Ich heirate eine Familie (1043) Teil 01: Zwischen den Stühlen

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Vom Zeltlager zum Jahrmarkt

Bredenhag
24. Praios 1043 BF - Erster Tag des Bredenhager Buhurt

Gemächlich schritt Ruada Stepahan die Reihen der Zelte entlang. Äußerlich mochte die Dienstritterin gelassen wirken. Doch sie spürte eine Anspannung und Unruhe, die sie von früheren Besuchen nicht kannte. Der Trubel des Tugniergeschehens bedeutete stets, sich einer Menge Erinnerungen zu stellen. Erinnerungen an schöne, unbeschwerte Tage. An ihre Familie, ihre Freunde und nicht zuletzt auch an ihren Schwertvater. So vieles hatte sich verändert. Und wenig davon zum Guten. Verstohlen wischte sie eine Träne aus dem Augenwinkel. Doch das war es nicht allein, was sie bedrückte.

Kurz blieb Ruada stehen und ließ ihren Blick über die Banner schweifen. Als sie des grimmen Riesen des Hauses Albarung gewahr wurde, spürte sie, wie ihr Herz einen kleinen Sprung machte, und für einen Moment stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Doch sogleich spürte sie die alte Beklommenheit wieder, als sich der stolze Schwan des Hauses Glenngarriff in ihr Sichtfeld schob.

Godric Glenngarriff war galant, und seine Aufmerksamkeiten schmeichelten ihr. Er gefiel ihr durchaus, doch was wusste sie schon über ihn? Er war ihr fremd. ‘Ebenso wie Brandred Albarung’, rief sie sich in Erinnerung. Wie gern hätte sie sich unbefangen gegeben, sich selbst ein Bild gemacht. Doch ihre trüben Gedanken hielten ihr Herz im Zaum und machten es ihr schier unmöglich, eine klare Entscheidung zu treffen.

‘Ich überlasse es dir, einen standesgemäßen Gemahl zu finden. Wir werden sehen, ob ich erneut enttäuscht werde.’ Die Worte ihres Vetters lasteten schwer auf der jungen Stepahan. Sie trug ihren Namen mit Stolz, doch war er ebenso eine große Bürde. Und selbst ohne das Zutun Graf Arlans hätte sie nicht sagen können, was ihr Herz wahrhaft begehrte.

Während sie so grübelte, hatten ihre Schritte sie wie zufällig zum Jahrmarkt gelenkt. Ruada schreckte hoch, als ein helles Kinderlachen an ihr Ohr drang. Sie schnupperte den Duft von Gebratenem, doch ans Speisen war für sie nicht zu denken. Zu schwer lasteten ihre Gedanken auf ihr. Verstohlen blickte sie sich um und stutzte. Nicht weit von ihr hatte eine Seherin ihr Zelt aufgeschlagen. Viele Jahre schon plagten die junge Stepahan Träume und Gesichter, und sie glaubte fest daran, dass es einigen Menschen gegeben war, tiefere Einblicke in die Geschicke anderer zu erhalten. Warum also nicht…


Im Zelt der Seherin

Mit einer fließenden Bewegung wurde die Zeltbahn zurückgeschlagen, und mit forschen Schritten trat die junge Ritterin in das düstere Zelt. Suchend blickte sie sich um. Mit ihrem Eintreten schob sich sogleich die pummelige Seherin durch einen der Vorhänge an den Abseiten. "Ah", machte sie und musterte Ruada eingehend, ehe sie mit ihrem breiten bornischen Akzent fortfuhr, "was kann ich für die junge Löwin tun? Gibt es da eine Frage, die Euch die Karten beantworten sollen? Oder braucht Ihr Hilfe bei einer Entscheidung? Wie weit wollt Ihr einen Blick in die Zukunft werfen?"

“Wie weit...”, Ruada schien verunsichert, “nunja, es geht um eine Entscheidung, die nicht sofort getroffen werden muss. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass die Zeit davon läuft und ich…”, die Ritterin stockte, “und ich vielleicht eine Gelegenheit verstreichen lasse.” Sie tat einen tiefen Seufzer. “Ich wüsste gern, wie ich erkennen kann, welches der richtige Gemahl für mich ist.” Mit einem Mal kam sich Ruada dumm vor, solch politische Fragen ernsthaft mit einer Seherin zu diskutieren. Wenn sie nur niemand gesehen hatte, der Graf Arlan von ihrem Besuch hier berichten konnte…

Der Wahrsagerin entging Ruadas Unsicherheit nicht. "Kindchen, macht Euch keine Sorgen. Was Ihr mir im Vertrauen hier drinnen sagt, bleibt unter uns. Sonst würde ganz schnell niemand mehr herkommen." Sie zwinkerte der Ritterin zu. "Und die Karten können Euch zu nichts zwingen, sie zeigen nur Möglichkeiten auf. Die Entscheidung trefft am Ende immer noch Ihr. Nehmt den Rat der Karten wie den Rat einer guten Freundin." Hulda lächelte aufmunternd.

Ruada nickte zögernd. “Also gut, was muss ich tun?” Hulda mischte einen kleinen Stapel Karten und antwortete: “Ihr zieht hier eine Karte. Diese steht für Euch selbst und Eure Einstellung zu der Frage, die Ihr gestellt habt.” Wieder nickte die Ritterin, diesmal jedoch deutlich entschlossener. Sie straffte die Schultern und richtete ihren Blick auf den Tisch mit den Karten. Dann schloss sie die Augen und tat, wie ihr geheißen.

“Ah, die Knappin des Feuers. Das kann entweder bedeuten, dass Ihr auf dem Weg zur Erleuchtung seid, dass Ihr Erkenntnis sucht, oder auf dem Weg zur Umwälzung, dass Ihr also aus Zwängen, die Euch auferlegt sind, fliehen wollt. Das wird sich wohl mit der vierten Karte klären, aber zunächst steht die nächste Karte für diejenigen Eigenschaften, die Ihr aktiv einsetzen solltet, sie symbolisiert Euer Schwert.” Hulda hatte während ihrer Erklärung den kleinen Stapel mit zwei weiteren gemischt und ließ Ruada nun sieben kleinere Stapel abheben, um sie dann in verkehrter Reihenfolge wieder aufeinander zu legen. Dann zog sie die nächste Karte: “Ah, die Weise. Ihr seid also offenbar in der Lage, wohlüberlegte, weise Entscheidungen zu treffen.” Hulda lächelte. Die Drausteinerin hatte erkennbar Probleme, den Worten Huldas zu folgen. Immer wieder kniff sie angestrengt die Augen zusammen und legte die Stirn in Falten. Als die Seherin lächelte, entspannten sich ihre Gesichtszüge. “Das ist… gut?” Es klang mehr wie eine Frage. “Also werde ich letztlich die richtige Entscheidung treffen? Ist es das, was es mir sagen soll?” "Ihr seid dazu in der Lage", antwortete Hulda wenig hilfreich. "Ihr besitzt Weisheit, Ihr müsst Euch aber auch aktiv dazu entscheiden, Euch von Ihr leiten zu lassen bei Eurer Entscheidung. Die ersten beiden Karten deuten darauf hin, dass Ihr den Verstand über das Herz stellen solltet, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Der Baum besteht aus zwölf Karten und sie alle sind miteinander verknüpft."

Ruada seufzte leise. Den Verstand über das Herz zu stellen – genau das war es, was ihr so widerstrebte. Noch vor wenigen Götterläufen hatte sie mit den anderen Knappen darüber gescherzt, dass es offenbar dazu gehörte, seine Gefühle zu verschließen, wenn man ein Ritter des Hauses Stepahan werden wollte. Und nun rieten ihr selbst die Karten dazu? “Entschuldigt meine Ungeduld”, sagte sie leise, “bitte fahrt fort.”

Die Seherin nickte und deckte die nächste Karte auf - der Zwerg. "Dies ist Euer Schild. Etwas, das Euch eher passiv bei Eurer Entscheidung hilft als, dass es aktiv angewendet werden kann. Der Zwerg steht für Standhaftigkeit, ja gar Sturheit, aber auch für Tradition." Die Wahrsagerin hob eine Augenbraue und sah die Ritterin an, die zunächst verwirrt schien, dann jedoch nickte. “Verstand und Tradition – die Tradition meiner Familie…”, murmelte Ruada, während sie versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. “Nunja, ob sie wirklich eine Hilfe ist, sei dahingestellt. Aber meine Entscheidung beeinflusst sie ohne Frage.” Wieder hallten die Worte ihres Vetters in ihrem Kopf, doch Ruada zuckte nur mit den Schultern. Und mit einem “Ich bin gespannt, worauf das hinausläuft.” bedeutete sie der Seherin weiterzumachen.

"Diese Karte steht für ein Problem, das Euch im Wege steht, ehe Ihr die eigentliche Frage angehen könnt." Hulda deckte den Magier des Feuers auf. "Hm, der Magier des Feuers. Die Magier stehen für die aktive Veränderung der bestehenden Verhältnisse im Sinne ihres Elements, der Magier des Feuers steht als für radikale, für endgültige Veränderungen. Da er Euch im Wege steht und da die Karte, die Euch symbolisiert, die Knappin des Feuers ist, möchte ich meinen, dass Ihr Euch zunächst selbst im Weg steht. Ihr möchtet vielleicht tief oder auch nicht ganz so tief in Euch drin die Verhältnisse radikal verändern, die Knappin zur Rebellin statt zur Erkenntnissucherin machen, obwohl es Weisheit und Tradition sind, die Eure Ratgeber sein sollten." Betreten blicke die Ritterin auf ihre Hände. Warum nur fühlte sie sich so… ertappt? “Ich”, begann sie, doch sie wusste selbst nicht, was sie sagen wollte. Stumm starrte sie die Karte an. “Das heißt, ich soll mich der Tradition fügen?”, fragte sie schließlich mit dünner Stimme.

"Die Tradition kann Euch auch helfen", entgegnete die Seherin. "Ihr solltet Euch vielleicht einfach von der Vorstellung lösen, dass Ihr umwälzende Änderungen bewirken könnt, sondern solltet stattdessen die Tradition weise in Eurem Sinne nutzen. Es ist aber auch erst die vierte von zwölf Karten und die nächste soll Euch aufzeigen, wie Ihr zunächst dieses Problem angehen könnt, ehe Ihr Euch der eigentlichen Frage widmet." Sie legte die umgekehrte Sharisad und legte die Stirn in Falten. "Hm, auf dem Kopf steht die Sharisad für den schönen Schein, dafür, dass alles nur vorgetäuscht ist. Auf den Magier des Feuers bezogen heißt das womöglich, dass Ihr nur vorgebt, der Tradition mit Eurer Wahl zu entsprechen, dass Ihr es andere nur glauben macht, während Ihr in Wahrheit doch Eurem Herzen folgt…"

Nur mühsam widerstand Ruada dem Drang, erneut laut aufzustöhnen. Die Offenbarung der Karten war nicht minder verwirrend als ihre eigenen Gedankengänge. “Geht denn nicht vielleicht auch beides?” Die Frage richtete sich weniger an Hulda. Vielmehr war es eine leise Hoffnung, die – das wurde der Ritterin nun bewusst – schon seit langem in ihr schlummerte. “Ich meine, ich müsste nichts vorspiegeln, wenn meine Wahl der Tradition entspräche, oder?” Dass sie teils gar nicht so sicher war, was denn nun der Tradition entspräche und ob ihr Vetter nicht auch einem eher ungewöhnlichen Bündnis etwas abgewinnen könnte, ließ sie zunächst aus.

"Natürlich!", erwiderte Hulda. "Die Sharisad steht, wenn sie nicht verkehrt herum liegt, auch für Geheimnisse und Verhüllung. Womöglich ist hier auch eine weniger gängige Deutung angebracht. Möchtet Ihr, dass ich eine weitere Karte zur Ausdeutung der umgekehrten Sharisad ziehe?" Ruada nickte stumm, war sie sich doch gar nicht sicher, ob diese abweichende Deutung ihr wirklich so viel besser gefallen würde.

"Hm, die List. Sie ist Nandus zugeordnet und steht für Schläue und praktische Weisheit, aber sie kann auch als Mahnung zur Vorsicht gedeutet werden und fordert zum Hinterfragen und Infragestellen auf.” Hulda schwieg einen langen Moment und betrachtete konzentriert die bisher gelegten Karten. Dann hob sie recht plötzlich den Kopf und vergaß sogar für einen Moment ihren bornischen Akzent: “Ihr solltet aufhören Euch selbst und anderen etwas vorzumachen”, erklärte sie überraschend bestimmt. “Um Euer Verlangen nach Veränderung, nach dem Ausbrechen aus der Tradition nicht Überhand nehmen zu lassen und damit etwas zu zerschlagen, was nicht mehr gekittet werden kann, solltet Ihr ehrlich darüber sprechen, was Euer Herz begehrt und welche Bedenken und Zweifel Ihr hegt.”

“Was mein Herz begehrt?”, erwiderte Ruada trotzig. “Wenn ich das nur wüsste!” Die Stimme der Ritterin nahm einen scharfen Klang an. “Und überhaupt, mit wem soll ich denn sprechen? Und warum seid Ihr Euch gar so sicher, dass ich mir oder irgendjemand sonst etwas vormache und um jeden Preis aus der Tradition ausbrechen will? Ihr kennt mich nicht einmal!” Mühsam unterdrückte die junge Stepahan den Wunsch, einfach aufzuspringen und das Zelt zu verlassen. Stattdessen starrte sie die Seherin wütend an.

Die Wahrsagerin zuckte ungerührt mit den Schultern. “Wollt Ihr die restlichen Karten noch gelegt haben?”, fragte sie nun wieder mit ihrem breiten Akzent.

“Wenn ihr meint, dass wir uns damit meiner eigentlichen Frage annähern”, presste die Ritterin hervor. “Es ist ja nicht so, dass ich den Rat nicht annehmen will, allein… ich verstehe ihn nicht.” “Manchmal”, sagte die Seherin sanft, “scheinen uns die Karten besser zu kennen als wir selbst. Zumindest wird wohl deutlich, dass Ihr, bevor Ihr Euch zwischen einzelnen Kandidaten entscheidet, Euch über Eure grundsätzliche Haltung klar werden solltet. Also”, Hulda zog die nächste Karte, “der Kaiser. Er steht für mächtige Herrscher und ein solcher steht Euch offenbar im Weg, denn diese Karte steht für den zentralen Konflikt, den Ihr lösen müsst, um zu einer der drei möglichen Antworten zu gelangen…" Hulda legte sechs weitere Karten, zwei über den Kaiser, zwei links und zwei rechts abzweigend, allerdings verdeckt.

“Drei mögliche Antworten?” Ruada hatte sich offensichtlich beruhigt und konzentrierte sich nun wieder voll und ganz auf die Karten vor ihr. Wer der Herrscher war, war ihr immerhin mehr als klar. Sollte sie womöglich ihren Vetter in ihre Entscheidung mit einbeziehen? Bislang hatte sie es als Aufgabe wahrgenommen, der sie sich allein zu stellen hatte…

“Nun, es sind immer drei Antworten, aber nicht immer unbedingt die, die wir erwarten”, erklärte Hulda und deckte die direkt über dem Kaiser liegende Karte auf. “Die drei des Humus. Sie wird gemeinhin als Freundschaft gedeutet. Also zeigt uns die nächste Karte offenbar, was sich daraus ergeben kann, wenn Ihr Euch für einen Freund entscheidet.” Sie deckte die Karte Gerechtigkeit auf. “Hm, diese Karte steht für den Götterfürsten und seine Prinzipien. Natürlich Recht und Gerechtigkeit, aber auch die göttergefällige Ordnung der Dinge und besonders der Gesellschaft. Soll ich noch eine Karte zur weiteren Ausdeutung legen?”

Ruada runzelte die Stirn. “Ja, bitte”, nickte sie dann. Sie würde jeden Hinweis dankend annehmen, der ihr helfen konnte, ihre Gedanken zu ordnen.

“Fruchtbarkeit”, kommentierte die Wahrsagerin, als sie eine weitere Karte über die Gerechtigkeit legte, und schmunzelte. “Nun, das heißt dann wohl, dass die Wahl des Freundes zu geordneten Verhältnissen führt, wie sie bei einer Ehe üblich sind. Mit ausreichend Nachwuchs, ganz im Sinne eines jeden Adelshauses.” Sie zwinkerte der Ritterin ungebührlicherweise zu, was diese jedoch mit einem Lächeln quittierte.

“Das gefällt mir. Kann man mehr über diesen Freund herausbekommen?”, fragte sie schmunzelnd. “Oder vielleicht wird es klarer, wenn Ihr mir die anderen Wege aufzeigt”, meinte sie dann mit einem Blick zu den verbliebenen Karten.

“Nun ja, ich kann auch für den Freund eine weitere Karte legen”, antwortete Hulda und ließ ihren Worten sogleich Taten folgen. “Hm, der umgekehrte Sieg. Vielleicht jemand, gegen den Ihr im Turnier verliert? Oder jemand, der gegen Euch unterliegt? Das wird sich wohl erst noch herausstellen und bringt uns nicht so recht weiter. Vielleicht sind tatsächlich die anderen Karten hilfreicher.” Sie deckte den linken Weg auf. “Die Sieben des Wassers. Sie steht für den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser, für spontan gefällte Entscheidungen mit ungewissem Ausgang.” Sie enthüllte die nächste Karte - den umgekehrten Fürst des Erzes. “Der Fürst des Erzes steht für eine Person, die durch Reichtum herrscht. Auf dem Kopf ist es aber eine Person, die sprunghaft ist und ihr Geld verprasst. Unruhe und stete Veränderung sind hier das prägende Element.”

„Nicht so gut“, kommentierte die Ritterin, die sich nun fragte, ob Huldas Aussagen über das Turnier sie nicht während der Kämpfe beeinflussen würden. Gleichzeitig versuchte sie sich einen Herrscher vorzustellen, der bereit sein würde, einen Bund mit ihr zu schließen… „Was bedeutet herrschen in diesem Zusammenhang? Oder ist diese sprunghafte Person dann kein Herrscher?“ Verwirrt blickte Ruada die Seherin an.

Die Wahrsagerin schüttelte den Kopf. "Nein, das muss dann kein Herrscher sein. Einfach nur jemand, der unstet ist und keine Reichtümer anhäufen wird, weil er mit vollen Händen sein Geld ausgibt. Vielleicht ein fahrender Ritter oder jemand ganz ohne Titel? Ein Barde womöglich?" Ruada horchte auf. ‘Ein fahrender Ritter, so wie Brandred Albarung?’, dachte sie bei sich. Ein Barde war ihr nicht bekannt, jedenfalls keiner, der in Frage käme. “Was wäre denn hier eine weitere… Ausdeutung?” Neugierig blickte sie die Seherin an.

“Mal sehen”, erwiderte Hulda und zog eine weitere Karte aus dem Stapel. “Die Fünf des Feuers. Die Fünf bedeutet Schaden durch die Prinzipien des Elements. Eine Feuersbrunst ist hier wohl eher unwahrscheinlich, aber aus brennender Leidenschaft könnte beispielsweise Eifersucht werden. Im Zusammenhang mit dem umgekehrten Fürsten des Erzes steht die Karte aber wohl eher für Schaden durch zu schnelle oder zu große Veränderung - Ihr erinnert Euch: ein unsteter Charakter -, für jemanden, der im übertragenen Sinne mit dem Feuer spielt und sich verbrennt.” “Das ist dann wohl ein Weg, den ich meiden sollte”, stellte Ruada nicht ohne Bedauern fest. Nun gut, einer ist ja noch offen, nicht wahr?” Erwartungsvoll ging ihr Blick zu dem dritten Kartenpaar.

Hulda enthüllte die nächste Karte - das Chaos, eine Karte mit Dämonenfratzen und -leibern. Ruada zuckte merklich zusammen, doch die Wahrsagerin sah nicht sonderlich bestürzt aus. “Das Chaos. Das muss eigentlich immer mit einer weiteren Karte ausgedeutet werden. Aber keine Sorge, es steht vor allem für Unordnung, nicht so sehr für Verderben.” Ohne abzuwarten zog sie eine weitere Karte. “Die umgekehrte Weissagerin des Eises, das hilft tatsächlich. Sie steht für Personen, die sich vor allem auf ihr Bauchgefühl verlassen, die spontan entscheiden und sich von ihren Gefühlen leiten lassen.” Sie deckte nun auch die letzte Karte auf. “Die Fünf des Eises. Ihr erinnert Euch, die Fünf steht für Schaden durch die Prinzipien des Elements. Hier wäre das Schaden beispielsweise durch das geschriebene Wort, das Gesetz, aber auch unverrückbare Glaubenssätze. Nicht unbedingt Eure eigenen, aber auch Traditionen könnten gemeint sein.” “Das klingt einleuchtend”, murmelte Ruada, “kann gleichzeitig aber vieles bedeuten.” Aufmerksam studierte sie die Karten. “Es kann bedeuten, dass die Person mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder aber mit den Traditionen – meines oder des eigenen Hauses… oder einer Kirche…”

Die Seherin nickte zustimmend. “Ganz richtig, das sind alles mögliche Deutungen.”

Die junge Stepahan stütze den Kopf auf ihre Hände. “Also, wir haben den Freund, mit dem ein glücklicher und kinderreicher Bund entstehen könnte und dem ich vielleicht im Kampf gegenüber stehen werde. Wir haben den unsteten Geist, der sein Geld verprasst und mit dem Feuer spielt. Und wir haben jemanden, der sich von seinen Gefühlen leiten lässt, aber an den Traditionen oder dem Gesetz zu scheitern droht.” Die Ritterin schwieg eine Weile und schien nachzudenken. Dann schüttelte sie den Kopf.

“Ich glaube, um den Personen, die mir bislang durch den Kopf gingen, diesen Wegen zuordnen zu können, muss ich noch einiges mehr erfahren… nicht von den Karten, sondern von den Personen selbst.” Dann erinnerte sich die Ritterin an die ersten Karten, die Hulda ihr gelegt hatte, und ergänzte: “Dabei sollte ich mich von Verstand und Tradition leiten lassen und nicht zu vorschnell damit sein, etwas Bestehendes umzustürzen. Ich soll aber auch ehrlich über meine Bedenken und Zweifel sprechen und ergründen und offenlegen, was mein Herz begehrt… so in etwa?” Zweifelnd blickte sie die Seherin an.

Hulda ließ ihren Blick noch einmal über die Karten gleiten und nickte langsam. “Ja, ich denke, Ihr müsst für Euch einen Weg zwischen Tradition und Veränderung finden, zwischen Herz und Verstand, ehe Ihr zwischen konkreten Heiratskandidaten wählen könnt. Und es schadet ganz sicher nicht, ohne Karten noch mehr über diese herauszufinden”, sagte sie mit einem erneuten Augenzwinkern.

“Da führt wohl kein Weg dran vorbei, wenn ich jemals den Bund eingehen möchte”, zwinkerte Ruada, die nun deutlich entspannter wirkte. “Was schulde ich Euch?”

“Was Ihr zu geben bereit seid, Herrin”, erwiderte die Wahrsagerin gut gelaunt.

Ruada zog die Stirn kraus. Dann langte sie nach ihrer Geldkatze und schüttelte einige Münzen heraus. Sie warf einen Blick auf die Karten und schaute dann wieder Hulda an. „Ich habe keinerlei Erfahrung damit.“ Entschuldigend zuckte sie mit den Schultern und legte langsam drei Silbertaler auf den Tisch. „Eine Münze für jeden der drei Wege“, sagte sie, „und das Versprechen, Euch erneut aufzusuchen, wenn ich weitere Erkenntnisse gewonnen habe.“

Hulda schob der Ritterin zwei Münzen lächelnd wieder hinüber. “Ihr seid sehr großzügig, Herrin. Ich nehme eine Münze und besonders gerne das Versprechen, dass Ihr beizeiten wiederkehrt.”