Ich heirate eine Familie (1043) Teil 02: Löwe und Schwan

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Im Zelt der Heiler

Bredenhag
26. Praios 1043 BF - Dritter Turniertag, nach der 2. Runde der Tjost

Zaghaft wurde die Zeltbahn zurückgeschlagen, doch zunächst nahm niemand Notiz von der jungen Ritterin, die nun vorsichtig ihren roten Haarschopf durch die Öffnung schob. Ruada brauchte nicht lange zu suchen. Fast direkt vor Ihrer Nase war Fiana Erlenfried noch immer dabei, die Verletzungen zu behandeln, die sich Godric Glenngarriff beim Sturz vom Pferd zugezogen hatte. Außer einem Bluterguss an der Stirn und einem festen Verband an der Schildhand, den die Geweihte gerade befestigte, war allerdings nichts zu sehen.

Sie wartete, bis die Yantibairerin sich entfernt hatte, dann trat sie zögernd an die Bettstatt heran. Ruadas Wangen waren deutlich gerötet, und eine Weile bekam sie kein Wort heraus. Angestrengt starrte sie auf eine Stelle an der Zeltwand, dicht neben Godrics blassem Gesicht. Dann schließlich räusperte sie sich und begann mit dünner Stimme zu sprechen: “Ich…, nun, ähm..., es tut mir leid.” Mit großen Augen blickte sie den Feenloher Ritter an. “Ich, ich wollte das wirklich nicht. Es ist einfach so passiert.” Betreten blickte sie zu Boden. “Und das nach allem, ich meine, wo Ihr doch, also, Ihr wisst schon, nachdem Ihr stets so aufmerksam und galant wart.” Die junge Stepahan seufzte, dann hob sie erneut den Kopf. “Kann ich irgendetwas für Euch tun?” Das Lächeln, das sich schon mit ihrer Ankunft auf Godrics Gesicht geschlichen hatte, war immer breiter geworden. “Das könnt Ihr”, antwortete er nun und sah ihr plötzlich ernst in die Augen. “Hört bitte auf, Euch zu grämen. Ich bin froh, dass Ihr mich nicht beleidigt habt, indem Ihr mich geschont habt. Ich weiß, dass Ihr natürlich nicht wolltet, dass ich mich beim Sturz verletze, aber das Risiko geht man beim Tjost nunmal ein.” Er zuckte mit den Schultern. “Und Hochwürden Erlenfried hält es zwar nicht für sonderlich klug, aber für möglich, dass ich am Buhurt wieder teilnehme.”

Ein feines Lächeln zeigte sich auf Ruadas Gesicht, und sie trat einen Schritt näher. „Es wäre sicher besser, Ihr würdet auf sie hören.“ Kurz ging der Blick der Ritterin zu einem kleinen Tisch, auf den Fiana einen Krug mit Wasser und einige Becher gestellt hatte. „Möchtet Ihr…, darf ich Euch etwas zu trinken reichen?“, fragte sie leise. „Ich dachte, dass wir uns vielleicht ein wenig unterhalten könnten.“ Sofort schoss der jungen Stepahan wieder das Blut in den Kopf.

Auf dem jungenhaften Gesicht des Glenngarriff zeigte sich hingegen wieder das breite Lächeln von vorher. "Sehr gerne, Frau Ruada", antwortete er. "Ich könnte mir keine angenehmere Gesellschaft wünschen." Er berührte wie beiläufig ihre Hand, als sie ihm den Becher reichte und Ruada merkte, wie sie kurz den Atem anhielt. So würde das niemals ein entspanntes Gespräch. Wovor hatte sie denn nur Angst?

"Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, dass ich die Minne gewählt habe, statt einfach bei einer der vielen Gelegenheiten eine Unterhaltung mit Euch zu beginnen – immerhin sind wir uns schon als Knappen einige Male begegnet –, doch dafür hat mir bisher irgendwie der Mut gefehlt." Der Ritter grinste verschmitzt und nahm schnell einen Schluck Wasser, um seine plötzliche Unsicherheit zu überspielen.

“Verzeihen?”, brachte Ruada überrascht hervor, der gleich mehrere Fragen durch den Kopf gingen. Rang Godric etwa schon seit Knappentagen mit sich? Und war sie wirklich so unnahbar, dass es mehr Mut brauchte, sie einfach anzusprechen, als ihr vor den Augen aller die Minne anzutragen? Wie hätte sie wohl reagiert, damals, als sie noch nur Augen für Faolyn gehabt hatte?

“Ich finde, Ihr habt viel Mut bewiesen”, fuhr sie mit sanfter Stimme fort. Das Strahlen des Feenlohers war ansteckend und Ruada spürte, wie sie sich langsam entspannte. “Und es gibt sicher nichts zu verzeihen. Ich fühle mich mehr als geehrt, auch wenn ich mich frage, wie ich Eure Minne verdient haben könnte.”

Sie konnte sehen, dass nun die Wangen des Glenngarriffs ein wenig an Farbe gewannen, während er nach einer Antwort suchte. Die Minne war ein höfisches Spiel und niemand konnte von außen sagen, ob der Minnende es auf hohe oder niedere Minne anlegte. Außerdem kam man damit erstmal hervorragend um solche Fragen herum und konnte zunächst das Wasser prüfen, ehe man sich kopfüber hineinstürzte. Aber vermutlich hätte er sie besser einfach mal zum Tanz aufgefordert oder zum Bier eingeladen, dachte er nun bei sich.

"Ihr gefallt mir, Frau Ruada", gab er schließlich zu. "Nicht nur… nicht nur äußerlich." Nun wurde er endgültig hochrot, als er an sein freches Minnegedicht dachte. "Ich weiß, was Ihr in Mendena für meinen Vetter getan habt. Das hat mich sehr beeindruckt, wie Ihr für Eure Freunde einsteht."

“Finn”, Ruada lächelte. “Ja, ich habe das Gefühl, der Zusammenhalt unter Knappen ist etwas, das man mitunter in späteren Jahren schmerzhaft vermisst”, fügte sie dann ernst hinzu. “Es ist bedauerlich, dass wir nicht früher Zeit gefunden haben, miteinander zu sprechen”, das Lächeln kehrte zurück und schien nun noch eine Spur herzlicher. “Ihr habt eine Zwillingsschwester, nicht wahr?”

Godric hatte zustimmend genickt, er hätte sie tatsächlich einfach selbst ansprechen sollen. "Ja genau, Anwen", bestätigte er. "Sie ist die Frau von Junker Arudan von Eulenbroich und sie er...", er lächelte wie ertappt und sagte dann rasch: "Sie war die Schildmaid Eures Bruders, des Herolds der Krone. Ich habe es, zugegeben, sehr bedauert, als sie mit ihm nach Havena gegangen ist. Da haben wir einander kaum noch gesehen..." Er sah Ruada an: "Aber das Gefühl müsst Ihr ja kennen. Euer Zwillingsbruder hat seine gesamte Knappschaft in Havena verbracht, nicht wahr?"

“Das stimmt.” Ruadas Miene nahm einen versonnenen Ausdruck an. “Und er ist noch immer dort, ebenso wie mein Bruder Rondred. Manches Mal hatte ich das Gefühl, dass er sich mehr und mehr von mir entfernt.” Sie lächelte traurig und Godric nickte verstehend. “Und als er mir vor etwas mehr als einem Götterlauf genau hier", sie blickte sich um, "eröffnete, dass er einen Bund eingehen würde und mir seine Verlobte vorstellte, das war schon eine große Überraschung." Sie grinste. "Wer hätte je gedacht, dass er dem Wunsch unseres Vetters noch vor mir nachkommen würde."

"Eures Vetters?", hakte Godric vorsichtig nach. "Heißt das…?" Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. "Heißt das, der Graf entscheidet darüber, wen Ihr, also wen Euer Bruder, meine ich, ehelicht?" Das erklärte vermutlich, weshalb Faolyn ui Niamrod aus dem Rennen zu sein schien, dachte er bei sich.

“Nicht direkt”, entgegnete Ruada, “auch wenn ich manchmal denke, es wäre einfacher, er würde es tun. Wie soll ich es erklären...”, nachdenklich zog die Ritterin die Stirn kraus, “er überlässt uns die Entscheidung, aber er macht sehr deutlich, dass er uns daran messen wird. Die Tradition”, Ruada stockte, als sie an Hulda und ihre Weissagung denken musste, “die Tradition ist sehr wichtig für ihn, für unser Haus. Das wird bei Euch nicht so anders sein, vermute ich?”

"Ich… bin mir, ehrlich gesagt, unsicher, was genau Ihr unter Tradition versteht. Mein Vater lässt uns selbst entscheiden, solange die Ehe standesgemäß ist natürlich. Also im Grunde mich. Anwen ist bereits verheiratet und Bran wird nach seiner Weihe gänzlich frei in seiner Wahl sein, denke ich." Er runzelte ein wenig die Stirn. "Euer Vetter hat eine Weidenerin geheiratet, oder? Was… wäre denn für Euch standesgemäß?"

Unwillkürlich musste Ruada lachen. “Verzeiht”, brachte sie sofort hervor, “ich lache nicht über Euch. Allein, ich habe mir diese Frage nach der Tradition noch vor wenigen Tagen selbst stellen müssen.” Kurz überlegte sie, ob sie Godric von dem Besuch bei Hulda erzählen sollte, beließ es jedoch zunächst dabei. “Ich denke, standesgemäß wäre ein Vertreter des alten oder uralten Adels Albernias. Das ist aber auch schon alles, was ich weiß. Inwiefern es ein Haus sein sollte, das seit Generationen den Stepahan treu ergeben ist oder ob es auch ein neues politisches Bündnis sein darf”, die Ritterin zuckte hilflos mit den Schultern, “ich weiß es nicht. Immerhin ist meine Base mit einem Bennain vermählt”, scherzte sie. “Naja, und ich denke, es ist wichtig, dass unser Name weitergetragen wird. Das alles schließt noch nicht mit ein, dass ich ungern mit jemandem mein Leben teilen möchte, den ich nicht ausstehen kann.” Kurz schwieg sie, um dann mit einem Lächeln hinzuzufügen: “Angesichts dessen bin ich meinem Vetter wirklich dankbar, dass er mir zumindest eine gewisse Freiheit lässt.”

Godric zog hingegen die Stirn in Falten. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, irgendwen zu heiraten, den jemand anderes für einen aussucht. Eine Person, die man vielleicht gar nicht kennt und am Ende womöglich nicht einmal leiden kann. Wie kann man mit so jemandem eine traviagefällige Ehe führen?"

“Ich weiß es nicht”, gab Ruada zu. “Meine Eltern waren weder vermählt, noch hat meine Familie meinen Vater überhaupt je kennengelernt”, bedauernd zuckte die Ritterin mit den Schultern. “Im Allgemeinen hat bei den Stepahan wohl auch Rondras Wort mitunter mehr Gewicht als das der gütigen Mutter. Womit ich nicht sagen möchte, dass meine Anverwandten nicht traviagefällig handeln”, beeilte sie sich klarzustellen. “Immerhin hat mein Halbbruder sich Iriane Fenwasians und ihres Kindes angenommen und den Jungen gar adoptiert.”

Erneut konnte Ruada ein Stirnrunzeln sehen, doch bei der rasch hinterhergeschobenen Ergänzung nickte Godric.

Eine Weile schwieg sie, dann schien sie einen Entschluss zu fassen. “Ich habe mir die Karten legen lassen.” Die Aussage stand eine Weile im Raum, ehe Ruada fortfuhr: “Um diese Frage anzugehen, versteht Ihr? Ich möchte nicht, dass etwas, das im Grunde so schön ist, letztlich zu einer Belastung wird.”

Der Glenngarriff wirkte überrascht und seine Mundwinkel zuckten verräterisch. Er bemühte sich aber um einen neutralen Tonfall, als er fragte: "Die Karten?" Doch ihre Erklärung leuchtete ihm irgendwie ein. Forschend sah er in ihre Augen, die seltsam unauffällig wirkten. Doch noch ehe Godric dem auf den Grund gehen konnte, wandte Ruada den Kopf. Offenbar war ihr die unterschwellige Belustigung des Ritters nicht entgangen. "Kann es sein", fragte er dann sanft, "dass Euch diese Frage längst belastet?"

Betreten blickte Ruada ihn an. Ihre Augen schimmerten in den bekannten Tönen, grün und blau. “Ja, vermutlich. Vielleicht ist auch der andere Weg der richtige. Also einfach gar nicht darüber nachzudenken und darauf zu vertrauen, dass es sich schon fügen wird, wenn ich einfach so weitermache wie bisher. Allein, ich fühle mich so…”, ‘gehemmt’ ging es ihr durch den Kopf, “befangen”, sagte sie. “Ein wenig so, als wäre ich inniglich in ein Lied, oder besser noch einen Tanz, versunken gewesen, bis mich jemand daraus aufweckte... oder schlimmer noch, mir offenbarte, dass mir von nun an alle Welt dabei zusehen würde.” Ihre Worte kamen Ruada selbst konfus vor. “Verzeiht”, sie senkte den Blick, “ich rede wirr.”

Er schüttelte den Kopf: “Nein, das Bild passt sehr gut.” Einige Augenblicke betrachtete Godric die Ritterin. “Bitte sagt es mir, wenn Ihr Euch von meiner Minne unter Druck gesetzt fühlt. Ich... “, er zögerte, entschied sich dann allerdings, ganz offen mit ihr zu sein, auch wenn er vielleicht riskierte zu forsch zu sein, “ich meine es durchaus als ernsthaftes Werben, aber wenn Ihr das nicht möchtet, weil es Euch momentan zu viel ist, dann lernen wir einander einfach erstmal besser kennen. Bei einem Bier oder einem Tanz, aber ohne Erwartungen. Einfach als Freunde.”

Godrics letzte Worte schienen etwas in Ruada ausgelöst zu haben. Mit großen Augen blickte sie den

jungen Ritter an. Und diesmal war sich der Glenngarriff sicher: Wo sonst grün und blau sich abwechselten, strahlte ihm nun ein harmonisches Grün entgegen. “Ich…”, Ruada schluckte, “Freunde?” Langsam schüttelte die Ritterin den Kopf. “Nein, ich meine, ja. Nein, Ihr setzt mich damit nicht unter Druck. Nicht direkt. Ihr…, ihr habt etwas zum Klingen gebracht. Und das ist gut.” Unsicher blickte sie den Gleichaltrigen an. “Außerdem, wir lernen uns doch gerade schon kennen. Das geht doch Hand in Hand. Nur…, wer wäre ich denn, mir zu wünschen, weiter von Euch hofiert zu werden, wenn ich Euch noch keine eindeutige Antwort darauf geben kann. Am liebsten wäre mir, Ihr folgtet dabei einfach weiter Eurem Herzen.”

Der Feenloher sah verwirrt aus und musste selbst lachen, als er sich gewahr wurde, wie blöd er offenbar gerade aus der Wäsche schaute. “Ich…”, er kniff die Augen etwas zusammen und schaute fragend, “würde sagen, es sähe eigenartig aus, meine Minne plötzlich einzustellen, oder? Also falls wirklich alle zuschauen.” Er grinste verschmitzt, und auch Ruada musste angesichts der gelungenen Anspielung lächeln. “Dann… warte ich, bis Ihr mir eine Antwort geben könnt?” „Kommt drauf an“, entgegnete die Stepahan, „kommt drauf an, womit Ihr warten möchtet. Einem Tanz und einem Bier bin ich jedenfalls nicht abgeneigt. Und ich wäre durchaus traurig, wenn Ihr fortan kein Wort mehr mit mir sprechen würdet…, egal wer zusieht.“ Godric lachte fröhlich. “So meinte ich das nicht. Ich meinte, dass ich Euch nicht drängen werde, irgendeine Entscheidung zu treffen, zu der Ihr nicht bereit seid.” Er zögerte kurz, fügte dann aber doch als Anspielung auf seine Schwester halb ernst, halb ironisch hinzu: “Muss sich ja nicht jeder noch vor der Schwertleite verloben.” Ruada grinste. „Nein, aber da hat wohl jeder seine eigenen Prioritäten.“

Eine Weile schien die Ritterin ihren Gedanken nachzuhängen, was Godric nutzte, um noch einen Schluck zu trinken und sich verstohlen über die Stirn zu reiben. Dann räusperte sie sich und fügte ernst hinzu: „Und natürlich habt auch Ihr jederzeit die Möglichkeit, Eure Meinung zu ändern. Ich meine, wer weiß schon..., vielleicht vermag ich Eurem Bild von mir ja gar nicht gerecht zu werden.“

“Das ist natürlich möglich”, lächelte der Glenngarriff. “Aber die Wahrscheinlichkeit lässt sich ja schon verringern, wenn Ihr mir erlaubt, Euch beim Abschlussbankett zum Tanz aufzufordern, um anschließend ein Bier mit mir zu trinken.”

“Oh”, die junge Stepahan grinste, “da seid Ihr mir wohl zuvor gekommen. Ich wollte Euch gerade etwas ganz ähnliches vorschlagen...” Sie zögerte kurz, dann blickte sie dem Feenloher fest in die Augen und fuhr mit entschiedener Stimme fort: “Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn Ihr als meine Begleitung zum Bankett erscheinen würdet.” Godric schenkte ihr sein bisher breitestes Lächeln. "Sehr, sehr gerne, Frau Ruada", antwortete er schlicht.