Ich heirate eine Familie (1043) Teil 03: Familienbande

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Am Zelt der Heiler

Draustein
29. Rondra 1043 BF - Nach dem Buhurt

Die Zeltbahn des Heilerzeltes wurde von einer schwieligen Männerhand forsch zur Seite geschlagen, doch statt des vermuteten Mannes schlüpfte zuerst eine junge Frau durch die Öffnung. Verstohlen wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen, ehe sie den deutlich älteren, großgewachsenen und breitschultrigen Mann, der nun hinter ihr durch die Zeltöffnung trat, anlächelte. Dieser sog tief die Luft hier draußen ein und entließ sie ebenso gut hörbar wieder in einem tiefen Seufzen. Auch er versuchte sich eher halbherzig an einem Lächeln und legte einen Arm um die Schultern der jungen Frau, um mit ihr fortzugehen, hielt jedoch in der Bewegung inne, als er einer weiteren jungen Frau gewahr wurde, die ihnen entgegen kam.

Die Ritterin hatte sich keine Mühe gemacht, die Rüstung abzulegen, sondern war so schnell es ihr möglich war zum Zelt der Heiler gelaufen. Ihr Haar klebte schweißnass an der Stirn, und ihr Wappenrock war staubbedeckt.

“Frau Ruada, nicht wahr?”, sprach der Ritter, den sie nicht zuletzt an dem aufgestickten Schwan auf seiner Tunika als den Junker von Feenloh erkannte, sie an und musterte sie.

Die Angesprochene schluckte, als sie Godrics Vater erkannte. Dann nickte sie. “Jawohl, Euer Wohlgeboren. Ro… Rondra und Peraine mit Euch.” Sie deutete eine Verbeugung an. “Frau Anwen”, wandte sich Ruada dann grüßend der ehemaligen Knappin ihres Bruders zu. Als sie jedoch des Ausdrucks der etwa Gleichaltrigen gewahr wurde, zeigte sich sogleich Sorge auf ihrem Gesicht. “Ist etwas…, ich meine, geht es ihm gut?”

Der Junker nickte knapp auf ihren Gruß hin, doch es war Anwen, die auf Ruadas Frage antwortete: “Der Heiler war eigentlich ganz zuversichtlich. Ich bin momentan einfach nur etwas nah am Wasser gebaut”, lächelte sie entschuldigend. Ihr Vater allerdings hakte kritisch ein: “Er war einigermaßen zuversichtlich, dass er Wundbrand verhindern kann. Ob der Arm allerdings wieder vernünftig heilt…”, es schien, als wollte er eigentlich noch mehr sagen, doch ging stattdessen nur unwillkürlich seine Hand zu seiner rechten Schulter. Anwen legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und erklärte: “Ich weiß nicht, was Ihr selbst noch mitbekommen habt, Frau Ruada. Als Godric den Bienenhain angriff, traf ihn ein heftiger Hieb des Herlogan am Schwertarm, der ihm den Oberarm gebrochen hat. Er ging mit dem Bienenhain zusammen zu Boden und dabei muss er so unglücklich gefallen sein, dass der Knochen dann die Haut durchstoßen hat. Godric hat wohl ziemlich viel Blut verloren und der Heiler ist gerade dabei, den Bruch zu richten und die Wunde zu versorgen.”

Ruadas ohnehin schon blasses Gesicht hatte angesichts der Schilderung weiter an Farbe verloren. Betreten blickte sie zu Boden. „Ich hätte ihn davon abbringen sollen“, sagte sie mit dünner Stimme. Dann sah sie zunächst Anwen, dann ihren Vater an. „Es ist meine Schuld, dass der Herlogan überhaupt die Gelegenheit hatte, einen solchen Hieb zu setzen. Es gibt wenig genug, was ich jetzt tun kann, doch falls es etwas gibt, dann sagt es bitte!“

Der Junker sah Ruada erstaunt an und seine Stirn glättete sich unerwartet. “Nein, Frau Ruada”, sagte er plötzlich sanft, “es war gewiss nicht Eure Schuld. Wir alle kennen das Risiko, wenn wir in die Schranken reiten, auch Godric. Macht Euch bitte keine Vorwürfe. Wir können jetzt alle nur abwarten. Aber wenn Ihr mögt, begleitet uns dazu gerne in mein Lager.”

Überrascht blickte die junge Stepahan den Junker von Feenloh an. „Habt Dank, Wohlgeboren, aber, nun, ich..., kann ich vielleicht noch kurz…?“ Dann jedoch ließ sie die Schultern hängen und lenkte ein: „Nein, Ihr habt sicher Recht und ich sollte den Heilern nicht zwischen den Füßen herumstehen…, gern begleite ich Euch.“

“Ihr seht vor allem selbst noch immer angeschlagen aus”, stellte Anwen derweil besorgt fest, während sie ihren Blick über die andere Ritterin gleiten ließ.

„Das, ach…“, Ruada winkte ab, „das ist jetzt nicht so wichtig. Wie lange wird es denn wohl dauern? Hat der Heiler etwas darüber gesagt? Vielleicht sollten wir etwas zur Stärkung besorgen?“

Aelfgar zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. "Am liebsten wäre es dem Medicus wohl, wir kämen erst morgen früh wieder her." Er klang nicht so, als hätte er vor, diesem Wunsch zu entsprechen. Er wollte gerade weitersprechen, als Anwen ihn unterbrach: "Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht selbst kurz da drin vorsprechen wollt, damit jemand einen Blick auf Eure eigenen Blessuren werfen kann? Ihr habt einiges einstecken müssen..."

Ruada runzelte die Stirn. ‘Warum nicht?’, dachte sie. So würde sie sich wenigstens selbst ein Bild machen können. Und wenn sie ehrlich war, begann ihr Körper nun, da sie langsam zur Ruhe kam, durchaus zu schmerzen. “Vielleicht habt Ihr Recht”, lächelte sie Anwen zu. “So kann ich Herrn Godric auch gleich selbst fragen, ob er später noch Besuch empfangen möchte”, fügte sie zuversichtlich hinzu. “Ich würde Euch dann später aufsuchen?” Fragend blickte sie Aelfgar Glenngarriff an.

Der Angesprochene nickte wohlwollend. "Ihr seid mir herzlich willkommen. Umso mehr, wenn Ihr Neuigkeiten bringt. Vielleicht habt Ihr ja Glück und der Medicus ist fertig, ehe Ihr wieder entlassen werdet."

“Ich bin hartnäckig”, zwinkerte Ruada, nun schon deutlich gelöster.

Im Zelt wurde Ruada von Jaslina Taladan in Empfang genommen, die sich um ihre Versorgung kümmerte, während Bosper Ehrwald zusammen mit einigen Gehilfen noch immer dabei war, den Junkerssohn zu behandeln. Ruada hatte nur Gelegenheit, einen kurzen Blick auf Godric zu erhaschen, wie er das Beißholz zwischen seinen Zähnen malträtierte und sich ein halb ersticktes Brüllen seiner Kehle entrang, als ein bulliger Knecht auf Anweisung des Medicus an seinem Handgelenk zog, damit dieser die Knochenenden wieder an ihren Platz schieben konnte. Doch in diesem Moment verhängte die junge Taladan ihre Sichtlinie mit einem Tuch und Ruada konnte sich anhand der Geräusche nur noch ausmalen, was geschah.

Ruadas Magen verkrampfte sich. Nur zu gut erinnerte sie sich an das Gespräch beim Bredenhager Buhurt. Hätte sie damals doch nur eingefordert, dass Godric seine Minne einstellen möge. Sie seufzte leise.

Als Jaslina sich ihr zuwandte, gab sich die Ritterin alle Mühe, ihre Fragen wahrheitsgemäß, aber durchaus ausführlich zu beantworten, um so etwas mehr Zeit zu gewinnen. Mit geschickten Fingern nähte die junge Taladan die Platzwunde an Ruadas Stirn und riet ihr zur Ruhe, da nicht auszuschließen sei, dass ihr Kopf durch den Treffer zusätzlich erschüttert worden war.

Immer wieder lauschte die Stepahan während der Behandlung auf die Gespräche an Godrics Krankenlager, doch offenbar war der Medicus nach wie vor bei der Arbeit.

Auch nachdem Ruadas verstauchter Fuß und die schmerzhaften Prellungen versorgt waren, waren die Anweisungen Bospers noch immer gut zu hören, aber er klang nicht mehr so angespannt, sondern erklärte Godric offenbar gerade, dass er, nachdem die Wunde vernäht sei, nun den Arm noch schienen und bandagieren müsse, der schmerzhafte Teil aber nun vorüber sei. Und tatsächlich hörte sie sogar den matten Dank des Ritters.

Erleichtert atmete die Ritterin auf. Wenn sie nur noch ein wenig Zeit überbrücken könnte… Kurzerhand bat Ruada Jaslina darum, sich noch ein wenig ausruhen zu dürfen, ehe sie den Weg in ihr Lager antrat, was diese ihr zum Glück gewährte.

Als nach einiger Zeit die Stimmen an Godrics Bettstatt verebbten, sah Ruada die Gelegenheit gekommen. Langsam erhob sie sich und tappte zu dem Tuch, das noch immer den Blick auf den verletzten Glenngarriff versperrte.

Als sie es beiseite schob, sah sie, dass sich der Medicus und seine Gehilfen mittlerweile anderen Patienten zugewandt hatten. Ein Mädchen füllte gerade einen Tonbecher, der auf einem kleinen Tisch neben der Liege stand, mit Wasser, dann wandte es sich ebenfalls zum Gehen.

Godric hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig, wirkte aber sehr blass. Die leichte Decke, die man über ihn gelegt hatte, war verrutscht, sodass sein nackter Oberkörper frei lag. Sein Schwertarm war nun dick bandagiert und mit Verbänden an seinem Körper fixiert.

Ruada zögerte. Sie wollte ihn nicht aus dem heilsamen Schlaf wecken, doch in ihr wuchs das Bedürfnis, wenigstens kurz ein Wort mit Godric zu wechseln, um sich zu entschuldigen. ‘Nein’, korrigierte sie sich, ‘um ihm zu danken’. Eine Entschuldigung würde er ohnehin genauso wenig akzeptieren wie sein Vater. Unentschlossen verharrte die Ritterin, ein Auge stets wachsam auf den Medicus und seine Gehilfen gerichtet.

Schließlich kam ihr eine Idee. So gut es ihre Verletzungen zuließen, schlich Ruada zurück zu der Stelle, wo sie mit Jaslinas Hilfe ihre Rüstung abgelegt hatte. Vorsichtig löste sie eine der Ailetten mit dem Wappen ihres Hauses, ehe sie sich wieder Godrics Krankenlager zuwandte. Leise platzierte sie das Emblem an dem bereitgestellten Krug, so dass es dem Glenngarriff ins Augen fallen würde, sobald er erwachte. Anschließend packte sie leise ihre Sachen zusammen und verließ das Heilerzelt.

Im Lager der Feenloher

Nachdem Ruada ihre Rüstung im Lager verstaut und sich notdürftig von Staub und Schweiß gereinigt hatte, machte sie sich auf den Weg ins Lager der Feenloher. Ohne die Last der Kette schmerzte der Fuß nicht mehr so stark, doch sie stellte ärgerlich fest, dass sie nicht so ausschreiten konnte wie gewohnt. Prüfend blickte sie an sich hinab, nur um sich sogleich selbst zu schelten. Es ging hier nicht darum, irgendjemanden zu beeindrucken.

Als sie das Schwanenbanner erblickte, zwang sich Ruada zu einem ruhigeren Schritt. Hoffentlich kam sie nicht zu spät und Vater und Tochter waren schon ohne sie ans Krankenlager geeilt.

Doch die beiden Glenngarriffs waren sogleich zu erkennen, als sie sich näherte. Anwen saß an einem recht großen Tisch und beobachtete mit sorgenvoller Miene ihren Vater, wie er ungeduldig hin und her wanderte und gelegentlich einen Bediensteten anranzte, der nicht rasch genug sein Heil in der Flucht suchte. Gerade als Ruada heran war, zog er eigenhändig eine der Abspannleinen der Lagerplane nach, die kaum durchgehangen hatte, und murmelte dabei etwas davon, dass man doch am besten alles selbst machte. Als Aelfgar der jungen Stepahan gewahr wurde, hellte sich seine Miene jedoch sogleich auf. “Frau Ruada! Kommt, setzt Euch! Kann ich Euch etwas anbieten?” Noch ehe sie antworten konnte, war er in einem der Zelte verschwunden und Anwen bedeutete Ruada mit einer Geste sich doch zu ihr zu setzen. Die etwa gleichaltrige Ritterin musste schmunzeln. “Ich hoffe, es geht Euch besser, Frau Ruada”, sagte sie freundlich und drehte einen Tonbecher um, der auf dem Tisch stand, um ihr einen Schluck Wasser einzugießen.

Dankbar nahm Ruada den Becher an und trank sogleich einen großen Schluck. “Ja, viel besser”, antwortete sie dann auf die Frage der jungen Glenngarriff.

“Mein Vater ist gerade sehr angespannt, da ist ihm eine kleine Ablenkung durch Euren Besuch sicherlich sehr willkommen”, erklärte Anwen noch immer schmunzelnd. “Ich fürchte allerdings, er sucht gerade den Anornin…”

“Wer kann es ihm verübeln?”, lächelte Ruada, die den Gedanken momentan gar nicht so abwegig fand. “Ich denke, ein wenig Ruhe kann nicht schaden, wenn er später noch im Heilerzelt vorbeischauen möchte. Ist es allein wegen Herrn Godric? Oder ist noch etwas geschehen?” Prüfend blickte die Stepahan zu dem Zelt, in dem der Junker verschwunden war.

“Nein, es ist schon wegen Godric”, antwortete Anwen. “Er macht sich Sorgen, es könnte meinem Bruder gehen wie ihm selbst…” Offenbar ging es ihr da nicht viel anders, wenn Ruada ihren Gesichtsausdruck richtig deutete, dennoch zuckte sie leichthin mit den Schultern. “Aber selbst wenn, dann lässt es sich ja nicht ändern. Ich denke allerdings, die Ungewissheit ist gerade das Schlimmste. Es sind immer wieder wohlmeinende Verwandte und Bekannte vorbeigekommen, die sich nach Godric erkundigen wollten.”

“Das macht es nicht gerade einfacher, die Ruhe zu bewahren”, nickte Ruada verstehend. “Zumal man ja jetzt noch gar nicht sagen kann…”

“Habt Ihr Neuigkeiten aus dem Heilerzelt?”, fragte da von hinten der Junker, der tatsächlich mit einer Flasche Anornin aus dem Zelt getreten war und für sie alle drei nun großzügig eingoss. Ruada sah, wie Anwen die Augen verdrehte, leicht den Kopf schüttelte und den Becher milde lächelnd wieder von sich schob. “Ach ja”, murmelte der Junker, nahm seinen eigenen Becher in die Hand und lenkte nun seine volle Aufmerksamkeit auf Ruada, die Anwen einen Moment lang verwirrt anblickte. Dann lächelte sie. War das also der Grund, warum sie erneut nicht am Turnier teilgenommen hatte?

Ruada griff nach dem Becher, murmelte ein “habt Dank”, nippte an dem Trunk und beeilte sich dann die drängende Frage des Junkers zu beantworten. Offenbar hatte sie jedoch die Stärke des Anornins unterschätzt, denn statt wohl gesetzter Worte kam nur ein klägliches Husten aus ihrem Rachen. Rasch versuchte Ruada, mit etwas Wasser nachzuspülen, doch es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder gefangen hatte. Mit Tränen in den Augen und hochrotem Gesicht blickte sie den älteren Ritter an. “Verzeiht”, hauchte sie. Noch einmal räusperte sie sich, dann begann sie endlich zu sprechen: “Als ich das Zelt verließ, ruhte sich Herr Godric gerade aus. Aber was ich mitbekommen habe, klingt vielversprechend.” Aufmunternd blickte sie vom Vater zur Tochter. “Man hat den Arm gerichtet und die Wunde genäht. Es klang nicht so, als würde sich der Medicus große Sorgen machen.” Unsicher blickte sie Aelfgar Glenngarriff an. Ob dies bei seiner Verletzung damals ebenso der Fall gewesen war? Vielleicht brachten ihre Worte gar keinen Trost…

Doch der Junker seufzte erleichtert. "Habt Ihr mit Godric sprechen können?", wollte er sogleich wissen. "Hat der Medicus Euch zu ihm gelassen?" Auch Anwen wirkte, als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen. "Können wir zu ihm?", ergänzte sie rasch die Fragen ihres Vaters.

Verunsichert blickte die junge Stepahan von einem zum anderen. “Nein, nicht direkt. Ich habe mich zu ihm geschlichen, um nach ihm zu sehen und…, naja, da er schlief, wollte ich ihn nicht stören... und auch den Medicus nicht unnötig verärgern. Nicht dass er auf meine Nachfrage dann jeglichen Besuch verboten hätte und Ihr dann nicht mehr zu ihm gelassen würdet. Ich…, ich wollte Euch vorschlagen, dass wir gemeinsam zu ihm gehen. Wo doch alles gut verlaufen zu sein scheint, wird man uns, oder zumindest Euch, schon nicht wegschicken. Und Euch wird man sicher auch viel eher Auskunft geben als mir…” Hilflos blickte sie den Feenloher Junker an.

"Geschlichen also", kommentierte Aelfgar schmunzelnd. "So phexisch hätte ich Euch gar nicht eingeschätzt. Aber ich kenne Euch ja auch kaum…", stellte er vielsagend fest. "Was haltet Ihr ganz im phexischen Sinne von einem Handel? Ihr begleitet uns zum Heilerzelt und leistet mir dafür heute Abend etwas Gesellschaft, damit wir einander besser kennenlernen." "Vater!", unterbrach ihn seine Tochter mit halb gespielter Empörung. "Was denn?", fragte dieser unschuldig. "Deinen Herrn Arudan habe ich hier auf dem Treffen der Besten bewirtet, als du dich noch gar nicht für ihn interessiert hast."

“Beim Bankett meint Ihr?”, fragte Ruada erstaunt. “G… gern, Euer Wohlgeboren. Das wäre… wirklich schön.” Aus den letzten Worten der jungen Stepahan sprach eine Überzeugung, die in klarem Gegensatz zu ihrem anfänglichen Gestammel stand. Aelfgar lächelte zufrieden und prostete ihr zu.

Und tatsächlich fühlte sich die Ritterin im Lager der Feenloher so wohl wie schon lange nicht mehr. ‘Ein Fest und ein Willkommen’, ging es ihr durch den Kopf und sie musste lächeln. Und mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie genau das über all die Jahre so schmerzlich vermisst hatte. Die Herzlichkeit einer Familie, in der man sicher nicht immer einer Meinung war, aber die einem das Gefühl gab, dass man – egal was man tat oder nicht tat – immer Teil einer Gemeinschaft blieb. Ruada spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Rasch wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen und trank den letzten Rest Anornin aus. Dann stand sie vom Tisch auf und blickte den Junker erwartungsvoll an. “Es gilt. Wollen wir los?”

Der Feenloher nickte. Plötzlich wirkte er wieder angespannt, sodass sein Lächeln etwas schief geriet.

Zurück am Heilerzelt

Das Heilerzelt betrat der Junker zunächst alleine, um mit dem Medicus zu sprechen. Als er schließlich wieder heraustrat, war sein Gesichtsausdruck schwer zu deuten. “Meister Ehrwald sagt, dass tatsächlich alles sehr gut verlaufen ist. Es ist ein glatter Bruch, der sich wohl gut einrichten ließ, und auch die Wunde war weniger schlimm als zuerst befürchtet. Jetzt muss der Arm nur wirklich ruhig gehalten werden und der Medicus muss Recht behalten, was den Wundbrand betrifft.” Aelfgar atmete hörbar aus und nun zeigte sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. Er legte beiden jungen Frauen väterlich eine Hand auf die Schulter. “Gute Nachrichten also insgesamt. Und wir dürfen auch kurz zu ihm, weil er gleich ohnehin etwas essen soll und dafür geweckt wird.”

Die väterliche Geste gepaart mit den guten Neuigkeiten rührte Ruada, doch bevor ihr erneut die Tränen kommen konnten, packte sie die Gelegenheit beim Schopf. Kurzentschlossen griff sie Anwens Hand und zog sie mit sich in das Zelt der Heiler, ehe es sich der Medicus noch anders überlegen konnte.

Einer der Heilergehilfen richtete Godric gerade etwas auf und stopfte ihm zwei Kissen in den Rücken. Als der Ritter seiner drei Besucher gewahr wurde, lächelte er matt und schaute überrascht von seinem Vater und seiner Schwester zu Ruada, die er fragend ansah. Die junge Stepahan spürte, wie sie errötete. Kurz ging ihr Blick zu dem Tischchen mit der Kanne, wo immer noch ihre Ailette stand. Godric folgte ihrem Blick und nickte leicht.

In diesem Moment kam das Mädchen zurück, das die Ritterin schon zuvor gesehen hatte. Die Kleine brachte eine dampfende Schüssel und einen Löffel. Kurz zögerte sie und sah zwischen den drei Rittersleuten hin und her, dann drückte sie Schüssel und Löffel kurzerhand Ruada mit den Worten “Vorsicht, ist heiß” in die Hand, ehe sie sich umdrehte und wieder ging.

Derart überrumpelt verharrte die Ritterin für einen Moment unschlüssig in ihrer Position, bis sich ein unangenehmes Brennen in ihren Fingerspitzen auszubreiten begann. “Autsch”, rief sie erschrocken, und beeilte sich, die Schale auf Godrics Bettstatt abzustellen. Tatsächlich gelang es ihr, ohne etwas zu verschütten. Unbeholfen zog sie anschließend den Ärmel ihrer Tunika über ihre Linke und platzierte die Schale mit einer schnellen Bewegung darauf. Den Löffel in der Rechten trat sie auf den jungen Glenngarriff zu. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte sie verlegen. Unschlüssig betrachtete sie abwechselnd den Löffel und Godrics gesunden Arm. “Möchtet Ihr…, oder soll ich?”, fragte sie unbeholfen, während sie die Schale weiterhin auf ihrer Handfläche balancierte.

“Ich fürchte, das wird schwierig”, antwortete Godric mit kratziger Stimme und tatsächlich saß er nicht aufrecht genug, um die Schüssel so abzustellen, dass er selbständig essen konnte. Der junge Glenngarriff errötete leicht, und seine Schwester machte schon einen Schritt nach vorne, um Ruada die Aufgabe abzunehmen, doch Aelfgar legte ihr die Hand auf die Schulter, um sie zurückzuhalten.

“Nicht unbedingt”, lächelte Ruada, nun deutlich selbstsicherer, während sie sich vorsichtig an Godrics Seite niederließ, so dass sie ihn direkt anblicken konnte. “Es sei denn Ihr mögt keinen…”, sie warf einen prüfenden Blick in die Schüssel und schnupperte, “Haferschleim”, entschied sie dann. Ruada tauchte den Löffel in die Schale und rührte ein-, zweimal um. “Scheint essbar”, stellte sie zufrieden fest und zwinkerte dem Glenngarrif zu, während sie den ersten Löffel füllte und ihn vorsichtig zu dessen Mund führte.

“Es ist nicht so, dass ich Euch nicht vertraue…”, sagte Godric mit einem schiefen Grinsen und pustete, ehe er den Löffel in den Mund nahm. “Essbar, ja”, bestätigte er, sah allerdings nicht eben begeistert aus. Offenbar konnte er noch immer nicht ganz begreifen, was hier gerade passierte, denn sein Blick ging erneut zu seiner Familie und dann zurück zu Ruada. Erhielt er gerade seine Antwort? Dann, entschied er, wäre es alle Schmerzen des heutigen Tages wert. Sein Blick wanderte zu der Platzwunde an Ruadas Stirn, die sie im Buhurt zu Boden geschickt und so zur Aufgabe gezwungen hatte. “Konntet Ihr einer Gefangennahme entgehen?”

Die Angesprochene war bereits wieder dabei, den Löffel mit dem warmen Brei zu füllen. Diesmal führte sie ihn zuvor an ihre Lippen und pustete, ehe sie ihn Godric reichte. “Ja, dank Euch”, lächelte sie, “wobei der Preis deutlich zu hoch war”, fügte sie mit einem Seitenblick auf dessen verletzten Arm hinzu. “Lieber hätte ich die Schmach einer Gefangennahme ertragen und mein bescheidenes Vermögen als Auslöse gezahlt, wenn Euch dafür dies hier erspart geblieben wäre.” Sie blickte ihn ernst an. “Da ich heute bereits an Eurem Vater gescheitert bin, als es darum ging, die Schuld auf mich zu nehmen, bleibt mir nur, Euch meinen tiefsten Dank auszusprechen. Und vielleicht versucht Ihr, das nächste Turnier möglichst ohne größere Blessuren zu überstehen, wenn schon nicht für Euch selbst, dann wenigstens für Eure Familie und…”, sie schluckte, “und mir wäre es auch deutlich lieber, wenn….” Langsam ließ Ruada die Hand mit dem Löffel sinken. Statt den Satz zu beenden, beugte sie sich ein Stück vor und brachte ihr Gesicht dicht neben das Godrics. “Mir hat einst vor vielen Götterläufen jemand, der mir sehr viel bedeutete, just an diesem Ort an meinem Krankenlager etwas mit auf den Weg gegeben, das mich bis heute begleitet”, flüsterte sie. “Und ein Stück weit erkenne ich mich in Euch wieder. Auch Ihr habt ein großes Herz... und ein wunderbares Lachen”, fügte sie lächelnd hinzu. “Bewahrt es Euch.” Und mit diesen Worten hauchte sie einen sanften Kuss auf seine Wange, ehe sie den Kopf langsam wieder zurücknahm und sich aufsetzte.

Godric schaute Ruada völlig verblüfft an und hob die Hand zu seiner Wange, um sie mit den Fingerspitzen dort zu berühren, wo eben noch ihre Lippen gewesen waren. Seine Augen gingen kurz zu Aelfgar und Anwen, die so reglos verharrt hatten, als hätten sie Angst, zwei besonders scheue Tiere zu verschrecken, wenn sie auch nur zuckten. Dann sah er zurück zu Ruada. Das altbekannte verschmitzte Lächeln stahl sich wieder auf sein Gesicht und er schien die Fassung zurück zu gewinnen. “Mir ist Euer Dank deutlich lieber als ein Schuldeingeständnis für eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Es war einfach Pech”, ergänzte er mit einem unbedachten Schulterzucken und stöhnte augenblicklich auf vor Schmerz.

“Und eine große Portion Tollkühnheit”, grinste Ruada, während sie rasch eines der Kissen unter Godrics Schulter stopfte, auf dass der Arm wieder zur Ruhe kommen konnte. “Noch Haferbrei?”, feixte sie. “Oder vielleicht irgendetwas anderes?”

Diesmal war es der Junker, der einen Schritt nach vorne machte, und seine Tochter, die ihn an der Schulter zurückhielt. Godric derweil bemühte sich, seine Gesichtszüge wieder zu glätten und griff sich verstohlen an den verletzten Arm. Es war ziemlich offensichtlich, dass der Schmerz nur langsam abebbte. “Ein Schluck Anornin wäre nicht schlecht”, scherzte der Ritter etwas gequält, “wenn ich’s mir überlege, am besten direkt in den Haferschleim.”

“Wohlgeboren”, Ruada wandte sich zu Aelfgar um, “Ihr habt nicht zufällig, ganz phexgefällig, noch eine Notreserve am Mann?”

Der Junker schüttelte den Kopf. "Nein, tut mir leid." Er trat näher an die Pritsche. "Soll ich den Medicus nach einem Schmerzmittel fragen?", fragte er besorgt, doch Godric schüttelte den Kopf. "Es geht schon wieder", log er. "Der Brei ist nur ziemlich fad." "Ich bin mir sicher, das ist Absicht", lächelte Aelfgar und strich seinem Sohn über das verschwitzte Haar. Godric warf Ruada einen kurzen, peinlich berührten Blick zu, ließ seinen Vater aber gewähren. "Die wollen nicht, dass Du zu lange hier bleibst." "Wer will das schon", murmelte Godric und rutschte ein Stück tiefer. "Ich hätte dieses Mal gerne Euch gefragt, ob Ihr mich zum Bankett begleitet, Frau Ruada.”

“Und ich hätte mit Freuden akzeptiert”, lächelte Ruada, “allein, Euer Vater ist Euch zuvorgekommen”, ergänzte sie dann und schenkte dem Junker zu ihrer Linken ein breites Grinsen, was dieser mit einem Schmunzeln quittierte, während Godric ungläubig den Mund öffnete und wieder schloss.

Dann wurde sie wieder ernst. “Versprecht mir, dass Ihr Euch bei der nächsten Turney schont, dann verspreche ich Euch den ersten Tanz…,” sie blickte dem jungen Glenngarriff fest in die Augen, “und vielleicht auch mehr.”

Godric fühlte, wie sein Herz schneller schlug. Er erwiderte den Blick der Ritterin und spürte, wie er erneut errötete. Er schluckte trocken. "Das wird… eine Herausforderung. Meine Bilanz spricht ja leider irgendwie nicht für mich..." Das letzte Jahr war für ihn ganz ähnlich verlaufen. In Bredenhag hatte er sich beim Sturz vom Pferd im Tjost verletzt – gegen Ruadas Zwillingsbruder zudem – und in Draustein war er im Buhurt von Arnwulf von Eulenbroich verletzt worden. "Werden… werden wir einander denn erst im nächsten Sommer wiedersehen?", fragte er leise.

“Das ist nicht allein an mir zu entscheiden”, antwortete Ruada wahrheitsgemäß. “Aber vielleicht kann ich meinen Vetter ja davon überzeugen, dass er dringend Torf benötigt…”, versuchte sie sich an einem Scherz. “Und natürlich seid Ihr hier auch sonst jederzeit willkommen, sofern Eure Pflichten es zulassen. Ich kann nicht versprechen, dass seine Hochwohlgeboren Euch ebenso freigiebig mit Anornin bewirten wird wie Euer Vater mich, aber es ist sicher nicht schlecht, wenn Ihr bei Gelegenheit einmal bei ihm vorstellig werdet.”

Der Gesichtsausdruck des Ritters ließ darauf schließen, dass er diese Aussage nicht recht einzuordnen wusste. Unschlüssig blickte er von Ruada zu seinem Vater und zurück. Er studierte das Gesicht der Ritterin, kam aber schließlich zu dem Schluss, dass ihre Antwort weiterhin ausstand, wenngleich er glaubte, sich Hoffnungen machen zu können. Aber er schätzte sie so ein, dass sie eine Entscheidung unzweideutig mitteilen würde. “Vielleicht bekomme ich ja ein paar Tage frei”, sagte er mit dem Anflug eines Grinsens und einem erneuten Seitenblick zu seinem Vater. “Den Anornin würde ich dann mitbringen und zur Not auch mit dem Grafen teilen”, feixte er. Die Ritterin grinste. “Ich bin sicher, das würde Euer Ansehen bei Hofe durchaus heben…, nunja, vielleicht nicht Euer Ansehen, aber Eure Bekanntheit allemal.”

Godric genoss die Anwesenheit Ruadas sehr, aber er hatte nicht umsonst gefragt, wann sie einander wiedersehen würden, denn langsam fühlte er sich ziemlich erschöpft. Seiner Schwester war das offenbar auch nicht entgangen, denn sie erhob nun erstmals die Stimme und sagte sanft: “Ich glaube, wir sollten dich jetzt langsam mal wieder in Ruhe lassen, du siehst müde aus.” Dann wandte sie sich pragmatisch an Ruada: “Helft Ihr mir bitte mit den Kissen?” “He, vielleicht möchte ich gar nicht liegen?”, empörte sich ihr Bruder, der sich bevormundet fühlte, doch Anwen ignorierte seinen Protest und hob vorsichtig seinen Oberkörper an, damit Ruada die Kissen wegziehen und sie ihn anschließend gemeinsam ein Stück vom Kopfende abrücken und wieder ablegen konnten.

Ruadas Miene verriet deutlich, dass sie gern noch länger geblieben wäre. Gleichzeitig grämte sie sich angesichts ihrer anhaltenden Zweifel. Was brauchte sie denn noch? Glaubte sie wirklich, dass das Wort Arlans ihr Gewissheit verschaffen konnte? ‘Du ganz allein musst diese Entscheidung treffen’, mahnte eine Stimme in ihr, während sie beinahe mechanisch die Kissen an sich nahm und achtlos zur Seite legte. Behutsam stützte sie Godrics Arm und half Anwen dabei, ihn in eine halbwegs bequeme Position zu bringen. Dann, als nichts weiter zu tun war, wandte sie sich ihm noch einmal zu.

“Es tut mir leid, dass ich Euch ein weiteres Mal vertrösten muss”, flüsterte sie sanft, “doch wenn ich eine Antwort gebe, dann soll sie über jeden Zweifel erhaben sein.” Traurig suchte sie seinen Blick. “Aber seid gewiss, dass ich Euch nicht gern ziehen lasse.”

“Dann sprechen wir nicht von Ziehenlassen, ich habe nicht vor irgendwohin zu gehen”, entgegnete Godric ebenso leise, aber zuversichtlich. “Und eben sprachen wir noch von einem Wiedersehen.” Er griff nach ihrer Hand und führte sie zu seinen Lippen, um einen Kuss darauf zu hauchen.

Unwillkürlich schloss Ruada für einen Moment die Augen, und ihr Lächeln kehrte zurück, strahlender als zuvor. Sanft umschlossen ihre Finger Godrics Hand, und als sich ihre Blicke erneut trafen, leuchteten die Augen der Drausteinerin tiefgrün. “Wir beide müssen unserer Wege gehen…, vorerst”, flüsterte sie. “Doch ein Teil von Euch mag hier verweilen”, lächelte sie vielsagend, während sie seine Hand sacht an ihre Wange führte. Einen Moment verharrten sie so, ihre Hand auf seiner, ihre Haut an seiner Haut, bis Ruada schließlich seufzend die Augen schloss und ihn wieder freigab.

Auf dem Weg zum Bankett

Aelfgar Glenngarriff hatte es sich nicht nehmen lassen, die junge Stepahan vor dem Bankett an ihrem Zelt abzuholen und gemeinsam den Weg vom Lanzenhain hinauf zur Burg zu gehen. Der Ritter schlenderte geradezu, obwohl sie eigentlich etwas zu spät aufgebrochen waren. Doch das schien ihn nicht zu stören.

"Sagt, Frau Ruada", begann er im Plauderton, "was erwartet Ihr Euch vom heutigen Abend? Habt Ihr einen Wunsch?"

Die Angesprochene stutzte. Den Ablauf des Banketts selbst konnte der Junker ja vermutlich nicht meinen, lag dieser doch nicht in seinem Einflussbereich. “Nun, in erster Linie erhoffe ich mir, Euch ein wenig näher kennenzulernen”, antwortete sie daher wahrheitsgemäß. “Und natürlich möchte ich Euch gleichermaßen die Gelegenheit dazu geben”, sie schmunzelte, “zugegeben, ich bin auch ein wenig neugierig, welche Fragen Ihr wohl an mich haben werdet.”

Der Ältere lächelte. “Ja, ich hoffe ebenfalls, Euch etwas besser kennenzulernen.” Er sah die junge Ritterin von der Seite an. “Wenn Ihr aber der Fragen irgendwann müde werdet oder eine Frage zu persönlich findet, bin ich Euch sicher nicht gram, wenn Ihr das ehrlich sagt. Ihr habt hier auf dem Draustein Eure Knappschaft verbracht, nicht wahr?”, fragte er, schob allerdings gleich noch - vermutlich absichtlich etwas vage - hinterher: “Wusstet Ihr, dass ich Knappe eines Stepahan war?”

“Tatsächlich war mir das nicht bewusst”, gab die Ritterin überrascht zu. “Dann habt ihr als Knappe ebenfalls einige Zeit auf dem Draustein verbracht?”, beantwortete sie die Frage Aelfgars nur indirekt. Ruada schätzte den Junker von Feenloh auf Mitte bis Ende vierzig. In Gedanken ging sie ihre Ahnentafel durch. “War Euer Schwertvater Corrin Stepahan?”, riet sie frei drauf los, schob jedoch sogleich nach: “Das mit den Fragen ist schon in Ordnung. Und ja, mein Schwertvater Rhéged Taladan hatte damals einen Posten in der Hofhaltung des Barons inne.”

“Nein, Jendar Stepahan war mein Schwertvater”, antwortete der Junker. “Als weißer Löwe war er zu meiner Zeit tatsächlich noch oft auf dem Draustein und natürlich habe ich ihn dann begleitet.” Erneut warf er Ruada einen musternden Blick zu: “Herr Rhéged, richtig”, nickte er und schien zu überlegen, wie er seine Frage möglichst neutral formulieren sollte: “Wie... habt Ihr Eure Knappschaft bei ihm erlebt? Wie hat er Euch geprägt?”

Ruada seufzte. Ihr Herz war noch immer schwer, und seit ihrer Rückkehr aus Perricum hatte sie keine Gelegenheit gefunden, bei ihrem ehemaligen Schwertvater vorzusprechen. Ja, sie wusste nicht einmal, wo er sich gerade aufhielt. Mahnend klangen die Worte Fianas von Baliho in ihrem Kopf: ‘Lasst es nicht zwischen Euch stehen, dort wird es sich irgendwann zu einem unüberwindlichen Berg auswachsen.’

Nachdem sie eine Weile schweigend neben dem Glenngarriff hergeschritten war, begann sie schließlich zögernd zu sprechen. “Verzeiht”, sagte sie leise, “das Schicksal meines Schwertvaters lastet schwer auf mir, und ich ersehne noch immer den Tag der Aussprache. Ihr fragt zwar nach der Vergangenheit, doch die Erinnerung daran ist schmerzhaft…” Die Ritterin atmete hörbar aus. “Rhéged Taladan war..., ist”, korrigierte sie sich schnell, “ein gerechter Mann, der hohe Ansprüche an sich selbst hat. Er lehrte mich, Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen und nicht die Schuld bei anderen zu suchen.” Ein trauriges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. “Er hatte”, sie schluckte, “hat jedoch auch eine sanfte Seite, die ich ebenso erblicken durfte. Er war ein geduldiger Lehrmeister, der seine Aufgabe sehr ernst nahm und mich nie im Stich gelassen hat.” Nun konnte die Ritterin die Tränen nicht mehr zurückhalten, und ihre letzten Worte gingen in ein Schluchzen über. Die junge Stepahan blieb stehen und rieb sich die Augen. “Verzeiht”, bat sie leise, während sie sichtbar um Fassung rang.

“Oh weh…” Der Junker wirkte betroffen. Er legte zaghaft seine große schwielige Hand auf ihren Arm, nur um sie kurzentschlossen lediglich einen Augenblick später an seine breite Brust zu ziehen und in die Arme zu schließen.

Und tatsächlich überraschte diese Geste Ruada so sehr, dass die innere Anspannung schlagartig von ihr abfiel. Erleichtert tat die Ritterin einen tiefen Atemzug. “Danke”, seufzte sie, und für einen kurzen Moment erlaubte sie sich, ihren Kopf auf der Brust des Junkers ruhen zu lassen. Erneut beschlich sie das Gefühl des Verlustes. Doch jetzt war es ihr Vater, dem ihre Gedanken galten. Sie konnte nicht so recht sagen, ob es ihr Trost schenkte zu wissen, dass ihre Suche auch dann nicht von Erfolg gekrönt gewesen wäre, hätte sie früher damit begonnen. Ihre Eltern, beide Eltern waren im Osten gefallen, noch bevor sie selbst ihre ersten Schritte getan hatte. Doch tief in ihrem Innern hatte sie ihren Frieden damit gemacht, nun, da sie wusste, was damals in Perricum wirklich geschehen war.

Schließlich löste sie sich aus der Umarmung und blickte den älteren Ritter unsicher an. “Das…, das soll Euch nun nicht verschrecken. Nicht jede Frage löst so etwas in mir aus, versprochen.” Sie versuchte sich an einem Lächeln. “Ich…, ich rede eigentlich gern darüber, weil es, nunja, es ist eben ein Teil von mir. Und ich finde, die Menschen, die mich begleitet haben, haben es verdient, dass man sich an sie erinnert, auch wenn es mitunter schmerzhaft ist.” Fragend schaute sie Aelfgar an. Ob er verstand, was sie meinte?

Der Junker nickte langsam. “Dennoch war das vielleicht nicht die feinfühligste Frage und mit ein wenig mehr Nachdenken hätte ich auch darauf kommen können. Bitte verzeiht.” Dann lächelte er aufmunternd. “Vielleicht drehen wir den Spieß einfach um und Ihr stellt mir eine Frage.”

„Das ist leicht“, lächelte Ruada, „und auch wieder nicht, denn tatsächlich gibt es einiges, das ich Euch gern fragen würde. Verzeiht mir daher, dass meine erste Frage Euch nur indirekt betrifft, doch bitte verratet mir: Wie würdet Ihr Euren Sohn beschreiben, hätte ich ihn noch nicht persönlich kennengelernt und wollte mir gern ein Bild von ihm machen? Den älteren Sohn“, fügte die Ritterin scherzhaft hinzu.

Aelfgar musste lachen. “Ihr seid Euch aber schon dessen bewusst, dass ich voreingenommen bin?”, fragte er, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. “Godric, hm… Das was Ihr über Verantwortung sagtet, das trifft auch auf ihn zu. Er scheut vor Verantwortung nicht zurück, besonders, wenn er für sein eigenes Handeln geradestehen muss, fühlt sich aber mitunter auch zu sehr verantwortlich. Er hat schon immer versucht seine Geschwister zu beschützen, auch wenn zumindest Anwen das gar nicht nötig hatte und ihm sogar manches Mal böse dafür war. Die Risiken, die er selbst einzugehen bereit ist, gesteht er anderen nicht unbedingt zu, das kann durchaus mal schiefgehen…” Der Ritter stockte, als ihm bewusst wurde, dass er gerade wunderbar beschrieben hatte, was zu Godrics Verletzung an diesem Tag geführt hatte, und auch Ruada schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu gehen.

“Es gibt schlimmere Eigenschaften”, sagte sie mit einem milden Lächeln. “Sagt, falls ich noch eine Frage stellen darf, was würdet Ihr ihm für die Zukunft wünschen?”

“Ihr dürft fragen, bis Ihr müde seid, Frau Ruada, wir haben noch ein ganzes Bankett vor uns”, schmunzelte der Junker, wurde dann aber ernst: “Ich wünsche Godric das Gleiche, was ich schon Anwen gewünscht habe und was ihr ebenso wie mir offenkundig vergönnt ist: Eine Gefährtin an seiner Seite, auf die er sich verlassen kann und mit der ihn mehr verbindet als ein Vertrag zwischen seiner und ihrer Familie. Ein Mensch, bei dem er zu Hause ist. Er wird mich einst beerben, aber Ländereien und Titel sind wenig wert ohne Familie, ohne jemanden, für den es sich lohnt hart zu arbeiten und zu kämpfen.”

“Eure Familie ist…”, Ruada hatte Schwierigkeiten, ihre Gedanken in Worte zu fassen. “Sie ist wunderbar”, bekundete sie schlicht, doch das Glänzen in ihren Augen bekräftigte ihre Aussage. “Ich meine”, versuchte sie sich an einer Erklärung, “ich habe einfach das Gefühl, dass es so und nicht anders sein sollte.” Die Drausteinerin hielt inne. “Das mag jetzt sehr naiv klingen”, fügte sie ein wenig kleinlaut hinzu, “und vielleicht erscheint das für andere auch gar nicht so außergewöhnlich, doch für mich ist es das.”

“Ich denke schon, dass es nicht unbedingt üblich ist, dass die Kinder selbst entscheiden dürfen”, mutmaßte Aelfgar. “Herr Arudan wenigstens schien einigermaßen erstaunt darüber, und selbst meine Base ist den Wünschen und politischen Vorstellungen anderer bei der Wahl ihres Ehemanns gefolgt. Aber es ist nun auch nicht so, dass es mein Wohlwollen fände, wenn Godric mir eröffnete, er wolle die Stallmagd ehelichen. Schon deshalb, weil ich glaube, dass bei solch einem Standesunterschied kaum eine Partnerschaft auf Augenhöhe möglich wäre.” Aufmerksam studierte er Ruadas Gesicht: “Aber sagt, was wünscht Ihr Euch für Eure Zukunft? Wohin soll Euer Weg Euch führen?”

Ruada, die bei Aelfgars Worten unweigerlich an ihre Base Thalania hatte denken müssen, schwieg eine Weile. “Die Frage ist knifflig”, gab sie zu. “Es scheint immer einfacher, gute Wünsche für andere zu formulieren. Man selbst sieht sich doch immer wieder gefangen in Erwartungen. Und ich denke, ich behaupte nichts Falsches, wenn ich sage, dass es mir wichtig ist, diese zumindest in Teilen auch zu erfüllen. Was den Traviabund angeht – da bin ich ganz bei Euch, und bei Eurem Sohn im Übrigen.” Ruada lächelte den Junker offen an. Kurz ging ihr Blick hoch zur Burg, die seit vielen Generationen Heimstatt ihrer Familie war.

“Ich wünsche mir nicht viel”, sagte sie dann leise. “Am ehesten wohl Frieden. Inneren Frieden, aber auch politischen. Und ich möchte mein Leben gern mit Menschen teilen, die mir am Herzen liegen. Für sie da sein, mit ihnen etwas aufbauen. Eine Familie.” Die letzten Worte schienen direkt aus ihrem Herzen zu kommen. Nie zuvor hatte sie derlei formuliert. Nicht vor anderen, nein, nicht einmal vor sich selbst. Und noch ein Gedanke ging der Ritterin durch den Kopf, ein zutiefst ketzerischer: ‘Vielleicht möchte ich gar nicht, dass meine Kinder jemals den Namen Stepahan tragen.’ Im selben Moment kamen Ruada die Worte Huldas in den Sinn und sie schmunzelte.

“Glaubt Ihr, dass ein Name über ein Schicksal entscheiden kann?”, fragte sie unvermittelt.

Aelfgar zog bei dieser Frage die Stirn in Falten. Es dauerte eine Weile, ehe er antwortete: “Ich denke, ein Name kann sehr schwer wiegen. Natürlich, ein großer Name öffnet Türen, aber andere verschließt er sicherlich auch.” Einen Moment lang schwieg der Junker, ehe er fortfuhr: “Wenn ich einem Kind einen Namen gebe, dann wähle ich ihn nicht, weil ich beim Anblick des Säuglings auch nur annähernd seinen Charakter erkennen könnte und wüsste, wie er als Erwachsener sein wird. Nicht einmal Haarfarbe oder Augenfarbe bleiben so wie sie bei der Geburt sind und schon hat man ein hellblondes Mädchen Ravena genannt.” Er zwinkerte, wurde dann aber wieder ernst: “Warum gibt es wohl so viele Raidris, Invhers und Cuanus? Weil die Eltern Eigenschaften mit diesen Namen und ihren Trägern verbinden, die sie sich auch für ihr Kind wünschen. Also ja, ich denke, ein Name kann über ein Schicksal entscheiden.”

Ruada nickte bedächtig. “Was verbindet Ihr mit dem Namen Stepahan?”, hakte sie dann sogleich nach.

“Ich hoffe sehr, das ist keine Fangfrage”, schmunzelte der Glenngarriff. “Nun, da sind die üblichen Dinge: Ein uraltes Haus, ahnenstolz und streitbar, sehr rondragläubig. Vielleicht ist es mir nie so bewusst gewesen, aber mit Graf Arlan hat Politik einen anderen Stellenwert erhalten, und bei allem Traditionsbewusstsein, denke ich, dass er seine Entscheidungen vor allem pragmatisch trifft. Er scheint mir weniger streitbar jedenfalls als seine an Rondras Tafel befohlene Frau Mutter. Und natürlich ist er momentan im Haus Stepahan das Maß der Dinge. Alle anderen Träger dieses Namens müssen sich an ihm messen lassen und werden gleichzeitig von ihm gemessen. Für das Haus Glenngarriff war dieser Name immer klangvoll. Er ist mit Ehre verbunden und mit Treue. Unser Verhältnis mag nicht so innig sein oder so langen Bestand haben wie bei den Steinvasallen, aber wir folgen allemal lieber einem Stepahan als einem Fenwasian oder Herlogan.” Aelfgar schmunzelte. “Aber im Ernst: So unterschiedlich die Familienmitglieder in vielen Belangen sein mögen, so weiß ich doch, dass ich mich auf das Wort eines Stepahan verlassen kann.”

“Das war keine Fangfrage”, lachte Ruada, die den Worten Aelfgars aufmerksam gelauscht hatte. “Und ich gebe Euch das Wort einer Stepahan, dass alles, was hier gesagt wird, unter uns bleibt. Also, falls Ihr Eure Antwort noch einmal überdenken möchtet…”, wieder lachte sie, um dann sogleich das Thema zu wechseln.

“Es ist schon seltsam.” Nachdenklich ging Ruadas Blick zurück zum Lanzenhain. “Hätte mir jemand noch vor zwei Götternamen gesagt, dass sich die Dinge so… schnell entwickeln würden…” Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Stattdessen frage sie mit ernster Stimme: “Glaubt Ihr, dass Godric..., dass Euer Sohn die richtige Entscheidung getroffen hat, als er sich entschied, mir die Minne anzutragen?”

“Ja”, entgegnete Aelfgar ohne Zögern und ergänzte: “Nach dem heutigen Tage umso mehr.”

Die Drausteinerin errötete, und eine Weile ging sie schweigend neben dem Glenngarriff her. In Gedanken rief sie sich dabei erneut die Weissagungen Huldas in Erinnerung. ‘Ein Weg zwischen Tradition und Veränderung, zwischen Herz und Verstand.’

“Was, würdet Ihr sagen, sind die wichtigsten Traditionen Eurer Familie? Was sollte ich über sie wissen?”, fragte sie unwillkürlich.

“Die wichtigsten Traditionen?”, der Junker zog eine Augenbraue nach oben. “Hm, das Wort ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Sicherlich wisst Ihr bereits, dass die Familie einen hohen Stellenwert für uns hat und wir Travia neben Rondra in besonderen Ehren halten. Wir würden niemals einen Gast abweisen oder jemandem, der unserer Hilfe bedarf, diese verweigern. Ohne Ansehen des Standes wohlgemerkt!” Eindringlich sah er die junge Stepahan an: “Ihr solltet wissen, dass Feenloh kein reiches Junkertum ist. Da darf sich auch der Junker nicht zu fein sein, sich die Hände schmutzig zu machen…”

Ruada nickte. “Das verstehe ich…”, die klare Ansage des Junkers hatte in ihrem Kopf viele neue Fragen aufgeworfen, “mir ist auch noch überhaupt nicht klar, wie das alles, nunja, wie es weitergehen könnte. Als Dienstritterin habe ich kein großes, aber immerhin ein Einkommen. Doch um eine Familie zu gründen”, sie lachte verlegen, “nun, man sollte schon möglichst oft an einem Ort sein, nicht wahr?”

Aelfgar schmunzelte. “Ja, das ist zumindest sehr hilfreich. Aber ich denke, ich verstehe, worauf Ihr hinaus wollt…” Der Junker zögerte. “Ich weiß, ich greife meinem Sohn vor, aber ich habe mit Godric auch schon darüber gesprochen. Er hat nach Mendena auf alles verzichtet, was ein junger Ritter nach seinem Ritterschlag so tut, und hat die Verwaltung von Feenloh übernommen statt in seiner Heckenzeit zu reisen und Turniere zu gewinnen.” Der Glenngarriff lächelte schief beim Gedanken an die bisherigen, für seinen Sohn eher mäßig erfolg-, dafür verletzungsreichen Turniere. “Nun, wie auch immer. Noch bin ich nicht alt und gebrechlich. Ich hätte keinerlei Probleme damit, wenn Godric für einige Jahre ebenfalls in ein Dienstverhältnis träte. Aber davon müsst Ihr ihn überzeugen, wenn das Euer Wunsch ist, nicht ich.”

“Puh”, meinte Ruada nur, deren Gedanken sich mehr und mehr überschlugen. Solange Faolyn Dienstritter am Grafenhof war, konnte sie das nun wirklich nicht von Godric verlangen. Es musste eine andere Lösung geben. Aber die größte Hürde war vermutlich wirklich der junge Glenngarriff selbst. Nach dem, was sein Vater über ihn gesagt hatte, würde er womöglich stur reagieren, wenn nun auch Ruada mit ähnlichen Vorschlägen an ihn herantrat wie zuvor Aelfgar. Oder auch nicht… man musste sehen. Es war jedenfalls nichts, was sie jetzt und hier lösen konnte.

“Ich werde mit ihm sprechen”, sagte sie nach einer längeren Pause, “aber erst, wenn er sich von seinen Verletzungen erholt hat.” Kurz überlegte die Ritterin. “Darf ich mich dabei auf Euer Wort stützen? Um zu bekräftigen, dass er Euch damit nicht hintergeht? Ich meine, entbindet Ihr mich in dieser Hinsicht von meinem Versprechen?” Sie grinste schief.

"Natürlich", der Junker lachte. "Ihr braucht unser Gespräch sicherlich nicht vollkommen geheim halten. Dafür haben uns ohnehin schon zu viele Leute gesehen." Er zwinkerte. "Allerdings werde ich Godric, wenn er genau wissen will, was Ihr gesagt habt oder nicht gesagt habt, an Euch verweisen."

„Ich werde vor ihm sicher nichts geheim halten. Allerdings könnte es durchaus sein, dass ich meine Worte mit etwas mehr Bedacht wähle“, zwinkerte die Ritterin, wurde jedoch sogleich wieder ernst. „Ich möchte, dass Ihr wisst…“, sie brach ab, „wie soll ich es ausdrücken? Ich stehe vor einer großen und schwierigen Entscheidung. Was ich über die Erwartungen sagte…, das schließt sicher mehr mit ein als die Wahl eines passenden Gemahls. Es braucht Weitsicht und Erfahrung, um alle möglichen Unwägbarkeiten abzusehen, und ich werde eine ganze Weile darauf herum denken müssen, und sicher auch Rat einholen. Aber egal, wie die Entscheidung am Ende ausfallen mag - das Wohl Eures Sohnes und Eurer Familie wiegt dabei mindestens ebenso schwer wie mein eigenes.“