Ich heirate eine Familie (1043) Teil 04: Besuch in Bredenhag

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Bredenhag, im Boronmond des Jahres 1043 BF

Rondra und Travia mit Euch,

verzeiht mein langes Schweigen, doch ich denke ich bin nun endlich bereit,
Euch eine Antwort zu geben.

Zuvor möchte ich jedoch noch etwas mit Euch besprechen. Daher bitte ich Euch,
so Eure Pflichten es zulassen,
Euch wie bereits besprochen hier auf Burg Bredenhag einzufinden.

Die Einladung gilt ausdrücklich auch für Euren Vater.

Bitte teilt mir mit, ob und wann wir Euch hier begrüßen dürfen.

In freudiger Erwartung,

Ruada Stepahan


Anbahnung

Burg Bredenhag
Winter 1043 BF

Unsicher nippte Ruada an dem heißen Gewürzwein. Ihre Wangen glühten, und das lodernde Kaminfeuer machte es nicht gerade besser. Junker Aelfgar Glenngarriff hatte sie nach einer kurzen Begrüßung im Kaminzimmer allein gelassen und sich wohl vorerst auf die Kammer zurückgezogen, die Haushofmeister Udhar von Nymphensee ihm gewiesen hatte.

Noch immer kam es der jungen Stepahan unwirklich vor, dass sie selbst so großen Anteil an ihrem eigenen Schicksal haben sollte. Und doch dankte sie ihrer Familie insgeheim für diese Freiheit. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie Godric betrachtete, der sich sehr für einen der Wandteppiche zu interessieren schien. Das hatte den doppelten Vorteil, dass er Ruada nicht erwartungsvoll anstarrte und seine eigene Nervosität hoffentlich nicht ganz so offensichtlich war.

Schließlich fasste sich die Ritterin ein Herz. “Ich freue mich sehr, dass Ihr es so rasch einrichten konntet”, ergriff Ruada das Wort und Godric drehte sich augenblicklich lächelnd zu ihr um, “und ich möchte mich noch einmal in aller Form dafür entschuldigen, dass mein Brief so lange auf sich warten ließ. Es… ich musste noch ein, zwei Gespräche führen.” Ruada spürte, wie ihr Herz klopfte. Dabei hatte das Gespräch doch noch nicht einmal begonnen. Sie seufzte. “Verzeiht, ich bin etwas aufgeregt”, schob sie mit leiser Stimme nach.

"Es", krächzte der junge Glenngarriff und räusperte sich eilig, um den Frosch in seinem Hals loszuwerden, "es gibt wirklich nichts, wofür Ihr Euch entschuldigen müsstet.” Er lächelte sie warm an und trat einen Schritt näher. “Ich hätte auch bis zum nächsten Sommer oder darüber hinaus gewartet, wenn Ihr die Zeit gebraucht hättet. Aber”, er sah sie forschend an, “ich freue mich jetzt umso mehr über Eure Einladung, da mir scheint, dass sie Gutes verheißt?”

Die direkte Frage ließ Ruada sichtlich zusammenzucken. Doch rasch hatte sie sich wieder gefangen. “Schon, ja”, zaghaft erwiderte sie sein Lächeln, “wobei ich tatsächlich noch einige Fragen an Euch habe. Wollen wir uns vielleicht setzen?” Ohne eine Antwort abzuwarten, begann die Ritterin sogleich damit, zwei Lehnstühle in Richtung des Feuers zu rücken. Den Winkel wählte sie so, dass die Aufstellung den beiden sowohl einen Blick ins Feuer als auch ins Gesicht des Gegenüber erlaubte. Wer wusste schon, wie das Gespräch verlaufen würde?

Kurz hielt Ruada inne und betrachtete ihr Werk kritisch. Dann gab sie ihrem Stuhl kurzerhand einen weiteren kräftigen Schubs, so dass die beiden Sessel nun dicht beieinander standen und die Armlehnen sich berührten. Auffordernd blickte sie Godric an.

Dieser folgte ihrer Aufforderung und nahm im zweiten Lehnstuhl platz. Er wartete, bis auch die junge Stepahan sich gesetzt hatte, dann nahm Godric den Faden wieder auf: “Ich hoffe, meine Antworten auf Eure Fragen werden Euch genügen, Frau Ruada”, sagte er mit einem etwas unsicher wirkenden Lächeln. Aufmerksam studierte er ihr Gesicht.

“Bitte versucht nicht, mir mit Euren Antworten zu gefallen”, entgegnete die Ritterin ernst. “Sprecht aus, was Ihr wirklich denkt und fühlt. Schließlich geht es um unser beider Zukunft.” Sie schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln. “Ich würde gerne wissen, wie Ihr Euch ein gemeinsames Leben mit mir vorstellt.”

Kurz hielt sie inne und betrachtete Godric nachdenklich, der zustimmend nickte: “Natürlich.” Im Schein des Feuers schienen ihre Augen zu flimmern, ja, fast wirkte es, als würden sie die Farbe wechseln. “Ich meine”, fuhr Ruada dann hastig fort, “ist Euch bewusst, dass nicht alle Paare… ein Heim teilen? Dass nicht alle so viel Glück haben wie Eure Eltern? Dass ich… ebenso wie Ihr weiterhin meiner Familie dienen möchte? Und dass wir da irgendwie einen Weg finden müssten…, wie wir beide glücklich werden?”

“Moment…”, Godric schien überrumpelt von der Flut ihrer Fragen. Er schüttelte leicht den Kopf und lachte verlegen. “Ihr seid mir offenbar weit voraus, Frau Ruada. Ich… verstehe Euch richtig, dass Ihr einen Traviabund ohne gemeinsames Heim in Erwägung zieht?” Eine gewisse Enttäuschung konnte er nicht verhehlen, obwohl er sich bemühte, sie sich nicht sogleich anmerken zu lassen und seine Gegenfrage neutral klingen zu lassen.

Ruada seufzte hörbar. “In Erwägung ziehen… nun, ja und nein. Nachdem ich Eure Familie erleben durfte… eher nein. Leider ist es bei den Stepahan nichts allzu Seltenes.” Traurig blickte sie ihn an, ehe sie zögernd zu sprechen fortfuhr: “Ich wünsche mir ein Heim, und eine Familie. Aber gleichzeitig fühle ich mich meinem Haus verbunden und möchte etwas zurückgeben, nun, da ich endlich Ritterin bin. Ich glaube zu wissen, dass es Euch ähnlich geht, immerhin habt Ihr Euren Vater nach dem Feldzug nach Kräften unterstützt…” Erneut seufzte sie. “Es ist ein Dilemma.”

Godric hingegen atmete hörbar auf. “Dann zielt Eure Frage darauf ab, wie wir unsere Pflichten und Wünsche unter einen Hut bekommen können, aber offenbar gehen unsere Wünsche nicht so weit auseinander, wie ich im ersten Moment befürchtet habe.” Eindringlich sah er der Ritterin in die Augen, fasziniert von deren Farbenspiel, das er allerdings dem Feuerschein zuschrieb: “Ich habe Euch meine Minne angetragen im vollen Bewusstsein, dass Ihr selbst Verpflichtungen habt, die Ihr nicht so einfach abstreifen könnt.” Der Feenloher machte eine Pause. “Was unsere Pflichten angeht, so sprechen wir aber über sehr unterschiedliche Dinge, denke ich... Der Feldzug hat so manche Pläne durchkreuzt, aber mein Vater ist bei seinen Aufgaben als Junker nicht auf die Stärke seines Schwertarms angewiesen, wie er nicht müde wird, mir zu versichern.” Erneut lächelte Godric verlegen. “Es… fällt mir nur schwer, mir einzugestehen, dass er mich längst nicht mehr braucht und ich ihm eher auf der Tasche liege...”, gestand er leise.

Ungläubig blickte Ruada ihn an. “Aber…”, ihr Mund verzog sich zu einem strahlenden Lächeln, “dann habe ich mir ja all die Zeit ganz umsonst den Kopf zerbrochen.” Die Ritterin spürte, wie ein große Last von ihr abfiel. Gleichzeitig fühlte sie sich seltsam haltlos. Wie oft hatte sie dieses Gespräch in ihrem Kopf durchgespielt, nur um nun festzustellen, dass all ihre Gedanken und Pläne gänzlich unnötig gewesen waren.

“Das ist ja wunderbar”, stieß sie hervor und ergriff unvermittelt Godrics Hand. “Dann wird Euch mein Vorschlag sicher gefallen…” Mit einem Mal schien sich Ruada der Bedeutung ihrer Handlung bewusst zu werden. Sogleich lockerte sie ihren Griff und blickte den Feenloher unsicher an.

Godric konnte nicht anders als ihr Lächeln sofort zu spiegeln. Nun drückte er ihre Hand seinerseits bestätigend. "Bestimmt wird er das", erwiderte er halb lachend.

“Ich habe mit meinem Bruder gesprochen”, fuhr Ruada fort, wobei die ungewohnte Nähe sie sichtlich irritierte, “und mit meinem Vetter.” Sie hielt inne und suchte Godrics Blick. “Und es wäre wohl möglich, dass ich – und auch Ihr –, dass wir beide eine Anstellung in Wallersrain finden könnten, also auf Crann Feyaras. Zumindest für einige Zeit”, schob sie rasch hinterher. “Wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Könnt…, könntet Ihr Euch das vorstellen?”

Der Ritter reagierte trotz seiner Beteuerung nicht sofort, weil ihn die weitreichenden Überlegungen und Absprachen durchaus überraschten, doch schließlich nickte er. "Ihr seid mir wahrlich um Welten voraus in Eurer Planung. Eine bessere Lösung könnte ich mir wohl kaum wünschen, denn die Nähe zu Feenloh ermöglicht mir Kontakt zu meiner Familie zu halten und mein Bruder ist Novize in Wallersrain. Allerdings…", Godric zögerte, "allerdings wird irgendwann der Tag kommen, an dem ich mein Erbe antreten muss."

“Das ist mir bewusst”, entgegnete Ruada deutlich weniger selbstsicher, “und sofern meine Pflichten es mir erlauben, werde…, also würde”, sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss, “ich hoffe sehr, dass ich dann an Eurer Seite sein kann. Aber so sehr ich Euch auch in meinen Gedanken voraus zu sein scheine, das vermag selbst ich nicht vorherzusagen.”

Zweifelnd blickte sie ihn an. “Ihr müsst mich arg seltsam finden. Zunächst bekommt Ihr über lange Zeit keine klare Antwort von mir, und dann überfalle ich Euch derart… es ist nur, Euer Vater hat etwas sehr Weises gesagt, und ich denke, zumindest in diesem Punkt vermag ich meiner Familie Ehre zu machen. Ich gebe mein Wort nicht leichtfertig… und ich wecke nicht gern falsche Hoffnungen.”

Mit einem Mal lag Sorge in ihrem Blick. “Aber ich rede die ganze Zeit. Verzeiht! Sicher habt Ihr Eure eigenen Vorstellungen und Gedanken. Und ich lasse Euch nicht einmal richtig zu Wort kommen. Also, was denkt Ihr?” Worauf sich ihre Frage genau bezog, ließ Ruada offen.

“Zunächst mal finde ich Euch keineswegs seltsam”, erklärte der Ritter ernst, aber lächelnd, und löste sanft seine Hand aus ihrer, um nach seinem Weinbecher zu greifen und ihrer beider Anspannung ein wenig zu lösen. “Ich bin wirklich froh, dass Ihr Euch so viele Gedanken gemacht habt und Euch erst sicher sein wollt, ehe Ihr Euer Wort gebt. Denn das sagt mir, dass auch ich mir sicher sein kann." Einen Moment sah er nachdenklich ins Feuer und schwenkte seinen Gewürzwein, ehe er fortfuhr: "Ich wünsche mir tatsächlich eine so glückliche Ehe zu führen wie meine Eltern, das war wohl nicht schwer zu erraten." Godric grinste schief und blickte Ruada an, die sich in ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte und ihm aufmerksam lauschte. "Aber Ihr müsst keine Bange haben, ich weiß durchaus, dass es in den besten Familien Streit gibt, auch zwischen meinen Eltern ist nicht immer eitel Sonnenschein. Aber ich glaube auch, dass es immer eine Lösung für Konflikte gibt."

Ruada nickte nachdenklich, und als Godric vorerst nicht weitersprach, ergriff sie zögernd erneut das Wort. “Was macht für Euch Glück aus?”, fragte sie leise.

“Hm”, machte Godric, um einen Moment zu überlegen, “ich denke, Glück hat viel mit Zufriedenheit zu tun. Wenn ich immer unzufrieden bin und immer mehr will als ich habe oder sogar überhaupt haben kann, dann bin ich auch nicht glücklich.” Er sah Ruada an und runzelte selbstkritisch die Stirn. “Also ich meine damit nicht, dass man sich mit etwas zufrieden geben sollte, was den eigenen Ansprüchen eigentlich nicht genügt. Wisst Ihr, was ich meine?”

“Ich denke schon”, meinte Ruada, “wobei es schon schwer sein kann, die eigenen Ansprüche überhaupt zu erkennen, angesichts all der Erwartungen, die einen umgeben.” Sie überlegte kurz, dann lächelte sie. “Und manchmal braucht es nur ein kleines Gespräch, um festzustellen, dass diese Erwartungen gar nicht so hoch sind, wie man es sich selbst die ganze Zeit über ausgemalt hat.”

Eine Weile schwieg sie und nippte an ihrem Wein. Dabei betrachtete sie Godric über den Rand ihres Bechers. “Habt Ihr Erwartungen an mich?”, fragte sie dann.

“Nun… ja, schon”, der junge Glenngarriff wirkte unsicher. “Ich wünsche mir Zusammenhalt. Dass wir gemeinsam angehen, was immer die Götter noch für uns bereithalten, und mit einandern aufrichtig sind. Ich… Feenloh ist mir wichtig, ebenso wie meine Familie. Aber ich möchte in Euch mein Heim finden.” Er sah die Ritterin forschend an, die sich von seinen Worten sichtlich bewegt zeigte. “Das will ich auch”, lächelte sie.

“Ich renne vermutlich offene Türen ein, wenn ich gerne auch einen Bund vor Rondra mit Euch schließen möchte?” Das Lächeln der Ritterin wurde breiter. “Oh ja”, nickte sie. Dann jedoch legte sie die Stirn in Falten. “Findet Ihr es nicht auch ein wenig seltsam, so… nüchtern über diese Sache zu reden? Ich weiß, ich habe damit angefangen…”, verlegten blickte sie auf ihre Hände. “Aber ich wollte so schnell wie möglich Klarheit haben. Und nun… mir ist so, als könnte ich erst jetzt wirklich anfangen zu fühlen. So als wäre eine große Last von mir genommen… versteht Ihr das?”

Godric nickte langsam. “Ich denke schon.” Erneut machte er eine Pause. “Es fühlt sich seltsam an, ja. Aber wir können uns glücklich schätzen, dass wir dieses Gespräch selbst führen können.” Der Ritter lächelte verschmitzt und prostete Ruada zu. “Aber ich finde, es muss nicht nüchtern bleiben.” Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Becher. Ruada grinste und tat es ihm gleich. “Was tut Ihr am liebsten, wenn Ihr Eure Zeit einmal so verbringen könnt, wie Ihr möchtet, ganz ohne Verpflichtungen?”

Die Stepahan schien etwas länger über diese Frage nachdenken zu müssen. “Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so frei gefühlt habe”, antwortete sie wahrheitsgemäß. Kurz wanderten ihre Gedanken zu Faolyn, und sie seufzte hörbar. “Ich glaube, es ist nicht so wichtig, womit, sondern mit wem ich meine Zeit verbringe”, sagte sie leise. “Ein Abend mit guten Freunden, das Gefühl von Geborgenheit und Frieden, gemeinsam lachen und trinken. Ziemlich langweilig, hm?” Sie nahm einen weiteren Schluck von dem Wein und stellte fest, dass er inzwischen eiskalt war. Kurz verzog sie das Gesicht, dann jedoch wandte sie sich neugierig an Godric. “Wie steht es mit Euch?”

"Nein, gar nicht langweilig!", widersprach Godric nachdrücklich. "Mir fällt es schwer ganz alleine zu sein, deshalb würde ich euch vollkommen zustimmen. Ein Feuer, Geselligkeit, ein bisschen Musik… Aber tatsächlich koche ich gerne", fügte er etwas leiser an und Ruada meinte, ihn leicht erröten zu sehen. "Ich habe mich schon als Kind gerne in der Küche aufgehalten. Da ist immer etwas los, es werden Lieder gepfiffen oder miteinander gescherzt, und wenn es doch mal wider erwarten nichts zu tun gibt, sitzen alle gemeinsam am Tisch und plaudern."

Überrascht blickte die Stepahan ihn an. Dann lächelte sie vergnügt. “Klingt ganz so, als würde ohnehin nur wenig Zeit bleiben, um miteinander zu streiten”, griff sie die Worte des Feenlohers wieder auf. “Wen würdet Ihr als Euren wichtigsten Vertrauten bezeichnen?”, fragte sie beinahe beiläufig, während sie sich erhob und sich daran machte, Holz nachzulegen. Dabei ergriff sie kurzerhand ihren nach wie vor gut gefüllten Becher und goss den Rest des kalten Weins in den noch immer dampfenden Kessel. Auffordernd streckte sie die Hand nach Godrics Becher aus.

"Meine Schwester", antwortete er ohne zu zögern und reichte Ruada seinen Becher. "Wir versuchen einander so oft zu sehen wie es eben geht und schreiben ansonsten. Ich würde sie allerdings gleichzeitig auch als den Menschen bezeichnen, der mir am meisten auf die Nerven geht", lachte er verschmitzt. “Das beruht sicher auf Gegenseitigkeit”, grinste Ruada, während sie auch Godrics Becher leerte, um dann prüfend eine Hand über den Kessel zu halten. Mit einem kurzen Schulterzucken nahm sie zunächst wieder Platz. Neugierig blickte Godric die Ritterin an: "Und Ihr?"

“Hm”, Ruada schien zu zögern, “meine Base, Thalania”, traurig senkte sie den Blick, “jedenfalls bis…, naja, Ihr wisst sicher.”

Zögerlich legte Godric seine Hand auf ihre. Er kannte die Version seiner Schwertmutter und er hatte allerlei Gerüchte dazu gehört. Das, was er gehört hatte, sprach in seinen Augen nicht gerade für Thalania. " Nichts Genaues natürlich…", begann er leise, "aber ich kann mir vorstellen, dass die Situation sehr schwierig für Euch ist."

“Sie hat einige falsche Entscheidungen getroffen”, sagte sie leise, “aber das ändert nichts daran, was sie für mich ist.” Kurz gingen ihre Gedanken zurück zu ihrer letzten Begegnung vor über einem Götterlauf. Dann zuckte sie mit den Schultern. “Ich glaube, es wäre noch viel schwieriger, wäre seitdem nicht so viel geschehen. Meine Heckenzeit, die Grafenkrönung, all die Turniere und Reisen… Wenig Zeit nachzudenken.” Sie lächelte und verschränkte ihre Finger mit den seinen. “Bereut Ihr es manchmal, auf Eure Heckenzeit verzichtet zu haben?”

Godric war froh, dass sie das Thema offenbar nicht zu sehr vertiefen wollte und nicht ausdrücklich nach seiner Meinung fragte. “Nein, nicht wirklich”, gab er zurück. “Ich bin froh, dass ich für meine Familie da sein konnte. Und, um ehrlich zu sein, zieht es mich nicht allzu weit in die Ferne.” Er zuckte mit den Schultern. “Ziemlich langweilig, hm?”

“Ein bisschen vielleicht”, neckte Ruada. “Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich ohne ein festes Ziel vor Augen vermutlich auch nicht bis Perricum oder gar Weiden gereist wäre. Und es ist mir auch durchaus lieber, wenn mein Gemahl sich etwas zu häufig in der Küche herumtreibt, als dass ich ihn in halb Albernia oder noch darüber hinaus suchen muss.” Mit diesen Worten beugte sie sich kurzerhand zu Godric und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ehe sie ihre Hand aus seiner löste und sich erhob, um die Becher mit heißem Wein zu füllen. Lächelnd reichte sie ihm einen davon.

Der Glenngarriff prostete Ruada mit dem Becher, den sie ihm reichte, zu. “Puh, da habe ich jetzt wohl nochmal Glück gehabt”, antwortete er grinsend. “Aber vielleicht könnt Ihr mir ja von Eurer Heckenzeit erzählen, damit ich eine Ahnung davon bekomme, was ich eigentlich verpasst habe.”

Ruada, die gerade den Becher angesetzt hatte, verschluckte sich beinahe an ihrem Wein. Hustend schlug sie sich mit der Faust auf die Brust, während sie sich bemühte, das heiße Getränk nicht auf ihrer oder der Kleidung ihres Gegenübers zu verteilen. Als sie sich schließlich beruhigt hatte, setzte sie den Becher vorsichtig ab, und versuchte sich an einem Lächeln, was jedoch nur mäßig gelang. “Ja, gewiss”, stieß sie hervor. “Was möchtet Ihr genau wissen?”

Besorgt war Godric aufgestanden, hatte dann jedoch unschlüssig verharrt. Nun setzte er sich wieder, aber weiterhin lag Sorge in seinem Blick. “Wir… können auch ein anderes Thema wählen, wenn Euch das lieber ist. Aber ich habe ohne Hintergedanken gefragt.” Er lächelte aufrichtig: “Ich nehme die unterhaltsamen Anekdoten ebenso wie Empfehlungen für Gasthäuser in Perricum. Eure Wahl.”

“Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich tatsächlich lieber ein ernsteres Thema wählen, zumal die Auswahl an Gasthäusern Ende Rahja eher bescheiden war und man froh sein konnte, wenn man während der Sternenleere überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte.” Die Ritterin räusperte sich und nahm einen vorsichtigen Schluck aus ihrem Becher. “Der einst so prunkvolle Tempel unserer Herrin war zu großen Teilen nicht viel mehr eine Ruine, aber dennoch haben sich die Geweihten dort um jeden Besucher gekümmert, der um Hilfe ersuchte. Ich hatte das Glück, auf eine junge Weidenerin zu treffen, die mir wichtige Hinweise gab, so dass ich schließlich das Geheimnis um meine Herkunft lüften konnte.” Kurz blickte sie auf und wartete, ob Godric ihr Fragen stellen wollte.

Dieser beugte sich interessiert ein Stück weiter nach vorne und sah sie gespannt an. “Verzeiht, aber mir war nicht bewusst, dass es ein Geheimnis um Eure Herkunft gab. Ich weiß natürlich, dass Seine Exzellenz Euer Halbbruder ist, aber muss gestehen, dass ich nicht weiß, ob Ihr die gleiche Mutter oder den gleichen Vater habt. Dann war Eure Herkunft also der Grund dafür, dass Ihr den langen Weg nach Perricum auf Euch genommen habt?”

“Unter anderem”, antwortete Ruada ausweichend, “unsere Mutter war Ewaine ‘Sturmruf’ von Draustein, die Schwester von Gräfin Maelwyn. Rondreds und Jaslinas Vater verstarb lang vor unserer Geburt, und als Ewaine im Jahr 1019 von ihrer Kirche nach Perricum gerufen wurde, kehrte sie von dort nicht allein zurück.” Ruada lächelte. “Sie brachte uns hier in Draustein zur Welt, und bereits kurz darauf folgte sie ihrem Bruder Turvin in den Osten… trotz der düsteren Prophezeiung.” Die Ritterin griff nach ihrem Becher und trank einen großen Schluck. Dabei suchte sie erneut Godrics Blick.

Der Ritter sah sie aufmerksam an und nickte verstehend, wollte sie aber nicht drängen, falls sie nicht von selbst weitererzählte. “Dann habt Ihr also Euren Vater in Perricum gesucht”, stellte er lediglich fest.

“So ist es”, nickte Ruada. “Wie sich herausstellte war er selbst nur als Pilger nach Perricum gekommen. Durch…”, sie stockte, “widrige Umstände kamen Briefe abhanden, und so mag es sein, dass unsere Mutter wohl glaubte, es wäre besser, ihre Familie und damit auch uns im Unklaren darüber zu lassen, wer unser Vater war. Vermutlich wollte sie uns davor bewahren, dass wir offene Ablehnung erfuhren.” Sie hielt inne und nahm einen Schluck Wein. “Nun, kurzum, ich werde wohl nie erfahren, wie es hätte sein können. Denn er starb im Osten, ebenso wie meine Mutter. Und seine Familie war nicht gerade freundlich…, vermutlich verständlich, auch wenn ich keinerlei Ansprüche erhoben habe... nicht mal hätte erheben können, denn er entstammte einer Seitenlinie eines Weidener Adelsgeschlechts, die Haus und Hof an die Wüstenei verloren hatte.”

Godric runzelte die Stirn. Er hatte zwar seine im Traviaglauben begründeten Vorbehalte, aber es war sicherlich nicht die Schuld der Kinder, wenn sie außerehelich gezeugt wurden. “Mit wem habt Ihr denn gesprochen? Ich meine…”, er zögerte kurz und fragte dann vorsichtig: “Hatte er noch andere Kinder?”

“Das weiß ich nicht genau”, gab Ruada nach kurzem Nachdenken zu. “Man hat mir nichts davon erzählt, aber… das heißt natürlich nichts. Vielleicht sollte ich nochmal einen Brief an das Familienoberhaupt schreiben und in Travias Namen um Auskunft bitten”, überlegte sie. “Er soll am Sichelwachter Grafenhof dienen… Ich hab ihn persönlich in seinem Lehen nicht angetroffen.” Entschuldigend zuckte die Ritterin mit den Schultern. “Aber vielleicht ist das nicht unbedingt das beste Thema für solch einen Abend”, entschied sie dann lächelnd und prostete Godric mit ihrem Weinbecher zu. “Oh, und keine Sorge, nicht alle Menschen in Weiden sind so ungastlich. Immerhin durfte ich die zukünftige Gräfin von Bärwalde etwas näher kennenlernen, und sie war sehr umgänglich.” Sie zwinkerte ihm zu und der Glenngarriff nickte zustimmend.

“Sagt…, auch wenn Euch nicht der Sinn danach steht…”, lenkte sie den Fokus des Gesprächs nun wieder auf Godric, “wenn Ihr ein Land bereisen solltet..., welches würdet Ihr wählen?” “Hm, das ist gar nicht so leicht zu beantworten”, entgegnete Godric nachdenklich. “Ich denke, statt einer bestimmten Provinz oder eines bestimmten Landes würde ich wohl eine Pilgerreise wählen. Der Rondratempel zu Donnerbach würde mich tatsächlich reizen, aber auch das Kloster Wolfskopf könnte ich mir gut als Ziel einer Pilgerreise vorstellen.”

“Beides sehr passend”, meinte Ruada, “und zu beiden Orten würde ich Euch sehr gern begleiten. Aber verzeiht, ich hatte Euch zwar geschrieben, dass ich noch ein paar Fragen habe, doch eigentlich habt Ihr mir die wichtigste gleich zu Beginn beantwortet. Wenn Ihr denn also nach wie vor…”, sie errötete, “also, ich meine, so direkt habt Ihr ja noch gar nicht gefragt…” Hilfesuchend blickte sie ihn an.

Ein breites Grinsen legte sich auf das Gesicht des Feenlohers. Er stand auf, griff in die Tasche, die er am Gürtel trug, und zog etwas heraus, das die Ritterin jedoch zunächst nicht erkennen konnte, da er die Hand darum geschlossen hatte. Nun ging Godric vor Ruada auf ein Knie und ergriff mit der anderen Hand ihre Rechte. Die Ritterin errötete leicht, suchte jedoch den Blick des jungen Glenngarriff. “Hierin befindet sich ein kleines Stückchen Feenloher Torf aus unserem Herdfeuer”, erklärte er und legte eine silberne Kette mit einem kleinen Amulett in ihre Hand. Ehrfurchtsvoll betrachtete Ruada das Schmuckstück. Auf dem Deckel war das Symbol der Herrin Travia ziseliert. Lächelnd hob sie den Blick und wartete, dass Godric weitersprach. “Wollt Ihr mit mir den Bund vor Travia und Rondra schließen, Ruada Stepahan?” Kurz ließ sie die Worte nachklingen, spürte in sich hinein. Dann, erstaunlich ruhig und gefasst, schloss sie die Linke um das Amulett und antwortete mit fester Stimme: “Ja, das will ich. Und vor Travia und Rondra verspreche ich Euch, an Eurer Seite zu stehen, egal, was die Götter für uns bereithalten mögen.” Und mit diesen Worten beugte sie sich zu Godric und legte sanft ihre Lippen auf die seinen.