien sichtlich überrascht, “du hast eigentlich keinerlei ritterliche Ausbildung? Niemand hat dir die zwölf Tugenden nahegebracht, und du hast keinen Schwertvater?”

"Nein, einen Schwertvater habe ich nicht, wobei es mein Vater war, der meine und Leomars Ausbildung gnadenlos und umfangreich abhielt, nur eben nicht als Schwertvater", sagte sie schlicht, dann jedoch wurde ihr Tonfall emotional. "In allen Teilen ist meine Ausbildung ritterlich, Ruan. Ich habe alles gelernt, was die Knappen auch gelernt haben." “Ich wollte damit nicht sagen, dass deine Ausbildung schlechter ist”, beeilte sich der junge Stepahan zu erklären, “es ist nur…, ich versuche zu ergründen, was dich antreibt, was…” Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment kam Aegwyn mit zwei dampfenden Bechern hinein, sie nahm einen der Becher, roch daran und stellte ihn nach einem Nicken Gellis hin."Entschuldigt, Hoher Herr, ich weiß, Euch hätte der erste Becher gehört, aber ich musste sichergehen, dass Gellis den richtigen Becher bekommt." Sie setzte den zweiten Becher vor Ruan ab und war schon wieder verschwunden. "Essen kommt gleich", rief sie im Hinausgehen.

Amüsiert zog der Ritter eine Augenbraue hoch. “Rahjalieb?”, fragte er lächelnd. Gellis nahm den Becher und roch daran, dann erwiderte sie sein Lächeln und nickte. "Sie denkt mit."

“Was ich sagen wollte”, griff er dann den Faden wieder auf, “es interessiert mich weniger, ob du nun eine geradlinige Ausbildung genossen hast oder nicht. Es geht mir vielmehr darum zu verstehen, was du dir wünschst, was dich ausmacht…, denn wie sonst soll ich einen Weg finden, der uns beiden behagt.”

'Er denkt wirklich darüber nach!', schoss ihr die Erkenntnis durch den Kopf. Sie errötete ganz ungewollt und fühlte, wie ihr seine Fürsorge behagte.

"Weißt du, ganz ehrlich", sagte sie ruhig und ernst, "ich habe meinen Weg noch nicht gefunden. Ich habe versucht, das im letzten Götterlauf herauszufinden. Es war wundervoll, zu reisen und etwas Abstand zu bekommen, aber es löst nicht das Problem. Wahrscheinlich kennst du die Pflicht, die mit dem familiären Erbe einhergeht?" Sie sah ihn fragend an.

“Zum Teil”, er nickte. “Wobei ich nur einer Nebenlinie entstamme und somit deutlich mehr Freiheiten habe…, naja so viel Freiheiten man mit diesem Namen eben haben kann”, fügte er mit einem schiefen Grinsen nach. “Zumindest bei der Wahl der Partner gibt es nur einige wenige Vorgaben.” Aufmerksam beobachtete er Gellis’ Reaktion. “Wirst du einst die Nachfolge deines Vaters antreten?”, fragte er dann und griff nach seinem Becher.

Gellis sah ihn mit einem provozierenden Lächeln an. "Du glaubst wirklich, dass ich dir diese Frage nach deinem Satz zuvor beantworte?"

Verwirrung zeigte sich auf dem Gesicht des Ritters. “Welchem Satz?”, fragte er zögernd und zog die Stirn kraus.

"Du sagst, es gäbe bei der Wahl des Partners nur wenige Vorgaben und mehr sagst du dazu nicht. Das ist frech, Ruan Stepahan", sie versuchte neckend zu klingen, doch konnte sie einen besorgen Tonfall nicht verbergen.

Langsam schien Ruan zu begreifen. Lächelnd nahm er ihre beiden Hände in seine und blickte sie offen an. “Standesgemäß”, grinste er, “alter Adel. Mehr nicht. Und selbst letzteres wäre vermutlich verhandelbar.” Zärtlich strich er über ihren Handrücken. “Also?”

"Also", sie ahmte grinsend und mit erleichtertem Gesichtsausdruck seinen Tonfall nach, als Aegwyn mit dem Essen hineinkam und ihnen eine große Schüssel gerührtes Ei und Speck und eine kleine Schüssel Apfelkonfitüre hinstellte. "Danke dir, Aegwyn", sagte Gellis und die Magd verließ wieder das Zelt.

"Ich bin die Zweitgeborene, er hat keine Kinder aus einem Travienbund und wird auch keinen mehr eingehen." Ruan konnte ihre Maske erkennen, auch wenn sie sie nur andeutete. "Mein Bruder, Leomar, auch anerkannter Kegel, tritt in Vaters Fußstapfen, zumindest, was sein Amt bei den Distelrittern betrifft. Aber was würdest du dir denken, wenn du als Zweitgeborene die Ritterin wärst und der Erstgeborene nur Edelknappe? Und ihr beide wärt Bastarde und zur gleichen Zeit anerkannt worden." Gellis zuckte mit den Schultern.

Ruans Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Ein Stück weit fühlte er sich ertappt. Wie oft hatte er es seiner Schwester geneidet, dass sie einem Steinvasallenspross als Knappin zugesprochen worden war, und ihm, der nur wenige Momente jünger war als sie, zunächst keine solche Ehre zuteil werden sollte. Letztlich hatte es sich gefügt, doch er konnte Gellis’ Gedanken nur zu gut folgen.

“Immerhin hat er dir den Ritterschlag ermöglicht. Dann sollte er dich auch für die Fähigere von euch beiden halten”, antwortete Ruan aufrichtig. “Aber was ich denke, ist hier nicht von Belang. Was denkst du? Was ist es, was dich beschäftigt… oder anders gefragt: Wäre es für dich eine Ehre, ihm in seinen Ämtern nachzufolgen? Oder eher eine Bürde?”

"Ich weiß es nicht, Ruan. Ich bin als Bastard an diesem Ort aufgewachsen. Und über diesen Ort soll ich dann herrschen?" Sie seufzte. "Ich muss mit ihm darüber sprechen. Wir haben nie über seine Erwartungen gesprochen, er hat nie über mich bestimmt oder etwas von mir gefordert. Er hat mich hart ausgebildet, den Stand gegeben und mir dann zugesehen, genau, wie er ihn Leomar verweigert und ihm zusieht. Es sollte mir eine Ehre sein", sagte sie und griff sich die Schüssel mit dem Ei.

Ruan schien eine Weile über das Gesagte nachzudenken. “Er kann nicht erwarten, dass das Wissen aus dir selbst erwächst”, meinte er dann, während er sich ebenfalls an den Speisen bediente – oder vielmehr wahllos Essen auf seinen Teller häufte, ohne es dann jedoch eines weiteren Blickes zu würdigen. “Vielleicht”, er schmunzelte, “könntest du dir ja in Havena das ein oder andere aneignen.” Es war schwer zu erkennen, ob dies ein ernst gemeinter Vorschlag war oder ob er sie nur necken wollte. Die nächsten Worte jedoch klangen in jedem Fall aufrichtig. “Sprich mit ihm, Gellis. Politik scheint viel zu oft wie ein Spiel, aber es kann gefährlich sein, wenn man unbedacht an die Sache heran geht.” Eindringlich blickte er sie an.

“Wie kam es zu deiner Reise?”, wechselte er dann vermeintlich das Thema.

Gellis ließ das Essen auf dem Teller kalt werden, hatte die Tasse mit dem Rahjalieb in die Hände genommen und sog dessen Geruch ein, trank aber noch nicht. Sie dachte nach. “1027 griff Muiradh Albenbluth von Niamor-Jasalin, der Rote Baron, Burg Wispermoor an. Die Burg liegt, wie der Name auch sagt, am wispernden Moor, das dem roten Wyrm, einem Gegenspieler Farindels eine Heimstatt war. Im Moor und den Wäldern darum sind die Pflanzen nicht grün, sondern rot und violett, die Bäume sind kahl und sehen im Nebel aus, wie versteinerte Kreaturen. Trotz des Nebels weht immer ein kalter Wind, und aus dem Nebel klingen Stimmen. Die Bewohner dort sagen, wer in das Moor hineintritt, kommt nie wieder heraus. Manchmal schleichen aus dem Nebel Kreaturen des Roten und greifen Mensch und Tier in der Gegend an. Wen diese Kreaturen verletzen, den streckt, sollte er den Angriff überleben, ein Fieber darnieder und nicht selten wird er einer von ihnen.” Sie hielt die warme Tasse ein wenig fester, stellte sie dann aber wieder ab und griff nach Ruans Hand. Warum nur gibt mir seine einfache Berührung schon so viel Halt?

Der Ritter ergriff sie und strich mit seiner freien Hand beruhigend über Gellis’ Arm, ohne jedoch den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden. Aufmerksam folgte er dem Bericht der Winhallerin. Ihm war durchaus bewusst, dass es nicht selbstverständlich war, dass sie so frei davon sprach, hatte doch seine Schwester bereits vergeblich versucht, etwas von ihr zu erfahren.

“Um Bewohner und Vieh zu schützen, hat die Distel im Jahr 1036 den Bund der Wacht am wispernden Moor gegründet. Per Los werden erfahrene Streiter aus winhaller Familien erwählt und der Graf selbst wählt drei weitere Streiter, von denen einer als Lanzenmeister den Bund anführt. Während des Feldzugs gegen den Reichserzverräter hat Jonides Fenwasian mich ein Jahr nach meinem Ritterschlag 1039 zur Lanzenmeisterin des Bundes ernannt.” Sie machte eine Pause und sah Ruan an.

Es dauerte einen Moment, ehe Ruan reagierte. Dann jedoch hielt er in seiner Bewegung inne und ließ seine Hand behutsam über die Stelle gleiten, wo er in der Nacht zuvor die Narbe erblickt hatte. “Aber…”, meinte er leise, “wenn du im Kampf gegen diese Wesenheiten verletzt wurdest, wie kann es sein, dass du überlebt hast? War das der Grund, warum du aus dem Bund ausgeschieden bist?”

“Nein, die Vermutung liegt nahe, aber so war es nicht.” Die Ritterin atmete tief durch. “Ich zog im Tsa mit meinen Mannen und Frauen los, um die Wacht des vorangegangenen Jahres abzulösen, denn diese dauert immer nur ein Jahr an. Die Stimmen aus dem Moor waren wahrlich nichts, dass man länger als das aushalten konnte. Wir kennen die Unruhe eines Zeltlagers. Wenn die Bediensteten morgens mit den Gerätschaften klappern, ist es auch nicht still. Aber dort, stell dir vor, du hörst immer ein Flüstern. Am Anfang ist es nicht so schlimm, weil du keine Worte verstehst und auch noch ausgeruht bist. Aber dann fehlt der Schlaf, und du beginnst Worte zu hören, die dich tatsächlich rufen. Die ganze Zeit ist ein einziger Widerstand. Dann traten Ende Phex Biestinger des Roten aus dem Nebel, und wir gingen in den Kampf. Ich wurde verletzt, als einzige, meine Leute beschützend, aber ich widerstand dem Fieber lange Zeit und führte meine Wacht fort, niemand bemerkte mein Fieber. In einer Nacht im Peraine, als das Fieber mich, wie auch in den Nächten zuvor, zu übermannen drohte, betete ich zu Rondra, Peraine, Boron und Farindel und plötzlich, mit einem Mal, brach das Fieber und das Moor verstummte. Nach zwölf Götterläufen verstummte der Schrecken. Sicherlich lag das nicht an meinem Gebet, aber das Erlebnis war unbeschreiblich. Mit einem Mal fiel aller Druck, all das, mit dem ich mich mit Leib und Seele erwehrt hatte, plötzlich und unerwartet weg. Es war still und mein Verstand klärte sich. Wir blieben noch einige Zeit, aber das Moor blieb still und ist es bis heute.”

Ruan war ihrer Schilderung mit wachsendem Unbehagen gefolgt, und als Gellis geendet hatte, trat auch zwischen ihnen für einen Moment Stille ein. Dann schien er den Schrecken abzuschütteln, den er bei ihrer Erzählung empfunden hatte. Zögernd erhob er sich und ging vor Gellis in die Knie. Liebevoll schloss er die Ritterin in die Arme. “Was oder wer es auch war, der dich gerettet hat”, flüsterte er, “ich bin ihm sehr dankbar dafür.” Eine Weile verharrte er so, und wieder einmal musste der Drausteiner feststellen, wie verbunden er sich Gellis fühlte. Allein ihre Nähe gab ihm Kraft und Zuversicht, und alle Unruhe, die er sonst in sich spürte, kam für einen Moment zum Erliegen.

"Danach, als ich als Lanzenmeisterin entlassen war, die Wacht aufgelöst war, bat ich um Freistellung. Ich brauchte Abstand, ich bekam einige Aufträge, Gesandtenaufgaben zu übernehmen und ritt mit meinem Ziel Brig Lo los." Sie stand auf und zog ihn mit sich nach oben in eine Umarmung. "Und nun bin ich just nach Albernia zurückgekehrt, zum Bredenhager Buhurt und dem Treffen der Besten und begegne dir", sie küsste ihn, innig und genussvoll. "Das ist die Geschichte meiner Reise." -#Und das gute Ende!-#, fügte sie in Gedanken hinzu.

“Nach allem, was du erlebt hast, kann ich mir gut vorstellen, dass Brig-Lo keine Schrecken mehr für dich bereit hielt”, lächelte Ruan, und ihm wurde bewusst, dass er noch etwas anderes für Gellis empfand als Zuneigung. Etwas, das er sich sehr lange nicht mehr jemand anderem gegenüber eingestanden hatte – Bewunderung. Der Stepahan vermochte nicht zu sagen, ob er die Stärke, die sie bewiesen hatte, an ihrer Stelle ebenfalls aufgebracht hätte.

“Die Distel wäre dumm, dich noch einmal ziehen zu lassen”, sagte er, wobei der bittere Unterton in seiner Stimme kaum zu überhören war. “Du hast viel Mut bewiesen, und diese Ritterschaft – es klingt nach einer verschworenen Gemeinschaft.” Nicht so eine Schlangengrupe wie der Fürstenhof, fügte er in Gedanken hinzu. Es war nicht direkt eine Frage, doch Ruans Schweigen hatte etwas Abwartendes.

Auch Gellis schwieg eine Weile und dann sagte sie leise in sein Ohr "Aber ich will diese Gemeinschaft nicht und das auch nicht erst, seit wir uns getroffen haben." Dann zog sie sich ein Stück zurück und sagte laut. "Ja, das ist sie, Ruan."

Für einen Moment schien der Ritter irritiert, doch rasch erinnerte er sich an das Distelwappen, das er am Abend zuvor neben ihrem Lager entdeckt hatte. Er nickte wissend. “Immerhin”, flüsterte er und brachte nun seinerseits seine Lippen dicht an ihr Ohr, “wenn es darum geht, den eigenen Weg zu finden, ist es ebenso gut zu wissen, was man nicht will.”

Er küsste sie erneut und griff ihre Hand. “Wenn ich ehrlich bin”, fuhr er dann in normaler Lautstärke fort, “habe ich mich selbst nie gefragt, ob das, was ich tue, auch das ist, was ich mir wirklich wünsche. Es kam einfach… gelegen.” 'Und wer würde es schon wagen, dem Fürsten eine solche Bitte abzuschlagen, noch dazu vor dem versammelten albernischen Adel', ergänzte er in Gedanken. Über die Jahre war Ruan zu der Erkenntnis gelangt, dass die Berufung an den Fürstenhof weder eine Initiative des Fürsten noch der Wunsch seiner Base gewesen sein dürfte. Vielmehr vermutete er dahinter die Handschrift Ardach Herlogans. Er seufzte leise und blickte Gellis offen an. “Du hast Recht, auch ich bin gefangen in… familiären Pflichten. Ich kann mir jedenfalls bildhaft vorstellen, was geschähe, würde ich einfach von heute auf morgen entscheiden, Havena den Rücken zu kehren.” Zärtlich nahm er ihr Gesicht in beide Hände und blickte ihr tief in die Augen. “Und doch ist es nicht unmöglich, wenn ich bereit bin, mit den Konsequenzen zu leben.”

Sie lächelte ihn an und hielt seinen Blick. “Lass uns in Ruhe feststellen, ob es einen Weg gibt, der ohne diese Konsequenzen auskommt, ja? Und sag, bist du in Havena immer im Dienst? Oder könntest du außerhalb des Palastes leben?” Diese Frage lag ihr schon lange Zeit auf den Lippen, aber erst jetzt traute sie sich, sie zu stellen.

“Mein Platz ist auf Schloss Feenquell, an der Seite der Fürstgemahlin. Natürlich ist es nicht unmöglich, gelegentlich einen Dispens zu erwirken, aber ob ein Leibritter dauerhaft abwesend sein kann...” Skeptisch blickte er Gellis an, und sein Blick verriet, dass er nicht viel Hoffnung hatte. Dann bemühte er sich um ein Lächeln. “Ich werde tun, was in meiner Macht steht”, versicherte er. “Schwebt dir da etwas Bestimmtes vor?”, fragte er dann neugierig.

“Ruan”, sagte sie ernst, stockte und schluckte dann. Was geschah hier? Ein Frühstück und dann trennen sich unsere Wege? Er weiß nicht, ob er mich vergessen kann. Und jetzt brannte eine ganz andere Frage in ihrer Kehle. 'Wir kennen uns noch keinen Tag!', schrie es in ihr. Aber der Schrei verhallte ohne Konsequenzen. Sie beugte sich wieder zu ihm und flüsterte “Ich werde nicht durchbrennen und für ein kurzes Stelldichein hinter dem Rondratempel auf dich warten. Ruan, wenn, dann will ich uns ganz und ohne Ende. Am ehesten werde ich nach Havena kommen können, aber was habe ich davon, wenn ich auf einen Dispens warten muss, um dich zu sehen?”

Der Ritter wollte etwas erwidern, doch stattdessen starrte er Gellis nur ungläubig an. Ruan spürte Wut in sich aufsteigen. “Was soll das, Gellis?”, fragte er mühsam beherrscht. “Was hilft es, wenn ich dir jetzt große Versprechungen mache, nur um dann festzustellen, dass es alles Wunschträume waren? Ich habe dir gesagt, dass ich es versuchen werde…” Seine Stimme hatte an Kraft gewonnen, und kurz hielt er inne, um sich zu sammeln. “Bei Rondra, ich habe dir sogar in Aussicht gestellt, dass ich bereit wäre, alles hinter mir zu lassen. Was willst du denn noch?” Herausfordernd blickte er sie an.

Ihre Reaktion war ein Spiegel seiner Emotionen, er spürte, wie ihr naher Körper sich anspannte. Doch ihre Worte waren sanft. “Es tut mir leid, Ruan. Das war nicht richtig. Ich rede von Geduld und verliere sie dann selbst.” Ihr Blick wurde weich. “Gestern habe ich noch leichtfertig von unserem Abschied gesprochen und jetzt kommt er unaufhaltsam näher, und ich fürchte ihn immer mehr. Und dass ich mir das eingestehen muss, macht mich wütend. Aber diese Wut gilt nicht dir und auch nicht mir, verzeih.”

Ruans Ärger schien so schnell verraucht zu sein, wie er gekommen war. Hatten seine Augen bis gerade noch angriffslustig gefunkelt, strahlten sie nun wieder die vertraute Wärme aus. Doch auch Niedergeschlagenheit lag in seinem Blick, als er nun die Arme um Gellis legte und sie eindringlich ansah. “Bis zum gestrigen Abend habe ich keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, wie meine nähere Zukunft wohl aussehen könnte. Du hast mein Leben auf den Kopf gestellt, Gellis Ahawar.” Der Hauch eines Lächelns zeigte sich auf dem Gesicht des Ritters, als er sie langsam zu sich zog und ihr einen zärtlichen Kuss gab. “Glaub mir, auch ich will kein heimliches Stelldichein, keine flüchtigen Küsse oder Abschiede mit ungewissem Ausgang. Aber wenn wir uns nicht jetzt und hier entscheiden, unsere Zelte abzubrechen, auf unsere Pferde zu springen und davon zu reiten, um niemals wiederzukehren, dann werden wir uns früher oder später trennen müssen. Wenn es irgendetwas gibt, das dir den Abschied erleichtert, dann sag es jetzt. Und wenn du es zulässt, brauchen wir auch kein ganzes Jahr zu warten. Ich…, ich würde sogar bei deinem Vater vorsprechen, wenn das irgendeine Aussicht auf Erfolg hat. Aber bitte, lass uns das gemeinsam angehen.”

“Wie kann es nur sein, dass sich unsere Gedanken so ähneln?”, sagte sie, ohne eine Antwort von ihm zu erwarten. Gellis küsste ihn und Ruan schmeckte Salz, dann lehnte sie den Kopf hinab auf seine Schulter und atmete tief ein und aus, hob ihn wieder an und lächelte. “Ich muss erst einmal mit ihm sprechen, wie er meinen weiteren Weg sehen wollen würde. Ich muss klären, wie weit unsere Vorstellungen auseinander gehen. Ich weiß ja noch nicht einmal, wie er überhaupt zu einem Bund steht, ich habe solche Gespräche noch nie mit ihm geführt. Kann ich dir schreiben? An einen Ort, von dem ich weiß, dass nur du den Brief erhältst?”

Ruan spürte, wie sein Herz einen kurzen Sprung machte, als Gellis einen möglichen Bund erwähnte. Was war nur los mit ihm? Noch immer konnte er es nicht recht begreifen. “Das Stadthaus”, entgegnete er rasch, “meine Familie hat ein Stadthaus in Havena. Wenn es einen Ort gibt, dann dort.” Die Aussage stand im Raum, und Ruan musste unwillkürlich lächeln, als ihm die Doppeldeutigkeit bewusst wurde. “Kein Stelldichein”, beeilte er sich klarzustellen, “nur der Brief.” Zärtlich strich er Gellis übers Haar. “Und ich werde mit meinem Bruder sprechen. Kann…, kann ich dir schreiben? Oder soll ich den Brief vielleicht an deine Mutter…?” Mit einem Mal kam sich Ruan unbeholfen vor. Er klang wie ein frisch verliebter Jüngling. Der Drausteiner spürte, wie er errötete. Rasch wandte er den Kopf, um diese Regung vor Gellis zu verbergen.

Sie hielt sein Kinn mit den Fingern auf, um seinen Kopf sanft zurück zu drehen und ihm in die Augen zu sehen. “Schreib mir jederzeit, ich freue mich darauf! Es muss auch nicht von Belang sein, ich werde mich über jede Nachricht von dir freuen, auch wenn es nur die Beschreibung eines langweiligen Empfangs ist. Du musst ja nicht schreiben, wer alles dabei war, dann kann ich auch keine Geheimnisse weitertragen”, witzelte sie, was Ruan mit einem schiefen Grinsen quittierte.

Die beiden hörten, wie die Zeltplane sich bewegte, und Aegwyn steckte den Kopf hindurch. “Ich möchte euch eigentlich nicht stören, ihr sollt ja eure Zeit genießen.” Sie lächelte verständnisvoll, aber auch ein wenig schnippisch. “Bald beginnt die Praiosstunde. Wolltest du nicht nachher zum Rondradienst zusammen mit Iain, Gellis? Nur, dass ihr die Zeit wisst.” Dann blickte sie zum Esstisch. “Oh, dann brauche ich nicht nach einem Nachschlag zu fragen… und weg bin ich wieder.” Die Zeltplane schlug wieder zu und Gellis blickte zu Ruan. “Wann beginnt dein Dienst?”

“Der Rondradienst…”, stellte Ruan ernüchtert fest, “ich habe versprochen, spätestens dann wieder zur Stelle zu sein.” Betreten blickte er zu Boden. Dann versuchte er sich an einem Lächeln. “Ich glaube, die gute Feenalind kann sich gar nicht vorstellen, was für einen großen Dienst sie mir erwiesen hat, als sie sich bereit erklärte, mich zu vertreten. Verrats ihr bloß nicht, sonst kostet es mich sicher mehr als ein oder zwei Bier”, zwinkerte er. Sogleich wurde seine Miene jedoch wieder ernst. “Soll, ich mein’ darf ich dich…, oder euch begleiten?”

“Ich weiß etwas”, Gellis drehte sich, ohne, dass sie eine seiner Hände entließ zur Zelttür um und rief Aegwyn zu sich und schickte sie, etwas zu holen. Dann drehte sie sich wieder zu Ruan. “Es wäre wundervoll, wenn du mich, uns begleitest”, sie lächelte. Dann aber änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie entzog ihm ihre Hand. Auch wenn in ihren Augen der Schalk blitzte, Gellis’ Gesichtsausdruck war ernst, beinahe hochmütig. “Es wäre mir eine große Ehre, wenn Ihr mich begleiten würdet, Hoher Herr.” Damenhaft hielt sie ihm dann, noch immer nur in Tunika gekleidet, die Hand entgegen, als würde er sie zum Tanz führen wollen. Sie wollte sich noch nicht dem Schwermut hingeben. Im gleichen, ernsten Tonfall fügte sie hinzu. “Aber ich denke, wir sollten uns erst angemessen ankleiden.”

“So, meint Ihr das, Hohe Dame?”, stieg Ruan dankbar in ihr kleines Schauspiel mit ein. “Was aber würdet Ihr sagen”, fuhr er mit blasierter Stimme fort, “wenn ich Euch nun verriete, dass eben dies die neueste Havener Mode ist und man Euren Aufzug vom gestrigen Abend,” er musterte Gellis abfällig und rümpfte verächtlich die Nase, “in der Capitale allerhöchstens belächeln würde?” Mit diesen Worten bot er ihr seinen Arm und mit einem knappen “Wollen wir dann?” schritt mit ihr in Richtung Zelteingang, nur um sie nach wenigen Schritten mit Schwung in seine Arme zu ziehen. Lachend küsste er sie zunächst auf den Mund, nur um dann auch ihre Stirn, ihre Wangen und schließlich ihren Hals mit Küssen zu bedecken.

Sie ließ ihre Hände unter seine Untertunika gleiten. Zwischen den Küssen hauchte sie. “Nein, Hoher Herr, ich bleibe dabei, diese Kleider hier müssen erst einmal aus, um sich besser anzukleiden.” Und mit Schwung zog sie ihm das Kleidungsstück über den Kopf.


Abschied

Außer Atem hatten sie kurze Zeit später nebeneinander auf Gellis’ Bettstatt gelegen, nur um dann aufzuspringen und sich gegenseitig in die Kleidung zu helfen. Gellis entschied sich für ein lang geschnittenes grünes Kleid, das fast wie eine Tunika anmutete, wäre es ihr nicht exakt auf den Leib geschneidert worden. Feine Nähte und eine schwarz-weiße Webborte aus gutem Garn hob die Einfachheit des Kleidungsstücks und zeigte, dass es einer Frau von Stand gehörte. Während Ruan seinen Gürtel schnürte und sein Haar im glänzend polierten Brustpanzer Gellis’ prüfte, schnürte Aegwyn Gellis’ Kleid und steckte die Haare mit einigen schnellen Bewegungen hübsch hoch.

“Ruan”, kam Gellis auf den Stepahan zu. “Ich habe etwas für dich. Das hier”, sie hielt ihm lächelnd ein Tonfläschchen entgegen, “ist Anornin für Feenalind. Mein Dank durch dich für ihren Dienst heute morgen.”

Lächelnd nahm Ruan die Flasche entgegen. “Hab Dank”, sagte er und gab ihr einen raschen Kuss auf die Wange, ehe er den Blick senkte und abschätzig seine Kleidung betrachtete. “Allerdings könntest du ihr den Trunk an sich auch gleich selbst geben, denn ich bin mir sicher, es wird nicht unentdeckt bleiben, dass meine Gewandung der vom gestrigen Abend aufs Haar gleicht.” Besorgt blickte er sie an. “Soll ich rasch zu meinem Zelt eilen? Oder wollen wir zum Abschluss der Turney noch einmal so richtig die Gerüchteküche anheizen?”

“Ich hesindeverlassene Ritterin! Geh lieber, sonst müssen wir tatsächlich heute noch durchbrennen”, lächelte sie und küsste ihn. “Wo ist dein Zelt? Dann holen Iain und ich dich ab. Ach, und neben dem Anornin für Feenalind ist die hier für dich.” Sie griff hinter sich und überreichte ihm eine handtellergroße im almadanischen Stil kunstvoll gearbeitete Rondrastatuette. “Ich denke, eine Bildnis der Rondra ist nichts, was bei einem Stepahan zu Verwunderung führt. Aber du kannst auch an mich denken, wenn du sie siehst.”

Ruan war sich recht sicher, dass die plötzliche Geschäftigkeit, die Gellis an den Tag legte, ihnen vor allem den Abschied erleichtern sollte, und er war ihr dankbar dafür. Dennoch nahm er sich die Zeit, die Statue in Ruhe zu begutachten. “Das werde ich”, lächelte er dann, “und nicht nur dann.” Und mit diesen Worten küsste er Gellis ein letztes Mal, dann wandte er sich zum Gehen. Kurz vor dem Zelteingang drehte er sich noch einmal um. “Folgt einfach dem Banner mit den drei Kronen, Hohe Dame. Und vergesst nicht, Euren Tee zu trinken.”

Gellis sah ihm noch einen Moment nach, auch wenn die Zelttür sich schon lang hinter ihm geschlossen hatte. Dann sah sie zum Teebecher. “Und wenn es das einzige ist, das mich irgendwann an ihn erinnert. Diese Erinnerung werde ich nicht zerstören”, sagte sie barsch und fegte den Becher in einer heftigen Bewegung vom Tisch, in die sie all ihre Verzweiflung legte.